Frauen in der ländlichen Gesellschaft (Jahrestagung der Gesellschaft für Agrargeschichte e. V.)

Ort
Frankfurt am Main
Veranstalter
Gesellschaft für Agrargeschichte e. V.; Barbara Krug-Richter; Martina Schattkowsky
Datum
15.06.2007
Von
Ursula Schlude, Berlin

Aktuelle Tendenzen der Geschlechterforschung in Agrargeschichte und Agrarsoziologie mit dem Fokus auf Frauen waren das Thema der Jahrestagung der Gesellschaft für Agrargeschichte in Frankfurt, die von Barbara Krug-Richter und Martina Schattkowsky vorbereitet und von Martina Schattkowsky geleitet wurde.

Forschungen der letzten Jahre haben die je unterschiedliche und doch verbindende Lebenswelt von Frauen und Männern im ländlichen Raum deutlicher in den Blick genommen. Erkenntnisdefizite sind immer noch zu verzeichnen, so Martina Schattkowsky in ihrer Einleitung, etwa für die Frage der geschlechtsbezogenen Arbeitsteilungen in der bäuerlichen und ländlichen Welt, die variantenreicher zu sein scheint, als man bisher geglaubt hat; Heide Wunder hat dazu Forschungsperspektiven für die Frühe Neuzeit entwickelt. Auch DOROTHEE RIPPMANN (s.u. 1), die auf der Tagung referierte, hat zu diesem Thema für die mittelalterliche Landwirtschaft, etwa im Weinbau, schon Erkenntnisse geliefert, wobei sie bildliche Quellen berücksichtigte. Für die Einschätzung der unterschiedlichen Repräsentation und Geltung der Geschlechter in der ländlichen Gesellschaft sowie in der dörflichen Politik haben neuere Forschungen gezeigt, so Martina Schattkowsky weiter, dass sich eine über Arbeit und ländliche Produktionsweise hinausgehende kulturelle Realität von Frauen auf dem Land durchaus rekonstruieren und benennen lässt. Dennoch haben Vorstellungen, die aus „männlichem“ bzw. modernisierungstheoretischem Blickwinkel generiert sind, immer noch eine Deutungshoheit, etwa wenn die Vergesellschaftung der Frauen, ihre Beziehungen und Einflussmöglichkeiten im frühneuzeitlichen Dorf, als „informelle“ definiert werden, die der Männer hingegen als „formelle“. Auch in der Erforschung der Geschichte der Agrartechnik und des Agrarwissens ist der Geschlechterfokus noch selten. Die Suche nach dem Anteil von Bäuerinnen oder Gutsbesitzerinnen an der Fortschrittsgeschichte der Landwirtschaft ist ein neues Forschungsthema, das für Deutschland maßgeblich von einer Forscherinnengruppe um Heide Inhetveen am Institut für Rurale Entwicklung der Universität Göttingen in Gang gebracht wurde. Die Agrarsoziologin MATHILDE SCHMITT (s.u. 2) berichtete von einem Projekt dieser Arbeitsgruppe.

Wie sich die Geschlechterverhältnisse auf dem Land und die Situation der Bäuerinnen unter dem Einfluss von Modernisierung des dörflichen Lebens und der Marginalisierung der Landwirtschaft verändert haben, wird im Rahmen der Frauenforschung in der Agrarsoziologie schon seit längerem erforscht. Um vielfältige Erkenntnisse der Veränderungen der Verhältnisse in jüngst vergangener Zeit, im wieder geeinten Deutschland, ging es im Vortrag von HEINRICH BECKER (s.u. 3), der die Ergebnisse eines Studienprojekts an der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft in Braunschweig vorstellte.

1. In ihrem Vortrag „Liebe, Geschlechterverhältnis und komplementäre Welten auf dem Land: Überlegungen zum Spätmittelalter“ setzte sich die Mittelalterhistorikerin DOROTHEE RIPPMANN aus Zürich mit den Interpretationsspielräumen einer spätmittelalterlichen Bildquelle auseinander. Die Motive eines Wirkteppichs aus dem oberrheinischen städtischen Raum verhandeln für ein städtisches Publikum Realitäten der ländlichen Welt, die den StadtbürgerInnen um 1460 wohl noch nicht fremd war, sondern als nahe Lebenswelt, allenfalls als komplementär zur Stadt, rezipiert wurde. Die „Informationen“ des in aufeinanderfolgenden Bildszenen gegliederten Wandbehangs lassen sich durchaus historisch, nicht nur kunsthistorisch, auf Reflexionen über „außerbildliche“ Zustände der Zeit beziehen. Die dem Jahreszyklus entsprechend dargestellten Arbeiten der Feldbestellung, beginnend bei der Frühjahrsarbeit, endend mit einem Erntezug, zeigen durchweg das männlich-weibliche Arbeitspaar, das in jeweils gemeinsames Handeln involviert ist, auch in rituelle Handlungen zur Begleitung der Ackerarbeiten, was den Eindruck eines kameradschaftlich-egalitären Verhältnisses entstehen lässt. Es könnte für die Gutheißung der Herauslösung der ländlichen Menschen aus der grundherrschaftlichen familia sprechen, hin zu einer eigenständigeren familiären Lebensform, oder auch für vergleichbare „Paarungs“-Tendenzen in der Stadtgesellschaft, den sozialgeschichtlich feststellbaren „triomphe du couple“ im Spätmittelalter. Zudem lässt die Gestaltung der Arbeitenden als gleichsam zu Bauern gezähmten „Wildleuten“, magische Figuren des finsteren Walds, das Thema des Zerstörens bzw. Zivilisierens wilder Landschaften aufscheinen und hebt so das Lob der bäuerlichen Praxis hervor. Diese steht, so Dorothee Rippmann, bei städtischen BetrachterInnen der Zeit für moralische Werte wie Arbeitsamkeit, Treue, Liebe, aber auch für Spielarten der Minne und Sexualität. Die vielfältige Symbolik kleinster Bildelemente, wie Hecke, Bienenkorb, Erntewagen, unterschiedliche Beerensträucher, bildet zusammen mit den eingewebten Spruchbändern ein dichtes Programm des Dialogs zwischen Stadt und Land und spannenden Stoff für seine Interpretation.

2. In ihrem Vortrag „Agrarpionierinnen im Spannungsfeld von Innovation und Tradition. Frauen in den Agrarwissenschaften zu Beginn des 20. Jahrhunderts“ stellte MATHILDE SCHMITT vom Institut für Rurale Entwicklung in Göttingen ein Forschungsfeld vor - Gender and Science - , das für die Agrarwissensgeschichte noch relativ unbestellt ist, im Unterschied zu Wissenschaftsgeschichten anderer Fächer. Die Göttinger Erforscherinnen der „Agrarpionierinnen“ leisten hier selbst noch Pionierinnenarbeit. Die Agrarwissenschaft hat sich als Fach und als akademische Berufsausbildung mit eigenständigen Fakultäten relativ spät etabliert. Dieser Umstand sowie die hohe Interdisziplinarität der Agrarwissenschaft, die damals wie heute so unterschiedliche Fachdisziplinen wie Volkswirtschaft, Botanik, Chemie, Tierzucht oder Sozialwissenschaft umfasst, waren wohl ausschlaggebend dafür, dass einige in diesen Disziplinen qualifizierte Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts sich hier offenbar leichter als in anderen, schon länger etablierten Fakultäten wissenschaftlich bemerkbar machen konnten. Mathilde Schmitt sieht darin eine Erklärung dafür, dass ausgerechnet in einer der fortschrittlichsten agrarwissenschaftlichen Einrichtungen ihrer Zeit, dem 1914 in Dahlem gegründeten Institut für Vererbungsforschung (Pflanze und Tier) an der Landwirtschaftlichen Hochschule Berlin gleich mehrere Frauen geforscht haben - darunter auch die Genetikerin Elisabeth Schiemann (1881-1972), die aus ganz unterschiedlichen Fachrichtungen kamen. So war das Institut, dem der erste Lehrstuhlinhaber für Genetik, Erwin Baur, vorstand, geradezu ein Kristallisationspunkt weiblicher Forschungsaktivitäten, die auch auf dem Internationalen Genetiker-Kongress 1927 in Berlin zutage kamen. Am Beispiel dieser nur wenige Jahre im Mittelpunkt der deutschen Genetikforschung stehende Gruppe von Forscherinnen ist aber auch nachzuvollziehen, wie prekär die Situation für Frauen in der Wissenschaft war, wenn die politischen bzw. ideologischen Umstände der Zeit sich gegen sie stellten. Als es 1927 zur Gründung eines weit größeren Instituts für genetische Forschung, dem Kaiser-Wilhelm-Institut für Züchtungsforschung in Müncheberg, kam und einige der Frauen aus dem Dahlemer Institut berechtigte Hoffnung auf Leitungsfunktionen haben konnten, zog der Institutsleiter Erwin Baur es diesmal vor, alle wissenschaftlichen Positionen mit jüngeren männlichen Forschern zu besetzen. So scheint dieser Fall ein Beispiel für ein aus anderen historischen Zusammenhängen bekanntes Phänomen zu sein, dass Frauen in Kriegs- und Notzeiten die abwesenden Männer befristet ersetzen (dürfen).

3. HEINRICH BECKER aus Braunschweig präsentierte mit seinem Vortrag „Von traditionellen Lebensmustern zu neuen Herausforderungen: Frauen in ländlichen Räumen von den 1950er-Jahren bis zur Gegenwart“ die Resultate einer breit angelegten Enquete der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft zur Lage der Frauen auf dem Land in Deutschland, die 2006 abgeschlossen wurde. Die Erkenntnisse aus den Befragungen von ca. 1.200 Frauen unterschiedlicher Altersgruppen, Ausbildung und sozialer Stellung in repräsentativ ausgewählten Dörfern aller deutschen Regionen ließen sich auf der Folie einer ähnlichen Enquete des Jahres 1952 zu „Lebensverhältnissen in kleinbäuerlichen Dörfern“ sowie von zwei Folgeuntersuchungen 1972 (nur westdeutsche Dörfer) und 1993-94 (unter Einschluss von Dörfern aus den neuen Bundesländern) zu einem dichten Vergleich bringen. Während in den Befragungen von 1952 die Sorge um ausreichende Lebensmittelversorgung und die Krisenfestigkeit des Kleinbauerntums noch vorherrschende Themen waren und die hygienischen Verhältnisse auf dem Land noch sehr zu wünschen übrig ließen, - in verschiedenen Untersuchungsdörfern gab es noch nicht einmal Wasserleitungen - , zeitigten die Befragungen 2006 die hauptsächliche Sorge der Frauen um die dörfliche Existenzgrundlage und außerdörfliche Arbeitsmöglichkeiten. Etwa 70 % der befragten erwerbstätigen Frauen sind Pendlerinnen. Das Interesse an Erwerbsarbeit außerhalb der Landwirtschaft und des Dorfs verbindet sich durchweg mit der gleichermaßen ausgeprägten Orientierung an der Ehe als dominierendem Familienstand und am Leben in der Familie mit Kindern, wobei nur die Kleinkinderzeit als organisatorisch problemlos angesehen wurde. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die Bereitschaft zu relativer Mobilität sind bei den Frauen auf dem Land Grundorientierungen und zeigen, so Heinrich Becker, ein besonders brisantes Spannungsverhältnis an. Die sozialen Unterschiede in den durch die Befragung erhobenen Lebenssituationen erwiesen sich als relativ groß, im Vergleich mit den homogeneren, insgesamt schlechteren Verhältnissen der 50er Jahre. Die Nettoeinkünfte der befragten Frauen schwankten zwischen 400 bis 3.000 €. Der Zustand der Arbeitslosigkeit wurde von den Frauen in Dörfern der neuen Bundesländer stärker betont bzw. wahrgenommen. Die Selbstwahrnehmung als „Hausfrauen“ war hingegen ein fast ausschließliches Phänomen in Dörfern der alten Bundesländer. Trotz starker Unterschiede in der wirtschaftlichen Situation lässt die Befragung von 2006 auf eine hohe relative Lebenszufriedenheit der Frauen schließen. Die dörfliche Realität wird allerdings vor allem dann als positiv wahrgenommen, wenn im Dorf oder in dessen Nähe Arbeitsplätze vorhanden sind und wenn eine günstige Infrastruktur die Organisation des Alltags erleichtert. Die Erreichbarkeit von Arbeitsplätzen unterschiedlicher Art und Qualifikation erweist sich, so die Schlussfolgerung des Referenten, als die zentrale Herausforderung der Entwicklung in ländlichen Räumen. Dort, wo solche Möglichkeiten nicht gegeben sind, kommt es in einer Art selbst erfüllender Erwartung zu Abwanderungen.

Die Beiträge der Tagung werden in einer der kommenden Ausgaben der Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie (ZAA) veröffentlicht. Die Jahrestagung der GfA 2008 - zum Thema „Erwerbsgartenbau“ - findet im Gartenbaumuseum in Erfurt statt.

Kontakt

Gesellschaft für Agrargeschichte e. V.
DLG-Haus, Eschborner Landstr. 122,
60489 Frankfurt am Main
Vorsitzender: Dr. Dietrich Rieger
Tel. 06031-4326
dietrich@rieger-salve.de

Zitation
Tagungsbericht: Frauen in der ländlichen Gesellschaft (Jahrestagung der Gesellschaft für Agrargeschichte e. V.), 15.06.2007 Frankfurt am Main, in: H-Soz-Kult, 21.09.2007, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1715>.
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Veröffentlicht am
21.09.2007
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