Stimmen aus der Vergangenheit. Interviews mit Überlebenden der Shoah: Das David-Boder-Archiv und das "Archiv der Erinnerung"

Ort
Berlin
Veranstalter
Centre Marc Bloch; Gedenk- und Bildungsstätte "Haus der Wannsee-Konferenz"
Datum
07.06.2007 - 08.06.2007
Von
Johanna Bodenstab, Institut für Psychoanalyse, Universität Kassel,

Am 8. Juni 2007 fand unter dem Titel „Stimmen aus der Vergangenheit“ im Berliner Haus der Wannsee-Konferenz ein internationales Symposium über Interviews mit Holocaust-Überlebenden statt, das vom Centre Marc Bloch und der Gedenkstätte veranstaltet wurde. Die beiden gedanklichen Referenzpunkte der Tagung bildeten zwei sehr unterschiedliche Sammlungen solcher Interviews: die Tonaufzeichnungen des Boder-Archivs aus dem Jahr 1946 und die Videoaufnahmen des „Archivs der Erinnerung“ aus den Jahren 1995 bis 1998.

Grundsätzlich lassen sich diese beiden Sammlungen als eine historische Klammer verstehen: Die Interviews aus dem Boder-Archiv sind die ersten Tonaufzeichnungen mit Holocaust-Überlebenden. Sie wurden unmittelbar nach Kriegsende auf Magnetband aufgezeichnet, einem damals neuen Medium das erstmals die wortgetreue Wiedergabe des ursprünglichen Gesprächsverlaufs ermöglichte und eine paraphrasierende Verschriftlichung zur Dokumentation von Interviewinhalten verzichtbar machte. Die Zeugnisse aus dem „Archiv der Erinnerung“ wurden dagegen 50 Jahre nach dem Holocaust auf Video aufgezeichnet. Sie stützen sich methodologisch auf die Arbeit des Fortunoff Video Archives an der Yale University, dessen Gründung auf die ersten Video-Interviews mit Holocaust-Überlebenden aus dem Jahr 1979 zurückgeht. -

Wie der doppelte Bezugspunkt der Tagung nahe legt, bildete die vergleichende Betrachtung beider Sammlungen einen fruchtbaren Schwerpunkt der Auseinandersetzung. Im Kontext eines wachsenden zeitlichen Abstandes der Aufnahme zu den Ereignissen des Holocaust und in der Gebundenheit an die technische Entwicklung von Aufzeichnungsmethoden konnte die Konferenz die Entwicklung von Holocaust-Zeugnissen als einem Genre der Reflexion von Geschichte als persönlicher Erfahrung nachzeichnen. Symptomatisch für diese Entwicklung war eine Verschiebung der Ausrichtung der Interviews: Die narrative Gestalt der Zeugnisse wandelte sich in dem Maße, wie die Befragung von Betroffenen zum ursprünglichen Geschehen sich auf den lebensgeschichtlichen Zusammenhang der Überlebenden hin öffnete. – Der andere Schwerpunkt der Tagung untersuchte, welche Zugänge und Interpretationsansätze die Forschung im Bezug auf die Interviews mit Überlebenden als Quellen entwickelt hat. Dieser Fokussierung verdankte sich der interdisziplinäre Charakter des Symposiums, das Historiker, Literaturwissenschaftler und Psychoanalytiker zusammenbrachte, die ihre divergierenden methodologischen Ansätze in die Diskussion einbrachten. Dabei erweiterte sich das Verständnis von den Inhalten der Zeugnisse über die Wörtlichkeit ihrer Mitteilung hinaus.

Die Konferenz reflektierte die Interviews mit Überlebenden also gleichermaßen als Gegenstand und Quelle der Forschung, suchte dabei aber auch immer wieder die unmittelbare Begegnung mit ihrem Thema. Sie stellte sich damit einer besonderen Herausforderung der Holocaust-Zeugnisse, deren häufig belastende Intensität den Gang der Forschung aufladen und Forscher in für sie ungewohnt emotionale Auseinandersetzungen verwickeln kann. Es gehört zu den großen Verdiensten des Symposiums, dass es dieser Problematik nicht auswich.

Neben zahlreichen Einspielungen während der Vorträge hatten die Veranstalter durch die Anwesenheit von Abraham Kimmelmann eine weitere unmittelbare Anknüpfung an die „Stimmen aus der Vergangenheit“ geschaffen. Ihm hatten sie die Tagung auch gewidmet: Er war am 27. August 1946 von David Boder interviewt worden und nahm an der Konferenz als Zeitzeuge teil. Im Mittelpunkt des Gesprächs mit ihm (geführt von Anna Lipphardt, Centre Marc Bloch) stand aber nicht seine Erfahrung im Holocaust, sondern seine Interview-Erfahrung mit David Boder. Kimmelmann selbst nutzte die Gelegenheit, um nach der Bedeutung des Holocaust für seine Existenz zu forschen.

Seine Anwesenheit warf unerwartet Licht auf eine zweifache Verselbstständigung des Zeugen gegenüber seiner Zeugenschaft: Kimmelmann forderte für sich nicht nur das Recht zu schweigen ein, d.h. er nahm eine narrative Freiheit für sich in Anspruch, die nicht mit dem Wunsch, sich oder etwas zu verbergen, verwechselt werden dürfe. Er formulierte sich auch explizit in Distanz zu seinem eigenen Zeugnis: Er verweigerte sich ausdrücklich seiner implizierten Festlegung auf seine Zeitzeugenschaft. Er wisse sich durch seine Erfahrung bedingt, wolle ihr aber nicht erlauben, sein Leben zu motivieren. Dementsprechend verstand er auch das Interview, das er Boder kurz nach dem Krieg gegeben hatte, nicht als „einen Hebel seiner Existenz“. Boders Befragung war 1946 Kimmelmanns ungeheurem Drang sich mitzuteilen, entgegengekommen, aber im Hinblick auf sein weiteres Leben, sei sie ohne Bedeutung für ihn geblieben. Er konnte sich kaum daran erinnern. Gemessen an der Summe seiner Lebenserfahrung erschien ihm seine Begegnung mit Boder von untergeordneter Bedeutung.

Die Tatsache, dass Herr Kimmelmann seiner Identität als Holocaustüberlebender kein aktives Interesse entgegenbrachte, verhinderte jedoch keineswegs seine Betroffenheit durch seine Erinnerungen: Er bildete das emotionale Gedächtnis der Tagung und zugleich einen starken Rahmen, der einen unverstellten Zugang zu diesem Gedächtnis des Holocaust gewährleistete. Als er von dem Gefühl der Leere sprach, das bei der Befreiung in Buchenwald von ihm Besitz ergriff, entstand eine lange Pause, in der er um Worte rang. Und auch als einer der Vortragenden aus Kimmelmanns Boder-Interview zitierte, verlief diese Begegnung mit der eigenen Erinnerung für den Überlebenden sehr emotional. Diese innerste Betroffenheit verhinderte ihrerseits aber niemals Kimmelmanns reflektierende Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Er hatte sich nicht etwa gegenüber seiner Vergangenheit verschlossen, sondern sich in einer Position eingerichtet, die es ihm ermöglichte, diese Vergangenheit auszuhalten und mit ihr zu leben, ohne doch „darin stecken zu bleiben“.

So generierte die Gegenwart von Abraham Kimmelmann bei der Tagung einen überaus interessanten Komplex von Fragen die wissenschaftliche Nutzung von Interviews mit Überlebenden des Holocaust betreffend: Wie verträgt sich die emotionale Unmittelbarkeit, die ein Überlebender im Kontakt mit seiner Erinnerung durchleidet und die sich durch sein Zeugnis auf seine Zuhörer überträgt, mit dem weiter oben postulierten Abstand zwischen Zeugnis und Zeugen? Vollzieht die Forschung, wenn sie sich der Interviews als einer Quelle bedient, eine Ablösung des Zeugnisses von der Person der Überlebenden, die diese selbst niemals vollziehen können? Oder fehlt ihr bisweilen der Mut, eine solche Ablösung zu vollziehen, obwohl die Überlebenden selbst sich zu ihr bekennen? Wie geht die Forschung mit den überwältigenden Emotionen um, die in der Begegnung mit den Zeugnissen und Interviews von Holocaust-Überlebenden frei werden können? Kann sie das, ohne als Wissenschaft das Gesicht zu verlieren? Aber auch: Kann sie ihrem Gegenstand als Wissenschaft gerecht werden, solange sie seine Emotionalität verleugnen muss? - Das Problem der Belastung der Forscherin durch den Gegenstand ihrer Forschung muss gerade deshalb wissenschaftlich reflektiert werden, weil es sich in der Arbeit mit den Zeugnissen der Überlebenden unausweichlich stellt. Sonst droht die Gefahr, dass sich die Untersuchung in Schutz- und Schonhaltungen flüchtet, die das Ergebnis der Forschungsarbeit beeinträchtigen oder gar verfälschen.

Wie sich diese drei grundsätzlichen Problemstellungen – 1) die Evolution der Gattung „Zeugnis“ und ihre Faktoren, 2) die Erweiterung des Zeugnisbegriffes im Hinblick auf das Unaussprechliche, das Unsagbare und das Unausgesprochene, sowie 3) die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Zeugnis als emotionalem Raum – im Laufe des Symposiums entfaltet haben, läßt sich anhand der einzelnen Vorträge wohl am anschaulichsten nachvollziehen.

Interviews mit Überlebenden als Forschungsgegenstand
In den Vorträgen von Alan Rosen (Bar-Ilan University) und Eva Lezzi (Universität Potsdam) wurden zunächst beide Interview-Sammlungen vorgestellt:

Das Boder-Archiv (Alan Rosen) umfasst 120 Interviews (200 Stunden Tonaufzeichnung), die David Boder überwiegend mit jüdischen Überlebenden geführt hat, die er 1946 in DP-Lagern in Frankreich, Deutschland, Italien und der Schweiz antraf. David Boder versuchte Berichte von Überlebenden zu sammeln, solange die Eindrücke des Erlebten in ihnen noch frisch waren. Dass er seine Reise im Sinne der anthropologischen Feldforschung verstand, zeigt sich daran, dass er seinen Interviewern bei der Aufzeichnung nicht nur die Wahl der Sprache überließ, sondern in vielen Fällen auch deren Lieder durch Aufnahmen zu bewahren suchte. Tatsächlich bezeichnete er seine Reise von den USA nach Europa als „Expedition“.

Häufig orientierte Boder seine Interviewpartner mit dem Hinweis, dass man in Amerika sehr wenig von dem wisse, was sie erlebt hatten. Seine Fragen erscheinen manchmal als das beste Beispiel einer solchen Ignoranz (z.B. wenn er fragt, ob es im Deportationszug Toiletten gegeben habe), sind aber wahrscheinlich absichtlich so von Boder formuliert worden, um die Überlebenden zu detailgetreuen Schilderungen über das damals Unvorstellbare ihrer Verfolgung herauszufordern. Seine Interviews sind nicht lebensgeschichtlich, sondern in ihrer Aufmerksamkeit auf die Klärung von Vorgängen und die Dokumenation der Ereignisse gerichtet. Für ihn standen die sprachlichen Zeugnisse seiner Tonaufzeichnungen im Gegensatz zu den Bilddokumenten, die in den Wochenschauen der Nachkriegszeit präsentiert wurden und die Vorstellung von dem, was in den Lagern geschehen war, beherrschten. Außerdem verstand Boder die Brisanz seiner Interviews im Kontext einer politischen Debatte über die Möglichkeit, für sog. „displaced persons“ die Einwanderungsbestimmungen zu erleichtern, die damals in den USA geführt wurde. Das Boder-Archiv ist heute über das Internet zugänglich, wo ein Teil seiner Interviews abgehört werden kann. [1]

Das „Archiv der Erinnerung“ (Eva Lezzi) umfaßt 80 Video-Interviews mit Überlebenden, die zur Zeit der Aufnahmen (1995-98) vorwiegend in Berlin und Umgebung lebten. Alle Interviews wurden in deutscher Sprache geführt. Das Projekt orientierte sich an der vom Fortunoff Video Archive (Dori Laub) entwickelten Interviewführung, die auf traumatische Erfahrungsinhalte fokussiert, die nur im Kontext des Dialogs im Rahmen einer empathischen Interviewsituation angesprochen werden können. Der narrative Kurs, den die Überlebenden steuern, bleibt ihnen selbst überlassen, da die Interviewer weitgehend auf Fragen verzichten, um den Erzählfluss als empathisch zugewandte Zuhörer zu begleiten, nicht aber zu dirigieren. Zusätzlich orientierte sich die Interviewführung der Video-Zeugnisse im „Archiv der Erinnerung“ am Begriff des biographisch-narrativen Interviews nach Fritz Schütze, d.h. strukturell wird die Holocaust-Erfahrung der Überlebenden in einen biographischen Gesamtzusammenhang gerückt. Zu den Interviewten zählten auch von den Nazis als „Mischlinge“ bezeichnete Überlebende, die jeweils einen jüdischen und einen nicht-jüdischen Elternteil hatten. Außerdem trat in diesem Projekt auch die Gruppe der sogenannten „child survivors“ deutlich in Erscheinung, deren Verfolgungserfahrung in ihre Kindheit fiel.

Während Boder großen Wert auf Transkripte und Übersetzungen seiner Interviews legte [2], wurden die im „Archiv der Erinnerung“ gesammelten Zeugnisse sorgfältig katalogisiert und mit einem Stichwortindex versehen, ohne jedoch verschriftlicht zu werden. [3] Neben einem Kommentarband und Katalog wurden auch Unterrichtsmaterialien für die Nutzung an Schulen erstellt. [4] Die Video-Bänder können im Haus der Wannsee-Konferenz angesehen werden, das Moses-Mendelssohn-Zentrum (Potsdam) und das Fortunoff Video Archive verfügen ebenfalls über den gesamten Bestand.

Lezzi versuchte, den Begriff des Zeugnisses anhand eines mitgebrachten Ausschnitts zu verdeutlichen: Darin orientierte die Überlebende Rita S. ihre Erzählung keineswegs nur an eigenen Erfahrungen, sondern flocht in ihre Darstellungen eine Vielzahl von Perspektiven ein, die nicht nur ihre lebenslange Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte deutlich machten, sondern auch verrieten, wie stark ihr Erleben als Kind durch die Gegenwart ihrer Mutter geprägt worden war. Ihr Interview war ein Ort des Gedenkens, das unterschiedliche Schichten ihrer Erinnerung (Erlebtes, Erzähltes, Erforschtes) miteinander verwob. Mit dem wachsenden Abstand zu den unmittelbaren Ereignissen des Holocaust hatte sich eine komplexe narrative Form entwickelt, deren Bedeutung sich nicht an der Brauchbarkeit als historische Quelle oder Zeugenaussage im juristischen Sinn erschöpfte. Stattdessen bildete das Zeugnis ein Gedächtnis; die Überlebende konnte darin die Namen der Ermordeten in ihrer Familie versammeln und hörbar machen.

Beide Vorträge reflektierten die Interviews mit Überlebenden des Holocaust im Hinblick auf ihre Geschichtlichkeit, d.h. auf die Abhängigkeit ihrer narrativen Gestalt vom historischen Kontext ihrer Aufzeichnung. Die Zeugnisse, die die Erinnerung an ein historisches Ereignis bewahren und sich dabei nicht nur in technischer Hinsicht auf der Höhe ihrer jeweiligen Entstehungszeit bewegen, wurden ihrerseits als Teile des Geschichtsprozesses greifbar. Das Ereignis, das Boder im Angesicht der Entwurzelung 1946 in den DP-Lagern zu dokumentieren versuchte, erscheint in den 90er Jahren im Kontext individueller Lebensgeschichten, bis hinein in die Aussparungen traumatischer Erinnerungsspuren, die es im Gedächtnis der Betroffenen hinterlassen hat.

Der Vortrag von Maria Ecker (Universität Salzburg) arbeitete die Unterschiedlichkeit zwischen den frühen Boder-Interviews und späteren Video-Interviews schärfer heraus. — Grundsätzlich entscheidet der Zeitpunkt eines Aufnahmeprojektes darüber, welche Altersgruppen als Interviewpartner erreicht werden: So hatte z.B. Boder Überlebende erreicht, die 1979, als das Fortunoff Video Archive mit seinen Aufzeichnungen begann, schon nicht mehr am Leben waren. Die älteste von Boder interviewte Überlebende war im Jahr 1870 geboren worden. [5] - Im Laufe der Nachkriegszeit musste sich das Altersspektrum der Befragten notwendig verschieben – für das „Archiv der Erinnerung“ bewegt es sich zwischen 1910 und 1942. David Boder hatte 1946 keine Kinder interviewt. – Dieser demographische Aspekt bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Inhalte der Interviews mit Überlebenden: Natürlich sind unterschiedliche Lebensphasen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Wahrnehmungsweisen verbunden, d.h. das Spektrum der Verfolgungserfahrungen, die erinnert und mitgeteilt werden können, fällt jeweils anders aus.

Der Zeitpunkt der Aufnahme entscheidet in der Regel aber auch über die Fähigkeit der Beteiligten, die Ereignisse des Holocaust zu reflektieren. Dies gilt gleichermaßen für die Überlebenden wie ihre Interviewer. Als Boder zu seiner „Expedition“ aufbrach, existierte noch nicht einmal ein klarer Begriff für das Ereignis, das er zu dokumentieren versuchte. Offenbar gerieten ihm seine Interviews u.a. auch zu Lernerfahrungen, die ihm im Laufe des Projekts halfen, seine Fragen besser zu formulieren und gezielter zu stellen. Mit jeder Befragung mehrte sich sein Wissen über den Gegenstand seiner Befragung. Man könnte also sagen, dass Boder in seine Rolle als Gesprächspartner der Überlebenden erst allmählich hineinwuchs. Das bedeutet auch, dass sich ein Gegenüber, zu dem die Überlebenden sprechen konnten, erst langsam herausbildete. Es dauerte Jahrzehnte, ehe das Ereignis, über das Boder und seine Interviewpartner miteinander zu sprechen versuchten, als „Holocaust“ oder „Shoah“ konzeptualisiert, zum Bestandteil gesellschaftlicher Diskurse wurde, in deren Zusammenhang die damals Verfolgten sich selbst und andere als Überlebende erfassen konnten.

Die Frage, wie ein „Raum“ geschaffen werden kann, in dem Überlebende Zeugnis ablegen können, spielt besonders im Zusammenhang jüngerer Interview-Projekte eine wichtige Rolle. Dieser Raum ist zugleich der konkrete Ort der Aufzeichnung und eine symbolische Sphäre, die den Erinnerungsprozess der Interviewten emotional absichert. Während z.B. die Shoah Foundation die Überlebenden in ihren Wohnungen aufsucht und herausstellt, was die Überlebenden in ihrem Leben nach dem Holocaust erreicht haben, ist das Fortunoff Video Archive bereits früh von privaten Intervieworten abgekommen und bietet den Überlebenden für das Interview bewußt einen neutralen Raum an, der von ihrem Zuhause getrennt bleibt, damit die Privatsphäre ihrer post-Holocaust Existenz von den Erinnerungen an ihre Verfolgung unberührt bleiben kann. Auch das „Archiv der Erinnerung“ zeichnete Interviews in einem neutralen, für die Überlebenden emotional nicht besetzten Raum auf. – Boder hatte dagegen seine Interviews in den DP-Lagern geführt, wo es seinem Improvisationstalent überlassen geblieben war, einen Raum für seine Befragung zu schaffen, der die nötige Ruhe bot, um die Qualität der Tonaufzeichnung zu sichern, aber auch einen Rückzug aus dem Lagerleben erlaubte, damit das Gespräch mit seinen Interviewpartnern in der Ungestörtheit einer quasi privaten Sphäre verlaufen konnte. Der Versuch, den geeigneten Raum zu schaffen, in dem die Überlebenden sprechen können, begleitet also die Interviewtätigkeit von Anfang an – nur stellt sich diese Problematik in Abhängigkeit von den sozio-historischen Rahmenbedingungen für jedes Interviewprojekt anders. Deshalb bietet es sich an, über die zu beobachtenden Unterschiede zwischen einzelnen Archivbeständen im Sinne einer Entwicklung nachzudenken.

Einen solchen evolutionären Ansatz vertrat Dori Laub (Yale University) in seinem Vortrag. Dabei reflektierte er die Entwicklung der Zeugenschaft in Anlehnung an eine Untersuchung der französischen Historikerin Annette Wieviorka [6] über deren wechselnde historische Bedingtheit. Darüber hinaus bemühte sich Laub, durch Vergleiche zwischen Interviews der Boder-Sammlung, des Fortunoff Video Archives und jüngster Video-Aufzeichnungen im Rahmen einer Dokumentation von Zwangs- und Sklavenarbeit [7] Entwicklungslinien nachzuvollziehen, die subjektive Voraussetzungen der Zeugenschaft in unterschiedlichen biographischen Phasen der Überlebenden in Betracht zu ziehen. Ein Vergleich der beiden letzten Gruppen bot sich besonders an, weil einige Überlebende im Abstand von ca. 25 Jahren im Rahmen beider Projekte interviewt worden waren. So zeigte sich, dass die Holocaust-Erfahrung mit zunehmendem Alter eine Relativierung erfährt, die es den Überlebenden erlaubt, sie trotz ihrer Unvereinbarkeit mit den Durchschnittserfahrungen einer alltäglichen Existenz als Teil ihrer Biographie zu reflektieren. Das bedeutet keineswegs, dass die emotionale Intensität der Erinnerung an den Holocaust für die Betroffenen nachlässt, aber sie scheint in der Kontinuität der späteren Lebenserfahrung ein zuverlässiges Gegengewicht gefunden zu haben. Eine veränderte Haltung zur eigenen Erinnerung und zu einem selbst in ihr, wirkt sich auf die Fähigkeit der Überlebenden aus, in Kontakt mit ihrer Erinnerung Zeugnis abzulegen.

In diesem Zusammenhang gelang es Laub, auch den Beitrag des Interviewers zur narrativen Gestalt des Zeugnisses zu reflektieren: Die empathische Position des Zuhörers darf Interviewer nicht zur Passivität verführen, in der sie die emotionalen Zustände, die Überlebende beim Erinnern durchlaufen, nur noch mitvollziehen, sondern verlangt ihnen im Gegenteil die antizipatorische Fähigkeit ab, dort in die Interviewsituation einzugreifen und emotionale Gegengewichte zu bilden, wo sich die Überlebenden in den Affektstürmen der eigenen Erinnerung zu verlieren drohen. Die Kontinuität eines Zeugnisses lebt von solchen Ausgleichsbewegungen. Laub beschrieb eine Situation, in der es wichtig wurde, als Interviewer sogar gegen den Wunsch des Überlebenden auf der Fortsetzung des Interviews zu beharren, um einen emotionalen Zusammenbruch, den er bei der Erinnerung an seine ermordete Familie erlitt, auf die er nach seiner Befreiung in der elterlichen Wohnung vergeblich gewartet hatte, nicht zum Schlusspunkt seines Zeugnisses werden zu lassen. Hier übernahm der Interviewer die Verantwortung dafür, dass der Überlebende das Aufnahmestudio nicht wie ein von seiner Vergangenheit Geschlagener verlassen musste. Der Prozess des Interviews barg für den Überlebenden die Erfahrung, dass seine Geschichte trotz seines tiefen Schmerzes weitergehen kann. – Dieser emotionale Austausch, der dem Dialog zwischen Interviewer und Überlebendem zugrunde lag, kam während der Aufzeichnung mit keinem Wort zur Sprache, markiert jedoch den emotionalen Raum des Zeugnisses.
Laub reflektierte die Zeugnisse im Kontext ihrer Entstehungsvoraussetzungen und im Hinblick auf Interviewdynamiken, die Anteil an der narrativen Gestalt haben. In Abhängigkeit von seinen Rahmenbedingungen und seiner zwischenmenschlichen Dynamik stellt jedes Zeugnis ein absolut einmaliges Dokument dar. Das schließt natürlich inhaltliche Wiederholungen im Falle wiederholter Interviews mit den nämlichen Personen nicht aus, allerdings enthalten die sich unter wechselnden Bedingungen bildenden emotionalen Räume, in denen es zu einem Zeugnis kommen kann, unterschiedliche Artikulationsangebote, auf die Überlebende in unterschiedlichen Lebensphasen anders ansprechen, so dass die Schärfe wechselt, mit der sich etwa die Erinnerung eines Traumas im Laufe des Interviews abzeichnen kann. – Aus Laubs Darlegungen ergibt sich die weiterführende Frage, welche Relevanz der zeitliche Abstand des Interviews vom historischen Ereignis im Hinblick auf die emotionale Nähe der Interviewten zum Holocaust hat, bzw. ob sich dieser Abstand auf die Fähigkeit der Überlebenden, im Lauf des Interviews einen inneren Bezug zu ihrer Erinnerung zu entwickeln, auswirkt.

Interviews mit Überlebenden als Quellen der Forschung
Während Laub versuchte, aus der Sicht eines Interviewers die unausgesprochenen emotionalen Dynamiken des Interviewablaufs nachzuvollziehen, betrat Kurt Grünberg (Sigmund-Freud-Institut) den emotionalen Raum der Zeugnisse an einer anderen Stelle. Sein Vortrag konzentrierte sich auf die von ihm sog. „szenischen Erinnerungen“ des Traumas, die in die Dynamik eines Interviews eingreifen und Inhalte transportieren, die nicht zur Sprache finden. Auch sein Ansatz zielte also über das Gesagte hinaus und machte sich dabei das Angebot einer Video-Aufzeichnung zunutze, indem er körperliche Signale und das Wechselspiel der Mimik, die den Sprachfluss begleiten oder aber ersetzen, in seine Betrachtung mit einbezog.

Von allen anwesenden Forschern stellte sich Grünberg den schwer kontrollierbaren emotionalen Aspekten der Auseinandersetzung mit Holocaust-Zeugnissen am offensten und entschiedensten. Er schilderte seine Fluchtimpulse und Albträume, die von der tiefen Ambivalenz eines Forscher zeugen, der die Auseinandersetzung mit den Zeugnissen der Holocaust-Überlebenden sucht und zugleich auch scheut. Grünberg ließ sich durch das psychoanalytische Verfahren der Gegenübertragungsanalyse, d.h. durch die Beobachtung seiner eigenen psychischen Reaktionen, auf unausgesprochene Gehalte seines Interpretationsgegenstandes aufmerksam machen. Solche Phänomene der sprachlosen Übermittlung von Holocausterfahrungen sind in Zusammenhang mit der sog. „Zweiten Generation“, d.h. bei den Nachkommen von Holocaust-Überlebenden vielfach beobachtet und beschrieben worden. Grünberg wandte die Erkenntnis dieser Dynamik, die er als eine „vergiftete Generativität“ bezeichnete, auf seinen interpretierenden Zugang zu den Zeugnissen an.

Die Video-Sequenz, mit der er seinen Vortrag einleitete, entstammte dem Zeugnis von Berek S., an dessen Aufzeichnung Grünberg selbst nicht beteiligt gewesen war. Seine interpretierende Position blieb also ganz auf die Rolle eines außenstehenden Beobachters festgelegt, der zwar keinen Einfluss darauf nehmen kann, wie sich die szenische Erinnerung des Traumas dieses Überlebenden im Verlauf der Aufzeichnung artikuliert und gestaltet, dafür aber nachträglich Beobachtungen am vorgefundenen Material anstellt, so dass seine Interpretation eine synthetische Funktion übernimmt: Sie bemüht sich, das Zeugnis dort weiterzudenken, wo die Selbstwahrnehmung des Überlebenden zusammengebrochen und einem Zustand traumatischer Fragmentierung gewichen war: Grünberg verknüpfte eine „szenische Erinnerung“ – einen Augenblick, als der Überlebende scheinbar zusammenhanglos einen Flachmann hervorholte und zu trinken begann – mit dem Erzählinhalt einer für den Überlebenden besonders schmerzlichen Begebenheit. Grünberg deutete den tröstlichen Griff zur Flasche als einen Kommentar des Überlebenden, der seinen Schmerz über die Ermordung seines 10-monatigen Sohnes im Ghetto von Lodz transportierte, ohne diesen in Worte fassen zu können.

Während Laub in der Diskussion hervorhob, dass in vielen Fällen die Vorstellung, später einen Zuhörer zu finden, die Verfolgten während des Holocaust am Leben erhielt, betonte Grünberg die absolute Hoffnungslosigkeit, die die Ermordung eines Kindes impliziert, dessen Existenz in der Regel mit der Vorstellbarkeit einer Zukunft untrennbar verbunden ist. Diese Spannung zwischen der Kontinuität von Hoffnung als einem Motor des Überlebens und dem Blick auf das Ende der Zukunft (und damit den eigenen Tod) als Teil der Holocaust-Erfahrung spiegelt sich in der Spannung zwischen dem Bedürfnis, Zeugnis abzulegen und der Unmöglichkeit, das Trauma des Holocaust zu bezeugen, von der so viele Zeugnisse geprägt sind.

Auch die Literaturwissenschaftlerin Cathy Gelbin (University of Manchester) widmete sich in ihrem Vortrag dem Unausgesprochenen, wobei ihre Interpretation sich an narrativen Typologien orientierte und eine feministische Sichtweise an die Zeugnisse herantrug. Dabei ging Gelbin nicht von einer Unterschiedlichkeit männlicher oder weiblicher Holocaust-Erfahrung aus, sondern von geschlechtsspezifischen Narrativen und Erzählweisen. Neben der Nähe zu anderen Gefangenen spielen in den Zeugnissen weiblicher Überlebender Themen wie Schwangerschaft, Mutterschaft, aber auch sexuelle Gewalt eine typische Rolle. In ihren Ausführungen wandte sich Gelbin gegen die verbreitete Vorstellung, dass sexuelle Erfahrungen als Teil der Lagerhaft und der Verfolgung von den Überlebenden in der Regel verschwiegen würden. Allerdings werden sadistische Szenen, der Zwang zur Prostitution, die sich am moralischen Verfall der Gefangenen aufgeilende SS, Kindsmord usw. von Überlebenden in der Regel nicht als Aspekte eigener Erfahrung geschildert, sondern als ein Wissen über ihre Mitgefangenen berichtet. Gelbin verwies auf die Möglichkeit, dass sich hinter diesen Erinnerungen an andere, die Erinnerung an die eigene Betroffenheit durch sexuelle Gewalt oder die Beteiligung an Gewalttaten verbergen könnte. Grund für eine solche Distanziertheit zur eigenen Erfahrung könnte die Abspaltung des Erlebnisses in der Folge eines Traumas sein; denkbar ist aber auch, dass die Überlebenden diese Aspekte in ihrer Darstellung bewusst übergehen, weil sie versuchen ihre Zuhörer, d.h. in vielen Fällen ihre eigenen Kinder, nicht mit den erlittenen Erniedrigungen zu belasten.

Gelbin gab eine exemplarische Interpretation anhand eines Interview-Ausschnittes einer Überlebenden (Frau K.), deren Zeugnis von dem unausgesprochenen inneren Zwiespalt wegen ihrer Rolle als Blockälteste geprägt war. Die von anderen KZ-Überlebenden so häufig beschriebene Brutalität der Funktionshäftlinge fehlt in ihrer Erzählung, stattdessen würdigt sie z.B. die Position der Lagerältesten in ihrer Bedeutung für die Wahrung der menschlichen Würde der Gefangenen. Auch ein narrativer Bruch des Zeugnisses wurde von Gelbin als Indiz für die Ambivalenz der Überlebenden interpretiert: Frau K. berichtete über eine gelernte Hebamme, die wegen Kindsmord inhaftiert war und sich im KZ auf die Tötung Neugeborener spezialisiert hatte. Übergangslos schließt sich an diesen Bericht die Schilderung einer Situation, in der die Überlebende ein Kind rettete. Es sei nicht auszuschließen, dass die Überlebende in ihrer Funktion als Blockälteste dafür zu sorgen hatte, dass im Lager geborene Babies getötet wurden. – Mit dieser Deutung strebte Gelbin keine inhaltlichen Festschreibungen an, sondern isolierte im Vergleich mit typischen Narrativen anderer Holocaust-Überlebenden das Unausgesprochene in dem Interview von Frau K. Dabei erlaubte es sich die Forscherin, über mögliche Inhalte des Beschwiegenen nachzudenken.

In den Vorträgen von Laub, Grünberg und Gelbin zeichnete sich eine Erweiterung des Zeugnisbegriffes ab, der auch solche Botschaften und Bedeutungsaspekte einbeziehen muss, die über die Wörtlichkeit des von den Überlebenden Mitgeteilten hinausgehen. Aber auch die Vorträge, die von einem inzwischen als klassisch zu bezeichnenden Verständnis der Zeugnisse als historischer Quellen ausgingen und deren Ansatz sich überwiegend auf die manifesten Inhalte konzentrierte, warfen neues Licht nicht nur auf die wissenschaftliche Nutzbarkeit von Interviews mit Überlebenden, sondern auch auf die Weiterungen des wissenschaftlichen Diskurses im Zugriff auf solche Quellen.

Helmut Peitsch (Universität Potsdam) erschloss mit seinem Vortrag die Zeugnisse als Quellen der zeitgeschichtlichen Forschung: Er untersuchte, wie sich die offiziellen Erinnerungsdiskurse, die beide deutsche Staaten im Hinblick auf ihre Nazi-Vergangenheit im Laufe der Nachkriegszeit entwickelt hatten, in den Zeugnissen Überlebender niedergeschlagen und deren Selbstverständnis geprägt haben. Peitsch rekurierte also nicht auf das historische Ereignis selbst, sondern auf narrative Muster, in denen die Überlebenden ihre privaten Erinnerungen mit den gesellschaftlich verfügbaren Entwürfen zur „Vergangenheitsbewältigung“ verschmelzen. Für seinen Vortrag zog Peitsch die Interviews aus dem „Archiv der Erinnerung“ heran und reflektierte sie im Kontext ihrer sozio-historischen Rahmenbedingungen: Die Aufzeichnungen hatten wenige Jahre nach der Wende stattgefunden und zeugen u.a. von den jeweiligen Einbettungen der individuellen Verfolgungserfahrung in unterschiedliche gesellschaftliche Diskurse im Hinblick auf die nationalsozialistische Vergangenheit. So orientierte sich etwa das Selbstverständnis der Überlebenden aus der ehemaligen DDR an Vorstellungen von politischem Widerstand und einer betont anti-faschistischen Haltung. In einem zweiten Schritt trug Peitsch seine an den Zeugnissen gewonnenen Beobachtungen an etablierte Positionen der Sozialforschung heran, um darin jeweils postulierte Zusammenhänge von privatem Gedenken und öffentlichen Erinnerungsdiskurs in der DDR und der BRD zu reflektieren. –

In seinem Vortrag über die Todesmärsche präsentierte Daniel Blatman (Hebrew University) die Zeugnisse Überlebender als zentrale historische Quellen für die Darstellung und Rekonstruktion von Vorgängen, bei denen sich die historische Forschung ansonsten nur auf wenige Anhaltspunkte stützen kann. Von seiten der Deutschen waren die Todesmärsche kaum dokumentiert worden, fallen sie doch in die Phase der Auflösung des Lagersystems und markieren den Zusammenbruch des Dritten Reiches. Auch durch Prozessakten wird dieses Phänomen nicht greifbar, weil stichhaltige Zeugenaussagen, die einen der damals beteiligten Wächter eindeutig identifizieren und belasten, in der Regel fehlen. Es entspricht dem Wesen dieses Ereignisses, dass sich die Erinnerung an die Todesmärsche an ein absolutes Chaos und eine gesichtslose Anonymität zu verlieren droht. Im Laufe der Zeit taucht jedoch die Erinnerung an Todesmärsche mit zunehmender Deutlichkeit in den Zeugnissen Überlebender als Thema auf.

Für Blatman ergab sich aus der Perspektive der ehemaligen KZ-Gefangenen folgendes Bild: Das nahende Ende zeichnete sich zunächst lediglich durch den Verfall der Lagerroutine ab. Es blieb unklar, was vorging, es war lediglich deutlich, dass etwas bevorstand. Diese Situation musste umso bedrohlicher wirken, als die meisten Eingesperrten zu diesem Zeitpunkt physisch und seelisch so erschöpft waren, dass ihnen die nötig Energie fehlte, um sich auf weitere Veränderungen einzustellen. Es erhob sich die bange Frage, wie eine weitere Verschlechterung der Zustände überlebt werden sollte. Auch aus diesem Grund ließ sich die Gelegenheit, aus dem Lager herauszukommen, nicht unbedingt als Fluchtmöglichkeit nutzen. Die meisten Gefangenen kannten sich in der Umgebung des Lagers nicht aus, oft sprachen sie nicht einmal die Sprache der lokalen Bevölkerung. Andererseits hatten die Gefangenen nichts mehr zu verlieren, weil sich nur noch die Wahl zu stellen schien, ob sie auf der Flucht oder während des Marsches erschossen werden würden. – Anhand der Zeugnisse konnte Blatman auch eine zunehmende Brutalisierung des Wachpersonals dokumentieren, so als habe sich mit der zunehmenden Ausweglosigkeit der allgemeinen Situation eine blinde Wut in ihnen Bahn gebrochen. Einzig die Frage nach einem Sinn der Todesmärsche ließ sich nicht mit Hilfe der Zeugnisse von Überlebenden klären – es liegt in der besonderen Perspektive der ehemaligen Gefangenen begründet, dass sich durch ihre Darstellungen die Details eines Insider-Wissens erschließen. Einen Überblick über die Gesamtsituation kann sich damit jedoch nicht eröffnen. Blatmans Vortrag vollzog exakt nach, wie sich der Historiker zur Etablierung von Fakten und zur Rekonstruktion von Ereignissen auf die Zeugnisse Überlebender stützen kann, und wo er an eine notwendige Grenze dieser Möglichkeit stößt.

Auch Omer Bartov (Brown University) demonstrierte in seinem Eröffnungsvortrag sehr anschaulich die Nutzung von Zeugnissen in der historischen Forschung. Er beschrieb seine Forschung über die Juden von Buchach (Buczacz), einem Ort in Ost-Gallizien (in der heutigen Ukraine), an dem bis zum Zweiten Weltkrieg unterschiedliche ethnische Gruppen zusammen gelebt hatten und wo die lokale Bevölkerung unter der deutschen Besatzung dann ihre jüdischen Nachbarn massakrierte und vertrieb. [8] Bartovs Vortrag verdeutlichte dabei die methodologische Komplexität, die ein Historiker im Umgang mit Zeugnissen entwickeln muss. Zum einen geht es darum, die Erinnerungen der Überlebenden in einem Rahmen gesicherter historischer Basisfakten und Eckdaten zu verorten. Außerdem muss eine Absicherung der aus den rückblickenden Zeugnissen gewonnenen Inhalte durch zeitgenössische Quellen, wie etwa Tagebuchaufzeichnungen, erfolgen, die Ereignisse im Augenblick ihrer Entfaltung beschreiben und festhalten. Zugleich müssen aber auch Zeugnisse der unterschiedlichen Gruppen, die in die Ereignisse in Buchach verwickelt waren, d.h. also neben Juden auch Ukrainer, Polen und Deutsche, miteinander verglichen und im Hinblick auf ihre Widersprüche und Abweichungen interpretiert werden. Der Historiker bringt also die unterschiedlichen Stimmen miteinander in ein Gespräch, das in dieser Form zwar niemals stattgefunden hat, mit dessen Hilfe er jedoch die historisch wirksamen Dynamiken zwischen den unterschiedlichen Gruppierungen nachvollziehen kann.

Tatsächlich deckte Bartov durch dieses Verfahren ein soziales Geflecht von Beziehungen und Spannungen auf, das über eine offensichtliche Dichotomie von Juden und Nicht-Juden weit hinausgreift. Dabei fällt natürlich den Zeugnissen der betroffenen Juden die Aufgabe zu, die Auslassungen und das Verdrängte in die Zeugnisse der Täter und Mitläufer einzurücken. Aber es wird auch deutlich, wie fließend z.B. eine Unterscheidung zwischen Tätern und Mitläufern gehalten werden muss, da offenbar jeder an gewissen Punkten vom Verrat an den jüdischen Nachbarn profitierte. Anhand seiner Quellenvielfalt gelang es Bartov, die jüdischen Schicksale im Kontext der lokalen Konflikte zwischen Polen und Ukrainern zu verstehen. Diese Spannungen verstärkten sich offenbar drastisch, nachdem das Gebiet im März 1944 vorübergehend von der Roten Armee befreit worden war. – Das Bild, das sich durch Bartovs Untersuchung zusammensetzte, war so brutal wie bestürzend. Die ukrainische Bevölkerung handelte nicht etwa auf Befehl der Deutschen, sondern ging auf eigene Faust gnadenlos gegen ihre jüdischen Mitbürger vor. Es kam zu Massakern und Plünderungen. Niemand wurde zur Beteiligung gezwungen; trotzdem blieb kaum jemand unbeteiligt. Der jüdische Besitz fiel an die nicht-jüdischen Nachbarn, die leergefegten jüdischen Häuser fanden unverzüglich neue Bewohner.

In den heutigen Interviews mit der lokalen Bevölkerung liegen die Erinnerungen an diese Rechtlosigkeit allerdings in der Regel unter einem ukrainischen Diskurs nationaler Befreiung verschüttet. Die von den Ukrainern vertriebene und ermordete jüdische Bevölkerung hat bis heute im Gedenken der Ukrainer ihren Platz nicht wiedergefunden. – Auch diese Form der Enteignung zog Bartov in Betracht, wenn er seine unterschiedlichen Quellen miteinander in Dialog setzte. Er behandelte das Gesagte mit Vorsicht und konfrontierte z.B. die ukrainischen Berichte von Nicht-Juden, die Juden halfen, mit Aussagen über das Gegenteil: Juden, die ihren Bekannten Geld für einen Platz im Versteck boten, wurden verraten, sobald sie den Preis entrichtet hatten. In einigen Fällen brachten die Bauern, sobald sie Razzien der ukrainischen Miliz zu fürchten begannen, die Juden, die sich bei ihnen versteckt hielten, einfach um. – In dieser Konfrontation ging es Bartov um keine Parteinahme; im Gegenteil versuchte er, die Geschichte von Buchach aus den unterschiedlichen Perspektiven der in sie Verwickelten nachzuvollziehen, um zu einer historischen Darstellung zu gelangen, deren Genauigkeit den ursprünglichen Ereignissen möglichst nahe kommt.

Zusammenfassung
Die Summe der im Laufe der Tagung präsentierten Forschungsansätze zeugt zunächst einmal davon, dass sich die Interviews mit Holocaust-Überlebenden als reichhaltige und vielschichtige Quellen der Forschung empfehlen. Darüber hinaus wurde aber auch deutlich, dass sie aufgrund ihrer besonderen Beschaffenheit hohe Anforderungen an die Forscherin/an den Forscher stellen. Diese bestehen zunächst in der außergewöhnlichen Emotionsgeladenheit des Materials, auf die sich Forschende einzurichten haben, sie beruhen aber auch auf dem privaten Charakter eines Zeugnisses als persönlicher Mitteilung der Überlebenden, den die Forschung möglicherweise verletzt. Offenbar verlangt die wissenschaftliche Arbeit mit Zeugnissen nach einer Kontextualisierung, die sowohl unter historischen, narrativen oder soziologischen Gesichtspunkten vollzogen werden kann. Dabei verdient das Zeugnis Anerkennung in der Begrenztheit seiner Erzählperspektive: Von den Überlebenden kann weder eine übergreifende Darstellung historischer Zusammenhänge, noch eine lückenlose Schilderung der eigenen Erfahrung erwartet werden. Vielmehr gilt es, Schweigen, Abwesenheiten, die Wortlosigkeit „szenischer Erinnerungen“ als Teile des Zeugnisses zu verstehen und deren Bedeutung zu reflektieren.

In einer ersten Zusammenfassung würdigte Friedhelm Boll (FES, Bonn/Universität Kassel) die Bekanntmachung des Boder-Archivs durch das Symposium und regte die weitere wissenschaftliche Auswertung seiner Interviews, aber auch eine eingehende Untersuchung von Boders Vorgehensweise an, der sich um eine Dokumentation der Ereignisse des Holocaust bemühte, ehe sich Referenzrahmen für ein solches Unterfangen gebildet hatten. Es gelt u.a. zu fragen, wie, bzw. im Hinblick worauf Boder in seinen Interviews Fakten zu etablieren versuchte.

Der Frage, wie sich die Zeugnisse von Überlebenden aus beiden Sammlungen in der Bildungsarbeit einsetzen lassen, war ein eigener Workshop am folgenden Tag (9. Juni 2007) gewidmet.

[Die Veröffentlichung des Berichts in H-Soz-u-Kult erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift "Studies on the Audiovisual Testimony of Victims of the Nazi Crimes and Genocides", Brüssel, in deren nächster Ausgabe die englischsprachige Version dieses Tagungsberichts veröffentlicht wird.]

Anmerkungen:
[1] Alle Interviews sind in englischer Übersetzung über die Internetseite http://voices.iit.edu zugänglich. Außerdem sind die Originalaufnahmen von 15 Interviews dort abrufbar.
[2] Vgl. Boder, David, I Did Not Interview the Dead, Urbana 1949; französische Fassung: ders., Je n’ai pas interrogé les morts, hrsg. v. Rosen, Alan; Brayard, Florent, Paris 2006; sowie ders., Topical Autobiographies of Displaced People Recorded Verbatim in the Displaced Persons Camps, with a Psychological and Anthropological Analysis (16 Bände), Chicago 1950-1957..
[3] Gelbin, Cathy; Lezzi, Eva u.a. (Hrsg.), Archiv der Erinnerung. Interviews mit Überlebenden der Shoah. Band 1: Videographierte Lebenserzählungen und ihre Interpretationen, Potsdam 1998 ; Miltenberger, Sonja, Band 2: Kommentierter Katalog, Potsdam 1998.
[4] Eine sechsteilige Video-Edition wurde zusammen mit einem Begleitheft erstellt. Sie wurde 1998 vom Moses-Mendelssohn-Zentrum und dem Medienpädagogischen Zentrum des Landes Brandenburg herausgegeben.
[5] Im Jahr 2002 konnte das US Holocaust Memorial Museum in Washington, D.C. noch 17 Überlebende ausfindig machen, die 1946 von Boder interviewt worden waren. Davon konnten 11 erneut interviewt werden.
[6] Wieviorka, Annette, L’ère du témoin, Paris 1998 – auch auf Englisch: The Era of the Witness, Ithaca 2006.
[7] Die Rede ist hier vom “International Slave and Forced Labour Documentation Project” (2005-2006), das von der Stiftung “Erinnerung, Verantwortung und Zukunft” getragen und vom Institut für Geschichte und Biographieforschung der Fernuniversität Hagen koordiniert wurde.
[8] Die Ergebisse dieser Forschung werden unter dem Titel “Erased: Vanishing Traces of Jewish Galicia in Present-Day Ukraine” erscheinen.

Zitation
Tagungsbericht: Stimmen aus der Vergangenheit. Interviews mit Überlebenden der Shoah: Das David-Boder-Archiv und das "Archiv der Erinnerung", 07.06.2007 – 08.06.2007 Berlin, in: H-Soz-Kult, 05.10.2007, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1730>.