Der Erste Weltkrieg – Epochenjahr 1917

Ort
Herrsching am Ammersee
Veranstalter
Bernd Heidenreich, Hessische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit; Peter März, Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit; Sönke Neitzel, Johannes-Gutenberg-Universität Mainz
Datum
18.06.2007 - 20.06.2007
Von
Frank Bauer, Mainz

In dem 1994 erschienenen Werk „Das Zeitalter der Extreme“ wählt der britische Historiker Eric Hobsbawm das Jahr 1917 als Wendejahr zwischen dem langen 19. Jahrhundert und dem hiermit kontrastierenden, kurzen 20. Jahrhundert. Tatsächlich ist die Bedeutung des Jahres 1917 als Epochenjahr durch weltpolitisch bedeutende Umstände wie den Eintritt der USA in den ersten Weltkrieg oder die Februar- sowie Oktoberrevolution in Russland gesichert, gleichwohl aber nicht erschöpft. Eine umfassende Sicht auf die Geschehnisse dieses Jahres anhand neuer Forschungsergebnisse, dessen Einbettung in die historischen Kontexte, aber auch die Hervorhebung der Exzeptionalität als Höhe- und Wendepunkt war Thema des Symposiums „Der Erste Weltkrieg – Epochenjahr 1917“, welches vom 18. bis 20. Juni 2007 in Herrsching am Ammersee stattfand – optional wurde vom 20. bis 24. Juni eine Exkursion in das italienisch-slowenische Grenzgebiet angeboten [1]. Die Leitung der Veranstaltung hatten Prof. Dr. Sönke Neitzel (Johannes-Gutenberg-Universität Mainz) [2], Dr. Peter März (Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit) und Dr. Bernd Heidenreich (Hessische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit) inne.

Nach einer Einleitung und Begrüßung durch die Veranstaltungsleitung eröffnete Prof. Dr. Hew Strachan (Universitiy of Oxford) das Veranstaltungsprogramm. Der Titel seines auf Englisch gehaltenen Vortrages war dabei als Fragestellung an die Veranstaltung insgesamt zu verstehen: „1917 – a watershed of History?“. Zu Anfang erläuterte Strachan die allgemeine Situation des Jahres 1917, die durch die Schrecken des Stellungskrieges gesunkenen Erwartungen der Kriegsparteien und die Friedenssehnsucht weiter Teile der jeweiligen Gesellschaften. Gerade das Kampfgeschehen bei Verdun und an der Somme und die damit aufgeworfene Frage nach dem Zweck dieser hohen Opferzahlen, hätten aber einen Verständigungsfrieden verhindert. Dies stünde jedoch im Kontrast zu den Kriegszielen der Beteiligten, da sich jene im Laufe des Krieges von absoluten, ideologischen zu nun territorialen, verhandelbaren gewandelt hätten. Weiterhin betonte Strachan den Gegensatz zwischen der ausgeprägten Modernität der kriegsführenden Staaten und den von alter Ordnung geprägten Kriegszielen; die Initiative Wilsons vom Dezember 1916 mit dem Ziel eines „peace without victory“ sei demnach zum Scheitern verurteilt gewesen. Auf dieser Grundlage formulierte Strachan die These, dass es für Wilson unumgänglich war zur Sicherstellung des Friedens selbst in den Krieg einzutreten und dass dies gleichsam für das weitere Kriegsgeschehen maßgeblich gewesen sei. So sei nach der Territorialisierung der Kriegsziele erst durch den Sieg der russischen Oktoberrevolutionäre und den Eintritt der USA in das Weltgeschehen, bzw. für die liberale Weltordnung das ideologische und revolutionäre Motiv neu belebt worden. Strachan machte deutlich, dass das Jahr 1917 nicht nur als eine Wende im Kriegsgeschehen, sondern als Scheidepunkt der Weltgeschichte an sich zu verstehen sei, als Beginn der bipolaren Weltordnung.

Im nachfolgenden widmete sich Prof. Dr. Stig Förster (Universität Bern) [3] der Frage „Totaler Krieg? Das Jahr 1917 und der Erste Weltkrieg in historischer Perspektive“. Nach einer kurzen Einführung in die Etymologie des Begriffes verwies Förster auf den Umstand, dass ein Ausdruck der politischen Propaganda, wie der vorliegende, nur durch eine scharfe Definition für die Historiografie verwendbar sei. Diese Definition sei umrissen durch die Totalität von Kriegszielen, Kriegsmethoden, Mobilisierung und staatlicher Kontrolle. Da es sich hierbei jedoch um einen Idealtypus handele, sei nur eine Annäherung möglich. Anschließend charakterisierte er den ´totalen Krieg´ als eine in Einzelaspekten seit der Antike, über die napoleonischen Volkskriege, bis zum ersten Weltkrieg präsente Erscheinungsform der Kriegsführung, welche jedoch erst im Rahmen des zweiten Weltkrieges ihren Höhepunkt fand. An den Beispielen Großbritanniens und des Deutschen Reichs verteidigte Förster im Anschluss die Anwendbarkeit des Begriffes auf den ersten Weltkrieg. So habe Großbritannien sich um eine ausgeprägte wirtschaftliche und soziale Mobilisierung bemüht, welche durch den Anstieg von Frauenarbeit und insbesondere durch die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht 1916 gekennzeichnet gewesen sei – Anzeichen einer totalen Kriegsführung. Für das Deutsche Reich, so Förster, seien neben den genannten weitere Aspekte totaler Kriegsführung zu belegen, bspw. der Arbeitseinsatz von Kriegsgefangenen und zahlreiche Zwangsmaßnahmen der industriellen Kriegswirtschaft. Weiterhin erwähnte er die Politik der ´verbrannten Erde´ im Rahmen des geplanten Rückzuges an der Westfront im Jahre 1917. In der anschließenden Diskussion mit den Teilnehmern zeigte sich ein Konsens für die These, dass der erste Weltkrieg von Politikern bis hin zu Intellektuellen totaler gedacht, als tatsächlich geführt wurde. Als verantwortlich hierfür wurden im Allgemeinen zivilisatorische Schranken gesehen, welche noch ihre Wirkung gezeigt hätten – anders als im Zweiten Weltkrieg.

Mit eben jenem Forschungsgebiet des Vergleichs und Verhältnisses der beiden Weltkriege beschäftigte sich Dr. Jürgen Förster (Albert-Ludwigs Universität Freiburg) [4] im letzten Vortrag des Eröffnungstages, „1917-1944. Zeitalter der Weltkriege?“. Hierbei schilderte er die Theorie, dass es sich bei der Militärführung des Zweiten Weltkriegs und insbesondere bei Hitler um „geistige Gefangene“ des Ersten Weltkriegs gehandelt habe. Jene hätten eine Niederlage oder Kapitulation im Rückblick auf das Ende des Ersten Weltkrieges nicht mehr akzeptieren können. Am Beispiel des ´Vaterländischen Unterrichts´ des Ersten Weltkriegs legte Förster dar, inwieweit Hitler Lehren aus dem Ersten Weltkrieg gezogen hatte und seine Anstrengungen zugleich präzisierte und intensivierte. In diesem Zusammenhang stünde die Anstrengung, Gesellschaft und insbesondere Soldaten schon frühzeitig systematisch einzubinden und zu ´richtiger´ Weltanschauung zu erziehen. Als weiteren Beleg zog Förster die Tatsache heran, dass das NS-Regime, neben der Forderung nach einer geschlossenen Volksfront wie 1939, nach Stalingrad auch eine geschlossene geistige Front gefordert hatte, also einen völlig neuen Anspruch stellte. Alles in Allem sei das Ziel der nationalsozialistischen Militärerziehung der Offizier als taktischer und geistiger Führer, sowie eine breite Aufklärung über Kriegsziele und -führung innerhalb des Heeres gewesen – all dies als Lehre aus einer verfehlten Politik des blinden Gehorsams. Abgesehen hiervon legte Förster einen weiteren Fokus auf Kontinuitäten zwischen den Weltkriegen. So sei sowohl nach Verdun als auch nach Stalingrad die sofortige Massenmobilisierung veranlasst worden, was als ein wiederkehrendes Zeichen von Schwäche angesehen werden müsse. Ähnlich verwandt sei die Bedeutung der jeweiligen Kriegseintritte der USA für das Kriegsgeschehen. Auf die These der „geistigen Gefangenen“ rekurrierte Förster abschließend aber mit dem Hinweis auf den Umstand, dass Ludendorff die Niederlage letztendlich akzeptierte, Hitler dies jedoch nicht tat.

Den zweiten Veranstaltungstag eröffnete Prof. Dr. Neitzel mit dem Thema „Der Kriegseintritt der USA“. Hierbei konzentrierte er sich zu Anfang auf eine Darstellung der politischen, und wirtschaftlichen Lage der USA seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert und erläuterte auch das schlechte, von Konkurrenz geprägte Verhältnis der beiden Großmächte. Nachfolgend formulierte er insbesondere die Ansicht, dass die spätere, ausgeprägte Feindlichkeit gegenüber dem Deutschen Reich – sowohl außenpolitisch als auch im eigenen Land gegenüber Emigranten – maßgeblich auf eine überlegende Propaganda der Entente zurückzuführen sei. So hätte Wilson sich diese uneingeschränkte Parteinahme anfänglich aus innenpolitischem Kalkül gegenüber den irischen, deutschen und jüdisch-russischen Minderheiten nicht leisten können, und aus Abneigung gegenüber der britischen Politik der Wirtschaftsblockaden und der Niederschlagung des irischen Osteraufstandes auch gar nicht leisten wollen. Andererseits betonte Neitzel die Tatsache, dass trotz allem eine Neutralität nur in der Theorie existiert habe und die USA die Alliierten schon früh gemäß wirtschaftlicher Überlegungen durch Kredite und Exporte unterstützt hätten. Das eigene Selbstverständnis als Vorbild und Friedensstifter für „die alte Welt“, welches in gescheiterten Friedensverhandlungen keine Entfaltung finden konnte, begleitet von wiederholten Provokationen und Fehlentscheidungen der deutschen Führung, hätte die USA jedoch erst vollends dem „Bündnis der Demokratien gegen die Autokratien“ zugetrieben. Anschließend formulierte Neitzel im Rahmen einer einleuchtenden, kontrafaktischen Argumentation, dass der Kriegseintritt der USA bei einem deutschen Verzicht auf den uneingeschränkten U-Bootkrieg – dessen Wirkungslosigkeit er anhand von Berichten der deutschen Marine als bewiesen beschrieb – nicht erfolgt wäre. So aber habe mit dem Eintritt der USA in die Geschicke der Weltpolitik die, neben Nationalsozialismus und Kommunismus, dritte große Ideologie des 20. Jahrhunderts Anspruch auf allgemeine Gültigkeit erhoben: Der amerikanische Liberalismus. Neitzel war in diesem Aspekt also wie Strachan der Ansicht, dass das Jahr 1917 nicht nur die Kriegsentscheidung gebracht, sondern auch eine bis heute richtungsweisende Weltpolitik begründet habe.

Von jenen übergeordneten Konflikten weg lenkte der Vortrag Dr. Alaric Searles (University of Salford) [5], „Das Krisenjahr – Großbritannien 1917“. Searle formulierte anfangs die These, die britische Heerespolitik habe im Kriegsjahr 1917/18 eine Führungskrise durchlebt, welche in General Douglas Haig personifiziert gewesen sei. Diese hätte einerseits eine ausgeprägte Unsicherheit über die momentane Kriegsstrategie bewirkt und andererseits die Angst vor einem Kollaps des französischen Alliierten bekräftigt, gemäß der Überzeugung, diesen Zusammenbruch nur durch erfolgreiche eigene Interventionen an der Westfront verhindern zu können. Nachfolgend schilderte Searle den Verlauf des Seekriegs und betonte die mangelhaften und verspäteten Reaktionen der Marineführung auf die Erfolge des deutschen U-Bootkriegs. Diesbezüglich verwies er auf den schwerwiegenden Fehler der deutschen Führung, im Rahmen jener Erfolge keine diplomatischen Anstrengungen unternommen zu haben – man habe die Auswirkungen dieser Kriegsführung auf die britische Wirtschaft und damit auch die Aussichten auf diplomatische Erfolge deutlich unterschätzt. Erneut unterstrich er die personelle Komponente der Krise durch die Behauptung, sowohl die Krise im Seekrieg, als auch jene an der Westfront habe ihren endgültigen Ausdruck, wie auch ihre Beendigung in einem Führungswechsel gefunden. Diese Tatsache sei in der Debatte über das Problemfeld der Stellungskriege jedoch bislang nicht ausreichend integriert worden, weshalb eine umfassende Einbeziehung der Verantwortlichen innerhalb der britischen Armee in den Diskurs für die Zukunft zu fordern sei. Abschließend verwies Searle auf die Auswirkungen und die Rezeption jener Krisenzustände bis zur Gegenwart und maß ihnen im Rahmen des britischen Nationalbewusstseins eine große – mit der des Vietnam-Krieges für die USA vergleichbare – Bedeutung bei.

Dem bereits erwähnten französischen Verbündeten widmete sich Dr. Nicolas Beaupré (Universität Blaise Pascal) [6] mit dem Thema „Frankreich 1917: zwischen Krisen und Remobilisierung“. Hierbei zeichnete er zu Anfang das Bild einer durch hohe Opferzahlen, harte Kriegswinter, Niederlagen und Pyrrhussiege wie an der Somme und in Verdun erschütterten Front. Anschließend beurteilte er die – nach einem kurzfristigen Anstieg der Moral im Frühjahr 1917 – von April bis Juni ausbrechenden Meutereien von etwa vier Prozent des Militärs als zwar stets nur unorganisiert, spontan und von kurzer Dauer, gleichwohl aber als das vielleicht schlimmste innere Desaster des französischen Militärs. Der multidimensionale Charakter der Krise sei schließlich durch die folgenden Streiks der Arbeiter im Großraum Paris, den Umstand der politischen Instabilität angesichts von vier Regierungswechseln 1917, sowie einer allgemeinen Krise der öffentlichen Meinung und Kriegsmoral zu belegen. All jene Belastungen des Kriegsjahrs 1917 zusammengenommen stellte Beaupré die seines Erachtens noch umfassender zu untersuchende Frage, warum ein Kollaps der Republik vermieden werden konnte. Er selbst bot abschließend den plausiblen Ansatz an, bei allen Konflikten sei die Friedenssehnsucht zwar groß gewesen, habe jedoch zu keinem Zeitpunkt den französischen Republikanismus und den Drang überstiegen, diesen in einem Verteidigungskrieg zu behaupten.

Im Anschluss beschäftigte Prof. Dr. Helmut Altrichter (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg) [7] sich in seinem Vortrag mit dem Thema „Krieg und Revolution – Russland 1917“. Über einen ausführlichen Grundriss der politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und militärischen Krisenerscheinungen der ersten Kriegsjahre gelang es ihm die Unzufriedenheit der einzelnen Bevölkerungsgruppen sowie das allgemein problematische Klima zu Beginn des Jahres 1917 zu vermitteln. Nach der bürgerlich-demokratischen Februarrevolution hätte sich jedoch durch weitgehendes Fernbleiben von Reformen bei gleichzeitigem Fortbestand des Krieges eine Verschärfung der Lage ergeben, welche es Lenin erst ermöglicht habe den Umsturz zur sozialistischen Räterepublik zu initiieren. Diesbezüglich formulierte Altrichter die These, dass sich Lenins Forderungen in zentralen Punkten gewandelt hätten, „von einer marxistischen Programmatik zu einem sozialistischen Sofortprogramm“. So habe Lenin entgegen seinem früheren Misstrauen gegenüber der Arbeiterschaft nun deren uneingeschränkte Unterstützung im Rätesystem gefordert und statt der Ausweitung des Krieges zum weltweiten Kampf der proletarischen Revolution den sofortigen Friedensschluss propagiert. Den maßgeblichen Unterschied zwischen den beiden Revolutionen des Kriegsjahres 1917 pointierte Altrichter schließlich mit der Tatsache, dass erst die Bolschewiki durch die Einlösung ihrer genannten Versprechen und insbesondere der Bodenreform ihre Macht erfolgreich abgesichert hätten.

In einem das Veranstaltungsprogramm lockernden Vortrag referierte Priv.-Doz. Dr. Ernst Piper (Universität Potsdam) [8] über sein interdisziplinäres Forschungsgebiet „´Levée on masse´. Die Künstler und der Erste Weltkrieg“. Hierbei erläuterte er vorweg die Rolle der Künstlerschaft in den Kriegen seit der napoleonischen Zeit und das hiermit kontrastierende Verhalten derselben zu Beginn des Ersten Weltkriegs. Dabei gelang ihm die Verteidigung der These, dass sich die künstlerische Heroisierung des Krieges zu einer unmittelbaren Unterstützung der Kriegspropaganda gewandelt hatte und häufig auch zur Teilnahme an Kriegshandlungen führte. Anhand des autobiografischen Beispiels des Verlags Piper aus München zeigte er weiter den raschen Wandel einer Verlagsgesellschaft zur Kriegspublizistik auf, unterstützt von Bildmaterial der Veröffentlichungen jener Zeit. Wenn Piper auch abschließend den Einfluss der Künstler und verwandter Berufsfelder im Rahmen der anfänglichen Kriegsbegeisterung und –mobilisierung erneut würdigte, so verwies er aus nachvollziehbaren Gründen auf für die Kriegsführung gewichtigere Felder, Soldaten und Kriegsmaterial. Seine Forschungsarbeit wird weiter zu verfolgen sein.

Den zweiten Tag beschloss der Abendvortrag Prof. em. Dr. Michael Salewskis (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel) [9], „Kanzler, Politik und Generäle im Jahr 1917“. Salewski charakterisierte das Jahr 1917 zu Anfang als maßgeblich von militärischen Fehlschlägen und politischen Problemstellungen der vorhergehenden Jahre beeinflusst. Eine besondere Bedeutung maß er hierbei der schlechten Führung und Kooperationsfähigkeit der OHL bei, deren Führung durch Hindenburg und Ludendorff er als „verfehlte Konstruktion“ kritisierte. Personelle Mängel hätten zu einem „ausgeprägten Dilettantismus“ in der Entscheidungsfindung und letztlich zum uneingeschränkten U-Bootkrieg als „Gipfel der Irrationalität“ geführt. Im Rahmen eines eher personalisierenden Ansatzes erläuterte Salewski weiterhin die These, dass die schlechte Integration personeller Kapazitäten in Europa insbesondere in Deutschland zu einem absoluten und schwerwiegenden Mangel an Eliten in Führungspositionen geführt hätte, einem Zustand, der den Krieg sowie dessen Verlauf begünstigt habe; ein umfassender Beleg dieser Theorie wäre aufgrund ihres Absolutheitsanspruchs wünschenswert gewesen. Zudem betonte Salewski für den Kriegsverlauf ebenfalls zentrale strukturelle Probleme im Deutschen Reich und hob hierbei insbesondere die mangelhafte Verwaltung, die hemmende Dezentralisierung und die Inflexibilität des Gesamtsystems hervor.

Der letzte Veranstaltungstag, welcher die eher zweitrangigen Kriegsparteien in den Mittelpunkt rückte, eröffnete Prof. Dr. Günther Kronenbitter (Emory University) [10] mit dem Thema „Österreich-Ungarn 1917“. Einleitend zeigte er überzeugend auf, dass der Tod des Kaisers Franz-Josef 1916 das wohl naheliegendere Datum mit Zäsurcharakter gewesen wäre, und dieses auch von der damaligen Öffentlichkeit als entscheidend für die Frage des Fortbestands von Monarchie und Reich eingeschätzt wurde. Die ersten Kriegsjahre charakterisierte er als von dem Zwiespalt militärischer Erfolge auf der einen, und einer mit relativ hohen Opferzahlen einhergehenden Entprofessionalisierung auf der anderen Seite gekennzeichnet; dieses Problem habe insbesondere das Offizierskorps betroffen. Die Schwäche habe eine zunehmende Unterstützung durch das Deutsche Reich erfordert und somit den Wandel zum Juniorpartner begründet – als Konsequenz war der gefürchtete Verlust der Großmachtstellung sicher. Als ein vorrangiges Problem des Vielvölkerstaates vermittelte Kronenbitter anschaulich das Fehlen eines nationalistischen Integrationsmoments, sowie das Dilemma, durch das weniger wirksame Instrument der Nobilitierung oder den Aufruf zur Kaisertreue keinen Ausgleich schaffen zu können. In diesem Zusammenhang hätte auch die zunehmende Emanzipierung der jeweiligen Ethnien gestanden, welche für die Donaumonarchie, so Kronenbitter, bis zum Kriegsende eine der größten Herausforderungen dargestellt habe.

Einem der unmittelbaren Kriegsgegner Österreich-Ungarns widmete sich Prof. Dr. Martin Baumeister (Ludwig-Maximilians-Universität München) [11] in seinem Vortrag „Italien: Das Wendejahr 1917“. Er betonte das angespannte Verhältnis zwischen der konservativen Führung und der Gesamtbevölkerung, welches sich zu einem späteren Zeitpunkt in den Konflikten zwischen militärischem Oberkommando und den mit der unflexiblen und harten Militärpolitik unzufriedenen Soldaten widerspiegelte. Eine Zunahme der Krisenzustände habe Italien 1917 schließlich an die Grenze der inneren wie äußeren Belastbarkeit gebracht und in dem „Trauma von Caporetto“ den Höhepunkt gefunden. Diesbezüglich verteidigte Baumeister anschaulich die These, dass der nachfolgenden Besatzungspolitik, der Spaltung der Bevölkerung am Kriterium des geleisteten Kriegsdienstes und der Dolchstoßlegende eine hohe Bedeutung für die Genese des Faschismus in der Folgezeit einzuräumen sei. Betreffend der Frage des Kriegseintritts, verspätet und auf Seiten der Entente, erläuterte Baumeister – aus zeitlichen Erwägungen leider eher knapp – die generell brüchigen Bündnisbeziehungen des Dreibunds und die Unvereinbarkeit zentraler territorialer Kriegsziele mit der Souveränität Österreich-Ungarns.

Die Thematik seines Vorredners aufgreifend, stellte sich Dr. Markus Pöhlmann (University of Salford) [12] anhand einer eingehenden Untersuchung militärischer Aspekte die Frage: „Ein Pyrrhussieg? Die 12. Isonzo Schlacht im Oktober 1917“. Zu Anfang bemühte Pöhlmann sich hierbei um die Hervorhebung jener Tage im Gesamtbild des Ersten Weltkrieges, seien sie doch vom seltenen Motiv der Bewegung geprägt gewesen, erkennbar an dem an den Maßstäben gemessen großen Raumgewinn. Er belegte die Behauptung, dass es sich bei der 12. Isonzo Schlacht, unter Berücksichtigung der ursprünglichen Erwartungen – einer Prävention einer neuerlichen Offensive – um den erfolgreichsten Feldzug des Ersten Weltkriegs gehandelt habe. Die Ursachen hierfür seien im Element der Überraschung und in der absoluten militärischen Überlegenheit der Mittelmächte zu suchen. Die Frage des Pyrrhussiegs relativierte Pöhlmann durch die Feststellung, dass für die Mittelmächte seit dem Kriegseintritt der USA jeder Sieg unverzichtbar geworden sei. In der Diskussion mit dem Publikum verteidigte er in der Frage der Kriegsverbrechen in den später besetzten Gebieten die Auffassung, dass es sich weniger um Verbrechen gegen Menschen als um solche an Eigentum gehandelt habe. An diesem Punkt wurde aber das allgemeine Bedürfnis nach einer umfassenden Abhandlung zu diesem Thema deutlich.

Im letzten Vortrag des Symposiums – „Die vergessene Front. Der Krieg im Nahen Osten (1917)“ – hatte es sich Dr. Dieter Storz (Bayerisches Armeemuseum Ingolstadt) zur Aufgabe gemacht, in ein wenig populäres Feld in der Forschung zum Ersten Weltkrieg einzuführen. Nach einem Überblick über Geschichte und Gesellschaft des Osmanischen Reiches, beleuchtete er dessen maßgeblichen Kriegsziele, die Wiederherstellung der völkerrechtlichen Souveränität und den Versuch der 1908 an die Macht gekommenen ´Jungtürken´, einen weiteren Rückfall hinter europäische Großmächte zu verhindern. Die Unverhältnismäßigkeit der Potenziale der beteiligten Kriegsparteien, insbesondere bezüglich Truppenstärke und Infrastruktur, habe die ohnehin durch den Balkankrieg angeschlagene osmanische Armee bis zum Ende 1916 an den Rand der Kapitulation gebracht; ein deutliches Zeichen hierfür sei auch die hohe Zahl an Desertionen. Insgesamt beurteilte Storz den Krieg in Nahen Osten als einen Erfolg für das Deutsche Reich, da alliierte Truppen gebunden wurden, als ein riskantes und erfolgloses Unterfangen aus osmanischer Sicht, vor allem aber als eine humanitäre Katastrophe im Allgemeinen.

Es ist zusammenzufassen, dass die Veranstaltung durch ein internationales und weitgefächertes Feld von beteiligten wissenschaftlichen Kapazitäten in der Lage war, einen detaillierten Einblick in die Geschehnisse des Jahres 1917 zu vermitteln. Positiv hervorzuheben ist das Element der Offenheit, welches sich in der Bemühung um die Einbeziehung von Fragen der ´stillen Teilnehmer´ und lebhaften Diskussionen äußerte. Hierbei gelang den Rednern sowohl die grundsätzliche Einführung in den übergeordneten Forschungsstand, als auch die Darstellung der eigenen Ergebnisse. Zusammenfassend erschien das Jahr 1917 überwiegend als durch nationale, multidimensionale Krisen, Revolution und Weichenstellungen charakterisiert. Der abschließenden Einschätzung Neitzels bezüglich der übergeordneten Fragestellung – „1917 – a watershed of history?“ – möchte sich der Autor dieses Berichts anschließen: Nach einer eingehenden Untersuchung ist zu resümieren, dass das Jahr 1917 zwar fraglos einen geschichtlichen Wendepunkt markiert, gleichwohl haben zugrunde liegende und resultierende Entwicklungen weder hier ihren Anfang, noch ihr Ende genommen. Eine umfassende Würdigung des Jahres 1917 erfordert also weitergehende Forschungen, welche auch weit in das 19. Jahrhundert zurück- und weit in das 20. Jahrhundert hineinragen.

Anmerkungen:
[1] <http://www.uni-mainz.de/FB/Geschichte/hist4/Dateien/Exkursion.pdf> (05.07.2007)
[2] neitzel[a]uni-mainz.de
[3] stig.foerster[a]hist.unibe.ch
[4] juergen.foerster[a]geschichte.uni-freiburg.de
[5] d.a.searle[a]salford.ac.uk
[6] nicolas.beaupre[a]univ-bpclermont.fr
[7] Altrichter[a]gesch.phil.uni-erlangen.de
[8] info[a]ernst-piper.de
[9] msalew[a]t-online.de
[10] guenther.kronenbitter[a]phil.uni-augsburg.de
[11] martin.baumeister[a]lmu.de
[12] mp[a]salemhouse.de

Zitation
Tagungsbericht: Der Erste Weltkrieg – Epochenjahr 1917, 18.06.2007 – 20.06.2007 Herrsching am Ammersee, in: H-Soz-Kult, 23.07.2007, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1639>.
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Veröffentlicht am
23.07.2007
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