550 Jahre Sebastian Brant. Sebastian Brant und die Komunikationskultur um 1500

Ort
Wolfenbüttel
Veranstalter
Klaus Bergdolt, Köln; Joachim Knape, Tübingen; Anton Schindling, Tübingen; Gerrit Walther, Wuppertal; Herzog August Bibliothek; Wolfenbütteler Arbeitskreis für Renaissanceforschung
Datum
15.10.2007 - 17.10.2007
Von
Elisabeth Grüner, Universität Tübingen

Die Jahrestagung des Wolfenbütteler Arbeitskreises für Renaissanceforschung versammelte vom 15. bis 17. Oktober 2007 Philologen und Historiker unterschiedlicher Fachrichtungen, um ein prominentes Geburtstagskind zu ehren: den oberrheinischen Humanisten Sebastian Brant (1457-1521) – zu seiner Zeit europaweit bekannt als Autor des „Narrenschiffs“, bedeutend auch als juristischer Fachschriftsteller, Berater Kaiser Maximilians I., Ausleger von Naturphänomenen oder Herausgeber antiker Werke. Das Jubiläum lieferte dabei nur den aktuellen Anlass für einen anregenden interdisziplinären Austausch über „Sebastian Brant und die Kommunikationskultur um 1500“. In den Beiträgen und Diskussionen gelang es, die Vielfalt der von Brant behandelten Themen mit Fragen nach den Kommunikationsbedingungen in der entstehenden Gutenbergkultur zu verbinden. Im Vordergrund standen medien- und kommunikationsgeschichtliche Fragestellungen, die für Brants Generation von Humanisten noch wenig untersucht wurden.

Die Tagung war in fünf Sektionen unterteilt: 1. Moralismus und religiöse Verkündung; 2. Imagebildung und Regionalismus; 3. Jus und Druckgeschichte; 4. Wort und Bild; 5. Humanismus und Druckgeschichte. Geleitet wurden die Sektionen von KLAUS BERGDOLT (Köln), JOACHIM KNAPE (Tübingen), ANTON SCHINDLING (Tübingen) und GERRIT WALTHER (Wuppertal).

Der Medizinhistoriker KLAUS BERGDOLT, Vorsitzender des Arbeitskreises für Renaissanceforschung, hielt den Eröffnungsvortrag mit dem Titel Medico occidisse licebit –Sebastian Brant und die Welt der Medizin. Mit einem Überblick über den Gelehrtendiskurs zum Thema Medizin korrigierte Bergdolt das Klischee, Naturwissenschaften und Medizin hätten nach ihrer Unterdrückung im Mittelalter im Urteil der Humanisten zu einer von ethischen Fragen losgelösten Existenz gefunden. Wie bei Petrarca dominierte bei Brant eine skeptische Haltung gegenüber der praktischen Medizin – sichtbar beispielsweise an den Bloßstellungen der Ärzte in Brants Aesop-Ausgabe. Und auch wenn man im "Narrenschiff" durchaus eine "kleine Apologie der Ärztekunst" finden könne, so gilt – wie Bergdolt herausarbeitete – auch für Brant das zeitgenössische Denkmuster, dass Frömmigkeit das eigentliche Heilmittel sei.

Mit dem Thema "Moralismus und religiöse Verkündung" konnte die erste Sektion hieran anknüpfen. HANS-JOACHIM ZIEGELER (Köln) beschäftigte sich in seinem Vortrag Zu Brants zweisprachig verfassten religiösen und moralistischen Dichtungen mit dem deutschen Einblattdruck "Marienklage und Trostrede Jesu", für den zwei lateinische Gedichte als Vorlage dienten. Dabei stand das Verhältnis von Wort und Bild im Vordergrund. Ziegeler zeigte unter anderem auf, wie Brant die medialen Bedingungen des Einblattdrucks reflektierte: Obwohl die "Trostrede Jesu" dem Text nach ursprünglich offenbar als Antwort auf die "Marienklage" konzipiert war, steht im Einblattdruck die "Trostrede" vor der "Marienklage", was mit der Anordnung der Figuren Jesus und Maria im Holzschnitt korrespondiert. UWE ISRAEL (Venedig) beleuchtete in seinen Ausführungen zu Sebastian Brant und Geiler von Kaysersberg das humanistische Kommunikationsnetzwerk im Elsaß. In einer Gegenüberstellung der Lebensläufe zeichnete er Parallelen und Berührungspunkte zwischen Brant und dem Straßburger Münsterprediger nach. Als eindrückliches Beispiel für die gemeinsame reformerische Grundhaltung zog Israel Geilers Predigten zum „Narrenschiff“ heran. Hier wurden jedoch auch Unterschiede deutlich: Während Brants Reformwille auf das Reich zielte, schnitt Geiler seine Predigten auf die lokalen Verhältnisse in Straßburg zu. Und während Brant konsequent die neue Kommunikationsmöglichkeit des Buchdrucks nutzte, setzte der Kirchenmann auf die Mündlichkeit.

In der folgenden Sektion zu "Imagebildung und Regionalismus" stellte FRÉDÉRIC HARTWEG (Strasbourg) die Frage: Der Nürnberger Narrenschiff-Druck: Entalemannisierung als Behebung eines Kommunikationshindernisses? Hartweg nahm hier zwei Eigenheiten der deutschen sprachhistorischen Entwicklung in den Blick: den Polyzentrismus der vielen Dialekte und die im Vergleich zu anderen Sprachräumen länger bedeutsame „überdachende Latinität“. Im Mittelpunkt seines Vortrags stand der Begriff der "Entregionalisierung", wobei er zunächst auf die Bedeutung von Jakob Lochers lateinischer Version der „Stultifera navis“ als Grundlage für die zahllosen europäischen Übersetzungen hinwies. Im Sinne einer „Entregionalisierung“ interpretierte er auch die „Entalemannisierung“ des Nürnberger „Narrenschiff“-Drucks von 1494: Wie er an Beispielen zeigte, wurden hier erstmals dialektale Eigenheiten des Alemannischen durch überregionale Schreibnormen ersetzt. CASPAR HIRSCHI (Cambridge) untersuchte in seinem Vortrag Sebastian Brants Bild der Schweizer. Er unterschied dabei nach Textgattungen drei Ebenen des Eidgenossen-Diskurses: die herrschaftliche, die gelehrte und die populistische. Auch wenn sich Brant nur in wenigen Schriften direkt zur Eidgenossen-Frage geäußert habe, wirkte er doch – so Hirschis These – auf allen Ebenen im Hintergrund: als anonymer Herausgeber, Zensor im Dienst der Freien Reichsstadt Straßburg oder Adressat von Briefen befreundeter Humanisten.

Die Sektion "Jus und Druckgeschichte" nahm Brants Tätigkeit und Autorität als Jurist in den Blick. Nach einem Einblick in die Arbeit des von Joachim Knape und Thomas Wilhelmi geleiteten DFG-Projekts zu den Brant-Quellen in den "Archives de la Ville et de la Communauté de Strasbourg" von ELISABETH GRÜNER (Tübingen) widmete sich THOMAS WILHELMI (Heidelberg) Sebastian Brants Straßburger Verordnungen und Erlassen. Beide stellten die Fülle der vielfach noch unbekannten Autographen Sebastian Brants im Straßburger Archiv heraus. In seiner Tätigkeit als Stadtschreiber in Straßburg steht Brant paradigmatisch für eine ganze Reihe politisch aktiver Gelehrter und Humanisten seiner Zeit. Die Untersuchung der Straßburger Quellen verspricht einen genaueres Bild über Brants Stellung in der reichsstädtischen Verwaltung und sein politisches Konzept. ANDREAS DEUTSCH (Heidelberg) stellte in seinem Vortrag Klag- und Laienspiegel – Sebastian Brants Beitrag zum Ruhm zweier Rechtsbücher nach einer genauen Untersuchung der Beteiligung Brants an den verschiedenen Ausgaben fest, dass dessen Anteil an den beiden populären Rechtsbüchern weit geringer sei, als meist angenommen. Die Zuschreibung der Werke erscheine demnach als "PR-Trick" – mit nicht zu unterschätzender Wirkung für die Rezeptionsgeschichte.

"Wort und Bild" stand im Mittelpunkt der vierten Sektion. GEORG BRAUNGART (Tübingen) betrachtete Naturkundliches Wissen und Bild-Wort-Kommunikation bei Sebastian Brant. Mit Bezug auf Marshall McLuhan – verstanden als "anregender Aphoristiker" – stellte er Brant als Virtuosen der entstehenden "Gutenberg-Galaxis" dar: Wort und Bild erscheinen in Brants Einblattdrucken als sich ergänzende semiotische Systeme. Die Naturkunde wiederum, so Braungart, interessiere Brant nur bei Abweichung vom Normalen, in Form von Monstern, Wundern, Katastrophen - auch sie würden als Zeichen gelesen, ausgesendet von Gott als dem "großen Kommunikator in heilsgeschichtlicher Absicht". Aus kunsthistorischer Sicht betrachtete LOTHAR SCHMITT (Zürich) Holzschnitte als Illustrationen zu Werken Brants. Dabei versuchte er die in jüngster Zeit neu aufgeworfene Frage zu klären, ob der junge Dürer als umsetzender Künstler der Holzschnitte im "Narrenschiff" in Frage kommt. Biographische Studien und eine Reihe von gründlichen Vergleichen der „Narrenschiff“-Holzschnitte mit anderen Dürer-Werken machen Dürers Beteiligung wieder wahrscheinlicher.

Der Abendvortrag von DIETER MERTENS (Freiburg), dessen Lebenswerk soeben mit dem Schillerpreis gewürdigt wurde, behandelte drei im Denken Sebastian Brants zentrale Aspekte: Kaiser Maximilian I., das Heilige Römische Reich und der Türkenkrieg. Wie Mertens darlegte, bildeten die Ausbreitung des Osmanischen Reichs nach Europa und das Ausbleiben der Gegenwehr einerseits, die Bildungsbewegung des Humanismus und die neue Errungenschaft des Buchdrucks andererseits einen politisch-kulturellen Kommunikationszusammenhang, in dem Kaiser und Literaten zusammen wirkten. Brants Stellungnahmen zur „rhetorisch vermittelten Türkengefahr“, die Mertens unter anderem mit einer Analyse der Argumentation im „Narrenschiff“-Kapitel „Von abgang des glouben“ vorführte, sind dabei als Teil einer politisch weitreichenden Kampagne zwischen Selbstverteidigungs- und Kreuzzugspropaganda zu sehen.

Die letzte Sektion der Tagung nahm unter dem Titel "Humanismus und Druckgeschichte" schließlich den Umgang mit der antiken Tradition unter die Lupe. Das Zusammenspiel von Text und Bild stand wiederum im Mittelpunkt des Vortrags von NIKOLAUS HENKEL (Hamburg): Die "Carmina Priapea" in Sebastian Brants Vergil-Ausgabe (1502). Strategien einer angeleiteten Bild-Text-Kommunikation. Henkel interpretierte die Holzschnitte in Brants Vergil-Ausgabe als "Lesebilder", welche die Kenntnis der antiken Texte voraussetzen. Während Brant den Abdruck der "Priapea" aus pädagogischen Gründen in seinen beigegebenen Bemerkungen scheinbar ablehne, entfalte sich in den von Brant konzeptionierten Holzschnitten Details der "Priapea": ein "literarisch-picturales Versteckspiel" für Kenner. JÜRGEN LEONHARDT (Tübingen) betrachtete anhand des frühen Studienheftes Brants mit der Abschrift von Horaz' "Ars poetica" und der Vergil-Ausgabe von 1502 Sebastian Brant als Leser und Herausgeber antiker Texte. Damit versuchte er offene Fragen des Umhangs mit der antiken Texttradition zwischen Mittelalter und Früher Neuzeit zu klären: Wie wurden antike Texte gelesen, archiviert und verbreitet? Als zentrales Element betrachtete Leonhardt dabei die Glossierung: Sie findet sich nicht nur im Studienheft, sondern wird auch im Druck in der Straßburger Vergil-Ausgabe nachgeahmt. Argumentative Formen bei Sebastian Brant waren Thema des Referats von VOLKHARD WELS (Potsdam). Das "Narrenschiff" interpretierte er als Katalog von Argumenten gegen lasterhaftes Verhalten, geprägt durch die in der "loci communes"-Lehre bei Agricola und anderen Zeitgenossen zu findende Argumentationstheorie.

In allen Sektionen der Tagung fanden anregende Diskussionen statt, in denen die in den Beiträgen angesprochenen unterschiedlichen Aspekte der Kommunikationskultur um 1500 vertieft wurden. In der Abschlussdiskussion rückten Fragen zur historischen Verortung von Brant in den Vordergrund. KLAUS BERGDOLT wollte den humanistischen Kontext noch stärker beleuchtet wissen, insbesondere den Einfluss des Petrarcismus. Auch rief er noch einmal das Thema der Religiosität als „konservatives“ Element bei Brant ins Gedächtnis. JOACHIM KNAPE bezeichnete Brant als Herausforderung für das Renaissancekonzept. Er warnte vor einer schlicht teleologischen Sichtweise: Die Attribute "konservativ" oder "progressiv" griffen bei Brant nicht. Während Figuren wie Celtis deutlich einer humanistischen Programmatik folgten, sei die Figur Brants in ihrer unprogrammatischen Haltung dazu geeignet, "Epochenkonzeptfragen" neu zu verhandeln. Eine tiefergehende Verortung Brants in den Gesellschaften Basels und Straßburgs, den beiden Wirkungsstätten Brants, mahnte ANTON SCHINDLING an. GERRIT WALTHER machte sich ebenfalls für eine "historische" Sichtweise von Sebastian Brant stark und ergänzte die Epochendiskussion um die Frage, ob es das „Bewusstsein eines Bruchs“ gegeben habe. Die Tagung, so der allgemeine Tenor, habe einmal mehr die Fruchtbarkeit interdisziplinären Austausches gezeigt. Neue Impulse in dieser Richtung verspricht der für 2008 angekündigte Tagungsband.

Konferenzübersicht:

1. Sektion: Moralismus und religiöse Verkündigung
Anton Schindling: Moderation
Hans-Joachim Ziegeler: Zu Brants zweisprachig verfassten religiösen und moralistischen Dichtungen
Uwe Israel: Sebastian Brant und Geiler von Kaysersberg

2. Sektion: Imagebildung und Regionalismus
Anton Schindling: Moderation
Frédéric Hartweg: Der Nürnberger Narrenschiff-Druck: Entalemannisierung als Behebung eines Kommunikationshindernisses?
Caspar Hirschi: Sebastian Brants Bild der Schweizer

3. Sektion: Jus und Druckgeschichte
Joachim Knape: Moderation
Elisabeth Grüner: Zur Brant-Bibliographie und zur Erhebung der Straßburger Brant-Archivalien
Thomas Wilhelmi: Sebastian Brants Straßburger Verordnungen und Erlasse
Andreas Deutsch: Klag- und Laienspiegel – Sebastian Brants Beitrag zum Ruhm zweier Rechtsbücher

4. Sektion: Wort und Bild
Joachim Knape: Moderation
Georg Braungart: Naturkundliches Wissen und Bild-Wort-Kommunikation bei Sebastian Brant
Lothar Schmitt: Holzschnitte als Illustrationen zu Werken Sebastian Brants
Abendvortrag: Dieter Mertens: Kaiser Maximilian I., das Heilige Römische Reich und der Türkenkrieg

5. Sektion Humanismus und Druckgeschichte
Gerrit Walther: Moderation
Nikolaus Henkel: Die „Carmina Priapea“ in Sebastian Brants Vergil-Ausgabe (1502). Strategien einer angeleiteten Bild-Text-Kommunikation
Jürgen Leonhardt: Sebastian Brant als Leser und Herausgeber antiker Texte
Volkhard Wels: Argumentative Formen bei Sebastian Brant

Kontakt

Dr. Volker Bauer

Herzog August Bibliothek Postfach 1364 38299 Wolfenbüttel

bauer@hab.de

Zitation
Tagungsbericht: 550 Jahre Sebastian Brant. Sebastian Brant und die Komunikationskultur um 1500, 15.10.2007 – 17.10.2007 Wolfenbüttel, in: H-Soz-Kult, 14.01.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1814>.