Konvention und Innovation in Ego-Dokumenten (15.-20. Jahrhundert: Arabisch, Persisch, Türkisch)

Ort
München
Veranstalter
Suraiya Faroqhi, Ralf Elger, Yavuz Köse Institut für Geschichte und Kultur des Nahen Orients sowie Turkologie
Datum
27.07.2007 - 29.07.2007
Von
Stefan Reichmuth, Ruhr Universität Bochum; Florian Schwarz University of Washington; Ralf Elger, Ludwig-Maximilians-Universität, München; Yavuz Köse, Ludwig-Maximilians-Universität, München Email:

Die von der DFG finanzierte und von der Carl Friedrich von Siemens Stiftung sowie dem Internationalen Begegnungszentrum der Wissenschaft (IBZ) unterstützte dreitätige Konferenz diente dazu, eine Bestandsaufnahme der internationalen Forschung zu vormodernen Ego-Dokumenten in orientalischen Literaturen vorzunehmen. Dabei sollten die Texte vorzugsweise nicht auf die Darstellung von Individualität hin befragt werden – wie früher oft geschehen –, sondern auf das Verhältnis von Konvention und Innovation darin. Wie wurden Genres rezipiert, welche Topoi findet man, in welche bestehende Rollenmodelle ordnen sich die Erzähler ein und was fügen sie evtl. den traditionellen Möglichkeiten neu hinzu? Das waren einige der Fragen, die es zu diskutieren galt.

Am Anfang der Forschung aber steht die Suche nach Quellen, und will man grundsätzliche Überlegungen zur Kategorie der Ego-Dokumente und ihrer Bedeutung in orientalischen Literaturen anstellen, bedarf das einer besonders weiträumigen Materialsuche. Dabei ist auch zu diskutieren, was überhaupt als Ego-Dokument angesehen werden kann. In seinem Überblick über die Materialien in der orientalischen Sammlung der Universitätsbibliothek Leiden ging JAN SCHMIDT dem nach. Nicht überraschend ist, dass relativ wenig größere Autobiographien vorhanden sind. Dafür aber findet sich viel autobiographisches z.B. in Texteinleitungen, Notizbüchern, in Kolophonen, Skizzen der Karriere, Reisebeschreibungen. Briefe sind häufig, aber selten von “privater Natur”. Doch kann auch eine Sammlung von Geschichten, die in Istanbul zwischen 1804 und 1807 öffentlich vorgelesen wurden, Referenzen zu den Teilnehmern und Umständen dieser Lesungen enthalten und ist auch als Ego-Dokument zu behandeln. Jan Schmidt stellte fest, dass vormoderne Osmanen sehr wohl über ihr Selbst nachdachten und schrieben. Starke Konventionalität der Form, geringe Emotionalität prägen das Material. Eine Erklärung unter vielen möglichen liegt darin, dass manchen Autoren Papier zu teuer für Trivialitäten war.

EDHEM ELDEM behandelte die Frage, wie ein junger Osmane um 1900 über sich schreiben mochte, am Beispiel von Salahaddin (gest. 1915), Sohn von Sultan Murad V. Sein Werk Khâma-i mübtedî besteht aus einem guten Dutzend Heften (defters) und weist eine interessante Struktur auf. Handgeschrieben, aber Druckausgaben imitierend, finden sich darin Titelseiten, Überschriften, Zierelemente und ein ausgefeiltes Layout. Der Teil eins über külliyât (Allgemeines) enthält etwa “pseudo-philosophische” Reflexionen, politische Fabeln (sehr persönlich gegen Sultan Abdülhamid II. gerichtet), pseudo-wissenschaftliche Texte (v. a. über Medizin), auch ein Tagebuch. Vier Jahre lang führte der Autor täglich Buch auf der Rückseite eines Wandkalenders des Unternehmens Tartarian. Salahaddin verbindet in seiner Selbstdarstellung die Rolle des osmanischen Prinzen mit der des politischen Oppositionellen. Sichtbar wird auch die Spannung und Widersprüchlichkeit zwischen seinem osmanisch-islamischen Traditionalismus (ein arabischer Lehrer bringt ihm bei, dass alle Christen Tiere seien) und Modernismus (Verteidigung von Hugo, Voltaire…).

Die Frage, wie ein Ego sich literarisch konstituiert, kann auch anhand von Biographiensammlungen diskutiert werden. HATICE AYNUR betrachtete Asik Celebis (1520-72, aus Prizren, Skopje) Mashâ‘ir ash-shu‘arâ’. Zwar enthält diese Sammlung keinen Eintrag über den Autor selbst, aber zahlreiche Referenzen auf Familienmitglieder, Freunde, Kollegen etc. Der Selbstdarstellung dient die Präsentation seines Wissens über literarische Kultur, in der der Sammler seine eigene Überlegenheit herausstellt und sich durch literarischen Purismus hervortut. Privates Leben wird in Chronogrammen und Versen über (unglückliche) Ehen abgehandelt. Asik Celebis Tezkire ist wegen des persönlichen Elements der Bewertung von Poeten, jenseits von einfachem konventionellen Lobpreis, ein innovativer Vertreter des Genres.

Den Mystikern wendeten sich zwei Beiträge zu. ASLI NIYAZIOGLU forderte, die Referenzen zu Jenseitsbeziehungen – Visionen und Träume – in sufischen Selbstzeugnissen als Ego-Dokumente ernst zu nehmen. Sie betrachtete Yusuf Sinan (gest. 1579), einen Sünbüli Halveti Scheich aus Istanbul. Seine Traumberichte sieht sie als Fenster in das spezifische Milieu der Sufis. Thema dieser Visionen und Träume sind Übergangspunkte im Leben eines Scheichs.

SURAIYA FAROQHI zeigte in ihrem Beitrag, wie ein Sufi über seinen Alltag erzählt, über Essen, Feiern, Kaffee und auch nicht vergisst zu erwähnen, dass man Glückwünsche an den Koch übermittelte. Seyyid Hasans Tagebuch von ca. 1660-65 spricht kaum über Politik oder über religiöse Institutionen in Istanbul. Was ihn interessiert, sind etwa die offenkundig gebildeten Frauen seiner Familie. Suraiya Faroqhi nimmt an, dass das Tagebuch nicht außerhalb der Familie zirkulieren sollte. Aus dem Text kann man das soziale Beziehungsgeflecht des Autors und die Topologie seiner Besuche kartieren. Er scheint mehr Zeit im Haus anderer Leute als in seinem eigenen verbracht zu haben. Auffällig ist, dass er in seinen Berichten relativ genau beschreibt, wo sich bestimmte Personen jeweils im Raum aufhalten.

Autobiographisches aus der osmanischen Gelehrtenschaft präsentierte MICHAEL NIZRI am Beispiel von Scheichülislam Feyzullah Efendi, der zwei autobiographische Schriften im Jahre 1703, kurz vor seiner Exekution, verfasste. Sie enthalten Angaben über die Genealogie seiner Familie und auch eine Lebensbeschreibung. So erzählt er über seine Heirat mit Töchtern eines hohen Funktionärs und seine Karrierestationen. Es folgen drei Berichte über Sultan Mustafas II. Habsburg-Feldzüge, in denen sich Feyzullah als militärische Figur heraushebt. Er beschreibt ausführlich die Karrieren seiner Kinder und präsentiert seinen “Haushalt”.

DERIN TERZIOGLU befasste sich mit karrierebewussten Funktionären. Ihre beiden Quellen aus der Mitte des 16. und der Mitte des 17. Jahrhundert hat sie aus zwei Gründen gewählt. Es handelt sich erstens um die Werke komplementärer Autoren. Einer ist Mitglied des Militärs, der andere stammt aus der Gelehrtenschaft. Einer Erfolgstory steht zweitens die Geschichte eines Scheiterns gegenüber. Der erste Autor Za‘îfî aus den rumelischen Silbergebieten und Mitglied einer Sipahi-Familie war ein untypischer osmanischer Gelehrter. Mit langsamer Karriere, oft arm und von geringem sozialen Ansehen, wird ihm nach langem Streben endlich die Ernennung zum Lehrer zuteil. Der Text behandelt detailliert eine mühsame Reise von Sivas nach Diyarbekir. Auffällig hier ist, dass dem bescheidenen, stets scheiternden Erzähler Za‘îfî der selbstbewusste Autor Za‘îfî gegenüber steht, der eine wahre und moralische Geschichte erzählt. 90 Jahre später entstand mit den Maqâlât-i Ali Varvari die einzige bekannte Autobiographie eines Militärs mit devshirme-Hintergrund. Varvari Ali Pascha war einer der letzten Vertreter der alten qul-Elite christlicher Herkunft. Als hochrangiger Administrator, der über die guten alten Zeiten räsoniert, seine Loyalität zu den osmanischen Sultanen betont, spricht er über die schwierigen ersten vier Jahre im Palast, als ihn Heimweh plagte, und die stolze Rückkehr in seine Heimat Bosnien als Gouverneur genau 40 Jahre später. Ein möglicher Grund für die Abfassung ist, seinen Kollegen ein Beispiel für die zu erwartende Belohnung für loyalen Dienst zu geben.

Um Fragen der Karriere u. a. ging es auch in der von HENNING SIEVERT präsentierten Bagdader Anthologie (Mitte des 18. Jahrhunderts) von Muhammad Abû l Barakât ar-Rahbî mit dem Titel Nuzhat al-mushtâq fî 'ulamâ' al-'Irâq. Sein Text, den der Autor selbst als singulär bezeichnet, enthält merkwürdige Personenportraits. Nach der Lebensdarstellung folgt jeweils eine Abhandlung zu einem Thema, das in einem häufig nur vagen Zusammenhang mit dieser Person steht, dann eine maqâma (Gattung der arabischen Prosa). Darin trägt der Erzähler in der ersten Person in der Regel den Namen von ar-Rahbî selbst. Er stellt sich mit seinem maqâma-Schaffen in die arabische literarische Tradition, spielt aber dabei mit den konventionellen Formen.

STEFAN REICHMUTH zeigte, wie eine Biographiensammlung das Netzwerk ihres Autors präsentieren kann. Der Mu'jam des Murtadâ az-Zabîdî (Ägypten) enthält zahlreiche Biographien seiner Bekannten und Freunde aus vielen verschiedenen, geographisch weit entfernten Herkunftsregionen und vielfältigen sozialen Hintergründen und Interessen. Immer wieder beschreibt az-Zabîdî seine Freundschaft zu den Personen. Über die Zeit nehmen besonders seine Kontakte zu Nordafrikanern, Personen aus den osmanischen Kernlanden und Zentralasien zu, während die zu anderen Regionen weniger werden – ein Ausweis für den Wandel seiner Netzwerke. Anhand von Diagrammen verdeutlichte Reichmuth u.a. welche Themen in den Netzwerken in welcher Intensität auftauchen. Insgesamt liest er das Werk az-Zabîdîs als Abbild wachsender sozialer Mobilität in allen Regionen der islamischen Welt des 18. Jh. Ein Vergleich mit dem Freundschaftsdiskurs im Deutschland (und Europa) des 18. Jahrhunderts bietet sich an.

Reiseberichte sind eine wichtige Form von Ego-Dokumenten. RALF ELGER sprach über Ibn Battutas Text aus dem 14. Jahrhundert und hob dessen merkwürdige Auffassung von Realität hervor. Ibn Battuta wurde von Zeitgenossen (etwa Ibn Khaldûn) als Lügner bezeichnet, was sicher zutrifft. Die Frage ist aber, warum sein Text trotzdem eine gewisse Verbreitung fand und noch im 17. Jahrhundert in Aleppo zusammengefasst und so im Vorderen Orient recht weit verbreitet wurde. Wohl weil er nicht als wahrer, sondern erfundener Bericht verstanden wurde, lautet die Vermutung. Ibn Battutas Text ist bemerkenswert, weil er einen “umgekehrten” autobiographischen Pakt schließt. Er soll als nicht wahrheitsgemäß erkannt werden, spielt mit Wahrheit und Lüge, und erlaubt dem Leser, sich mit dem Erzähler, dem über die Welt und ihre Wahrheit souverän verfügenden Held, zu identifizieren. Der Text zeigt auch deutliche Anzeichen eines mystischen Reiseberichts und wurde damit vermutlich Vorbild für eine ähnliche Reisebeschreibung von dem Syrer Mustafa al-Latîfî al-Hamawi aus dem 18. Jh.

DENISE KLEIN behandelte Reisen osmanischer Gesandter nach Russland im 18. Jh. Sie liest ihre Berichte nicht nur als Dokumente über das “Andere”, sondern auch über das “Selbst”. Die Autoren unterscheiden zwischen ihrem Selbst als Gesandter des Sultans und dem “eigenen” Selbst. Indirekte und direkte Autorenreferenz ist erkennbar. Indirekte durch den “cultural imprint” des Autors, der mit der zunehmend persönlichen Beschreibung Russlands wächst, direkte durch ihre Selbstrepräsentation als bescheidene Repräsentanten der imperialen Majestät. Unterschiede in der Selbstdarstellung der Autoren hängen neben den Besonderheiten ihrer Personen sicher auch von Entwicklungen des Genres ab. Welche genau, das muss noch geklärt werden. Auch die europäischen Einflüsse und das Verhältnis von Wahrheit/Fiktion/Unterhaltung in den Berichten harren weiterer Untersuchung.

Aus den islamisch geprägten Bereich hinaus führte MEINOLF ARENS mit seinem Beitrag über Miron Costin (1633-91) aus Moldavien. Gutsbesitzer mit guten Beziehungen zu den Osmanen und dem moldawischen Vasallenhof in Iaş, war er “typisches Scharnier” zwischen orthodoxer, osmanischer und lateinischer Welt. 117 Briefe und Urkunden von ihm sind erhalten. Das Material enthält eine Barock-Dichtung mit persisch-osmanischen Einflüssen, eine polnische Chronik der Moldau und eine rumänische Chronik der Moldau und Walachei. Durch Costins Texte zieht sich als absolut dominierendes Element die Angst vor Tod und Karriereende. Eine große Rolle spielt ein traumatisches Erlebnis, als er die Hinrichtung seiner Eltern 1650 ansehen musste. Er schreibt seine Briefe weniger an “seine eigenen Leute” in der Moldau, sondern an Politiker am osmanischen Hof und Freunde in Polen. Ein Vergleich von Costins Texten mit anderen Quellen innerhalb seines eigenen “Milieus” ist schwierig, da nur wenig ähnliches Material bekannt ist.

Ego-Dokumente können auch als Historiographie daherkommen, wie BIRGITT HOFFMANN anhand persischer Chroniken von al-Juwaini, 13. Jahrhundert, und dem Rustam at-tawârîkh aus dem 19. Jh. zeigte. Hoffmann fragt nach außertextuellem Kontext und textuellem Kontext (literarische Formen, Topoi etc.), in welche die Selbst-Referenzen der Autoren eingefügt sind. Traditionell in der Forschung erhobene Kritik an der vermeintlich kompilatorischen und derivativen Natur vormoderner persischer Chronistik sei irreführend. Al-Juwaini weist Selbst-Referenzen etwa in seinem Bericht über den Entstehungsanlass des Textes auf, oder auch in der Bekundung, Augenzeuge gewesen zu sein. Rustam at- tawârîkh wurde geschrieben in einer Zeit (1. Hft. 19. Jh.), als Chroniken aus der Mode kamen und langsam u.a. von Memoiren ersetzt wurden. Sein Werk wirkt auf den ersten Blick sehr “individualistisch”, die Geschichte entwickelt sich entlang seiner Familiengeschichte. Er zitiert seine Familienmitglieder als Hauptinformanten. Chronologie spielt eine geringe Rolle. Aber der anscheinend höchst individualisierte Text verbirgt in Wirklichkeit das Selbst des Autors mehr, als es zu enthüllen.

Was macht man mit einem Autor, der zwar sehr viel zu gelehrten Themen, aber fast nichts über sich schrieb? Man kann sein Gesamtwerk als Ego-Dokument untersuchen, sagte PATRICK FRANKE in seinem Vortrag über Mullah Ali al-Qari. Persönliche Bemerkungen beschränken sich auf fromme Notizen, etwa über den Tod seines Sohns Hasan anlässlich eines Kommentars zu einem einschlägigen hadîth, auch über eigene Beobachtungen von heterodoxem Verhalten in der Moschee. Von größerer Bedeutung ist für Franke aber die seiner Auffassung nach nicht zufällige Masse von Querverweisen in den juristischen, theologischen und sonstigen Texten des Mullahs. So zeigt sich in einer Kritik an dem Mystiker Ibn ‘Arabî, der von Ibn Kamâl Paschas fatwâ zu einer Art osmanischen Staatsideologen erhoben wurde, die persönliche Haltung des Autors zur politischen Herrschaft. Seine Texte sind als Verweise auf Spannungen in der mekkanischen Gesellschaft um 1600 zu lesen, zwischen Lokalen und Einwanderern, zwischen drei politischen Faktionen, "Patricians”, “Neue Elite” pro-osmanischer Gelehrter und “frommen Zirkeln” Mekkas.

BARBARA STÖCKER-PARNIAN referierte über Mehdiqoli Hedayats (1864-1955) Bericht von seiner Weltreise im Jahre 1903/4. Der Autor studierte in Deutschland, brach sein Studium ab und kehrte in den 1890ern in seine Heimat Iran zurück. Er arbeitete als Deutsch-Übersetzer für Nâsiruddīn und Muzaffaruddîn Shâh und begleitete letzteren auf seiner Deutschlandreise. Ab Spätsommer 1903 begleitete er den Atabek auf einer langen Reise um die Welt. Die Route führte von Teheran, über Baku, mit dem Zug nach Moskau. In der Transsibirischen Eisenbahn nach China und Port Arthur. Weiter nach Peking, Japan, Hawaii, San Franzisko, Chicago, New York, Cherbourg, Brindisi, Alexandria und Mekka. Das Interesse des Autors galt einer "Autopsie" der Reformen in Meiji-Japan, der traurigen Verhältnisse in Qing-China und der imperialen Präsenz in Ostasien. Man kann seine Haltung als iranischen Orientalismus bezeichnen.

STEPHAN GUTH sprach über Fâris ash-Shidyâq (1805-1887), libanesischer Kosmopolit, und sein Werk As-sâq `alâ s-sâq fî mâ huwa l-Fâryâq (1855). Verschiedene Genres werden darin vermischt und parodiert, unter anderem auch das der klassischen maqâma. Auffällig ist die eminente Rolle des erzählenden Subjekts in seinem Text: Das Schwergewicht der Handlung liegt auf dem Erzähler, nicht (wie in der klass. maqâma) auf dem Protagonisten. Guth verortet Shidyâq’s Sâq zwischen Romantik und Realismus. Romantische Elemente sind z.B. Genremischung, Selbstreflexivität, Distanz zu bestehenden Normen, Betonung der Fiktionalität. Realismus zeigt sich andererseits im Empirismus und der sozialkritischen Note des Werks. Da die Begriffe 'Romantik' und 'Realismus' jedoch vor allem auf spezifisch europäische Epochenausprägungen verweisen, bevorzugt Guth (mit Walter Falk) den kulturneutralen Begriff “Reproduktionismus” als Bezeichnung für das Sinnsystem, auf das sich arabische wie europäische Autoren von ca. 1820 bis 1880 gleichermaßen bezogen.

CARTER FINDLEY betrachtete osmanische Romane geschrieben ab den 1870ern mit autobiographischem Inhalt. Ehe ist darin zentrales Thema, erzählt werden boy-meets-girl stories unter den Zwängen der “gender-segregation”. Der eine der beiden im Detail analysierten Romane ist Muhâdarât von Fatma Aliye, Tochter von Ahmed Cevdet Pascha, die patriarchalische Verhältnisse, während sie an der Oberfläche noch vom Text gestützt werden, durch die Erzählung zu untergraben sucht. Ahmed Midhat ist Autor der Müshâhedât, einem Roman mit einer eigenen Form des Naturalismus in bewusster Reaktion auf, und Kritik an, Émile Zola. Beide Autoren schließen sich selbst in die Handlung ihrer Romane ein; allerdings nur Ahmed Midhat in Form einer konkreten handelnden Figur (nämlich des Helden Ahmed).

ROXANE HAAG-HIGUCHI referierte über die in der Forschung der letzten zwei Jahrzehnte wachsende Kritik am traditionellen hermeneutischen Zugang zu persischer Poesie mit dem Fokus auf Emotion und Intention des Autors. Zunehmend werde nunmehr der professionelle Gebrauch des Mediums Dichtung hervorgehoben. An dem Fall des Dichters Yaghmâ läßt sich dies nachvollziehen. Seine Selbstsicht als Autor gibt er in Briefen an seine Söhne und Freunde zu erkennen. Er spricht darin nicht über die Praxis seines Schreibens, sondern über die Sammlung und Zusammenstellung seiner Werke durch andere. In seinen Briefen kommt zum Ausdruck, dass er sich für die Sammlung seiner Gedichte in seiner Umgebung interessierte und sie sogar koordinierte. Haag-Higuchi sieht eine Entwicklung Yaghmâs, die ihn mit dem Alter zunehmend an der Verbreitung seines Œuvres interessiert zeigt. Das öffentliche Bild eines Nonkonformisten, das von Yaghmâ existierte, steht in Kontrast zum seinem Selbstbild als professioneller Autor in seinen Briefen.

JULIETTE HONVAULT betrachtete die Selbstdarstellung von ‘Âdil Arslân (1887-1954), dessen Leben voller heftiger politischer Konflikte verlief. Er stammte aus einer alten drusischen Emirsfamilie aus Libanon, die in Auseinandersetzung mit anderen Landbesitzerclans verschiedener Religionen stand, manche durch auswärtige christliche Staaten und Händler gefördert. ‘Âdil selbst war 1925-29 in Kämpfe gegen die Franzosen verwickelt. Seine offiziellen Positionen: Er war Minister, UN-Repräsentant und Botschafter Syriens in der Türkei. Das alles beschreibt er zum einem entsprechend den Standards der klassischen arabischen Biographie-Tradition, rezipiert aber zum andern auch Vertreter der literarischen Romantik wie Pierre Loti und Chateaubriand. Immer wieder auch über seine Emotionen sprechend, vollzieht sich seine Selbstdarstellung großen Teils in der Beschreibung von Ereignissen, an denen er beteiligt war.

Welche Wendungen die Selbstsicht und – darstellung im Verlaufe eines langen Lebens nehmen kann, demonstrierte CHRISTOPH HERZOG an den verschiedenen – insgesamt drei – Fassungen der Memoiren von Muammer Tuksavul.[1] Wie kommt es zu dieser vielfältigen autobiographischen Produktion? Tuksavul führte ein bewegtes Leben. Er stammte aus eine islamischen Gelehrtenfamilie, sein Vater war Wärter in den heiligen Stätten Mekkas. Tuksavul schlug aber ein andere Laufbahn ein, er studierte in Mannheim, wurde 1923 Diplomkaufmann, absolvierte eine Chemie-Ausbildung in Karlsruhe und kehrte 1929 in die Türkei zurück. Dort betätigte er sich in der Zuckerindustrie und war 1943 an der Gründung der Yapi Kredi Bankasi beteiligt. Die letzte Fassung der Memoiren, die er im Alter von 80 fertig stellte, erzählt sein Leben als Erfolgsgeschichte, während die früheren Fassungen mehr die Probleme der Vergangenheit reflektieren. Zudem unterscheidet er auch in den Fassungen zwischen türkischem und deutschem Lesepublikum.

In mehrerer Weise möchten die Veranstalter das intellektuell stimulierende Treffen – bei aller Bescheidenheit – als gelungen bezeichnen. Experten arabischer, persischer und türkischer Literatur waren anwesend, die eine ganze Reihe verschiedener Genres aus mehreren Jahrhunderten analysierten und eine Vielzahl unterschiedlicher Interpretationsansätze vorführten. Die Veranstalter planen die Beiträge in der Reihe „Mizân. Studien und Texte zur Literatur des Orients“ bei Harrassowitz herauszugeben (Erscheinungsdatum voraussichtlich Ende 2008).

Konferenzübersicht:

Edhem Eldem (Istanbul)
Splitting the I: The Multiple Identities of Prince Salahaddin bin Murad in his Autobiographical Writings

Jan Schmidt (Leiden)
First-Person Narratives in Ottoman Miscellaneous Manuscripts

Hatice Aynur (Istanbul)
Self-representation of Asık Celebi in His Tezkire

Asli Niyazioglu (Istanbul)
This worldly engagements- other wordly concerns: Yusuf Sinan (d.1579) and writing the lives of the Sufi sheikhs

Suraiya Faroqhi (München)
A dervish speaks about himself and his friends: Istanbul as reflected in a seventeenth-century diary

Patrick Franke (Leipzig)
The ego of the Mulla: strategies of selfrepresentation in the works of the Meccan scholar Ali al-Qari (d. 1014/1606)

Michael Nizri (Tel Aviv)
The Memoir of Seyhulislam Feyzullah Efendi (1638-1703): Self, Family and Houshold

Carter Findley (Columbus/Ohio)
Competing Autobiographical Novels, His and Hers

Birgit Hoffmann (Bamberg)
Authors' self-references and autobiographical statements in Persian chronicles

Derin Terzioglu (Istanbul)
The Sultan and I: Political Subjectivity in Ottoman Autobiographical Literature, 1550-1700

Henning Sievert (Zürich)
Representations of the self and relations with the others: Adab from 18th century Iraq

Stefan Reichmuth (Bochum)
Murtada az-Zabidi's Mu'jam: Personal Network and Sentimental Memory in an Ego document of the late 18th century

Roxane Haag-Higuchi (Bamberg)
A Conflict Concerning ‘Copyright’ in Early Modern Iran

Stephan Guth (Oslo)
Even in a maqâmah! The shift of focus from “trickster" to "narrating subject" in al-Shidyâq's "Sâq" (1855)

Ralf Elger (Bamberg)
Lying, forging and plagiarizm. Some narrative strategies in Arabic egodocuments from Ibn Battuta to the 18th century

Meinolf Arens (München)
Between the Orthodox, Ottoman and Latin world: the Moldavian chronicler, politician, poet and traveller Miron Costin (1633-1691)

Denise Klein (München)
Being the Sultan’s envoy. Levels of identity in 18th century Ottoman sefâretnâme from Russia

Barbara Stöcker-Parnian (München)
An unusually long way to the Kaaba. Reflexions in the safarnama-ye Makka of Mehdiqoli Hedayat

Juliette Honvault (Paris)
“Speaking about oneself when external life is ethically primordial: the Yawmiyyât of the Syro-Lebanese Arab nationalist ‘Adil Arslân (1887-1954)

Christoph Herzog (Istanbul)
Lessons of a long life: the Self, history and religion in the memoirs of Muammer Tuksavul”

Anmerkung:
[1] Eine Fassung der Memoiren ist auf Deutsch erschienen: Tuksavul, Muammer, Eine bittere Freundschaft, Berlin 1985, eine neu arrangierte Version von Dogudan Batiya ve sonrasi, Istanbul 1981. Eine weitere Bearbeitungsstufe stellte dann Ben de Müslümanim, Istanbul 1995 dar.

Kontakt

Yavuz Köse

Institut für Geschichte und Kultur des Nahen Orients
Veterinärstr. 1, 80539 München
089-2180-2433

y.k@lmu.de

Zitation
Tagungsbericht: Konvention und Innovation in Ego-Dokumenten (15.-20. Jahrhundert: Arabisch, Persisch, Türkisch), 27.07.2007 – 29.07.2007 München, in: H-Soz-Kult, 22.11.2007, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1765>.
Redaktion
Veröffentlicht am
22.11.2007
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