Der Erste Weltkrieg auf dem Balkan – Forschungsansätze und Perspektiven

Ort
Varna
Veranstalter
Deutsch-bulgarisches Kooperationsprojekt „Rumänienfeldzug 1916/17 – Kulturtransfer und kulturelle Dominanz in Militärkoalitionen“
Datum
21.05.2007 - 24.05.2007
Von
Gundula Gahlen / Oliver Stein

Im Rahmen des deutsch-bulgarischen Kooperationsprojektes „Rumänienfeldzug 1916/17 – Kulturtransfer und kulturelle Dominanz in Militärkoalitionen“ fand vom 21. bis 24. Mai in der bulgarischen Hafenstadt Varna eine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Tagung statt, um die inhaltlichen, methodischen und theoretischen Forschungsansätze aufeinander abzustimmen und zu verklammern. Das gemeinsame Vorhaben der Universitäten Potsdam und Shumen will im Rahmen verschiedener Dissertations- und Postdoc-Projekte Realität, Deutung und Bedeutung des Feldzuges deutscher, österreichisch-ungarischer, bulgarischer und türkischer Truppen gegen Rumänien 1916/17 und Formen von Fremdwahrnehmung, kultureller Dominanz und Unterordnung sowie kulturelle Transfers untersuchen.[1]

Unter der Leitung von Jürgen Angelow (Universität Potsdam) trafen sich insgesamt zehn deutsche und bulgarische Historiker, um ihre Einzelprojekte vorzustellen und gemeinsam zu diskutieren. In seinem Einführungsvortrag hob Angelow zum einen die unterschiedlichen Wissenschaftstraditionen in Deutschland und Bulgarien, zum anderen das gemeinsame Forschungsinteresse hervor. Für beide Länder seien die kollektive Aneignung und kulturelle Bedeutung der Geschehnisse auf dem Balkan im Ersten Weltkrieg ein weitgehendes Forschungsdesiderat, dem im Rahmen des gemeinsamen Projektes anhand des Rumänienfeldzuges ein Stück weit begegnet werden soll. Im Mittelpunkt des Interesses stehe die Militärkoalition und die langfristigen Wirkungen auf die Beteiligten im gesamten 20. Jahrhundert. Ziel des Workshops sei es, verschiedene Perspektiven in der Erforschung des Rumänienfeldzuges miteinander zu konfrontieren und zu vernetzen, um voneinander zu lernen und weiterführende Ansätze entwickeln zu können.

Der erste Tag stand ganz unter dem Zeichen des Begriffs „Erfahrung“. Zvetana Georgieva von der Universität Shumen referierte über bulgarische Tagebücher und Memoiren aus dem Ersten Weltkrieg, die eine neue Literaturgattung darstellten, die noch während des Krieges entstand. Ziel ihres Projektes ist die Analyse der narrativen Diskurse, die Herausarbeitung der Selbst- und Fremdbilder sowie des Stellenwertes nationaler Mythen. Einen Überblick über den in der deutschen Forschung seit einigen Jahren - vor allem im Blick auf Kriegserfahrung - beliebten wissenssoziologischen Erfahrungsansatz gab Gundula Gahlen (Universität Potsdam) am Beispiel ihres Themas über die Erfahrung deutscher Kriegsteilnehmer in Rumänien. Indem Erfahrung im Sinne dieses Ansatzes nicht als spezifischer Ausdruck unmittelbar-individualistischen Erlebens, sondern als Prozess verstanden wird, der sich auf unterschiedlichen und zugleich eng aufeinander ausgerichteten Ebenen vollzieht, wird Gahlen sowohl die individuellen Akteure als auch Institutionen, Vermittlungsinstanzen und Medien berücksichtigen. Neben der unmittelbaren Zeit in Rumänien möchte sie auch die Vorprägungen der Soldaten und den Deutungswandel der Erfahrungen nach Abzug der Soldaten analysieren. Einen Einblick in die bulgarischen Militäreliten und deren soziokulturelle Netzwerke lieferte Oliver Schulz (Universität Düsseldorf). Er betonte die Herausarbeitung der Handlungsrelevanz von Kriegserfahrungen und lotete Chancen für die Verbindung von kollektivbiographischen und erfahrungsgeschichtlichen Zugängen aus.

Der zweite Tag der Tagung rückte Fragen der Wahrnehmung und Erinnerungskultur in den Mittelpunkt. Oliver Stein (Universität Potsdam) widmete sich dem deutschen Bulgarenbild 1912-1918 und seiner Nachkriegsdeutung, das durch extreme äußere Brüche zahlreichen Wandlungen unterworfen war. Er bedient sich in seiner Analyse eines kombinierten kulturhistorischen Ansatzes, der sich die Erkenntnisse der historischen Stereotypenforschung sowie des wissenssoziologischen Erfahrungsansatzes zu eigen macht und verschiedene Perzeptionsinstanzen sowie Veränderungen und Kontinuitäten bis 1945 in den Blick nimmt. Vasil Paraskevov (Universität Shumen) referierte über die gesellschaftliche Rezeption des Rumänienfeldzugs in Bulgarien, die von der bisherigen Forschung gänzlich unbeachtet geblieben ist. Sein Ziel ist die Herausarbeitung des Spannungsbogens von den Erwartungen vor dem Feldzug bis zur Enttäuschung nach der Niederlage in der bulgarischen Bevölkerung durch eine Analyse der öffentlichen Diskurse. Deniza Petrova (Universität Potsdam), die während der gesamten Veranstaltung zugleich auch die Aufgabe der Übersetzerin übernommen hatte, schlug am Beispiel der Einnahme von Tutrakan den Bogen zur Frage der Erinnerungskultur. Sie zielt darauf, insbesondere die Instrumentalisierung, Aktualisierung und Umdeutungen dieses Ereignisses durch die verschiedenen politischen Systeme bis in die Gegenwart angelehnt an die kulturwissenschaftliche Gedächtnistheorie von Assmann zu untersuchen.

Am dritten Tag wurden „Militärkultur“ und Truppengeschichte von den Teilnehmern in den Fokus gerückt. Den Auftakt machte Angel Iliev (Universität Shumen) mit seinem Vortrag über die 1. bulgarische Infanteriedivision im Rahmen der Koalitionskriegführung. Er möchte zum einen das Spannungsverhältnis zwischen Feldmarschall Mackensen und der bulgarischen Heeresleitung sowie dessen Auswirkungen auf die Division, zum anderen die alltägliche Zusammenarbeit auf der mittleren Führungsebene analysieren. Ihm folgte Christian Stachelbeck (Militärgeschichtliches Forschungsamt der Bundeswehr, Potsdam), der am Beispiel der 11. bayerischen Infanteriedivision militärische Effektivität untersuchte. Er nahm hierbei Führungs- und Einsatzfragen auf dem Gefechtsfeld sowie Instrumente zur Motivation der Soldaten durch Ausbildung, Ideologisierung und Zwang in den Blick, um den Anpassungsprozess auf Divisionsebene an die Anforderungen des industrialisierten Krieges aufzuzeigen. Der Beitrag von Stefan Minkov (Universität Shumen) über die bulgarische Militärverwaltung in der rumänischen Dobrudscha 1916-1918, in der sowohl die Verwaltungsstrukturen, das Verhältnis zur Zivilbevölkerung, die Beziehungen zu den Bündnispartnern und der Alltag der bulgarischen Soldaten in der Etappe berücksichtigt wurden, beschloss die Vorstellung der Einzelbeiträge. Am vierten Tag wurde die Gelegenheit genutzt, einzelne Projekte in Kleingruppen noch einmal gezielt zu diskutieren, die Kooperationen zwischen den Bearbeitern abzustimmen und praktische Fragen zu klären.

Der Workshop zeichnete sich durch eine intime Arbeitsatmosphäre und offene Diskussionskultur aus. Er hat allen Beteiligten deutlich vor Augen geführt, dass der gewählte Themenkomplex in weiten Bereichen kaum untersucht worden ist, obwohl seine aktuelle Bedeutung unstrittig sein dürfte. Im Mittelpunkt der lebendigen Diskussionen standen neben geschichtspolitischen Aspekten Fragen nach Begriffsdefinitionen und dem passenden methodischen Instrumentarium sowie der Austausch von Informationen zum Forschungsstand, zur Quellen- und Archivsituation. Im Ergebnis hat die Tagung mit ihrer Bandbreite von Erfahrungsgeschichte, Wahrnehmungsfragen, Erinnerungskultur und Truppengeschichte vielfältige Perspektiven auf die Untersuchung der gemeinsamen deutsch-bulgarischen Koalitionskriegführung aufgezeigt und dazu beigetragen, einen laufenden wissenschaftlichen Austausch und forschungspraktische Hilfestellungen zu koordinieren.

Anmerkung:
[1] <http://www.uni-potsdam.de/db/geschichte/index.php?ID_seite=314> (05.06.2007)

Zitation
Tagungsbericht: Der Erste Weltkrieg auf dem Balkan – Forschungsansätze und Perspektiven, 21.05.2007 – 24.05.2007 Varna, in: H-Soz-Kult, 08.06.2007, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1601>.
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Veröffentlicht am
08.06.2007
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