Bewegtes Leben – Körpertechniken in der Frühen Neuzeit

Ort
Wolfenbüttel
Veranstalter
Rebekka von Mallinckrodt (Berlin; Herzog August Bibliothek
Datum
12.04.2007 - 13.04.2007
Von
Julia Hauser, Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel

Das von der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel veranstaltete und von Rebekka von Mallinckrodt (Freie Univerwsität Berlin) konzipierte und geleitete Arbeitsgespräch „Bewegtes Leben. Körpertechniken in der Frühen Neuzeit“ führte am 12./13. April 2007 Forscher unterschiedlicher Disziplinen – darunter Geschichte, Germanistik, Kunstgeschichte, Anglistik, Wissenschaftsgeschichte – zusammen, die sich nicht allein mit Sportgeschichte im engeren Sinne, sondern mit dem Körper und seinen Ausdrucksformen insgesamt in der Vormoderne beschäftigen. Einführend skizzierte von Mallinckrodt das Programm einer Geschichte der Bewegungsformen, die sich methodisch auf den von Marcel Mauss entwickelten Begriff der „Körpertechniken“ beruft [1]. Durch die Annahme der kulturellen Spezifität von Bewegungsformen und seinen phänomenologisch-deduktiven Ansatz besitzt Mauss’ Konzept noch immer eine hohe Aktualität, zumal es Interdisziplinarität voraussetzt und so zu einer Zusammenführung bisher voneinander getrennter Forschungsfelder, Disziplinen und nationaler Wissenschaftstraditionen beitragen kann.

Dietmar Till (Tübingen) lenkte in seinem Vortrag über „Rhetorik und Schauspieltheorie in der Frühen Neuzeit“ den Blick auf die actio, den lange Zeit vernachlässigten fünften Kanon im rhetorischen System. Anhand der einflussreichsten Rhetorikhandbücher der Antike und Frühen Neuzeit erläuterte er, wie sich aus dieser Gattung schließlich eine eigenständige Schauspieltheorie entwickeln konnte. In einem Überblick über die Geschichte der antiken Rhetorik hob Till die prekäre Position der actio hervor, die in den rhetorischen Lehrbüchern vielfach nur knapp behandelt wurde. Dabei sei man sich ihrer zentralen Bedeutung durchaus bewusst gewesen: Autoren wie Cicero hätten die Universalität der Körpersprache hervorgehoben, die Zuhörern aller sozialen Schichten zugänglich sei, und die enge Verwandtschaft zwischen Rhetorik und Schauspiel betont. Für die Redekunst allerdings sei ein höheres Maß an Zurückhaltung und Körperbeherrschung für angemessen erachtet worden. Seit Quintilian, der ein detailliertes Lexikon der Gebärden erstellt und diese bestimmten Emotionen zugeordnet habe, lasse sich eine starke Standardisierung dieses körperlichen Codes in den Rhetoriklehrbüchern feststellen, die auch die Redekunst der Frühen Neuzeit nachhaltig geprägt habe. So beruft sich der Jesuit Nicolas Caussin in seinem Rhetorikhandbuch explizit auf Quintilian. Auch der Mediziner John Bulwer, der seine „Art of manual rhetorics“ (1644) zunächst zur Unterrichtung Taubstummer entwickelt habe, nimmt Bezug auf ihn. Sowohl von Cicero und Quintilian als auch von seinem Ordensbruder Caussin beeinflusst sei schließlich Franz Lang, Verfasser einer „Dissertatio de actione scenica“ (1727), der ersten eigenständigen Abhandlung zur Schauspielkunst in der deutschen Literaturgeschichte. Gemäß der engen Verbindung von Theaterspiel und Rhetorik im v.a. katholischen höheren Schulwesen der Frühen Neuzeit ordnet Lang die Schauspielkunst in ein moraldidaktisches Programm ein, das im wesentlichen über die Erregung von Affekten funktioniert. Noch vor der Schauspieltheorie Lessings sei Langs Werk damit das erste in der deutschen Literaturgeschichte, das sich explizit als Schauspieltheorie verstehe.

Marie-Thérèse Mourey (Paris) betrachtete in ihrem wegen Abwesenheit lediglich verlesenen Beitrag den Transfer des höfischen Tanzes aus Frankreich ins Alte Reich ab der Mitte des 17. bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts und seine Aneignung durch das Bürgertum. Wie die meisten anderen Vorträge beruhten auch Moureys Ausführungen auf normativen Quellen: deutschen Tanztraktaten vom Beginn des 18. Jahrhunderts. In diesen Schriften wurde dem Tanz sowohl eine ethische als auch eine ästhetische Dimension zugesprochen. Den Autoren, bürgerlichen Tanzmeistern, die sich an eine bürgerliche Leserschaft wandten, sei es, so Mourey, primär um eine Nobilitierung des Tanzes als einer auf rationalen und allgemeingültigen Regeln basierenden Kunst gegangen. Die Charakterisierung des höfischen Tanzes als Inbegriff der Zivilisiertheit, abzusetzen von den unschicklichen Gebärden der Wilden und Bauern, habe auch eine theologische Implikation gehabt: Durch das Einüben einer aufrechten Haltung sollte der Mensch, infolge des Sündenfalls der Verderbnis anheimgefallen, sich auch moralisch wieder aufrichten – ein Topos der gesamten, den Bewegungsformen gewidmeten Traktatliteratur, auf den die meisten Vorträge des Arbeitsgespräches Bezug nahmen. Doch auch noch in einer weiteren Hinsicht bot Moureys Beitrag einen Anknüpfungspunkt zu den übrigen Themen der Tagung. Indem sie darauf verwies, dass der Tanz als komplexes Regelwerk mit einem enormen Repertoire genau kodifizierter Bewegungsformen stark von der auf ganz ähnlichen Prinzipien basierenden actio in der Rhetorik geprägt gewesen sei, konnte ein Bezug zu Dietmar Tills Ausführungen hergestellt werden. In ihren abschließenden Überlegungen verließ Mourey den Bereich des Normativen und zeigte auf, dass der höfische Tanz im Bürgertum der deutschen Länder auch auf vielerlei Widerstände gestoßen sei. So habe sich das Ideal des Galanten nur wenige Jahrzehnte lang halten können, und die eigentliche „Revolution der Körperlichkeit im Tanz“ habe erst der Walzer im 19. Jahrhundert herbeigeführt.

Pia F. Cuneo (Tucson) ging in ihrem Vortrag „Der Körper im Sattel: Funktionen des Reitens in der Körperkultur der Frühen Neuzeit in Deutschland“ von der These aus, dass hippologische Traktate Rückschlüsse auf historisch und sozial spezifische Werte und Ideale im Zusammenhang mit dem menschlichen Körper zuließen. Hippologische Quellen hätten einerseits direkten Praxisbezug gehabt, sich aber auch an jene gewandt, die nicht im Sattel saßen, denn nicht nur die Beherrschung, sondern auch die Beurteilung der Reitkunst habe zum Habitus der Oberschicht gehört. In der Frühen Neuzeit habe man zwischen drei Aspekten des Reitens unterschieden: dem militärischen, dem sozialen sowie dem gesundheitlich-vergnüglichen. Dabei habe der erste in den hippologischen Quellen einen prominenten Platz eingenommen und vor allem der Nobilitierung des Reitens, der Reitlehre und des Pferdezüchtens gedient: Ein guter Reiter rettete den Autoren zufolge nicht nur seinen eigenen Leib, sondern erhielt auch ganze Staaten und Völker. In sozialer Hinsicht habe das Reiten vor allem Wissen, Können und Moralität des Reiters zur Schau stellen sollen. Um ihr eigenes Können hervorzuheben, hätten die Autoren von Reittraktaten begründetes Interesse daran gehabt, das Reiten als eine besonders anspruchsvolle Kunst darzustellen. Hippologische Traktate enthielten daher oft einen regelrechten Katalog sozialer, moralischer und technischer Qualifikationen eines guten Reiters, die erst in ihrer Gesamtheit zum Erfolg führen, nur durch regelmäßige Praxis und ein entsprechendes Vermögen erworben werden konnten und in ihrer Zusammensetzung an die Eigenschaften des idealen Herrschers erinnern. Das Reiten kann daher nach Cuneo auch als eine Metapher für die Herrschaft selbst betrachtet werden. Eng verbunden mit diesem Aspekt sei in den Schriften die gesundheitsfördernde Funktion des Reitens gewesen: So wie der Körper des Reiters im Krieg dazu diene, den politischen Körper des Staates zu erhalten, habe das Reiten nicht zuletzt auch den Zweck, den Körper des Reiters stark und gesund zu halten.

Jacques Gleyse (Montpellier) entwarf in seinem Vortrag über „Body Instrumental Rationalization“ eine Archäologie der Bewegung in der Frühen Neuzeit im Sinne Foucaults. Im Hinblick auf die Frage, wann eine instrumentelle Rationalisierung des Körpers begann, räumte er Vesalius' Schrift "De humanis corporis fabrica" (1543) eine entscheidende Bedeutung ein. Dieses Werk markiere gleichsam eine kopernikanische Wende der Bewegung. Vesalius habe sich bewusst von der Anatomie eines Galen oder Hippokrates abgesetzt und sich als erster wissenschaftlicher Anatom stilisiert, wobei er betont habe, dass eine genaue physiologische Kenntnis dem Menschen die Macht verleihe, seinen eigenen Körper zu gestalten. Dieses androzentrische Weltbild sei das eigentlich "Kopernikanische" und Revolutionäre an Vesalius' Überlegungen, denen sich in der Folge eine Vielzahl von Autoren angeschlossen hätten. Mindestens ebenso wichtig für die Geschichte der instrumentellen Rationalisierung des Körpers wie Vesalius sei der Mathematiker Giovanni Alfonso Borelli. Er habe sich, anders als Vesalius, nicht einer Beschreibung und Analyse des unbeweglichen Körpers gewidmet, sondern, wie Galileo in der Mechanik und basierend auf dessen Erkenntnissen, versucht, die Gesetzmäßigkeiten menschlicher Bewegung zu ermitteln. Mit seiner Überzeugung von der göttlichen und daher heilenden Natur der Mathematik sei er als Wegbereiter der Biomechanik zu sehen. Wie sich die Wahrnehmung des Körpers in der Frühen Neuzeit verändert habe, lasse sich auch am Wandel Darstellungskonventionen in den vorgestellten Traktaten ablesen. Befinde sich der Körper bei Vesalius noch in einem Zustand zwischen in vivo – lebendig – und in vitro – seziert, der wissenschaftlichen Analyse preisgegeben –, werde er später nur noch in jenem letzten Zustand, als Machwerk allein des Menschen dargestellt.

Michael Sikora (Münster), der sich mit der "Mechanisierung des Kriegers" befasste, warf einen innovativen Blick auf einen wichtigen Aspekt der frühneuzeitlichen Heeresgeschichte, die Entwicklung des mit der Oranischen Heeresreform beginnenden Drills. Mit der Einführung des Gewehrs und des stehenden Heeres, so Sikora, hätten sich auch die Körpertechniken des Kriegers gewandelt. Habe die gängige Kriegstaktik in einem Zusammenspiel von Pikenträgern und Schützen bestanden, so sei die Rolle der Schützen im Laufe der Zeit wesentlich wichtiger geworden, womit eine immer breitere Aufstellung des Heeres, aufgeteilt nun nicht mehr in Schlachthaufen, sondern in kleinere Einheiten bei gleichzeitig größerer Flexibilität möglich geworden sei. Diese wachsende Komplexität der Taktik habe eine immer größere Disziplin erfordert, durch die ein ganzes Regiment zu einem Körper habe zusammenwachsen sollen. So sei die Bewegung des einzelnen in den kollektiven Körper verlagert worden. Das System des stehenden Heeres habe immer ausgedehntere Exerzitien und eine immer stärkere Fragmentation der Bewegungsabläufe ermöglicht. Dieser Wandel spiegle sich auch in den Abbildungen der Schriften zur Taktik wieder, bei denen es sich zunehmend um einfigurige Darstellungen handle. Merkwürdig sei auf den ersten Blick, dass hier der Körper nicht in Bewegung, sondern statisch gezeigt werde. Hierin sei – so Sikoras These – ein Bezug auf die Tugend der constantia und damit den in den Niederlanden einflussreichen Neustoizismus zu sehen: Aus zeitgenössischer Sicht hätten die Niederländer nicht nur eine neue militärische Disziplin, sondern auch einen neuen moralischen Kodex durchgesetzt. Der nachhaltige Einfluss der Oranischen Heeresreform resultiere auch aus dem Sieg der Niederlande über die Spanier. Insgesamt stellten die taktischen Traktate den "Krieg der Linien" als geordnet, berechenbar und ästhetisch dar und griffen dabei auf eben jene Metapher der Maschine zurück, mit der auch die Ordnung absoluter Herrschaft so oft beschrieben worden sei. Wenn überhaupt, so Sikora abschließend, sei das Modell des Absolutismus auf dem Schlachtfeld verwirklicht worden.

Janina Wellmann (MPI für Wissenschaftsgeschichte, Berlin) widmete sich in ihrem Vortrag keiner speziellen Bewegungsform. Ihr Interesse galt vielmehr der Darstellung von Bewegung im Bild, und zwar in solchen Abbildungen, die der Instruktion dienen und eine Bewegung in einzelne Momentaufnahmen zerlegen. Doch nicht eine lineare Logik, sondern ein rhythmisches Gesetz liege diesen bildlichen Darstellungen, die Wellmann als „seriell-performative Instruktionsgraphiken“ bezeichnete, zugrunde. Zu den ersten Publikationsformen, in denen derartige Abbildungen auftraten, gehören Fechtbücher des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts. Mit der oranischen Heeresreform kam es dann zu einer explosionsartigen Vermehrung militärischer Traktate. Nicht nur der Drill selbst, auch seine mediale Präsentation musste standardisiert werden. Am Beispiel von Konrad Lavaters Kriegs-Büchlein (1644), das zum Gebrauch direkt auf dem Übungsplatz konzipiert war, zeigte Wellmann, dass in der Sequenz analytisch vereinzelte Positionen wieder zu einer Synthese zusammengefügt werden, sich also im Verhältnis von Bild zu Bild konstituieren. Die Lücke zwischen den einzelnen Darstellungen sei dabei für die Bewegung genauso wesentlich wie das, was gezeigt werde. Hinter der Reihung von Pose und Lücke stehe ein komplexes rhythmisches Muster. Damit dominiere das ästhetische Element; genügend Informationen, um die Bewegung tatsächlich auszuführen, würden nicht gegeben. Solche Abbildungen sind auch im 18. Jh. noch fester Bestandteil der visuellen Kultur von Militärtraktaten und halten sich bis ins 19. Jh. Doch nicht nur dort haben sie ihren festen Platz: Auch in Tanztraktaten und Abhandlungen über Arbeit und Handwerk – prototypisch wirken hier die bildlichen Darstellungen von Handwerken in der „Encyclopédie“ – sind sie zu finden. Insgesamt handle es sich bei dieser Darstellungsform um eine komplexe graphische Erfindung und eine der ersten Formen cinematographischer Techniken. Während die Geschichte des Kinos i. a. an die Geschichte der Produktion geknüpft werde, finde sich in den seriellen Instruktionsgraphiken seine eigentliche epistemische Vorgeschichte.

Heiner Gillmeister (Bonn) interpretierte in seinem Vortrag die Entwicklung des Jeu de Paume und seinen Transfer in die deutschen Länder als Prozess der Zivilisation. Auf Grundlage linguistischer Analysen beschrieb er, wie aus dem der Schlacht verwandten höfischen Turnier der mittelalterliche Fußball – Vorläufer des Jeu de Paume – entstanden sei, der anfangs nicht minder brutal und dem geistlichen Stand deshalb verboten gewesen sei. Dennoch sei er in domestizierter Form auch in den Kreuzgängen der Klöster gespielt worden, die, als das Spiel durch Vermittlung von in Klöstern erzogenen jungen Adligen wieder in die Laienkultur Eingang fand, für die Architektur der mittelalterlichen profanen Tennisanlage Pate gestanden hätten. Nun habe es eine kontinuierliche Verfeinerung erfahren, so dass er sich im Laufe der Zeit zum Jeu de Paume, der Vorform des heutigen Tennis, entwickelt habe. Erhalten geblieben sei jedoch das letztendliche Ziel des Turniers, das Erlangen von Ehre, der Gunst der Damenwelt und das Spielen um einen Preis. Als Vehikel des Transfers diente im Jeu de Paume die französische Sprache, auch dies ein Verweis auf seinen höfischen Ursprung. Maßgeblich verbreitet wurde es über eine umfangreiche Traktatliteratur in Dialogform. Als Beispiel für ein solches Werk stellte Gillmeister die bislang wenig beachteten Gemmulae des Straßburger Sprachlehrers Philippe Garnier aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts vor, die zu Beginn des 17. Jahrhunderts, während der Blütezeit des Jeu de Paume, in zahlreichen Neuauflagen erschienen. Mit dem Niedergang der Traktatliteratur sei auch das Spiel selbst ab der Mitte des 17. Jahrhunderts verfallen, um 1800 in Deutschland schließlich nahezu unbekannt gewesen.

Sandra Schmidt (Köln) beleuchtete in ihrem Vortrag die symbolische Bedeutung der Springkunst (Kubistik) am Beispiel der „Trois dialogues“ des Wiener Hofspringers Archangelo Tuccaro (1599). Einleitend ging Schmidt auf die Geschichte des Begriffs der Kubistik ein, der bereits in der Antike verwandt worden sei. Bei Tuccaros Traktat handle es sich allerdings um die erste Verschriftlichung dieser Bewegungspraxis, weshalb ein wesentlicher Zweck der Schrift in der Nobilitierung der Springkunst bestehe. In der Folge verwies Schmidt auf die Tradition der Kopfüber-Bewegungen, die sich bis in das alte Ägypten zurückverfolgen lasse. Im Mittelalter seien sie von der Kirche als blasphemisch verurteilt, die Akrobaten als soziale Gruppe geächtet gewesen. Im Programm einer militärischen oder höfischen Erziehung habe ihre Kunst keinen Platz gehabt. Daher der Versuch der Nobilitierung in den Trois dialogues, deren Autor seine Kunst mit den etablierten Wissensdiskursen seines Jahrhunderts, v.a. der Geometrie, in Verbindung bringt. Zwar ist bei Tuccaro die bonne grace Vorbedingung für den gelungenen Sprung; diese kann aber nicht allein über die noble Abstammung, sondern muss vielmehr durch ein Wissen um das rechte Maß erworben werden. Für Tuccaro liegt dem perfekten Sprung eine Kreisbewegung zugrunde, was auf die Bedeutung des Kreises als Symbol für die Einheit und Harmonie des Universums verweist; innerhalb der Renaissance-Kosmologie ist die kreisförmige Bewegung allein den Himmelskörpern vorbehalten. Gerade die Betonung der Kreisform zeigt jedoch nach Schmidts Ansicht, wie sehr sich auch Tuccaro noch der Ambivalenz der Bewegungsform bewusst ist, stellt doch der Kreis die in der vollzogenen Umkehrung auf den Kopf gestellte Ordnung wieder her. Diese Ambivalenz des Springens habe es zu einem zentralen Element höfischer Festkultur gemacht, denn auch das Fest lebe von der zeitlich begrenzten Umkehrung der Ordnung, die eben dadurch affirmiert werde.

Der abschließende Vortrag Rebekka von Mallinckrodts warf einen neuen Blick auf die Geschichte des Schwimmens. Die gängige, vom Forschrittsparadigma bestimmte Meistererzählung setze den Beginn des Schwimmens mit dem Aufstieg des Bürgertums um 1800 an: Nachdem die Furcht vor Epidemien am Ende des Spätmittelalters zur Schließung der meisten Badehäuser geführt habe, sei in der Aufklärung der Wert des Wassers für die Gesundheit des Menschen erkannt worden. Nun erst habe sich die Fähigkeit des Schwimmens in breiteren Bevölkerungskreisen durchgesetzt. Mallinckrodt wandte sich auf zweifache Weise gegen diese Meistererzählung. Erstens sei das Schwimmen keineswegs eine „Erfindung“ der Aufklärung: vielmehr gebe es zahlreiche Beweise für die Existenz und Verbreitung vormoderner Schwimmpraktiken. Davon zeugten nicht nur Schwimmtraktate aus voraufklärerischer Zeit, sondern auch die Akten von Lebensrettungsgesellschaften. Am Beispiel von Paris demonstrierte von Mallinckrodt, dass bereits in der Frühen Neuzeit das Schwimmen in allen gesellschaftlichen Schichten verbreitet war. Gerade deshalb ergab sich für das Bürgertum die Notwendigkeit, sich von diesen Praktiken abzusetzen. Anders als die frühneuzeitlichen Praktiken, für die der Aspekt des Vergnügens und der Kunstfertigkeit zentral gewesen sei, habe das Bürgertum das Schwimmen unter das Primat der Nützlichkeit gestellt. Dass trotz der Verbreitung des Schwimmens in Frankreich zeitgleich eine wissenschaftliche Debatte über die Schwimmfähigkeit des Menschen und insbesondere über sein spezifisches Gewicht im Verhältnis zum Wasser ausgetragen wurde, führte Mallinckrodt auf die Vielzahl der Unfälle zurück. Einige Autoren hätten die langfristige Schwimmfähigkeit des Menschen bezweifelt und deshalb „Schwimmmaschinen“ entwickelt. Das „Maschinenschwimmen“ könne jedoch nicht einfach als „vormodern“ klassifiziert werden, sei es doch von den Zeitgenossen durchaus als fortschrittlich empfunden und bis ins 19. Jh. hinein in wissenschaftlichen Kreisen ernsthaft diskutiert worden. –Zweitens seien die Motive für die Gründung von Schwimmschulen keineswegs auf bürgerliche Hygienebestrebungen zu reduzieren. Am Beispiel der ersten, von Barthélemy Turqin eröffneten Schwimmschule in Paris zeigte Mallinckrodt, dass die Stadt der Gründung primär deshalb zustimmte, weil dies ihren eigenen wirtschaftlichen und militärischen Interessen zugute kam. Insgesamt plädierte Mallinckrodt dafür, die gängige Meistererzählung von der Geschichte des Schwimmens zu verwerfen und in einem neuen Metanarrativ die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ zu würdigen.

Insgesamt kann das Arbeitsgespräch als ein erfolgreicher Versuch bezeichnet werden, verschiedene Disziplinen und nationale Wissenschaftstraditionen zum Gespräch über vormoderne Bewegungsformen zusammenzuführen. Hiermit ist ein wichtiger Schritt für die Etablierung einer Geschichte der Körpertechniken getan. Folgen wird dem Gespräch im nächsten Jahr eine von den Teilnehmern konzipierte Ausstellung an der Herzog August Bibliothek, auf die man gespannt sein darf.

Anmerkung:
[1] Mauss, Marcel, Körpertechniken; in: Ders., Soziologie und Anthropologie, Bd. 2, Frankfurt am Main 1989, S. 199–220.

Kontakt

Dr. Volker Bauer

Herzog August Bibliothek Postfach 1364 38299 Wolfenbüttel
forschung@hab.de

Zitation
Tagungsbericht: Bewegtes Leben – Körpertechniken in der Frühen Neuzeit, 12.04.2007 – 13.04.2007 Wolfenbüttel, in: H-Soz-Kult, 01.08.2007, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1644>.