Zivilgesellschaftliche Kanäle der deutsch-französischen Annäherung / La société civile et ses canaux pour le rapprochement franco-allemand depuis 1945

Ort
Mainz
Veranstalter
Corine Defrance, Chercheur CNRS, IRICE/Paris; Michael Kißener, Johannes Gutenberg-Universität, Mainz
Datum
19.09.2007 - 21.09.2007
Von
Corine Defrance (übersetzt von Tobias Ott)

Die deutsch- und französischsprachige Tagung unter Einbeziehung des wissenschaftlichen Nachwuchses wurde durch einen einleitenden Vortrag von CORINE DEFRANCE (Paris) eröffnet, der den Begriff der Zivilgesellschaft näher beleuchtete. Die Referentin beschäftigte sich dabei insbesondere mit der Geschichte dieses Konzepts. Sie zeigte unterschiedliche Definitionen und Facetten der Zivilgesellschaft auf, die als „dritter Sektor“ neben dem Staat und der Wirtschaft seit den 1980er-Jahren stärker in den Blickpunkt der Historiker rückt. Die ganze Zwiespältigkeit der Zivilgesellschaft beruht auf den komplexen Beziehungen, die sie mit diesen beiden anderen Feldern unterhält, da die Grenzen höchst durchlässig sind. Das Konzept der Zivilgesellschaft setzt sich in den Untersuchungen der inter- oder transnationalen Beziehungen immer stärker durch, indem es Staaten und Regierungen nicht als alleinige, sondern die Zivilgesellschaften als mitbestimmende Akteure begreift. Auf dem Feld der bilateralen deutsch-französischen Beziehungen und deren Erweiterung auf europäischer Ebene wurden die Kontakte und der Austausch zwischen den Zivilgesellschaften seit den 1990er-Jahren zwar in etlichen Arbeiten bereits untersucht, dennoch bleiben für die Forschung noch viele Felder offen, um die Erfolge und Probleme des deutsch-französischen zivilgesellschaftlichen Milieus besser einschätzen zu können: Es ist notwendig, die geographischen, soziologischen und diachronischen Ansätze zu vertiefen und dabei stets das Zusammenwirken der unterschiedlichen Arten von Akteuren im Blick zu behalten.

Die erste Sektion widmete sich den Milieus und Akteuren am Beispiel der Kriegsgefangenen, der Veteranen und der Katholiken. FABIEN THÉOFILAKIS (Mainz) untersuchte die Rolle der gut 900.000 deutschen Kriegsgefangenen in Frankreich zwischen 1945 und 1948 in Bezug auf die Beziehung zwischen den beiden Ländern und unter dem Blickwinkel der Beibehaltung oder Weiterentwicklung der „sozialen Identität“. Diese Kriegsgefangenen erlebten ihre Gefangenschaft als eine ganz besondere Erfahrung, indem sie das Kriegsende im Land des „Erbfeindes“ zubrachten. Der Referent untersuchte die gegenseitigen Vorstellungen von Franzosen und Deutschen, die Arten der zwischenmenschlichen Beziehungen während der Arbeitseinsätze der Kriegsgefangenen, die Wahrnehmung der Gefangenschaft von Seiten der Gefangenen und die Aufnahme der Rückkehrer durch die deutsche Zivilgesellschaft der Nachkriegszeit, um zu prüfen, inwieweit diese Deutschen als frühe Vermittler des Annäherungsprozesses der beiden Länder nach 1945 angesehen werden können.

ANDREAS RÖSSNER (Paris) zeigte anschließend die Rolle der Veteranenvereinigungen in der Entwicklung der bilateralen Beziehungen auf. Durch ihre zahlenmäßige Bedeutung und ihren moralischen Einfluss waren diese Veteranen, vor allem ehemalige Kriegsgefangene und Deportierte, ein nicht zu unterschätzender Faktor in beiden Nachkriegsgesellschaften. Im Gegensatz zur Zwischenkriegszeit führten die Bemühungen ihrer Vereinigungen und Verbände zu konkreten Ergebnissen, die einen großen Teil ihrer Mitglieder miteinbezogen. Nach einer Phase des Grolls und des gegenseitigen Misstrauens in der unmittelbaren Nachkriegszeit, der die Kontaktaufnahme auf Führungsebene zu Beginn der 1950er-Jahre folgte, nahmen die Begegnungen seit 1954 zu, ohne auf die Führungsebenen der verschiedenen Organisationen beschränkt zu bleiben. Dies zeigten die zu Beginn der 1960er-Jahre zwischen zahlreichen lokalen oder regionalen Sektionen geschlossenen Partnerschaften von Veteranenvereinigungen. Der lokale historische Kontext bestimmte teilweise Erfolg oder Misserfolg dieser binationalen Partnerschaften, aber die politische Großwetterlage blieb entscheidend: Der Kalte Krieg und die Einstellung zum Kommunismus beeinflussten einerseits auf Seiten der französischen Verbände die Entscheidung zwischen DDR und BRD und andererseits die Partnerschaften in der Zusammenarbeit mit anderen Strukturen der Zivilgesellschaft.

MICHAEL KIßENER (Mainz) stellte eine Studie zur bilateralen Annäherung im katholischen Milieu vor, in der er einige der zahlreichen von der katholischen Kirche in der französischen Besatzungszone angestoßenen Versöhnungsaktionen untersuchte, besonders die Aktivitäten der 1945 von Bischof Théas, der sich, obwohl er Gestapo-Opfer gewesen war, für die Annäherung einsetzte und die Pax Christi-Bewegung begründete. Des Weiteren untersuchte Kißener die Errichtung eines „Friedenskreuzes“ im grenznahen Bühl 1952, die Priestertreffen von Maria Rosenberg, die Hilfsaktion „Contact Abbé“ für bedürftige Priester und schließlich den besonders symbolträchtigen Bau einer Friedenskirche in Speyer auf Veranlassung von Bischof Isidor Emmanuel. Die anschließende Diskussion unterstrich die Bedeutung, die Speyer nach dem Zweiten Weltkrieg zukam. Die Stadt wurde zum Emblem des Abendlandes, des christlichen Europas, auf den sich ein Teil der deutschen Intellektuellen nach dem Zweiten Weltkrieg ebenso wie schon in der Zwischenkriegszeit als moralischen Orientierungspunkt bezogen hatte.

Die zweite Sektion, die dem Einfluss der Ideologie gewidmet war, führte in den Vorträgen und Diskussionen zu der Frage nach der Stichhaltigkeit des Begriffs der Zivilgesellschaft für die DDR. Dabei wurde gleichfalls die Verkettung zwischen politischem Interesse und Zivilgesellschaft für die französischen Organisationen, die sich um eine privilegierte, ja sogar ausschließliche Annäherung an die DDR bemühten, thematisiert. ULRICH PFEIL (Saint-Etienne) warf die Frage nach der Möglichkeit für die in der DDR lebenden ehemaligen West-Emigranten (vor allem für diejenigen die den Krieg in Frankreich erlebt hatten) auf, zu Vermittlern zwischen den beiden Ländern zu werden. Von 1950 an machte das Exil im Westen diese Emigrierten in der Tat zu „Geiseln im Dienst der SED-Stalinisierung“ während des Kalten Krieges. Ihr persönliches Schicksal wurde durch die Unterdrückung und die Gleichschaltung durch den Herrschaftsapparat der sozialistischen Einheitspartei geprägt. Doch Ende der 1950er-Jahre wurden sie beauftragt, Brücken zwischen den Kommunisten westlich des Rheins und östlich der Elbe zu bauen. Deswegen muss man nach den Bedingungen fragen, unter denen sie ihre in der Emigration erworbenen Werte und Normen, sowie ihre transnationale Sensibilität einsetzen konnten.
HÉLÈNE YÈCHE (Poitiers) untersuchte anschließend die 1958 auf Veranlassung von französischen Bürgern in Paris gegründete Vereinigung „Echanges Franco-Allemands“ (EFA), die auf kulturellem Austausch und humanistischen Werten beruhte. Die Vereinigung, die für sich in Anspruch nahm, die Kontakte mit „l'Allemagne d'aujourd'hui“ auszubauen, wurde de facto ein Kanal besonders der Annäherung zwischen Frankreich und der DDR. Zunächst erläuterte die Referentin den historischen Kontext, in dem die Vereinigung gegründet wurde, zeigte die großen Entwicklungslinien sowie die zentralen Maßnahmen von „Echanges franco-allemands“, 1973 umbenannt in „France-RDA“ auf und fragte abschließend nach dem Maß, in dem die Aktivitäten der EFA vom Standpunkt der Zivilgesellschaft im eigentlichen Sinn her betrachtet werden können, da die ideologischen und politischen Voraussetzungen, die den Verlauf dieser Austausche bestimmte, im Lauf ihrer Geschichte immer prägend blieben.

Die dritte Sektion thematisierte die Organisationsformen der Zivilgesellschaft in Frankreich und der Bundesrepublik sowie die Verbindungen zwischen der Zivilgesellschaft und den „offiziellen“ Akteuren in den deutsch-französischen Beziehungen. MARGARETE MEHDORN (Kiel) sprach über die in Deutschland zwischen 1947 und 1955 gegründeten deutsch-französischen Gesellschaften in der französischen Zone und besonders in den übrigen Gebieten Westdeutschlands, in denen die französische Kultur hoch im Kurs stand. Deutsch-französische Klubs oder Vereinigungen wurden in einigen der größten Städte, auf deutsche Privatinitiativen hin, gegründet, um Foren französischer Kulturäußerung auf lokaler Ebene zu schaffen und um durch diese Aktivitäten zur deutsch-französischen Annäherung und Verständigung beizutragen. Hamburg machte 1947 den Anfang dieses Prozesses, der sich im übrigen Westdeutschland in den kommenden Jahren entwickelte. Die Referentin untersuchte die Umstände, die Motivationen, die Ziele, die geographische Verteilung und den zeitlichen Ablauf dieser Gründungswelle, sowie die Verbindungen zwischen diesen Vereinigungen und den französischen Kulturbehörden während der Zeit der Militärbesatzung und der Alliierten Hohen Kommission. KATHARINE FLORIN (Kassel) stellte anschließend die Fallstudie des „Cercle Français de Kassel“ in Nordhessen, einer von Frankreich aus entfernteren Region Deutschlands, vor. Diese 1949 gegründete deutsch französische Gesellschaft – die also eine der Pionierinnen der bilateralen Annäherung war – weist die seltene Besonderheit auf, von einer Französin, Andrée Rozel-Häger, die mit einem Deutschen verheiratet war und sich in Kassel als Lehrerin niedergelassen hatte, angestoßen worden zu sein. Der „Cercle“, der seit 1953 das Bulletin „Le Lien“ herausgab, setzte sich besonders für den Abschluss der Partnerschaft zwischen Kassel und Mulhouse 1965 ein.

Die vierte Sektion war einer der spektakulärsten und charakteristischsten Formen der zivilgesellschaftlichen Zusammenarbeit der Nachkriegszeit gewidmet: Den Städtepartnerschaften. Diese Stadtverschwisterungen wurden sowohl für die westdeutsch-französischen als auch für die ostdeutsch-französischen Beziehungen untersucht. FLORENCE PACCHIANO (Bordeaux) zeichnete die Geburt der im Mai 1964 geschlossenen Partnerschaft Bordeaux – München nach und sprach über die Gründe der „Begegnung“ dieser beiden Regionalmetropolen (Aquitaine und Bayern) mit doch sehr unterschiedlichen Strukturprofilen, gerade in wirtschaftlichen und industriellen Bereichen. Es waren starke, von den jeweiligen Bürgermeistern (Jacques Chaban-Delmas und Hans-Jochen Vogel) getragene politische Zeichen, durch die Bordeaux von Anfang an versuchte, die strukturellen Unterschiede vergessen zu machen, indem es München die Durchführung gemeinsamer Projekte vorschlug. Trotz der Unterschiede fanden die beiden Städte in ihrer Geschichte und ihrer kulturellen Ausstrahlung und Erbe Verständigungspunkte, an denen sie ihre Bürger erfolgreich teilhaben lassen konnten.

BARBARA DÜMMER (Mainz) untersuchte die offiziell erst 1958 besiegelte Partnerschaft zwischen Frankenthal und Colombes, die ihren Ursprung jedoch in der Teilnahme der beiden Bürgermeister (Emil Kraus und Paul Bouchu) an der „Internationalen Bürgermeister-Union für die deutsch-französische Verständigung und europäische Zusammenarbeit“ (IBU) hatte. Der Städtepartnerschaft vorausgegangen waren der seit 1955 organisierte Jugendaustausch zwischen den beiden Städten. Kraus, Gründer und Vizepräsident der IBU, war die treibende Kraft dieser Partnerschaft. Während er den Schwerpunkt auf die deutsch-französische Annäherung legte, zeigte sein Kollege Bouchu größeres Interesse an der Einigung Europas und der kommunalen Autonomie. Von 1961 an waren es eher die Vereine als die kommunalen Behörden, die die Partnerschaft der beiden Städte trugen.

Auch wenn es wesentlich mehr westdeutsch-französische Städtepartnerschaften gab, verschwisterten sich auch zahlreiche französische und ostdeutsche Städte. HÉLÈNE SIMONEAU (Paris) stellte diese Partnerschaften für die Zeit von 1959 bis 1973 vor. Als beispielhaft für die friedliche Koexistenz mit Osteuropa hervorgehoben, illustrierten ostdeutsch-französische Partnerschaften die Logik des Kalten Krieges im innerdeutschen Konflikt. Als lokaler Schauplatz wurden sie zu einem Hauptaustragungsort der diplomatischen Rivalität zwischen BRD und DDR und dienten als ideologische Projektionsfläche, auf der sich die grundsätzlichen Gegensätze zwischen Sozialismus und Kapitalismus widerspiegelten. Die Beispiele Argentueil – Dessau (Oktober 1959) und Châtillon-sous-Bagneux – Merseburg (März 1963) erlauben die Untersuchung der friedlichen Koexistenz durch das Prisma der Organisationen: Deren Ausbreitung in den Osten rief Polemiken zwischen dem französischen Staat, der die an dem Aufbau Europas beteiligten westeuropäischen Organismen unterstützte, und den örtlichen kommunistischen Gemeinschaften hervor. Städtepartnerschaften erwiesen sich als politisch wirksam, um trotz der Hallstein-Doktrin Kontakte mit der bis 1973 diplomatisch nicht anerkannten DDR zu knüpfen. Obwohl Paris die kommunalen Verbindungen in die DDR bremste, fühlten sich die örtlichen Abgeordneten durch die bundesrepublikanische Politik der Öffnung nach dem Osten ab 1966 hierzu ermuntert. Die Städtepartnerschaften als neue „kommunale“ Form der Diplomatie zeigen den mit einer Dezentralisierung einhergehenden Polyzentrismus der internationalen Politik, sowie die gegenseitige Abhängigkeit von Regierung und lokalen Abgeordneten, die noch nicht als internationale Akteure anerkannt waren.

Die fünfte Sektion beschäftigte sich mit den geographischen Besonderheiten der deutsch-französischen Beziehungen: Wie ist die Wahrnehmung des Raumes, die Bedeutung von Grenznähe oder -ferne und die Rolle der Grenzräume einzuschätzen, wie entstanden regionale Kooperationen? SANDRA PETERMANN (Mainz) stellte den Fall Verdun und des Gedenkraumes der Schlacht von Verdun, des absoluten Referenzortes des Ersten Weltkriegs für beide Nationen, vor: Orte des Triumphes für Frankreich oder Stätten der Versöhnung? Sie zeigte, wie die medial vermittelten Gedenkrituale das kollektive Bewusstsein prägen und zu einer permanenten Reinterpretation historischer Fakten beitragen. Daran erinnernd, daß Räume konstruiert sind, zeigte sie, wie das Kriegsgedenken drei Raumbedeutungen erzeugt, die sich auf Sphären der Ideologie (politischer Raum), des Glaubens (sakraler Raum) und des Wissens (historischer Raum) stützen. Diese vermischen sich an dem Ort des Ersten Weltkriegs und verwandeln die symbolträchtige Stadt des Triumphes von Frankreich über Deutschland in den Ort des Friedens, der deutsch-französischen Freundschaft und des versöhnten Europas.

PIA NORDBLOM (Mainz) untersuchte anschließend die Rolle der Grenzräume im bilateralen Annäherungsprozess am Beispiel der literarischen Vereinigungen. Ausgehend von einem Zitat des elsässischen Schriftstellers René Schickele „Hier an der Grenze fällt die Verständigung am schwersten. Hier muß sich zeigen, wie tief sie geht“, warf sie die Frage nach der besonderen Natur der Verständigung und der Annäherung in den Übergangsräumen dies- und jenseits des Rheins auf. Inwieweit die Grenzlage und die historische Erfahrung der Nähe die Annäherung behinderte oder begünstigte und ob den Schriftstellern sowie literarischen Vereinigungen in den Grenzgebieten eine besondere Mittlerfunktion zukam, untersuchte sie an den Beispielen der Rene-Schickel-Gesellschaft in Badenweiler, des Oberrheinischen Dichtermuseums Karlsruhe und des Literarischen Vereins der Pfalz.

CHRISTIAN SEBEKE (Trier) stellte das Beispiel der Partnerschaft zwischen Bourgogne und Rheinland-Pfalz vor und untersuchte, inwieweit diese als Modell für interregionale Annäherung dienen kann. Trotz der historischen und strukturellen Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Regionen, die vorteilhafte Bedingungen schufen, mussten auf beiden Seiten einige Hindernisse überwunden werden, die hauptsächlich auf historischen Erfahrungen beruhten.

SILVIA KEISER (Mainz) betrachtete den Fall Peter Altmeier, Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz von 1947 bis 1969, und seiner Europapolitik, in Bezug auf dessen Handlungsrahmen, seine Vorstellungen und die erfolgten Umsetzungen. Für Altmeier stand die deutsch-französische Versöhnung im Zentrum des europäischen Integrationsprozesses. Von der Einrichtung und der Konsolidierung dieser Freundschaft hing für ihn die friedliche Zukunft Europas ab. Nach Altmeier gab es keinen Widerspruch zwischen Patriotismus und einem Engagement für ein vereintes Europa, denn es handelte sich um die beiden grundsätzlichen Garantien für den Erfolg der europäischen Idee. Altmeier setzte sich auch aktiv für die deutsch-französische Annäherung ein, indem er von der Zivilgesellschaft ausgehende Projekte, wie die Partnerschaft zwischen Rheinland-Pfalz und der Bourgogne, oder die grenzüberschreitende wirtschaftliche Zusammenarbeit, unterstützte. Die direkte Verständigung zwischen den einzelnen Menschen war ihm bei diesen Projekten am wichtigsten.

In seiner Zusammenfassung der Tagung zog HANS MANFRED BOCK (Kassel) eine Bilanz und zeigte Forschungsperspektiven auf. In seinem einführenden Forschungsüberblick betonte er, daß die Rolle der Zivilgesellschaft in den deutsch-französischen Beziehungen lange Zeit terra incognita geblieben sei. Nun, da man die vorherrschenden Spielarten ihres Vorgehens kenne, bleibe viel Arbeit zu erledigen, vor allem, um ausgehend von Fallstudien zu einer genauen Analyse der Spezifika nach 1945 zu gelangen. Es handele sich hierbei um ein interdisziplinäres Feld par excellence, das die methodischen Herangehensweisen verschiedener Forschungsfelder verbinden müsse (z.B.historisch, soziologisch, politikwissenschaftlich). Die Diskussionen zeigten die Notwendigkeit, sich nicht nur auf die erfolgreichen Initiativen zu konzentrieren, sondern auch stärker die Widerstände gegen eine Annäherung in den Blick zu nehmen, sowie die Gründe und soziologischen, geographischen und historischen Besonderheiten für die mehrfach aufgetretene Ablehnung einer Annäherung zu untersuchen. Hans Manfred Bock stellte heraus, daß sich die Arbeiten mehr auf die Rolle der Akteure und des Austauschs als auf die Wahrnehmung und deren Kanäle (Sozialisationsprozess, usw.) sowie die Rezeption konzentriert hätten – ein nach der Welle der Arbeiten über „das Bild des Anderen“ etwas aus der Mode gekommenes Thema, das es aber wert sei, noch einmal in Bezug auf Zusammenhänge mit der Populärkultur hin betrachtet zu werden. Zweitens schlug er vor, die Umstände und den Rahmen des sozio-kulturellen Handelns stärker zu berücksichtigen sowie herauszuarbeiten, was die interkulturelle Verständigung begünstigte oder behinderte, selbst wenn dies kaum messbar sei. Dafür müssten in den historischen Arbeiten die Fortschritte in den Bereichen der Kommunikationswissenschaften und der interkulturellen Soziologie größere Beachtung finden. Schließlich regte er an, kommende Untersuchungen auf die Zukunft der Zivilgesellschaft in den bilateralen Beziehungen hin auszurichten, weil sich diese mit zwei problematischen Phänomenen konfrontiert sehe: Zum einen die Banalisierung des deutsch-französischen Verhältnisses (die Kehrseite der Medaille einer Annäherung, die heute das Opfer ihres eigenen Erfolges zu sein scheine); zum anderen die fortschreitende Individualisierung der Verhaltensweisen und die Ablehnung organisierten Handelns, die zu einem gewissen Rückzug inmitten der Gesellschaft führt und damit eine der zentralen Grundlagen der Zivilgesellschaft in Frage stellt. Welche neuen Handlungsansätze hat die Zivilgesellschaft heute gegenüber diesen Herausforderungen?

Für die Nachwuchsreferenten bot die Konferenz eine wertvolle Chance, ihre Ergebnisse einem deutsch-französischen Fachpublikum zu präsentieren und kompetent zu diskutieren. Insgesamt machte die Konferenz deutlich, wie sehr gerade die zivilgesellschaftliche Bemühungen um die deutsch-französische Annäherung fruchtbaren Boden für weitergehende Initiativen auf der politischen Bühne in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten bereiteten und zur breiten gesellschaftlichen Akzeptanz der Annäherung beigetragen haben. Diese Nahtstellen von zivilgesellschaftlichen und politischen Initiative als oftmals unterschätztes Feld bilateraler Beziehungen sichtbar gemacht zu machen, war der besondere Verdienst der Tagung.

Die Organisatoren bereiten die Veröffentlichung der Beiträge vor. Es ist geplant, nach Möglichkeit das Projekt „Zivilgesellschaft und deutsch-französische Beziehung“ auch mit künftigen Masterstudenten und Doktoranden fortzuführen und in absehbarer Zeit ein weiteres Kolloquium zu organisieren. Dieses soll sowohl die aktuelle Situation der Zivilgesellschaft und ihre sich entwickelnden Aufgaben in einem zutiefst veränderten Europa, als auch die komparatistische Dimension in der Untersuchung der Rolle der Zivilgesellschaften in den Annäherungsprozessen, berücksichtigen (komparatistische Ansätze und übertragbare Phänomene in den z. B. deutsch-französischen, deutsch-polnischen, griechisch-türkischen Annäherungen).

Konferenzübersicht

Corine Defrance (Chargée de recherche au CNRS, IRICE/Paris)
La société civile dans les relations franco-allemandes

1. Milieus und Akteure
Sektionsleitung: Corine Defrance, Chargée de recherche au CNRS, IRICE/Paris

Fabien Théofilakis (Doktorand, Paris X/Augsburg; Institut für Europäische Geschichte, Mainz)
Les prisonniers de guerre et le rapprochement franco-allemand
Andreas Rössner (Master 2, Sciences Po, Paris)
Les anciens combattants et le rapprochement franco-allemand
Michael Kißener (Prof., Mainz)
Der Katholizismus und die deutsch-französische Annäherung in den 1950er Jahren

2. Beziehungen unter ideologischen Auspizien
Sektionsleitung: Anne-Marie Saint-Gille, Prof., Lyon

Ulrich Pfeil (Prof., Saint-Étienne)
Die Frankreich-Emigranten der SBZ/DDR: ein transnationales Mittlerpotential?
Hélène Yèche (maître de conférence, Poitiers)
Les Échanges Franco-Allemands (EFA) et le rapprochement avec « l’Autre Allemagne »

3. Vereinigungen und Organisationen
Sektionsleitung: Beate Gödde-Baumanns, Ehrenpräsidentin der Vereinigung der Deutsch-Französischen Gesellschaften e. V.

Margarete Mehdorn (Doktorandin, Kiel)
Deutsch-Französische Gesellschaften in Deutschland zwischen 1947 und 1955: Schnittstellen zwischen Zivilgesellschaft und amtlicher französischer Kulturpolitik in Deutschland
Katharine Florin (Studentin, Kassel)
Sozio-kulturelle deutsch-französische Initiativen in Nordhessen nach 1945

4. Städtepartnerschaften
Sektionsleitung: Adolf Wild, Dr., Präsident der Deutsch-Französischen Gesellschaft Mainz e. V.

Florence Pacchiano (master 2, Bordeaux 3)
La naissance du jumelage Bordeaux-Munich en 1964
Hélène Simoneau (master 2, Paris 1)
Les jumelages entre villes françaises et est-allemandes
Barbara Dümmer (Magisterarbeit, Mainz)
Die Städtepartnerschaft Frankenthal-Colombes

5. Geographie: Grenze, Raum, Region
Sektionsleitung: Isabelle Berthet, Leiterin des Institut français, Mainz

Sandra Petermann (Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Mainz)
Orte des Triumphes oder Stätten der Versöhnung? Gedenkräume der Schlacht von Verdun
Pia Nordblom (Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Mainz)
Die Rolle der Grenzgebiete im Prozess der bilateralen Annäherung. Das Beispiel der Schriftstellervereinigungen
Christian Sebeke (Doktorand, Trier)
Die Partnerschaft Burgund/Rheinland-Pfalz: ein regionales Annäherungsmodell?
Silvia Keiser (Magisterarbeit, Mainz)
Peter Altmeiers Europapolitik. Handlungsrahmen - Konzeption - Maßnahmen

6. Zusammenfassung
Hans Manfred Bock (Prof. em., Kassel)

Zitation
Tagungsbericht: Zivilgesellschaftliche Kanäle der deutsch-französischen Annäherung / La société civile et ses canaux pour le rapprochement franco-allemand depuis 1945, 19.09.2007 – 21.09.2007 Mainz, in: H-Soz-Kult, 10.12.2007, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1795>.
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Veröffentlicht am
10.12.2007
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