Machiavellismus in Deutschland. Chiffre von Kontingenz, Herrschaft und Empirismus in der Neuzeit

Ort
Tutzing
Veranstalter
Annette Meyer, LMU München; Cornel Zwierlein, LMU München
Datum
25.09.2007 - 28.09.2007
Von
Benjamin Steiner, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München

Nicht der Florentiner Niccolò Machiavelli (1469-1527), sondern der Machiavellismus stand im Zentrum einer Tagung, die von Annette Meyer und Cornel Zwierlein (beide München) mit Unterstützung des Teilprojekts C8 im Sonderforschungsbereich „Reflexive Modernisierung“ und der Deutschen Forschungsgemeinschaft organisiert wurde. Diese Konzentration auf die Chiffre ‚Machiavellismus‘, die die Person und den Autor Machiavelli in den Hintergrund stellte, stieß nicht nur auf Zustimmung. Gerade eines der primären Erkenntnisinteressen der Organisatoren, durch die Untersuchung des neuzeitlichen Machiavellismusdiskurses Impulse für eine neue Epochenheuristik zu setzen, wurde nicht von allen Tagungsteilnehmern geteilt und offenbarte viele grundsätzliche Schwierigkeiten eines interdisziplinären Forschergesprächs, das zudem über die traditionellen Epochengrenzen hinweg geführt wurde. Die Beschäftigung mit Machiavellismus diene, so formulierten es Meyer und Zwierlein in ihren einleitenden Bemerkungen, einem Blick auf die ganze Neuzeit, wobei kategoriale Epochenunterscheidungen wie zwischen „Früher Neuzeit“, „Moderne“ und „Postmoderne“ oder „erster“ und „zweiter Moderne“ auf ihre heuristische Aussagekraft geprüft werden sollten. Mit dem Wunsch, die Unterschiede historischer und sozialwissenschaftlicher Herangehensweisen zu überwinden und beide synergetisch zu nutzen, sollten anhand der Machiavellismuschiffre kontingente Entscheidungssituationen und Zukunftsprognosen sowie Tendenzen zur Empirie innerhalb schriftlicher Entscheidungsprozesse in der Neuzeit thematisiert werden. Das war „kein bescheidener Zugang“, wie die Veranstalter selbst zugaben, doch wurde damit eine Möglichkeit eröffnet, die über vierhundert Jahre andauernde Machiavelli-Rezeption, jenseits rein philologischer und literarischer Fragestellungen und unter Vermeidung entwicklungstheoretischer, nutzenorientierter oder ästhetischer Zielvorstellungen, in ihrer facettenreichen Ausprägung innerhalb des deutschen Kulturraums historisierend untersuchen zu können.

Die erste Sektion nahm sich den italienisch-deutschen Kulturtransfer vor, über den das Wissen über Machiavelli die Sphäre der politischen Kultur in Deutschland erreichte. BARBARA MARX (Dresden) konnte in ihrem informativen Beitrag über die Grand Tour junger deutscher Adliger in Italien und die Rezeption italienischer politischer Theorie in Deutschland anhand der Inventare der Fürstenbibliotheken von Christian I. von Anhalt-Bernburg, Christian I. von Sachsen oder Herzog August von Braunschweig-Wolfenbüttel zeigen, dass Machiavelli im Kanon politiktheoretischer Bücher zwar vorhanden, aber nicht von besonders hervorzuhebender Bedeutung gewesen sei. Die Reisen der Fürsten durch Italien spielten für ihre politischen Prägung indes nur eine geringe Rolle, da ihre Buchlektüre die gemachten Erfahrungen konditionierte und sich dadurch keine Kongruenz von Lektüre und Anschauung feststellen lässt.

Dass Machiavellis Texte die politische Theorie in Deutschland beeinflussen konnten, zeigte dagegen CORNEL ZWIERLEIN, der zudem das erste Auftauchen des Begriffs ‚Machiavellismus‘ im Titelblatt einer Edition der Platonischen Briefe Johann Jacob Beurers auf das Jahr 1586 datieren konnte. Zwierlein behauptete, dass der Kulturtransfer des Machiavellismus von Italien nach Deutschland mehrere Grenzen zu überwinden hatte. So musste erstens das Entwicklungsbiotop der Florentiner politischen Kultur verlassen werden, zweitens änderte sich bei der Grenzüberschreitung die politische Kommunikation von Zwischenstaatlichkeit, diplomatischer Schriftlichkeit und methodisierter empirischer Selbst- und Fremdbeobachtung, drittens kam es zu einer Verschiebung von arkanem Räsonnement hin zu einem öffentlichen Diskurs, viertens wechselte die Sprache zur lateinischen Gelehrtensprache und fünftens überführte der Transfer auch vom Bereich der Theorie zu dem der Praxis. Auf der empfangenden Seite dieser Verschiebung hätte somit, so führte Zwierlein weiter aus, dann die deutsche Aufnahmekultur gestanden, deren politiktheoretischer Diskussionsrahmen durch machiavellistische Themen und Topoi, wie Herrschaftsexpansion oder die Vermeidung der Mittelwege in der Neutralitätsdiskussion bei Christoph Besold, Johann Wilhelm Neumayr von Ramssla oder Justus Reifenberg abgesteckt worden sei.

Gegen diese historisch abwägenden Einschätzungen der Rezeption des Machiavellischen Werks setzte am Ende des ersten Tages der Abendvortrag von DIRK HOEGES (Hannover) über die Karriere von Machiavellis Principe als Kunstwerk eine kontrapunktische Gegendarstellung. Man kann Hoeges in seiner ästhetischen Verabsolutierung des Gesamtwerks Machiavellis beipflichten, wenn man sich dem Werk rein in seiner überhistorischen Dimension nähert und das Interesse des historisierenden Verstehens Machiavellis in Deutschland in der Neuzeit klar unterordnet. Unter dieser Voraussetzung erscheint es dann auch sinnvoll, Hoeges’ Forderung zu folgen, die Hauptwerke des Principe und der Discorsi sopra la prima Deca di Tito Livo nur im Kontext seiner anderen Schriften, vor allem seiner Dichtung, zu lesen. So ist es spannend, auch bei Machiavelli schon auf jenes versprachlichte Selbstbewusstsein eines Autors zu stoßen, wie man es später ähnlich bei Montaigne findet.

Den zweiten Tag und damit auch die zweite Sektion über Konfessionskulturen und Machiavellismus eröffneten CORRADO MALANDRINO (Turin) und FRANCESCO INGRAVALLE (Alessandria) mit einem Vortrag über den sogenannten Anti-Machiavellismus der Calvinisten in Deutschland und Frankreich sowie die Bezüge auf Machiavelli in der Politica methodice digesta (1603) des calvinistischen Rechtsgelehrten Johannes Althusius. Es wurde zunächst der Gegensatz dargestellt, der zwischen hugenottischen Politiktheoretikern wie Innocent Gentillet (Anti-Machiavel, 1571), die den Florentiner mit Atheismus, Tyrannei und Unmoralität verbanden, und dem „Basler Kreis“ italienischer Reformierter um Silvestro Tegli und Giovanni Stupano herrschte. Letztere übersetzten den Principe und die Discorsi ins Lateinische (1580 bzw. 1588) und befreiten Machiavelli dabei von der „Schande“, die ihn, insbesondere in der reformierten calvinistischen deutschsprachigen Welt, umhüllte. Die Einflüsse der Basler auf Althusius bewirkten dann eine Neutralisierung und Entdämonisierung Machiavellis sowohl in der Politica als auch bei anderen deutschen calvinistischen Autoren wie Bartholomäus Keckermann oder Otto Casman, die Machiavelli als „Autor der Mittel“ oder als einen „Techniker“ lesen, dem nicht die Mittel, die moralisch indifferent seien, sondern dem die Absichten des Fürsten teuflisch vorkommen.

In der dritten Sektion über frühneuzeitliche Wissenskulturen und Machiavellismus hob LUCIA BIANCHIN (Trient) das klassische Problem der Hauptveränderung der Staaten (conversiones rerumpublicarum) hervor, das v.a. darin bestehe, mit welchen Tugenden und Mitteln der gute Fürst den Staat aufrechterhalten könne, und das im Zusammenhang mit einem neuen, typisch barocken Interesse an Geschichte gesehen werden müsste. Sie zeigte, wie sich in der deutschen Rezeption u.a. der Istoire fiorentine Machiavellis (1520-25) durch die Übersetzung Hieronymus Turlers (1564) das geschichtliche Interesse mit astrologischen Untersuchungen verknüpft und in gewissen außergewöhnlichen Phänomenen die Vorzeichen großer bevorstehende Geschichtsereignisse gesehen werden. Wie Machiavelli die conversiones der Staatsformen der Monarchie, Aristokratie und Demokratie mit Hilfe des Wirkens der Fortuna beschreibt, hebt Hermann Conring in vier, spezifisch auf dieses Thema ausgerichteten Dissertationen hervor. Conring anerkennt die Wirkungen der Fortuna, die, so Machiavelli, „zur Hälfte Herrin über unsere Taten ist, [...] aber die andere Hälfte oder beinahe so viel uns selber überlässt“ (Principe, Kap. XXV). Das hätte dazu geführt, dass dieses Denken Machiavellis in kurzer Zeit berühmt und in der folgenden deutschen Literatur über die conversiones wieder aufgenommen geworden wäre.

THOMAS MAISSEN (Heidelberg) richtete im Anschluss den Blick dann auf den frühneuzeitlichen Republikanismus und die Rezeption Machiavellis in der Eidgenossenschaft. Die Schweizer hätten im 16. und 17. Jahrhundert sowohl Machiavelli als auch Machiavellismus abgelehnt, da Andeutungen, wie solche, dass der Herrscher zu Lasten der Schwächeren seine Herrschaft ausbauen könne, von der sich als liberal und egalitär empfindenden Bürgergesellschaft als äußerst provokativ empfunden worden wären. Erst spät, im 18. Jahrhundert, erhält Machiavelli v.a. durch die erneute Lektüre der Discorsi durch Iselin eine positive Deutung, in der er als neuer Cato und vortrefflicher republikanischer Staatsmann gesehen wurde. Der „Machiavellian Moment“ durchziehe eine Reihe von Texten, auf die in den schweizerischen Reformdiskursen zurückgegriffen werden konnte, wenn man die Republik in Gefahr sah und ein Antidot der Tugendrepublik gegen den Absolutismus benötigte.

Schließlich evaluierte MERIO SCATOLLA (Padua) das Phänomen Machiavelli und Machiavellismus innerhalb der Historia litteraria, einer der wichtigsten Gattungen frühneuzeitlicher Wissenskultur um 1700 überhaupt, die Auskunft darüber gibt, was Wissen zu dieser Zeit ist und wie es als wahr weiter gegeben werden kann. Die allgemeine Verbreitung Machiavellis über die Historia litteraria teilte Scatolla in drei Phasen der Machiavelli-Rezeption ein, in der sich das Urteil über Machiavelli vom Negativen zum Positiven verändert. Die erste Phase, beginnend mit Johann Andreas Boses Bibliotheca (1677) zeichnet sich durch eine Ablehnung Machiavellis als „dreistem Menschen“ und des Machiavellismus als einer religio machiavellistica aus; dieses Urteil wird spätestens Ende des 17. Jahrhunderts durch Daniel Georg Morhof kanonisiert. Mit dem Beginn des 18. Jahrhunderts wird Machiavelli dann einer Historisierung unterzogen, die beansprucht, alle Formen der Politik („pluram politicum“) in der Wissenschaft zu behandeln – auch die „bösen“. Schließlich hätte sich das Urteil über Machiavelli durch die philosophische Rettung Struwes zum Positiven gewendet, der in Machiavelli einen Gelehrten mit außerordentlich feinem Verstand erkannt hätte. Im Florentiner Sekretär sah man nun einen wahren Demokraten und Christ spricht 1731 von Machiavelli als Monarchomachen. Damit waren Machiavellismus und Machiavelli nun endgültig voneinander getrennt.

Ähnlich historisierend vorgehend schloss MARTIN MULSOW (New Brunswick) am dritten Tag in der vierten Sektion zur Frühmoderne und Machiavellismus an Scatollas Ausführungen an, indem er eine „Probebohrung“ in den deutschen Machiavellismus des 17. und frühen 18. Jahrhunderts unternahm. Hier finde sich ein Machiavellismus vor Machiavelli, der von Gelehrten in den alttestamentarischen Persönlichkeiten Ahitophel und Jerobeam tätig gesehen wird. Diese Technik der Rückprojizierung eines neuzeitlichen Phänomens in einen antiken Kontext entspräche dem üblichen Vorgehen, brisanten Lehren mit dem Hinweis auf ihre Anciennität den Stachel zu ziehen. Ahitophel, der politische Berater Davids und Absaloms, und Jerobeam, König des Reichs Israel und Errichter von Kultstätten des goldenen Kalbs, sind für mehrere frühneuzeitliche Texte Schlüsselfiguren eines alttestamentarischen Machiavellismus. So habe mit dem Tyrannen Jerobeam die Politik des Machiavelli mit der Tyrannei selbst begonnen und Daniel Clasen macht aus Jerobeam einen klugen Politiker, der die Religion zu seinem Nutzen auslegt, um so zu verhindern, dass sein Volk dem König von Juda zufalle. Ahitophel dagegen, der sich der Revolte Absaloms gegen König David anschloss, wird als Urtyp machiavellistischen Handelns beschrieben. Tommaso Campanella (1568-1639) dreht die geflügelte Formulierung eines „machiavellisierenden“ Autors um, indem er vom ahitophelisierenden Machiavelli spricht. Noch bei John Drydens politischer Satire Absalom und Ahitophel (1681) wird die Figur des Ahitophelismus gar als historische Analogie auf seine Zeitgenossen, als wirkungsmächtiges, gleichwohl verschlüsseltes Denunziationsinstrument verwendet: Absalom als der Duke of Manmouth (1649-1685), der 1681 in England eine Rebellion gegen König Charles II. anführte, und Ahitophel als der Monmouth unterstützende Earl of Shaftesbury (1621-1683).

Im Anschluss daran führte ANNETTE MEYER in ihrem Tagungsbeitrag über Machiavellismus um 1800 in die Diskurslandschaft des 19. Jahrhunderts über. Die Wahrnehmung Machiavellis sei in dieser Zeit noch immer von der langen Wirkung des Antimachiavels Friedrichs des Großen von 1739 überschattet gewesen. Doch kann die Epochenschwelle um 1800 als Scheidepunkt einer vormodernen gegenüber einer modernen Machiavelliinterpretation gelten. So führt Meyer das Beispiel des Berliner Publizisten Friedrich Buchholz (1768-1843) an, um an seinem Werk eine neue Methode der entstehenden „Wissenschaft der Gesellschaft“ nachzuzeichnen, die sich vom deutschen Idealismus Herders, Hegels und Fichtes absetzt. Anleihen sucht Buchholz in seiner Darstellung eines neuen Gravitationsgesetz für die moralische Welt (1802) eher bei David Hume, der, anders als Kant, die Realität der menschlichen Natur nicht vernachlässigt habe. Machiavellis Realismus und sein Primat des Empirischen ermöglichen eine praktische Moral für Ungläubige. Die Gegenüberstellung des Guten und Bösen im Principe könne, im Sinne der „science of human nature“ der Schottischen Aufklärung, als handlungsleitende Moral für die Gesellschaft gelesen werden. Damit wird Machiavelli um 1800 als „Theoretiker der Krise“ verstanden, in dessen Werk eine ungeschönte Beschreibung empirisch vorfindbaren politischen Handelns stattfindet. In der Zeit der Krise um 1800 wurde damit, so Meyer, „Machiavellistik“ als Verfahren für die Politiktheorie wiederentdeckt.

Mit den Begriffen Utopie und Ideologie leitete BERNHARD TAURECK (Braunschweig) in seinem Vortrag über den Machiavellismus bei Nietzsche und im Faschismus in die fünfte Sektion zu Machiavelli und Machiavellismus im 20. Jahrhundert ein. Machiavellismus steht für Taureck zwischen der Utopie, die er hier im Sinne Platons als die unmöglich zu erreichende politisch-gesellschaftliche Vollkommenheit definiert und deren Lesart Friedrich Nietzsche bietet, und der Ideologie, die er als die Nutzung unvermeidlicher Unvollkommenheit gesellschaftlicher Ordnung mit dem Ziel der Herrschaftserleichterung bezeichnet und deren Lesart wiederum der Italo- und Germanofaschismus liefert. Im Tractatus politicus (1887/88) spricht Friedrich Nietzsche von einer Politik der Tugend, einem Typus der göttlichen und transzendenten Vollkommenheit, die sich in einem kompromisslosen Machiavellismus ausdrückt. Taureck vergleicht diese Vollkommenheit mit dem unerreichbaren Gott, der bei Nietzsche Immoralist der Tat und Moralist des Seins ist. Das Ende des moralischen Gottes war gleichsam der Beginn eines neuen Ideals, das eine „Verstellung“ oder Dissimulation der Verborgenheit selbst verlangte. Ganz anders dagegen wird in der ideologischen Lesart des Machiavellismus durch die Faschisten, die Souveränitätserosion des Staates nicht nur versteckt, sondern auch angepriesen. Der „Führer“ ist selbst Souveränität und Legitimation zugleich, wodurch von der Erosion abgelenkt wird. So wird im Faschismus das Ideal des Principe zwar als super uomo utopisch präpariert, aber dennoch, im Sinne von Taurecks Definition, ideologisch tatsächlich in seiner Unvollkommenheit genutzt.

WINFRIED SCHULZE (München) ging in seinem Vortrag „Machiavellismus und Späthistorismus“ dem Sektionsthema innerhalb der Schriften Friedrich Meineckes und Gerhard Ritters nach. Meinecke habe nach dem Zweiten Weltkrieg von einem „Massen-Machiavellismus“ gesprochen, womit er den rüden Volksegoismus des Hitler-Menschentums zu charakterisieren versuchte. Meineckes Werk Die Idee der Staatsräson von 1924 steht für eine Neuorientierung hinsichtlich des Staates auf den Begriff der Macht, der sich mit Machiavelli in einer Abkehr vom Machtnormismus hin zum ambivalenten Machtverständnis vollzieht, nach dem Macht sich nur durch den Dienst am Menschen rechtfertigen kann. Meineckes Staatsräsonbuch wurde daher auch von Walther Hofer als Buch zur „Dämonie der Macht“ bezeichnet. Diese Bezeichnung war ein stummer Verweis auf Gerhard Ritter, den Schulze hier als Kontrapunkt gegen Meinecke porträtierte, dessen gleichnamiges Buch den Machiavellismus als zentral für das Problem der Macht ansah. Ritter stellt Machiavellis Denken als prototypisch für die europäische Staatsentwicklung dar. Dabei bliebe der Machiavellismus aber stets Projektionsfläche zeitgenössischer politischer Diskurse.

Die letzte Sektion der Tagung rückte das Thema Machiavellismus schließlich direkt in die historischen und politischen Diskurse der jüngsten Vergangenheit. Ein jüngeres politiktheoretisches Modell stellte MICHEL SENELLART (Lyon) vor, der Machiavelli aus der Perspektive des Gouvernmentalitäts-Ansatzes seines Lehrers Michel Foucault betrachtete. Nach Foucault steht Machiavellismus für eine politische Konstellation, die durch die Beziehung des Fürsten zum Staat und noch nicht für die Beziehung zwischen Volk und Staat, wie sie später für das Zeitalter der Biopolitik bestimmend wird, gekennzeichnet war. Die ausführliche Auseinandersetzung Foucaults mit Machiavelli verdanke sich insofern nicht einer intensiven Beschäftigung mit diesem, sondern stehe vielmehr, so Sénéllart, stellvertretend für eine Gegenreaktion Foucaults gegen seinen Lehrer Louis Althusser, für den Machiavelli ein starker Einfluss gewesen war. So blieb es bei der Feststellung, dass sich der vermeintliche Antimachiavellismus, die „Machiavelophobie“ Foucaults nicht gegen den Autor Machiavelli und seine Schriften, sondern gegen die machiavellistische Haltung bzw. das Ethos einer bestimmten machiavellistischen Hermeneutik richtete.

Gleich zu Anfang seines Vortrags Machiavelli, Macht und Herrschaft in der Zweiten Moderne zeigte sich EDGAR GRANDE (München) in ironischer Weise erleichtert über Sénéllarts Bemerkung, Foucault habe den Machiavelli nicht sehr genau gelesen. Das habe er nämlich auch nicht. Insofern war es keine große Überraschung, dass ein Einfluss der Schriften Machiavellis auf die Heuristik des Sonderforschungsbereichs „Reflexive Modernisierung“ so gut wie gar nicht vorhanden sei. Vielmehr brachte er ein klares Abgrenzungsbedürfnis zu gewissen Formen eines Neo-Machiavellismus’ zum Ausdruck, den er gleichwohl als ein banales Verständnis Machiavellis zu charakterisieren wusste. Der Soziologie der Zweiten Moderne, die Grande bei dieser Gelegenheit konzise umriss, bleibe Machiavelli vor allem aus dem Grunde fremd, da die politische Problemlage sich seit dem 16. Jahrhundert grundlegend verschoben hätte. Die Konsequenz dieser Verschiebungen sei, dass die Grundstrukturen von Macht in einer Zweiten Moderne andere seien als diejenigen in einer Ersten Moderne. Machiavelli und die frühneuzeitliche Politische Theorie scheinen somit nicht dafür geeignet, Prozesse der individuellen Autonomisierung sowie der systemischen Totalisierung wie sie, nach Grande, in der heutigen Welt aufeinander treffen, angemessene Erklärungsansätze zur Verfügung zu stellen.

Die Reaktion auf diesen abschließenden Beitrag, der im Grunde als Kampfansage gegen die diskursgeschichtliche Betrachtung Machiavellis und des Machiavellismus in 500 Jahren zu verstehen war, fiel weniger kontrovers aus, als man vielleicht hätte erwarten können. Doch verteidigten Annette Meyer und Cornel Zwierlein das Anliegen der Tagung, Machiavelli dann in die Pflicht zu nehmen, wenn es um epistemische Bedingungen der Möglichkeit für Politik geht, wie Rationalisierungs- und Zukunftsstrategien, die bleiben und noch nicht, mangels Alternativen, unterwandert werden können. Der Mehrwert der historischen Betrachtung sei demnach nicht, die soziologische Perspektive mit historischen Beispielen zu ergänzen, was in eine, wie es Stefan May im affirmativen Sinn formulierte, „Bringschuld“ der Historiker für die Soziologie münden würde. Vielmehr liege die Stärke des historisierenden Vorgehens darin, nicht nur den vergangenen, sondern auch den gegenwärtigen Umgang mit dem Ideengut des Florentiners und der Chiffre des Machiavellismus besser in einen Sinnzusammenhang zu setzen. Von diesem reflexiven Wissen über die historischen Grundbedingungen wissenschaftlichen Handelns können gerade auch die Soziologie und Politikwissenschaft profitieren.

Für den Zuhörer nahm sich die intensive Auseinandersetzung mit dem Machiavellismus in der Neuzeit als ein Gewaltritt durch eine hochinteressante Diskurslandschaft aus. Besonders hervorgehoben werden muss das anspruchsvolle Programm der Tagung, dass alle Möglichkeiten für eine moderne wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Phänomen des Machiavellismus offen hielt. Imponierend war die gelehrte und sichere Darstellung der Wirkungsweisen der Schriften Machiavellis in Deutschland in der Frühen Neuzeit, aber auch die analytischen Einsichten in gegenwärtige Fragen der Politiktheorie, die sich vor diesem historischen Hintergrund heller erleuchtet offenbarten. Gleichwohl bleiben einige Fragen offen. Die Tagungsteilnehmer zogen keinesfalls alle an dem Strang, den die Organisatoren vorgelegt hatten, sondern bekräftigten mitunter eindimensionale Herangehensweisen an Machiavelli, die in diesem Kontext durch ihren Anspruch auf Ausschließlichkeit auffielen. Doch ist diese Divergenz der Machiavelli-Forschung nicht so sehr im Untersuchungsgegenstand begründet, sondern erklärt sich eher aus den Unterschieden der disziplinären Forschungskulturen untereinander.

Konferenzübersicht

Dienstag, 25. September 2007
Einleitung: ANNETTE MEYER, CORNEL ZWIERLEIN

Teil I: Italienisch-deutscher Kulturtransfer; Moderation: CLAUDIA MÄRTL (München):
BARBARA MARX (Dresden): Die Grand Tour in Italien und die Rezeption italienischer politischer Theorie
CORNEL ZWIERLEIN (München): Machiavellismus und Italienisch-Deutscher Kulturtransfer im 16./17. Jh.

Abendvortrag; Moderation: HENNING OTTMANN (München):
DIRK HOEGES (Hannover): Karriere eines Kunstwerks: Machiavellis ‘Principe’

Mittwoch, 26. September
Teil II: Konfessionskulturen und Machiavellismus, Moderation: WOLFGANG WEBER (Augsburg):
CORRADO MALANDRINO / FRANCESCO INGRAVALLE (Turin / Alessandria): Calvinismus und Machiavellismus (Calvinismo e machiavellismo)
ALEXANDER SCHMIDT (Jena): Patria als höchstes Gut – Machiavelli und die deutsche Diskussion um die Vaterlandsliebe im 16. und frühen 17. Jahrhundert

Teil III: Frühneuzeitliche Wissenskulturen und Machiavellismus; Moderation: MICHAEL STOLLEIS (Frankfurt am Main):
LUCIA BIANCHIN (Trient): ‛conversiones rerumpublicarum’: Zum Geschichtsbild der barocken Staatslehre
THERESA SCHWAGER, M.A. (Potsdam): Machiavelli und die Militärtheorie im Späthumanismus
THOMAS MAISSEN (Heidelberg): Frühneuzeitlicher Republikanismus und Machiavellismus
MERIO SCATTOLA (Padua): Machiavelli in der Historia litteraria um 1700

Donnerstag, 27. September
Teil IV: Frühmoderne und Machiavellismus; Moderation: ECKHART HELLMUTH (München):
MARTIN MULSOW (New Brunswick): Staatsräson und Altes Testament: Machiavellismus-Deutungen zwischen 1670 und 1730
ANNETTE MEYER (München): Machiavellismus um 1800
FEDERICO TROCINI (Turin): Machiavellismus und Konservativismus 1848-1871

Teil V: Machiavelli/Machiavellismus 20. Jh. I; Moderation: MARTIN BAUMEISTER (München):
BERNHARD TAURECK: Utopismus und Ideologie. Machiavelli bei Nietzsche und im Faschismus
WINFRIED SCHULZE (München): Machiavellismus und Späthistorismus
RALF WALKENHAUS (München): Exil als biografisches Symbol der Machiavelli Rezeption in den 1930er Jahren: René König und Hans Freyer

Freitag, 28. September
Teil VI: Machiavelli/Machiavellismus 20. Jh. II; Moderation: STEFAN MAY:
EDGAR GRANDE (München): Machiavelli in der Zweiten Moderne
MICHEL SENELLART (Lyon): Machiavel dans la perspective de la gouvernementalité
THIERRY MÉNISSIER (Grenoble): Théories d’Empire et Machiavel
ROBERTO DE POL (Genova): Text - Übersetzung – Bildliche Darstellung der Lehre Machiavellis

Kontakt

Benjamin Steiner, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München
Email: <benji_steiner@yahoo.com>

Zitation
Tagungsbericht: Machiavellismus in Deutschland. Chiffre von Kontingenz, Herrschaft und Empirismus in der Neuzeit, 25.09.2007 – 28.09.2007 Tutzing, in: H-Soz-Kult, 19.11.2007, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1774>.