"Living history" im Museum. Jahrestagung der Volkskundlichen Kommission für Westfalen

Ort
Cloppenburg
Veranstalter
Volkskundliche Kommission für Westfalen in Zusammenarbeit mit dem Museumsdorf Cloppenburg
Datum
19.10.2007 - 20.10.2007
Von
Sonja Böder

Mittelaltermärkte, Ritterturniere, historische Themenparks und „Living history“-Dokumentationen im Fernsehen: Angesichts der seit Jahren anhaltenden Beliebtheit verlebendigter Geschichtsdarstellungen müssen sich Museen verstärkt der Frage stellen, ob und wie sie auf diesen Trend reagieren. Die Volkskundliche Kommission für Westfalen griff die aktuelle Thematik auf und führte am 19. und 20. Oktober 2007 anlässlich ihrer jährlichen Tagung eine kulturwissenschaftliche Konferenz unter dem Titel „‘Living history‘ im Museum“ durch. Diese entstand in Zusammenarbeit mit dem Museumsdorf Cloppenburg, Niedersächsisches Freilichtmuseum, das zugleich Veranstaltungsort war. Als Referenten für die Tagung, zu der sich rund 60 Interessierte angemeldet hatten, konnten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Dänemark, den Niederlanden und Deutschland gewonnen werden.

Akteure und Kritiker, Museumstheoretiker und -praktiker waren eingeladen, die verschiedenen Spielarten der „Living history“ vorzustellen sowie ihre inhärenten Chancen und Probleme für Museen zu diskutieren. Denn diese Vermittlungsform, zu der unter anderem die Belebung von Gebäuden durch zeitgemäß kostümierte Akteure, Vorführungen verschiedener Handwerke oder einem Drehbuch folgende Inszenierungen ganzer Schauspiele gezählt werden, ist nicht unumstritten.

Die Vortragsreihe eröffneten zwei Beiträge mit generellen Überlegungen zum Umgang mit der „Living history“ im Museum. MARKUS WALZ, Professor für Museologie und Studiendekan in Leipzig, referierte über „Ästhetisierte Konstrukte – Historisches Spiel im Museum zwischen Experiment und Animation, Didaktik und Marketing“. Im Bemühen um eine Theoretisierung des Konzeptes kritisierte er, dass es sich bei „Living history“ und – im deutschen Sprachraum oft äquivalent gebraucht – „gelebte Geschichte“ nicht um trennscharfe Begrifflichkeiten handelt. Als Übersetzung schlug Walz den Terminus „Historisches Spiel“ vor. Anschließend skizzierte ADRIAAN DE JONG vom Nederlands Openluchtmuseum in Arnhem unter dem Titel „Gegenstand oder Vorstellung? Erfahrungen mit ‚Living History’ vor allem am Beispiel niederländischer Freilichtmuseen“ die Entwicklung der „Living history“ und veranschaulichte an mehreren Beispielen unterschiedliche Formen der belebten Darstellung im Museum. Pro und Contra dieser Wissensvermittlung gegeneinander abwägend, resümierte de Jong, dass jedes Museum seine eigene Entscheidung zwischen Vorteilen und ethischen, historischen sowie philosophischen Bedenken treffen müsse.

Diese Wahl fällt in vielen Museen mittlerweile zugunsten der „Living history“ aus, wie der Großteil der Tagungsbeiträge zeigte: Museumswissenschaftler und Akteure schilderten die Umsetzung des Konzeptes und berichteten über Kooperationserfahrungen. Zu den Vorzügen der „Living history“ zählen sie die Verlagerung von der Objektorientierung auf die Personenorientierung, den Erhalt des immateriellen kulturellen Erbes, die pädagogische Kraft des Gezeigten und schließlich, dass „Living history“ nicht zuletzt auch eine Antwort auf ein gewandeltes Besucherinteresse ist, das Lebendigkeit und Abwechslung fordere. Formen verlebendigter Geschichtsdarstellung seien die folgerichtige Reaktion auf veränderte Seh- und Wahrnehmungsgewohnheiten und befriedigten die Sehnsucht nach Überschaubarkeit und Andersartigkeit.

Über positive Erfahrungen mit „Living history“ aus Museumssicht berichtete HEIKE DUISBERG in ihrem Vortrag „Willkommen im Jahr 1804. Gelebte Geschichte im Freilichtmuseum Kiekeberg“. Das im Mai 2004 gestartete Projekt „Gelebte Geschichte 1804“ hat es sich zum Ziel gesetzt, die museale Darstellung in Richtung eines medial begleiteten Rollenspiels fortzuentwickeln. Welch hoher Stellenwert der verlebendigten Geschichtsdarstellung im dänischen Freilichtmuseum in Århus beigemessen wird, veranschaulichte auch THOMAS BLOCH RAVN in seinem Beitrag „Living history in Scandinavian Open Air Museums – especially Den Gamle By“. Hier arbeiten professionelle Dramaturgen und Schauspieler mit dem Ziel, dem Besucher ein alle Sinne ansprechendes Erlebnis zu bieten. MICHAEL FABER referierte über „’Living history’ – Lebendige Geschichte oder Geschichte erleben? Möglichkeiten, Methoden und Grenzen am Beispiel des Rheinischen Freilichtmuseums Kommern“. Auch er betonte, dass im Freilichtmuseum Kommern der Interaktion mit den Besuchern die größte Bedeutung zugemessen wird. Zudem werden zur weiteren Belebung des Museums seit neuestem mythologische Gestalten nach Bildquellen dargestellt.

Eine andere Sicht auf die Thematik präsentierte MARTIN KLÖFFLER aus Düsseldorf, der als Akteur von „Living history“-Darbietungen über mannigfache praktische Erfahrungen mit Verlebendigungsstrategien verfügt und der seit vielen Jahren die Agentur „Facing the Past“ betreibt. Er sieht „Living history“ vor allem als ein Thema der Erwachsenenbildung, doch es gebe derzeit kaum deutsche Museen, die ein solches Programm aus eigener Kraft bestreiten könnten. Dies bestätigten auch KAI VAHNENBRUCK und MIKE GRÜNWALD vom Verein „1476 Städtisches Aufgebot“, der eng mit dem Freilandmuseum in Bad Windsheim zusammenarbeitet. Unter dem Titel „Lebendige Geschichte in Museen“ schilderten sie den üblichen Ablauf einer Veranstaltung im musealen Kontext. Vom Publikum, so Vahnenbruck, werde der Unterschied etwa zu Mittelaltermärkten durchaus wahr genommen, und beteiligte Museen schätzten die Kooperation mit den „Living history“-Akteuren sehr.

Aus Museumsreihen wurden aber auch kritische Stimmen zur „Living history“ laut. Sie reichten von dem Vorwurf, die Darstellungen seien ausschnitthaft, eindimensional oder schlicht falsch, bis hin zu grundlegenden Zweifeln an der Möglichkeit, Geschichte lebendig werden zu lassen. Die Kritiker, wie GEFION APEL vom Freilichtmuseum Detmold und UWE MEINERS vom Freilichtmuseum Cloppenburg, sahen einen deutlichen Widerspruch zwischen dem Ganzheitlichkeitsanspruch des Freilichtmuseums und dem fragmentarischen Charakter der zumeist unkommentierten Vorführungen. Auch sollten Museen in ihrem Angebot transparent sein und die Grenzen der Erkenntnis herausstellen. Sie müssten deutlich machen, was Simulation oder Interpretation ist, und welcher pädagogische Impetus sich dahinter verberge. Schließlich wird den Museen vorgehalten, allein auf ökonomischen Druck zu reagieren. Sie müssten eine Antwort auf die Frage finden, wie sie belehren und unterhalten können, ohne Theater zu spielen. In dem öffentlichen Abendvortrag über „Verlebendigungsstrategien im Freilichtmuseum. Gedanken über Chancen und Probleme populärer Vermittlungsversuche“ stellte Uwe Meiners daher die Frage, ob die gelebte Geschichte tatsächlich nah am historischen Handeln ist. Das Freilichtmuseum befände sich gegenüber der Geschichte in einer Meta-Ebene, die durch „Living history“ hypertrophiert würde. Ähnlich argumentierte Gefion Apel vom Freilichtmuseum in Detmold, die in ihrem Beitrag „’Vivat Tempus!’ oder Geschichte und Alltagskultur als Abenteuer im Freilichtmuseum? Chancen und Risiken personaler Vermittlung im LWL-Freilichtmuseum Detmold“ begründete, warum es am dortigen Freilichtmuseum keine „Living history“-Vorführungen gibt: Museen müssten auch sensible Themen vermitteln, die sich nicht zur Darstellung durch gelebte Geschichte eigneten. Apel bekräftigte, dass Museen Wissensfabriken und Orte sind, an denen der Besucher sich darauf verlässt, vertrauenswürdige Antworten zu erhalten.

In ihren Tagungsbeiträgen beleuchteten die Referenten aus verschiedenen Perspektiven das breite Feld der Verlebendigungsstrategien. Jedem Vortrag folgte eine ausführliche Kritik der vorgestellten Beispiele – entsprechend intensiv verlief die Schlussdiskussion, die klar zeigte, wie kontrovers „Living history“ bewertet wird. Einigkeit herrschte allein in der Erkenntnis, dass es an einer prägnanten Definition mangelt. Ebenso fehle ein allgemein akzeptierter Terminus, obgleich verschiedene Vorschläge wie „historisches Spiel“ (Markus Walz) oder „historisches Theater“ (WOLFGANG HOCHBRUCK) unterbreitet wurden. Grundsätzliche Zustimmung fand die Forderung von Wolfgang Hochbruck nach einer geregelten Ausbildung für Akteure von Verlebendigungsstrategien, um notwendige Qualitätsstandards zu sichern. Abschließend ist zu resümieren, dass die große Resonanz auf die Konferenz deutlich die Aktualität der Themenstellung widerspiegelte. Der Wert der Tagung liegt zum einen in dem erfolgreichen internationalen Vergleich zeitgleicher Umsetzungen von „Living history“ und der Herausarbeitung offener Fragen. Eine Theorie der „Living history“ steht derzeit noch aus.

Konferenzübersicht

Freitag, 19.Oktober 2007

Prof. Dr. Dr. Markus Walz (Leipzig): Ästhetisierte Konstrukte – Historisches Spiel im Museum zwischen Experiment und Animation, Didaktik und Marketing

Dr. Adriaan de Jong (Arnheim): Gegenstand oder Vorstellung? Erfahrungen mit ‚Living History’ vor allem am Beispiel niederländischer Freilichtmuseen

Heike Duisberg M.A. (Kiekeberg): Willkommen im Jahr 1804. Gelebte Geschichte im Freilichtmuseum Kiekeberg

Öffentlicher Abendvortrag: Prof. Dr. Uwe Meiners (Cloppenburg): Verlebendigungstrategien im Freilichtmuseum. Gedanken über Chancen und Probleme populärer Vermittlungsversuche (Münchhausenscheune)

Samstag, 20. Oktober 2007

Martin Klöffler (Düsseldorf): Living history im Museum aus der Sicht von Akteuren

Thomas Bloch Ravn M.A. (Århus): Living history in Scandinavian Open Air Museums – especially Den Gamle By

Gefion Apel M.A. (Detmold): „Vivat Tempus!“ oder Geschichte und Alltagskultur als Abenteuer im Freilichtmuseum? Chancen und Risiken personaler Vermittlung im LWL-Freilichtmuseum Detmold

Kai Vahnenbruck M.A./ Mike Grünwald (Bad Windsheim): Lebendige Geschichte in Museen

Dr. Michael Faber (Kommern): ‚Living history’ – Lebendige Geschichte oder Geschichte erleben? Möglichkeiten, Methoden und Grenzen am Beispiel des Rheinischen Freilichtmuseums Kommern

Zitation
Tagungsbericht: "Living history" im Museum. Jahrestagung der Volkskundlichen Kommission für Westfalen, 19.10.2007 – 20.10.2007 Cloppenburg, in: H-Soz-Kult, 02.12.2007, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1791>.
Redaktion
Veröffentlicht am
02.12.2007
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