Die Rolle von Grenzen in einer transnationalen Geschichte. Ostmitteleuropa im weltweiten Vergleich

Ort
Leipzig
Veranstalter
Geisteswissenschaftliches Zentrum für Kultur und Geschichte Ostmitteleuropas (GWZO) und Zentrum für Höhere Studien (ZHS) der Universität Leipzig in Kooperation mit dem Graduiertenkolleg „Bruchzonen der Globalisierung“ am ZHS und dem European Network in Universal and Global History (ENIUGH) Organisatoren: Steffi Franke (GWZO/ZHS), Frank Hadler (GWZO/ZHS), Matthias Middell (ZHS)
Datum
19.04.2007 - 19.04.2007
Von
Adèle Garnier, Zentrum für Höhere Studien, Universität Leipzig

Im Rahmen des Projektes „Ostmitteleuropa Transnational: Positionierungsstrategien in Globalisierungsprozessen vom späten 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart" des Geisteswissenschaftlichen Zentrums für Kultur und Geschichte Ostmitteleuropas (GWZO) und des Zentrums für Höhere Studien (ZHS) der Universität Leipzig fand am 19. April 2007 der Workshop „Die Rolle von Grenzen in einer transnationalen Geschichte. Ostmitteleuropa im weltweiten Vergleich“ statt [1].

Drei Hypothesen bildeten den Ausgangspunkt der Tagung:
1. Die Herausbildung von Grenzen sei eng an die Entwicklung verschiedener Formen der Territorialisierung gebunden. Bis zum 18. Jahrhundert dominierten imperiale, danach eher nationalstaatliche Modelle der Territorialisierung. Die an das erste Modell gebundenen Grenzen bildeten eher Zonen aus, die des zweiten Modells erschienen eher als Trennlinien. In der aktuellen Entwicklung seien Prozesse der territorialen Rekonfigurierung zu beobachten, die - wenn auch unter den Bedingungen einer theoretischen und historischen Differenzierung - mit imperialen Modellen vergleichbar seien.
2. Grenzen ließen sich funktional und historisch danach unterscheiden, welche Rolle sie im Inneren der von ihnen umschlossenen Reiche besaßen.
3. Die Ausprägung des Grenzregimes eines Imperiums hänge vom Charakter seiner Nachbargebiete sowie von der Funktion der Grenzen für seine Stabilität ab [2].

In seiner interdisziplinären Anlage sei es das Ziel des Workshops, verschiedene Perspektiven in der Erforschung von Grenzen miteinander zu konfrontieren, um voneinander lernen und weiterführende Ansätze entwickeln zu können, betonte einführend Matthias Middell.

Dieser Absicht folgend bestand das Workshopprogramm aus drei Sektionen, die jeweils geographische Schwerpunkte setzten und Forschungen zu Grenzen aus soziologischer, historischer und politikwissenschaftlicher Perspektive beleuchteten.

Die erste Sektion zu Europa und Asien umfasste die Vorträge von Monika Eigmüller (Leipzig, Institut für Soziologie) über die Grenzsicherungspolitik der Europäischen Union, von Kerstin Jobst (Stadtbergen/Salzburg) über den Orient-Topos des russischen Krim-Diskurses sowie die Beiträge von Sabine Dabringhaus (Freiburg, Historisches Seminar) und Eva-Maria Stolberg (Bonn, Institut für Geschichtswissenschaft) über die russischen bzw. chinesischen Grenzregime [3]. In der zweiten Sektion wurde die Rolle von Grenzen in Ostmitteleuropa durch die Vorträge von Megan Williams (Columbia University, Department of History) über die diplomatische Mobilität in der frühen Neuzeit, von Paulus Adelsgruber (Wien, Institut für Europäische Geschichte) über den Alltag an der ostgalizisch-polnisch/russischen Grenze von 1772 bis 1914 sowie von Robert Luft (München, Collegium Carolinum) über den Wandel der Grenzregionen Triest und Teschen von 1890 bis 1955 beleuchtet. In der letzten Sektion stellten Ulf Engel (Leipzig, Institut für Afrikanistik) sowie Jochen Meissner (Leipzig, Zentrum für Höhere Studien) Grenzprozesse in Afrika bzw. in Lateinamerika vor. Engel widmete sich der Mehrdimensionalität der Grenzziehungen im südafrikanischen Kontext seit 1779, während Meissner Schwerpunkte der aktuellen Forschung zur US-amerikanisch/mexikanischen Grenze präsentierte.

Auch wenn die drei Hypothesen der Tagung von allen Referenten gestreift wurden, lassen sich gleichzeitig bestimmte Schwerpunkte erkennen. Die Hypothese über den Zusammenhang zwischen Territorialisiserungsmustern und der jeweiligen Grenzform stand im Mittelpunkt der Vorträge von Luft und Engel. Luft konzentrierte sich in seinem Vortrag auf „gesellschaftliche Zwischenmilieus“, die in sozial und ethnisch komplexen Räumen der späten Habsburger Monarchie - Teschen und Triest - auf der lokalen Ebene eine bedeutende Rolle spielten: in Teschen die Bevölkerungsgruppe der Schlonzaken und in Triest eine kosmopolitische Handels- und Finanzelite. Deren Einfluss nahm in der Zeit des wachsenden Staatsnationalismus nach dem Ersten Weltkrieg ab. Beide Grenzregionen verloren dann ihre Funktion als Knotenpunkt, als „regionale Mitte“, und wurden zu Peripherien von Nationalstaaten.

Engel erweiterte diese Hypothese insofern, als er jenseits der Dichotomie Imperium/Nationalstaat den Zusammenhang zwischen bestimmten Formen der Territorialisierung und den Grenzmustern in Südafrika untersuchte. Ausgehend von der Grenzforschung in der neuen politischen Geographie [4] analysierte er die soziale Konstruktion der Grenzziehung in drei Phasen der südafrikanischen Geschichte: früher Kolonialismus, Apartheid und Post-Apartheid-Zeit. Südafrika erfahre auf allen räumlichen Ebenen Prozesse der De- und Reterritorialisierung. Die Grenzziehungen orientierten sich in den zwei ersten Phasen an europäischen Prozessen. Seit 1994 entwickelten sich zunehmend Eigendynamiken, die vor allem im Rahmen von Regionalisierungsprozessen sichtbar seien, in welchen die Neuverteilung der Ressourcen durch Raumplanung erfolge. In dieser territorialen Rekonfigurierung der Grenzziehungen spielten zudem Marktliberalisierungsprozesse eine wachsende Rolle.

Die Hypothese über die Differenzierung der Grenzen nach ihrer Rolle und Funktion im Inneren der Reiche konnte vor allem im Vortrag von Jobst sowie in den Beiträgen von Dabringhaus und Stolberg spezifiziert werden. Diese beschäftigten sich jeweils mit Prozessen der imperialen Expansion in Russland und China. Jobst zeichnete die Ambivalenz des russischen Krim-Diskurses vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zum ersten Weltkrieg nach, zwischen der Betonung des Eigenen bzw. der Darstellung der Krim als „Wiege Europas“ und der Betonung der orientalischen Andersartigkeit der Region, da die Bevölkerung der Krim – vor der kolonialen Erschließung durch das russische Reich - mehrheitlich aus muslimischen Tataren bestand. Auch wenn - bis heute - die Krim fälschlich als eine seit Jahrhunderten von Russland kolonisierte Region dargestellt würde, bilde sie ein „rite de passage“ [5] zwischen bestimmten räumlich-zeitlichen Ordnungen, was beispielsweise in Reiseberichten besonders deutlich werde. In ihrem Beitrag beschrieb Dabringhaus die duale Herrschaftsform, die die chinesische Qing-Dynastie gegenüber dem Kernland einerseits und den allmählich eroberten asiatischen Grenzregionen andererseits praktizierte. Bis zur Entstehung des modernen chinesischen Nationalstaats habe die Zentralverwaltung in den Peripherien des Reiches mehr kulturelle und religiöse Autonomie zugelassen als es im Kernland der Fall gewesen sei. Laut Stolbergs Beitrag über den Wandel des russischen bzw. sowjetischen Grenzregimes hätten die herrschenden Eliten des imperialen Russlands und der Sowjetunion jeweils vor ähnlichen Herausforderungen gestanden, da die Grenzzonen der eroberten Gebiete sich durch heterogene Territorialisierungsmuster auszeichneten.

Die Hypothese über den Zusammenhang zwischen Grenzregime und Nachbargebieten untersuchten vorwiegend Williams, Adelsgruber sowie Meissner. Williams analysierte die Regulierung der diplomatischen Mobilität in der frühen Neuzeit am Beispiel der Handhabung von Geleitbriefen. Das Völkerrecht sagte aus, dass Diplomaten ungehindert Außen- sowie Binnengrenzen passieren konnten. In der Praxis wurde dies Gesandten feindlich gestellter Territorien nicht selten verwehrt, wie es Williams am Beispiel der Reise eines ungarischen (antihabsburgischen) Diplomaten durch das Heilige Römische Reich Mitte des 16. Jahrhunderts zeigte. Sie schlussfolgerte, dass schon zu dieser Zeit Grenzen eine große Rolle bei der Kontrolle von Mobilität und der Steuerung politischer Kommunikation spielten.
Die von Adelsgruber studierte ostgalizisch-polnisch/russische Grenze teilte einen sozial einheitlichen Raum und war sehr durchlässig und schwer kontrollierbar [6]. Allerdings habe die Grenzziehung vor allem in politisch-kultureller Hinsicht Auswirkungen bis heute. Die galizischen Gebiete befinden sich in der heutigen Ukraine und zeigen dort ein besonderes Wahlverhalten, das laut Adelsgruber für die Überdauerung einer „Mentalitätsgrenze“ Indikator sei.

Meissner erweiterte die Hypothese am Beispiel einer zeitgenössischen zwischenstaatlichen Grenze, indem er die aktuelle Forschung zur US-amerikanisch/mexikanischen Grenze unter drei Schwerpunkten präsentierte: a) Eskalation der Gewalt in der Grenzregion, b) transnationale ökonomische Prozesse sowie c) gesellschaftliche und politische Vernetzung. Meissner stellte eine „Popkultur der Grenze“, die in Film und Literatur nicht selten reißerisch die Schattenseite der Vorgänge an der Grenze abbilde, einer wissenschaftlichen Literatur gegenüber, die eine komplexere Darstellung der Grenze liefere. Diese Literatur lege die widersprüchliche Gleichzeitigkeit einer wachsenden militärischen Abschottung der Grenze seitens der USA einerseits und grenzenlosen ökonomischen, sozialen und kulturellen Prozessen zwischen USA und Mexiko andererseits offen [7].

Die erste und die dritte Hypothese wurden in Eigmüllers Vortrag miteinander verflochten. Die EU-Außengrenze sei insofern neu, als sie sich von der klaren Linienförmigkeit der nationalstaatlichen Grenze verabschiede [8]. Die Etablierung eines EU-Außengrenzsystems werde durch das Zusammenspiel unterschiedlicher Politikfelder auf EU-Ebene gestützt, gleichzeitig manifestierten sich Präferenzen einzelner EU-Mitgliedsstaaten. Quer durch die betroffenen Politikfelder sei ein Zuwachs an Vermeidungsmaßnahmen hinsichtlich irregulärer grenzüberschreitender Mobilität zu beobachten, dabei spiele der Einfluss auf Drittstaaten eine immer größere Rolle. Nach Georg Vobrubas Muster der abgestuften Integration würden diese Drittstaaten nicht als künftige EU-Mitglieder wahrgenommen, sondern als Partner im Rahmen der „neuen Nachbarschaftspolitik“, die strategisch immer stärker auf die Sicherung und die Stabilität der europäischen Peripherie abziele [9]. Somit sei die Grenze als Ergebnis sicherheitspolitischer Strategien einer Vielzahl von Akteuren zu beschreiben, die dann als etablierte Sicherheitsstruktur das Verhalten der Grenzgänger zu regulieren versuche.

Ausgehend von den Ausgangshypothesen gab der Workshop Anlass zu weiteren theoretisch-methodischen Überlegungen. Zum einen wurde die Pluralität von Grenzbegriffen deutlich. Stolberg und Dabringhaus stützen ihre Vorträge auf Owen Lattimores Begriff der frontier als einer sich bewegende Siedlungsgrenze bzw. als einer Übergangszone im innerasiatischen Raum, in welchem die Verflechtung und der Austausch zwischen indigenen nomadischen Kulturen eine wesentliche Rolle spielen. Dieser Begriff weicht vom vielfach rezipierten Turnerschen Begriff der frontier ab, der, so Stolberg, auf den Gegensatz zwischen „Natur“ und „Zivilisation“ abhebe, sich damit nur auf die Kolonisatoren konzentriere und die Fiktion eines leeren Raumes stütze. Die Turnersche frontier ist gleichzeitig Teil einer US-amerikanischen Meistererzählung und damit nur partiell übertragbar auf andere Weltregionen [10]. Williams orientierte sich an den Grenzbegriffen von Sahlins und Medick, die die Rolle lokaler Prozesse und Akteure bei der Etablierung der Grenze in der frühen Neuzeit und im 17. Jahrhundert betonen [11]. Für Jobst, Adelsgruber sowie Luft stand das Konzept der „mental map“ im Vordergrund, das die kognitiv-imaginäre Dimension der Grenzziehung in den Mittelpunkt stellt [12]. Wie bereits erwähnt, ging Engels Beitrag vom konzeptuellen Instrumentarium der neuen politischen Geographie aus, das Territorium und Grenze als soziale Konstruktionen betrachtet und die Vielschichtigkeit von Raumordnungen analysiert. In methodischer Hinsicht wurden Grenzen aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet: als Prozesse „in the making“ (bei Jobst, Stolberg, Dabringhaus, Adelsgruber, Luft und Engel), aus der Perspektive ihrer Auswirkungen (Williams, Meissner) oder als Kombination beider Aspekte (Eigmüller).

Zusammenfassend bot dieser anregende Workshop ein vielseitiges Programm, das zu verschiedenen Weltregionen unterschiedliche theoretisch-methodischen Zugänge vereinte, und auch zwischen den Vorträgen und bei der Abschlussdiskussion Gelegenheit zur Diskussion über die Vergleichbarkeit oder Vereinbarkeit dieser Zugänge gab. Vor diesem Hintergrund konnte eine exzeptionelle ostmitteleuropäische Entwicklung nicht bestätigt werden. Vielmehr wurden Ähnlichkeiten zwischen den wissenschaftlichen Herangehensweisen und historischen Prozessen in Bezug auf sehr unterschiedliche Weltregionen sichtbar – eine Erkenntnis, die in weiteren interdisziplinären Konferenzen weiterentwickelt werden könnte.

Anmerkungen
[1] Vgl. die Projektbeschreibung unter: http://www.uni-leipzig.de/gwzo/Projekte/Transnational.htm
[2] Vgl. das Konzeptpapier des Workshops von Steffi Franke, Die Rolle von Grenzen in einer transnationalen Geschichte – Ostmitteleuropa im weltweiten Vergleich. Konzeptionelle Überlegungen und Hypothesen, unter: http://www.uni-leipzig.de/gwzo/konferen/Call/TGrenzen.htm
[3] Stolberg und Dabringhaus waren verhindert, ihre Konferenzbeiträge lagen allerdings vor, wurden teilweise in die Diskussion einbezogen und werden in diesem Bericht berücksichtigt.
[4] vgl. Newman, David, Boundaries, in: Agnew, John u.a. (Hgg.), A Companion to Political Geography, Malden 2003, S. 123-137; Brenner, Neil, Beyond State-centrism. Space, territoriality and geographical scale in globalization studies, in: Theory and Society, 28(1999)1, S.39-78; Engel, Ulf; Middell Matthias, Bruchzonen der Globalisierung, globale Krisen und Territorialitätsregime – Kategorien einer Globalgeschichtsschreibung, in: Comparativ 12(2005)5/6, S.5-38.
[5] Vgl. Van Gennep, Arnold, The rites of passage, London 1977.
[6] Vgl. Adelgrubers Forschungsprojekt unter: http://www.univie.ac.at/iog/ProjektGrenzst%E4dte.pdf.
[7] Vgl. Andreas, Peter, Border Games. Policing the US-Mexico Divide, Ithaca 2001.
[8] Vgl. Eigmüller, Monika, Grenzsicherungspolitik. Funktion und Wirkung der europäischen Außengrenze, Wiesbaden 2007.
[9] Vgl. Vobruba, Georg, Die Dynamik Europas, Wiesbaden 2005.
[10] Vgl. Turner, Frederick Jackson, The Frontier in American History, New York 1962; Lattimore, Owen, Inner Asian Frontiers of China, Hong Kong 1992.
[11] Vgl. Medick, Hans, Grenzziehungen und die Nutzung des politischen Raumes. Zur Begriffsgeschichte und politischen Sozialgeschichte der Grenzen in der frühen Neuzeit, in: Eigmüller, Monika; Vobruba Georg (Hgg.), Grenzsoziologie, Wiesbaden 2006, S.37-51; Sahlins, Peter, Boundaries. The Making of France and Spain in the Pyrenees, Berkeley 1991.
[12] vgl. Conrad, Christoph (Hrsg.), Mental Maps, Geschichte und Gesellschaft, 28(2002)3.

Kontakt

Adèle Garnier, Zentrum für Höhere Studien, Universität Leipzig
Email: garnier@rz.uni-leipzig.de

Steffi Franke, Geisteswissenschaftliches Zentrum für Kultur und Geschichte Ostmitteleuropas, Universität Leipzig
Email: sfranke@uni-leipzig.de

Zitation
Tagungsbericht: Die Rolle von Grenzen in einer transnationalen Geschichte. Ostmitteleuropa im weltweiten Vergleich, 19.04.2007 – 19.04.2007 Leipzig, in: Connections. A Journal for Historians and Area Specialists, 25.05.2007, <www.connections.clio-online.net/conferencereport/id/tagungsberichte-1589>.
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Veröffentlicht am
25.05.2007
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