Der Europäer – ein Konstrukt. Wissensbestände und Diskurse

Ort
Berlin
Veranstalter
Kiran Klaus Patel; Veronika Lipphardt; Lorraine Bluche; Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt Universität zu Berlin
Datum
07.09.2007 - 08.09.2007
Von
David Kuchenbuch, Institut für Geschichte, Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg

Die Debatte über die europäische Verfassung und die ihr zugrunde liegenden europäischen Werte, sowie deren Verträglichkeit mit nationalen Interessen kreist um Vorstellungen vom „Europäer“ als Typus, dem spezifische Eigenschaften, Lebensrealitäten und Weltsichten zugeschrieben werden. Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte, interdisziplinäre Projekt „Imagined Europeans“ hat sich das Ziel gesetzt, die Historizität solcher Figurationen des „Europäers“ zu beleuchten.[1] Ein am 7. und 8. September 2007 durch das Teilprojekt „Der Homo Europaeus in Wissenschaft und Politik“ am Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität unter Leitung von Kiran Klaus Patel, Veronika Lipphardt und Lorraine Bluche organisierter Workshop „Der Europäer – ein Konstrukt. Wissensbestände und Diskurse“ sollte erstmals den Blick auf diesen die Vorstellungswelt nicht bloß der Europäer bevölkernden „europäischen Menschen“ richten.[2]

Wie die Einführung der Organisatoren deutlich machte, fokussierten Projekt und Workshop zum einen anti-essentialistisch und sozialkonstruktivistisch auf Vorstellungen vom „Homo Europaeus“ – auf den Europäer als Durchschnittserscheinung, Idealtyp, Repräsentant und Referenzgröße in Wissensbeständen in einem langen 20. Jahrhundert. Ein Schwerpunkt lag dabei auf sich wandelnden kulturellen Annahmen, die solche Wissensbestände vorstrukturierten, also auf den epistemischen Rahmenbedingungen der Rede und des Wissens vom Europäer. Zum anderen und damit verbunden galt es, die Wirksamkeit von Vorstellungen vom Europäer in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zu prüfen, und damit die Sinngebung des „Handelns als Europäer“ und dessen konkrete Beeinflussung einer „gelebten Gemeinschaft“ der Europäer zu untersuchen. Zugrunde lag also die Vermutung, dass verschiedene Wissensformationen in komplexer, konstitutiver Wechselwirkung Imaginationen und Lebenswelten des europäischen Menschen formen. Hervorgehoben wurde diesbezüglich eine Verwandtschaft mit der Theoriebildung um „imagined communities“ in der Moderne. Allerdings lag der Schwerpunkt des Workshops auf dem „Europäer im Singular“, was eine Abgrenzung von der Untersuchung des „nation-building“ einerseits und ideengeschichtlichen Forschungen zur europäischen Identität andererseits notwendig mache.

Der explorative Charakter des interdisziplinär angelegten Workshops bildete sich in der Heterogenität der in den Vorträgen gewählten methodischen Ansätze und untersuchten Perioden, Quellen, Verhandlungsorte und Kulturtechniken ab. In plausibler Schwerpunktbildung befassten sich die Sektionen des Workshops mit der Vorstellung vom Europäer als geschlechtlich und durch Hautfarbe identifizierbares Subjekt der Geschichte, mit Versuchen seiner politischen Nutzbarmachung als Ressource, mit dem Prozess der Formung europäischer Individuen in institutionellen Kontexten, ihrer Naturalisierung in den Biowissenschaften, mit Varianten des Entwurfs vom Europäer in Medien, Reiseberichten, Literatur und Populärkultur, sowie mit seiner Repräsentation auf Ausstellungen.

Die erste Sektion des Workshops widmete sich zwei zentralen Aspekten der Konstituierung des europäischen Menschen: „Weißsein und Gender“. SUSAN ARNDT (Berlin / Frankfurt am Main), die leider nicht selbst anwesend sein konnte, diskutierte in ihrem Paper Transformationen der Kategorisierung von Menschen mittels ihrer Hautfarbe. Ihr ideengeschichtlicher Überblick von der klimatheoretischen Klassifikation und Kopplung des Weißseins an die häusliche Sphäre in der griechischen Polis über die Farbsymbolik im England der frühen Neuzeit zur Verwissenschaftlichung der Beobachtungstechniken von Hautfarbe in den Biowissenschaften des 18. und 19. Jahrhunderts offenbarte, und damit war das Paper ein idealer Einstieg in den Workshop, wie veränderlich das Weißseins als „Marker mentaler und kultureller Differenzen“ und „Merkmal der wertenden Grenzziehung“ war. Die Selbstverortung des durch sein Weißsein bestimmten männlichen Europäers machte SANDRA MASS (Bielefeld) an einem Fallbeispiel fest. Sie zeigte, dass die Kampagne gegen die „schwarze Schmach“ nach dem ersten Weltkrieg, also gegen die Stationierung schwarzer französischer Soldaten in Deutschland 1920-23 als Ausdruck einer Krise europäischer Männlichkeit interpretiert werden kann. Die Kopplung der Vergewaltigung deutscher Frauen an die „vergewaltigte Nation“ etwa sei Teil eines „europäischen Identitätsdiskurses“ gewesen, wie aus der Kritik italienischer und englischer Medien an der französischen Besatzungspolitik ersichtlich werde. Das Bild vom „triebhaften Afrikaner“ diente dabei der Selbstvergewisserung über ein an Triebbeherrschung geknüpftes Zivilisationsverständnis, das durch die Erosion der bürgerlichen Geschlechterordnung destabilisiert worden war. Der anschließende Kommentar JAKOB VOGELS (Berlin) unterstrich, wie bedeutsam die „Otherness“, die Grenzziehung gegenüber und Faszination durch das (koloniale) Andere für die Konstruktion des Europäers war. Allerdings ließen sich die Figur des „Arabers“, aber auch des „Russen“ durch das Weißsein als Differenzierung schwer fassen.

Die zweite Sektion befasste sich mit dem „Europäer als Ressource“. LORRAINE BLUCHE (Berlin) und KIRAN KLAUS PATEL (Berlin / Florenz) beleuchteten die Figur des „bäuerlichen Familienbetriebes“ als Medium transnationaler Selbstvergewisserung nach 1945. Diese stand in einem paradox anmutenden Kontinuum mit dem Niedergang dieser Betriebsform, und war besonders im Dezennium nach der EWG-Konferenz in Stresa 1958 Kernstück der Politik der landwirtschaftlichen Interessenverbände. Der Familienbetrieb versprach eine Balancierung der Moderne und Stabilisierung der Geschlechterrollen, markierte aber auch eine Abgrenzung von der Planwirtschaft und legitimierte eine protektionistische Agrarpolitik. Damit wurde die Landwirtschaft trotz nationaler Unterschiede „Transmissionsriemen“ der Konstruktion des Europäers im Kontext des Bedeutungsverlustes Europas nach dem Zweiten Weltkrieg. Allerdings verhinderte die Symbolik des bäuerlichen Familienbetriebs ein Eindringen der Ökonomisierung in die agrarpolitische Debatte, was sich in einer ineffizienten Mittelvergabe niederschlug, die die Verdrängung der Familienbetriebe beschleunigte. PETRA OVERATH und HEINRICH HARTMANN (Berlin) widmeten sich dem Vorhaben der Deutschen Anthropologischen Gesellschaft, die demografische Verdatung des Europäers im späten 19. Jahrhundert mittels statistischer Vermessungen von Rekruten voranzutreiben, und belegten, dass rassenbiologische Annahmen die Erhebungsverfahren vorstrukturierten, aber auch, wie instabil das statistische Wissen um die europäischen Bevölkerungen war. Dies, so die Referenten, ebnete der Anpassung wissenschaftlicher Annahmen über den Europäer an politisch-ideologische Diskurse den Weg. Hartmann analysierte die Versuche des Bevölkerungswissenschaftlers Roderich von Ungern-Sternberg, den Bevölkerungsrückgang in Europa in den 1930er Jahren über die „rassische“ Prädisponiertheit des Reproduktionsverhaltens der „Europiden“ – etwa deren „streberische Gesinnung“ – zu erklären. Wie der Kommentar von HELMUTH TRISCHLER (München) betonte, ließen sich die Vorträge der Sektion mit Mitchell Ashs These von Wissenschaft und Politik als Ressourcen für einander fassen. Das Bemühen der Akteure, in den modernen Wissensgesellschaften Resonanz zu erlangen förderte die wechselseitige Durchdringung der Wissensbestände vom Europäer.

Die darauf folgende Sektion befasste sich mit den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten „Europäer zu werden“. J. ERIKA VON RAUTENFELD (Erlangen / Nürnberg) kennzeichnete die bildungspolitische Programmatik der europäischen Kommission – Konzepte wie „lebenslanges Lernen“, „Beschäftigungsfähigkeit“ und „Schlüsselkompetenzen“ – als wissenspolitisches Regime, das direkt auf den Subjektivierungsprozess abzielt. Der Imperativ an den „lernenden Europäer“, sich mittels Arbeit am „unternehmerischen Selbst“ den Bedingungen des Markts anzupassen, wird hier zur europäischen Tugend. Von Rautenfeld veranschaulichte, wie die ökonomische Operationalisierung der bildungspolitischen Ziele der EU und deren Legitimierungsabsichten – etwa im Rekurs auf Werte wie Gleichstellung, Dialog, Identifikation mit Europa – zusammenfallen. KERSTIN POEHLS (Berlin) untersuchte das performative „enactment“ der „europeannes“ in den Praktiken der Studenten und Dozenten der Europakollegs in Brügge und Natolin. Hier wird die Verwaltungselite der EU ausgebildet, aber auch ein zur Behauptung im Milieu der EU-Einrichtungen notwendiges informelles Wissen über Verhaltens- und Kommunikationskonventionen eingelernt. Die Rituale des Zusammenlebens an den Kollegs prägt eine ambivalent-spielerische Nutzung nationaler und „EUropäischer“ Symboliken. Allerdings reproduzieren die Akteure innerhalb dieser exemplifizierten europäischen Integration verbreitete Statushierarchien – zwischen den Sprachen und Geschlechtern, aber auch zwischen Ost- und Westeuropa. MARTIN REMPE (Berlin) nahm mit den EWG-Praktikantenprogrammen der 1960er Jahre für afrikanische Beamte die entwicklungspolitische Expertise und ihren „kulturmissionarischen Rassismus“ in den Blick. Neben den personellen Kontinuitäten von der spätkolonialen Politik zur Entwicklungshilfe interessierten hier die Inhalte der Programme, aber auch die Erfolgserwartungen der Ausbilder. Dem Zweifel, den diese gegenüber der „Rationalität“ der Afrikaner als „Agents de Liaison“ hegten, der etwa in der Vermittlung der „Wertschätzung von Lohnarbeit“ zum Ausdruck kam, standen Besichtigungen gegenüber, die den Praktikanten Bilder eines hoch industrialisierten, erfolgreichen Europas vermittelten. In seinem Kommentar hob HELMUT ZANDER (Berlin) hervor, dass auf Verhandlungen des Europäers häufig der lange Schatten des Nationalstaates ruhe und plädierte für eine wertneutrale Analyse solcher historischer Orientierungen.

Dem „Werden“ des Europäers stellte die nächste Sektion sein „Sein“ gegenüber. VERONIKA LIPPHARDT (Berlin) fragte nach der wechselseitigen Beeinflussung populären und wissenschaftlichen Wissens um die „Humandiversität“ seit der frühen Neuzeit. Am Beispiel von Zeitschriften der Tropenmedizin um 1900 argumentierte sie, dass die Kategorien „weiß“ und „europäisch“ im kolonialen Kontext nicht deckungsgleich waren, sondern dass vielmehr „weiß sein und europäisch leben“ als Distinktionsmerkmale dienten. Lipphardt analysierte Kartierungstechniken und Methoden der Probandengruppierung der Tropenmedizin und beleuchtete, wie die gelebte sozialräumliche Segregation zwischen Europäern und „Eingeborenen“ Evidenzen ihrer wissenschaftlichen Differenzierung erzeugte. MYRIAM SPÖRRI (Zürich) untersuchte die Seroanthropologie des Ehepaars Hirszfeld der 1920er Jahre. Sie zeigte, dass sowohl in der Methodik der Erfassung der Blutbilder von Soldaten im ersten Weltkrieg, als auch in den graphischen Darstellungsverfahren der Verteilung der Blutgruppen rassistische Stereotype aktualisiert wurden. Die innereuropäische Ungleichverteilung zwischen dem vermeintlich im Norden lokalisierbaren Bluttyp A und dem südlich und östlich vertretenen Typ B erschien den Forschern als Folge einer „Rassenvermischung“. Gleichzeitig wurden ein „rassisches“ Wertgefälle innerhalb Europas, sowie eine Überlagerung der Kategorien „nordisch“ und „europäisch“ produziert. ULRICH PREHN (Hamburg) machte in seinem Kommentar darauf aufmerksam, welche Ambivalenzen bei Einbeziehung des „Amerikaners“ in solche Diskurse, aber auch angesichts von Hierarchisierungen innerhalb der europäischen „Dominanzkulturen“ entstünden. An die Sektionen des ersten Tages schloss sich die Diskussion eines Kurzfilms von Judith Albrecht an, der Interviews mit Menschen, die direkt in Kulturtransfers involviert sind, zeigte.

Die ersten beiden Themenbereiche des zweiten Tages befassten sich mit „Entwürfen und Gegenentwürfen des Europäers“, wobei hier ein Schwerpunkt auf der Konstruktion des Ost- und Südosteuropäischen lag. BENJAMIN BEUERLES (Berlin) Lektüre der Reiseberichte russischer Eliten 1855-1917 auf Beschreibungen der Eigenschaften des Europäers hin förderte eine Aufmerksamkeit für dessen Bürgerlichkeit zu Tage. Beuerle interpretierte diese Zuschreibung als Folge der russischen Europäisierungspolitik und der durch sie angestoßenen sozialen Stratifizierung, die zu einer Wahrnehmung der agrarischen Bevölkerung und des niederen Beamtentums als rückständig, ungebildet und bäuerlich, sowie zu einer Eigenwahrnehmung als kosmopolitische Oberschicht führte, die sich in gewisser Weise als „europäischer als die Europäer“ empfunden habe. JOSÉ FARALDO (Potsdam) zeichnete in seinem assoziativen Vortrag ausgehend vom literarischen und politischen Topos der „Rückkehr nach Europa“ in den postsozialistischen Gesellschaften Ambivalenzen der Abgrenzung von „Russland“ nach. Er zeigte aber auch, dass gerade an den Peripherien Europas seit der Aufklärung die Debatte um Europa als Kampf um „Autochtonismus und Europäismus“ geführt wurde. Das Nationale war Filter des Europäisierungsprozesses, die „Indigenisierung“ des Modernisierungsdiskurses gleichzeitig konstitutiver Bestandteil einer Selbstdeutung, die das Bild vom nachahmenden Modernisierungsverlauf nach „westlichem“ Vorbild verkompliziert. STEPHAN MALINOWSKIS (Berlin) Kommentar lobte die vorgenommene
geographische Erweiterung und vertiefte die Beobachtung, dass Selbstbeschreibungen an den Randzonen Europas oft zwischen dem Postulat einer mangelhaften und einer „anderen Europäizität“ schwankten. Malinowski fragte aber auch nach dem Antagonismus von „westlich“ und „europäisch“ also der Rolle des „Amerikanischen“ als Modernisierungsvorbild besonders nach 1945.

Konkreter spezifischen Europäern widmeten sich die Papers MIRANDA JAKIŠAS (Berlin) und KORNELIA KO?CZALS (Berlin). Der „Homo Balkanicus“, dessen prekäre Europäizität Jakiša am Beispiel von literarischen Texten aus Bulgarien, Bosnien und Kroatien, aber auch seiner popkulturellen Vermarktung in Westeuropa beleuchtete, exemplifiziert die Komplexität der Grenzziehungsvorgänge im inneren Europas. Deutlich wurde, wie die Bewohner dieses geographisch schwer lokalisierbaren „Schwellenraums zum Nichteuropäischen“ sich selbst unter Bezugnahme auf ein stereotypes „Balkanwissen“ im Modus des ironischen Kommentars betrachten. Ko?czal untersuchte die Figur des "plombier polonais" in der medialen und politischen Debatte in Frankreich als Personalisierung von Ängsten in der Folge der Liberalisierung des EU-Arbeitsmarktes nach der Bolkestein-Richtlinie 2006. Sie schilderte deren Kopplung mit Ost-West-Bedrohungsszenarien in der französischen Imagination und zeigte, wie Bedeutungsüberschüsse der Figur in der Werbung der Tourismusindustrie humoristisch nutzbar gemacht werden. ASTA VONDERAUS (Berlin) Kommentar thematisierte die Verortung der Ost- und Südosteuropäer „in europe, but not of europe“ und diskutierte wissenschaftliche Strategien der Überwindung solcher Marginalisierungen.

Die letzte Sektion hatte den „kultivierten und repräsentierten“ Europäer zum Thema. KRISTINA STARKLOFF (Leipzig) befasste sich mit den anthropologischen und Kolonialabteilungen der Weltausstellungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts und mit deren „Eingeborenendörfern“ und „orientalischen Straßenzügen“ – also inszenierten Gegenüberstellungen des Europäischen und seines „primitiven“ Anderen, die eine Verpflichtung zur Zivilisierung des Letzteren suggerierten. Starkloff sah die Ausstellungen als Ressource und Forum für Anthropologen und deutete sie als Medium der Selbstvergewisserung im Kontext eines beunruhigenden Modernisierungsprozesses. HANSJAKOB ZIEMER (Leipzig) setzte sich mit der Ausstellung „Musik im Leben der Völker“ in Köln 1927 und der zeitgleichen Dezentrierung des „musikalischen Europäers“ durch die vergleichende Musikwissenschaft auseinander. Während die Ausstellung ein Nebeneinander verschiedener Musikdefinitionen inszenierte, was auch eine ethnographische Abteilung mit Darstellungen außereuropäischer Musizierpraktiken ermöglichte, begannen Musikwissenschaftler wie Erich Moritz von Hornbostel mit naturwissenschaftlicher Methodik kulturell verschiedene „Musiksysteme“ zu untersuchen und nahmen Abstand von der Universalisierung der Charakteristika „europäischer“ Musik. Allerdings hatte dies geringe Konsequenzen für die Hörpraktiken bzw. für die Persistenz der Zuschreibung europäischer Musikalität. ANJA LAUKÖTTERS (Berlin) Kommentar stellte zur Debatte, ob sich das „Europäische“ nicht in der Regel mit dem „Vertrauten“ identifizieren ließe.

Die Schlussdiskussion fokussierte auf im Workshop unterrepräsentierte Aspekte der Konstruktion des „Homo Europaeus“. Süd- und nordeuropäische Perspektiven, das Verhältnis von „Westen“, USA und Europa, die Bedeutung der Religionen, aber auch der europäischen Juden als Exponenten einer Transnationalität, die sich im Laufe des 20. Jahrhunderts vom Signum der Andersartigkeit zur europäischen Tugend gewandelt hat, wurden hier neben Topoi wie Europakritik, Medien und Sprache genannt. Auch Alltagspraktiken im Sinne eines „banalen Europäismus“ seien untersuchenswert, wie Kiran Klaus Patel in Anlehnung an Michael Billigs „banal nationalism“ zu Bedenken gab. Patel resümierte, im Workshop hätte methodisch die Untersuchung wechselseitiger Indienstnahmen von Wissensfeldern dominiert. Überzeugend habe belegt werden können, dass Determinanten wissenschaftlicher Versuchsanordnungen im Alltagswissen um den Europäer verortet waren. Damit gerieten, so auch Ulrich Prehns Kommentar, Erfahrungen als „Korrelate der Fakten“ in den Blick. Der Versuch einer Geschichte des Europäers im Wandel ließe sich, so Patel weiter, lediglich als „flaches Narrativ“ formulieren. Der Bedeutungsverlust seiner rassistischen Definition des Europäers und seine Pluralisierung und Ironisierung ließen sich als Verschiebung von der Grenzziehung zu einem Gefälle der Europäizität beschreiben. Allerdings müssten eingehender Konjunkturen der Semantik des Europäers und die Rolle von Krisen und Kontaktzonen für die Sichtbarkeit von Differenz und deren, so Jakob Vogel, „schwankende Kategorisierungen“ untersucht werden. Deutlich geworden sei, wie instabil die Kriterien des „becoming european“ zwischen einem „Werden, was man ist“ und einer „defizitären Europäizität“ seien.

Insgesamt kann der Workshop als gelungener Einstieg in ein wichtiges und weit gehend unbearbeitetes Thema betrachtet werden.[3] Das Nebeneinander unterschiedlicher Perspektiven auf den Europäer ermöglichte eine angeregte, Denkanstöße fördernde Diskussion. Dem stand eine verzeihliche, dem Pioniercharakter der Veranstaltung geschuldete inhaltliche Unschärfe gegenüber, die eine „multiple Persönlichkeit“ des Europäers (Patel) sichtbar machte. Stärker problematisiert werden können hätte die Schwierigkeit, sich mit diesem zu befassen, ohne sich in einen bestehenden Europadiskurs einzuschreiben. Hier wäre das von Helmut Zander aufgeworfene Problem der „Dialektik notwendiger Orientierungen“ ein Einstieg gewesen. Anzumerken ist, dass der Diskussion gelegentlich der „Europäer im Singular“ als Bezugsgröße verloren ging. Interessant wäre es, nach dem spezifisch Europäischen am Vorgang der Subjektivierung zu fragen. Die von Sandra Maß angemahnte Beschäftigung mit der romantischen Liebe als „Europaeikum“ wäre hier zu nennen, aber auch die Frage, wie sich das europäische Subjekt formiert, wie es wissenschaftlich konturiert und konstruiert und politisch nutzbar gemacht wird. Wie verhält sich das europäische Subjekt zum außereuropäischen „Objekt“, aber auch zum angstbesetzten Fremden im Eigenen – der Masse?

Anmerkungen:
[1] Eine ausführliche Projektbeschreibung, ein Zeitplan und Personelles finden sich unter <http://www.imagined-europeans.org> (27.09.2007). Die transparente Präsentation und Außendarstellung des Projekts ist als vorbildlich zu bezeichnen.
[2] Ein weiterer Workshop „Der Europäer - ein Konstrukt an der Schnittstelle zwischen Technik und Konsum“ folgt am 4.-5. Oktober 2007 am Münchner Zentrum für Wissenschafts- und Technikgeschichte.
[3] Zur Zeit ist noch unklar, ob die Beiträge gesammelt publiziert werden.

Zitation
Tagungsbericht: Der Europäer – ein Konstrukt. Wissensbestände und Diskurse, 07.09.2007 – 08.09.2007 Berlin, in: H-Soz-Kult, 28.09.2007, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1717>.