5. Ost-westeuropäisches Gedenkstättenseminar in Krzyzowa (Kreisau)

Ort
Kreisau/Krzyzowa
Veranstalter
Gedenkstätte der Stiftung Kreisau; Evangelische Akademie zu Berlin; Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
Datum
19.04.2007 - 21.04.2007
Von
Petra Haustein, Freie Universität Berlin

Vom 19.-21. April 2007 fand das ost- westeuropäische Gedenkstättenseminar in Kreisau (Krzyzowa, Polen) zum fünften Mal statt. Eingeladen hatten die Gedenkstätte der Stiftung Kreisau, die Evangelische Akademie zu Berlin und die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. In diesem Jahr widmete es sich den vielfältigen erinnerungskulturellen und geschichtspolitischen Konflikten, die ihre Ursprünge in einer gemeinsamen, jedoch oftmals national unterschiedlich bzw. gegensätzlich interpretierten Vergangenheit haben. Im Mittelpunkt des Interesses stand auch dieses Mal wieder die konkrete Arbeit in Museen, Ausstellungen und der Bildungsarbeit. Zu den Teilnehmenden gehörten Vertreter von Museen und Gedenkstätten aus Polen, Ungarn, Weißrussland, Russland, der Ukraine sowie des Polnischen Instituts des nationalen Gedenkens (IPN).

1. Sektion: „Unterschiedliche Wahrnehmung der Totalitarismen des 20. Jahrhunderts in Europa“ (19. April 2007, vormittags)
Den Auftakt der Tagung bildete ein DIA-Vortrag von ANNA KAMINSKY (Stiftung Aufarbeitung, Berlin), in dem sie veranschaulichte, wie sich die Erinnerung an die Verfolgung im kommunistischen Machtbereich in Form von Denkmälern, Ausstellungen und Museen seit 1990 materialisiert hat. In den USA und in Westeuropa sei das Interesse an der Erinnerung an die Berliner Mauer, den Kalten Krieg und die Überwindung der deutschen Teilung als Erfolgsgeschichte seit 1989 schlagartig gewachsen. In Russland hingegen schlagen sich seit einigen Jahren Tendenzen in der Mahnmalsgestaltung nieder, die positiv Bezug auf die Stalinära nehmen. Doch auch Inhalte und Formen zur Erinnerung und Würdigung der Opfer stalinistischer Verfolgung erschienen aus deutscher Sicht oftmals als kritikwürdig. Hier, so Kaminsky, seien jedoch nicht nur die jeweiligen Mahnmale und Museen zu kritisieren, sondern die eigenen westlich geprägten Maßstäbe zu überprüfen. Als Beispiel für diese aufeinanderprallenden Rezeptionsgewohnheiten führte Kaminsky den Besuch einer Studentengruppe aus Jena im Genozid-Museum in Vilnius (Litauen) und deren Kritik an Inhalt und Formen der Ausstellung an. Die Studenten seien der Auffassung gewesen, die NS-Verbrechen würden entkontextualisiert und die Kollaboration in Litauen mit den deutschen Besatzern sei unerwähnt geblieben.[1] Es sei jedoch damit umzugehen, dass das Bildgedächtnis zu beiden Verbrechenskomplexen eindeutige Parallelen aufweise. Darüber hinaus gab Kaminsky zu bedenken, dass eine eindeutige Trennung zwischen Opfern und Tätern, so schwer diese bereits im Hinblick auf den Nationalsozialismus zu ziehen sei, bei stalinistischen Verbrechen überhaupt nicht möglich sei. Durch die Säuberungen und Selbstsäuberungen des Verfolgungsapparates habe es in fast jeder Familie sowohl Opfer- als auch Täterbiographien gegeben bzw. seien ehemalige Täter zu Opfern geworden und umgekehrt.

Zwei Diktaturerfahrungen in einer Ausstellung. Beispiele aus Mitteleuropa
ZUZANNA BOGUMIL vom Haus der Begegnung mit der Geschichte (Dom Spotkań z Historia) in Warschau referierte über die Ausstellung des Hauses - „Oblicze totaliratyzmu“ – das Antlitz des Totalitarismus , die auch in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin gezeigt wird. Im Mittelpunkt der Präsentation stünden der individuelle Mensch und die Auswirkungen von Totalitarismus auf dessen Leben. Gezeigt würden sowohl die polnische als auch die deutsche und die russische Perspektive auf historische Ereignisse und Entwicklungen. An einigen Punkten der Ausstellung hätten sich Kontroversen entzündet. So hätten insbesondere deutsche Vertreter kritisiert, durch die gewählten Inhalte und Formen der Darstellung könnten die NS-Verbrechen relativiert werden. Allerdings sei diese Kritik lediglich im Vorfeld der Realisierung geäußert worden und nach Fertigstellung der Schau verstummt. Ebenso habe es sich mit der Vermutung, hier würden beide Systeme gleichgesetzt, verhalten. Weitere Bedenken hätten sich daran entzündet, dass der Aufstand im Warschauer Ghetto 1943 nicht erwähnt worden sei. Dieser Einwand sei zwar in seiner Absolutheit nicht zutreffend, doch sei der Aufstand in seiner Bedeutung zu wenig gewürdigt worden. Hier würden zur Zeit Ergänzungen vorgenommen. Die in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin erarbeiteten Ergänzungen und Veränderungen bezögen sich, so Bogumil, vor allem auf die Erläuterung historischer Kontexte zur Vermeidung von Konflikten im Vorfeld.

Im Anschluss stellte ÁRON MÁTHÉ das „Haus des Terrors“ in Budapest (Ungarn) vor. An diesem Ort befand sich in dem Haus in der Andrassy ut. 60 im Jahr 1944 das Hauptquartier der ungarischen Nationalsozialisten, der sog. Pfeilkreuzler. Von 1945 bis 1956 war das Gebäude Sitz des sowjetischen Geheimdienstes und abermals Stätte von Folter und Repression. Gegenwärtig, so Máthé, versuchten die Postkommunisten, durch das Erlangen der Deutungshoheit über die Vergangenheit das Heute zu prägen. Deshalb sei es ein wesentliches Ziel des Hauses, Verbrechen und Straftaten unter kommunistischer Herrschaft öffentlich zu benennen. Es diene der Erinnerung an die Gefolterten, Erniedrigten und Deportierten in der nationalsozialistischen und der kommunistischen Diktatur. Die Ausstellung habe zahlreiche Diskussionen ausgelöst. Ohne diese Ausführungen zu vertiefen, wies Máthé insbesondere auf die problematische Aktenlage hin; erst in den letzten Jahren hätten wichtige Quellen erschlossen werden können.

Auf die in der Diskussion von einer deutschen Teilnehmerin gestellte Frage reagierend, ob bzw. in welcher Weise zwischen den ideologischen Grundlagen der deutschen Besatzung einerseits, der sowjetischen andererseits differenziert werde, führte der Referent aus, dass hier keine Differenzierung stattfinde. Lediglich die Ergebnisse der Repression würden gezeigt. Bei den Zellen handle es sich um Rekonstruktionen, deren Inventar teilweise aus anderen Gefängnissen zusammengetragen worden sei. Dies forderte die Diskussion über die Angemessenheit von Rekonstruktionen heraus. Es wurden deutliche Zweifel über die Legitimität eines solchen Verfahrens laut, zumal es sich bei dem ungarischen Beispiel weniger um Rekonstruktionen von Orten als um Geschichtskonstrukte handeln würde, die, begleitet von einer dauerhaften akustischen Begleitung, das Ziel einer umfassenden Emotionalisierung des Besuchers verfolgten. Es gäbe, so einige mit der Ausstellung vertraute Diskutanten, keinerlei Möglichkeit zum reflektierenden Rückzug. Der Holocaust würde ausgeblendet, die Ausstellung wirke suggestiv. Die Warschauer Ausstellung hingegen lasse durch ihre zurückhaltende Gestaltung bedeutend mehr Freiheit in der Interpretation zu.

Reaktionen auf das Gedenken an den GULAG in der ehemaligen Sowjetunion (21. April 2007, nachmittags)
Der am Nachmittag präsentierte Film „Freiwillig in Stalins GULAG. Junge Deutsche restaurieren ein russisches Straflager“ von Andreas Restle und Georg Maus sorgte für eine kontroverse Diskussion. Die Regisseure hatten eine Gruppe deutscher Jugendlicher in das ehemalige sowjetische Straflager Perm 36 begleitet. Von der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste vorbereitet, sollten sie dort gemeinsam mit russischen Jugendlichen die dortige Gedenkstätte (getragen von der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial) bei der Rekonstruktion des ehemaligen sowjetischen Straflagers unterstützen, indem sie einen Lagerzaun rekonstruierten. Das Lager existierte dort bis zum Ende der Sowjetunion und war u.a. Haftort für Dissidenten in den 1980er Jahren wie den Gefährten von Andrej Sacharow, Sergej Adamowitsch Kowaljow. Während des vierzehntägigen Projektes wurden die Jugendlichen zu ihrer großen Irritation mit einem ehemaligen Wärter des Lagers konfrontiert, der im Auftrag von Memorial in der Gedenkstätte Aufsicht führte und leugnete, dass hier jemals jemand schlecht behandelt worden sei. Weitaus schwerer wog darüber hinaus, dass ehemalige Häftlinge und Dissidenten des Regimes (unter ihnen der ehemalige Menschenrechtsbeauftragte Kowaljow) die Beschäftigung dieses ehemaligen Wärters in der Gedenkstätte vehement verteidigten, ja, den Jugendlichen mangelndes Demokratieverständnis vorwarfen, wenn sie gegenteiliger Meinung seien. Die Begegnung mit den Dissidenten hatten die Jugendlichen mit Enthusiasmus und Spannung erwartet und fühlten sich nach dieser unerwarteten Reaktion nicht länger ernst genommen. Der Kommentator des Films sprach von einem „falsch verstandenen Idealismus in einem fremden Lande“, der seine Ursachen offenbar in sehr unterschiedlichen Zugängen zur Geschichte von Deutschen und Russen zu haben scheine.

In der Folge ergab sich eine Diskussion mit kontroversen Standpunkten zum Umgang mit ehemals in das System Verstrickten und der Arbeit in Gedenkstätten allgemein. Die Leiterin des Museums Perm 36 TATJANA KURSINA versuchte, die Haltung von Memorial zur Beschäftigung des ehemaligen Angehörigen der Wachmannschaft in der Gedenkstätte zu erklären: Mitte der 1990er Jahre habe es durchaus Interesse der russischen Öffentlichkeit an der Aufarbeitung der Repressionsgeschichte gegeben. Allerdings gäbe es kaum Wissen über die reale Geschichte. Nach wie vor bewerteten ca. 60% der Bevölkerung die Stalin-Ära positiv. Sie selbst verlieh ihrer Meinung Ausdruck, der ehemalige Wärter, der als Angehöriger der Streitkräfte nicht unmittelbar in der Struktur der KGB beschäftigt gewesen sei, sei schlicht faul gewesen, ein kleines Rädchen im Getriebe, der sich keine Beteiligung an Misshandlungen habe zuschulden kommen lassen. Ehemalige Häftlinge hätten das moralische Recht selbst zu entscheiden, ob sie ihm die Hand reichten oder nicht. Tatsächlich sei nicht gefoltert worden, die deutschen Jugendlichen hätten wohl angenommen, es habe sich um ein Vernichtungslager gehandelt. Der ehemalige Wärter gäbe Zeugnis ab, niemand habe ihn bisher in Frage gestellt. Nachdem auch ELENA SHEMKOVA (Memorial) im Wesentlichen die Museumsleiterin bestätigte, entspann sich eine lebhafte Diskussion über die offensichtlich mangelnde Vor- und Nachbereitung eines solchen Projekts durch die Veranstalter. Grundsätzlich stelle sich die Frage, ob dem ehemaligen Wärter eine Arbeit in der Gedenkstätte zustehe oder nicht. Schließlich, so die Mehrheit der deutschen Diskutanten, stelle er mit seinen Aussagen die Arbeit der Gedenkstätte grundsätzlich in Frage. Nicht zuletzt bleiben die Fragen, ob nur Taten von verbrecherischem Ausmaß moralisch zu verurteilen seien, wo Verantwortung beginnt und wie Gedenkstätten mit den Mehrheitsmeinungen innerhalb der Bevölkerung umgehen können.

Fotografische Dokumente des GULAG-Systems: Tomasz Kizny (Wroclaw/Berlin): Erinnerung und Bild
Am Abend hielt der Breslauer Fotograf TOMASZ KIZNY einen aufschlussreichen Vortrag über die bildliche Erinnerung an den GULag. Kizny gründete 1981 gemeinsam mit Freunden die staatsunabhängige Agentur „dementi“, die sich die fotografische Dokumentation des Kriegszustands in Niederschlesien zur Aufgabe machte. Seit 1986 sammelte er, unterstützt von der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial und dem Warschauer Zentrum KARTA, in staatlichen und privaten Sammlungen Archivmaterial. Er traf sich mit ehemaligen Häftlingen, notierte ihre Berichte und fotografierte Überlebende. Vor allem aber reiste er an einige der wichtigsten Orte des „GULag“ – auf die Solowezki-Inseln, an den Weißmeerkanal, nach Workuta, zur Halbinsel Kolyma. Es entstanden mehrere große Fotoserien der Hinterlassenschaften des Gulag, die zusammen mit Archivmaterial in dem Band „Gulag“ (Hamburger Edition 2004) publiziert sind.

Die Frage, inwieweit die zunächst aus Tätersicht zu Propagandazwecken erstellten Fotografien eine Annäherung an die Wirklichkeit, das Leiden und Sterben in den Lagern vermitteln können, zog sich wie ein roter Faden durch seine Darstellung. Im Hinblick auf die zeitgenössischen Fotografien ließen sich unterschiedliche Kategorien von Bildern unterscheiden: Eindeutige Propagandabilder, dokumentarische Abbildungen, Bilder zur Erinnerung für Täter sowie Fotografien, die nach der Entlassung von Häftlingen entstanden seien. Für die Abbildungen des GULag würde fast ausnahmslos gelten, dass sie unter der Kontrolle des Herrschaftsapparates entstanden seien. Aus diesem Grunde würden sie das tatsächliche Grauen in den Lagern überhaupt nicht zeigen. Ebenso wenig existierten Fotos über den Alltag im Lager oder von Transporten der Deportierten in Viehwaggons bzw. die katastrophalen hygienischen Bedingungen. Als ein Beispiel unter vielen für die Zensur zeigte er Fotografien vom Bau des sog. Toten Weges, einer großen, vom Polarkreis ausgehenden Eisenbahnlinie, die vollkommen sinnlos gewesen sei, deren Bau jedoch mit dem Einsatz von Sklavenarbeit unter Befehl Stalins in Angriff genommen worden war. Erst nach dessen Tod sei das Projekt eingestellt worden. Im russischen Sprachgebrauch diene „der tote Weg“ als Allegorie für die Sinnlosigkeit der Zwangsarbeit, des Leidens und Sterbens in den Lagern.

2. Sektion: Forum historisch-politischer Bildungsarbeit (Freitag, 20. April, vormittags)
Dreh- und Angelpunkt des im folgenden von ANNA PASTUKHOVA und YURI KALMYKOV vorgestellten Projekts von Memorial Jekaterinburg ist die Dekonstruktion des Mythos um den Bauernsohn Pavlik Morosov. Dieser, so die reale Geschichte[2] , hatte seinen Vater denunziert und ging für Jahrzehnte als Vorbild für die Jugend in die sowjetische Geschichte ein. Des weiteren wurde erzählt, der Junge sollte aus Rache für diese Denunziation von Familienmitgliedern ermordet werden. Solche Denunziationspraktiken, so die Propaganda, seien im Sinne des Ganzen wünschenswert gewesen, Pawel Morosov ein Held. Tatsächlich sei der Junge weder, wie im Mythos behauptet, Pionier gewesen, noch habe es in dem sehr armen Dorf überhaupt Kulaken gegeben, geschweige denn eine Schule, in die er angeblich gegangen sein sollte. Allerdings habe es wirklich zwei Morde an Jugendlichen in dem Dorf gegeben, denen ein Schauprozess mit der Verurteilung von Unschuldigen folgte. Pastukhova führte weiter aus, die Figur Morosov sei von großer Bedeutung für die Unterdrückung der Jugend in der Sowjetunion und für die Geschichte der Kollektivierung der Landwirtschaft, für deren Realisierung massiver Druck ausgeübt worden sei. Daraufhin stellte Kalmykov das Museumsprojekt anhand einer Darstellung auf CD-Rom vor: Ein Rotes Rad als wiederholt in der Ausstellung erscheinendes Symbol steht in Anlehnung an Solschenizyn für Repression. Eine Präsentation der Ausstellung in vier Räumen des vermeintlich ehemaligen Schulgebäudes ist in Planung, u.a. wird der historische Kontext, in dem Pavlik Morosov aufwuchs, dargestellt. Wesentlich sei, dass Morosov nach wie vor unterschiedlich wahrgenommen werde: Als Opfer einer Familienfehde oder als instrumentalisierter Denunziant für das Pressen der Bauern zur Kollektivierung.

Nicht nur aus Gründen der sehr lückenhaften Aktenlage, die keine eindeutige Interpretation zuließe, sondern auch aus didaktischen Erwägungen heraus, ist das Museum von der Idee einer weitgehenden Interpretationsoffenheit getragen, zeigt explizit verschiedene Perspektiven auf die Geschichte, um Besuchern eigene Interpretationen zu ermöglichen - eine Herangehensweise, die die Tagungsteilnehmer sehr beeindruckte und zur Diskussion über Möglichkeiten der Übertragung auf die Darstellung anderer historischer Themen anregte.

Die Ausstellung „Vernichtung der polnischen Eliten. Die Aktion AB – Katyn
Der Fokus des Vortrags von LESZEK RYSAK (IPN Warschau) lag auf der Veranschaulichung des gleichzeitigen Angriffs Polens durch das NS-Regime und die Sowjetunion. Rysak konstatierte, dass es sich 1939 um eine konzertierte Aktion beider Aggressoren handelte , die ihren Ursprung im Hitler-Stalin-Pakt gehabt habe. In diesem Vertrag und dessen Zusatzprotokoll sei festgelegt worden, dass dem deutschen Angriff innerhalb einer Woche der sowjetische folgen sollte. Anhand parallel gezeigter Bilder der deutschen und sowjetischen Besatzung und Verbrechen führte Rysak darüber hinaus aus, welch verheerende Folgen dieser Einmarsch in Polen ohne Kriegserklärung für ganz Mitteleuropa gehabt habe. Sowohl von deutscher als auch von sowjetischer Seite sei ein Vernichtungskrieg geführt worden. Erkennbar sei eine gut organisierte Zusammenarbeit gegen die polnische Bevölkerung, es habe eine gute Koordination und die Festlegung der Abfolge der verbrecherischen Handlungen gegeben. Die Bilder veranschaulichten sowohl die ersten Monate der deutschen Besatzung mit ihren Massenverhaftungen und Inhaftierungen im Warschauer Gefängnis Pawiak als auch die Massenerschießungen polnischer Offiziere durch das NKWD. Auf der sowjetischen Seite habe es habe kein Unrechtsbewusstsein gegeben. Die polnische Seite hingegen habe stets darauf bestanden, Katyn als Teil des Völkermords zu bewerten. Doch selbst nachdem Russland die Täterschaft zugegeben habe, sei eine solche Bewertung nicht erfolgt. In der Diskussion wurde von einer deutschen Teilnehmerin zu bedenken gegeben, dass trotz der Tragik der Gleichzeitigkeit beider Verbrechen die Unterschiede ebenfalls herausgearbeitet werden müssten. So verständlich die Hervorhebung der sowjetischen Verbrechen aus polnischer Perspektive sei, so sehr käme es gerade in der Bildungsarbeit darauf an, historische Entwicklungen in ihren jeweiligen Kontext zu stellen.

Im Anschluss referierte KEITH R. ALLEN (Berlin) unter dem Titel „Der Kalte Krieg als heiße Ware“ über das geschichtliche Erbe des Kalten Krieges in den USA. Seit 1991 sei hier ein deutlich gewachsenes Interesse an der Geschichte des Kalten Krieges zu bemerken. So hätten öffentlich zugängliche Atombunker die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Doch, so Allen, sei kritisch zu fragen, wer entscheide, was vom Kalten Krieg übrig bleibe und die Gegenwart präge, welche Menschen und Institutionen mit welchen Motiven sich für den Kalten Krieg interessierten. Insbesondere fünf Faktoren seien die Voraussetzung für die Beschäftigung mit der Thematik: 1. die staatliche Finanzierung, 2. der entstandene intergenerationelle Dialog, 3. die Auseinandersetzung mit dem eigenen Geschichtstrauma, 4. die Entwicklung der Zivilgesellschaft und schließlich 5. ein gewisser Grad an materiellem Wohlstand. Zudem würde im Dialog zwischen den Generationen mittlerweile die Familiengeschichte und private Erinnerung an die öffentliche Erinnerungskultur angenähert. Hier sei u.a. zu beobachten, dass diese Erinnerung und die Entdeckung eigener Traumatisierungen wie das ständige Gefühl der Bedrohung und gesundheitliche Schädigungen durch Atomanlagen hinter der US-amerikanischen Erinnerung an den europäischen Holocaust zurück bliebe. Dieser sei Maßstab für Symbolisierung und Erzählung der eigenen Leidensgeschichte. Dabei werde die atomare Vernichtung, deren Opfer Japan geworden sei, beiseite geschoben, damit sich die USA als Opfer des verhinderten Atomkrieges darstellen könnten. In der Diskussion wurde deutlich, wie sehr die US-amerikanische Perspektive von der mittel- und osteuropäischen abweicht: Im Rahmen des Kalten Krieges begangene Verbrechen und deren Opfer kommen in der Erzählung nicht vor. Die strikte Trennung zwischen dem Kalten Krieg einerseits und Verbrechen andererseits, so Allen, führe dazu, dass beispielsweise Menschen, die wegen Spionage für die USA in den stalinistischen Verfolgungsapparat gerieten, kaum Erwähnung fänden.

Tourismus versus Erinnerungsort. Der Komplex „Riese“ im Eulengebirge: Exkursion und Besichtigung der Stollenanlage (Freitag, 20. April 2007, nachmittags)
Nachmittags folgte eine Exkursion zu den Stollen des „Komplex Riese“ im Eulengebirge, auf die MARIUSZ ZAJACZKOWSKI (Lublin) und ULRIKE ERNST (Saarbrücken) inhaltlich einstimmten. Beide gehören einem durch die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft finanzierten Geschichtsprojekt der Stiftung Kreisau an, das sich zum Ziel gesetzt hat, die kritische Aufarbeitung des durch die Nationalsozialisten initiierten „Komplex Riese“ voranzutreiben. Die eigentliche Bestimmung der umfangreichen Stollenanlagen, so Zajaczkowski, sei bis heute nicht eindeutig geklärt. Die Aushebung der Stollen sei unter unmenschlichen Bedingungen und mit hohen Todesraten durch Zwangsarbeiter aus der Ukraine und Russland erfolgt, ab 1944 hätten hier Häftlinge aus dem nahe gelegenen Konzentrationslager Gross-Rosen Zwangsarbeit verrichten müssen. Zur Zeit unterstehen die Stollen unterschiedlichen Trägern. Eine dieser Anlagen unter privater Trägerschaft wurde besonders von der Projektgruppe kritisiert, da hier ohne Kontextualisierung Touristen mit Events wie Paddelfahrten durch die Stollen in Militariaausrüstung u.ä.m. angelockt würden. Daher gibt es aus Sicht der Projektgruppe eine unbedingte Notwendigkeit zur historischen Aufarbeitung, die vermutlich ohne die jetzigen Betreiber erfolgen werde, weil von dieser Seite kaum Bereitschaft zur Zusammenarbeit erwartet wird. Dieser kritischen Einführung folgte die Exkursion mit einer Führung durch einen in kommunaler Trägerschaft befindlichen Stollen.

Der Austausch über die Eindrücke, die die Exkursion bei den Teilnehmern hinterlassen haben, zeigte, dass die harsche Kritik an der jetzigen Gestaltung nicht geteilt wurde. Die Führung sei durchaus sachlich verlaufen, auch sei auf die Zwangsarbeit und die hohen Todesraten hingewiesen worden. Allerdings, so Ulrike Ernst, habe es sich hier auch nicht um den in privater Trägerschaft befindlichen Stollen gehandelt, der besichtigte sei in der Präsentation moderater, doch ebenso zu kritisieren, da jede historische Kontextualisierung fehle. Im Verlauf der Diskussion wurde erläutert, dass die Erschließung vor zwölf Jahren auf das Engagement einzelner Interessierter aus der Umgebung zurückging, teilweise seien Schätze in den Stollen vermutet worden, doch in jedem Fall, so die fast einhellige Meinung der Teilnehmer, müsse der Kontakt zu den jetzigen Betreibern gesucht werden. Das Eingreifen von außen sei fragwürdig. Etwas weniger moralische Entrüstung und mehr Suche nach Verständigung sei angebracht. Auch sei ein Kompromiss zwischen kommerzieller Nutzung und Aufklärungs- und Gedenkarbeit notwendig. Im Hinblick auf das Projekt in Perm 36, aber auch im Zusammenhang mit der beabsichtigen Entwicklung eines Gedenkkonzepts für die Stollen im Eulengebirge sei kritisch zu hinterfragen, ob es sich hier nicht um enthusiastischen Eifer mit dem Ziel handele, letztendlich eine „typisch deutsche Gedenkstätte“ errichten zu wollen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. zu den Auseinandersetzungen über das Projekt: Knigge, Volkhard; Mählert, Ulrich (Hrsg.), Der Kommunismus im Museum. Formen der Auseinandersetzung in Deutschland und Ostmitteleuropa, Köln 2005.
[2] Zur nach wie vor nicht eindeutig geklärten Realgeschichte vgl. die CD-ROM zum Ausstellungsprojekt: Memorial Jekaterinburg (Hrsg.), Vom Museum zur Kollektivierung im Ural. Unter Mitwirkung des Instituts „Offene Gesellschaft – Russland“.

Zitation
Tagungsbericht: 5. Ost-westeuropäisches Gedenkstättenseminar in Krzyzowa (Kreisau), 19.04.2007 – 21.04.2007 Kreisau/Krzyzowa, in: H-Soz-Kult, 04.10.2007, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1723>.