Ordnungen des „Wissens“ – Ordnungen des Streitens. Gelehrte Debatten des 17./18. Jahrhunderts in diskursanalytischer Perspektive

Ort
Halle
Veranstalter
Markus Meumann, DFG-Forschergruppe 529: Die Aufklärung im Bezugsfeld neuzeitlicher Esoterik
Datum
22.06.2007 - 23.06.2007
Von
Renko Geffarth, IZEA, Martin-Luther-Universität; Marianne Taatz-Jacobi, Institut für Geschichte, Martin-Luther-Universität

Führte die Diskursanalyse in der Geschichtswissenschaft lange Zeit eher ein Randdasein, was mit einer teils vehementen Ablehnung ihrer theoretischen Prämissen wie ihrer Terminologie durch die meisten Historiker verbunden war, scheint sie sich im Zuge eines zunehmenden Methodenpluralismus neuerdings als historische Teildisziplin bzw. als Spielart des allumgreifenden Labels „Kulturgeschichte“ zu etablieren. Empirisch besteht allerdings nach wie vor eine enge Orientierung an den Arbeiten Michel Foucaults, und zwar nicht allein in methodischer, sondern vor allem auch in thematischer Hinsicht: Diskursanalyse wird geschichtswissenschaftlich nach wie vor überwiegend als Geschichte von Marginalität und Wahnsinn, Kriminalität und Strafrecht, Sexualität, Geschlecht und Medizin seit dem späten 18. Jahrhundert begriffen. Soll „Historische Diskursanalyse“ mehr sein als eine empirische Ergänzung und Differenzierung von Foucaults eigenen Arbeiten, muss sie sich deshalb auch an anderen Themen bewähren. Diesem Anspruch versuchte sich das Interdisziplinäre Arbeitsgespräch „Ordnungen des „Wissens“ – Ordnungen des Streitens“ zu stellen, indem es mit den gelehrten Debatten des späten 17. und 18. Jahrhunderts ein Thema in den Mittelpunkt stellte, das sowohl zeitlich früher situiert ist als auch thematisch bislang eher von der Philosophiegeschichte beansprucht wurde. Dabei zeigte sich als besondere Herausforderung der Umgang mit von Foucault nicht „vorgesehenen“ Aspekten wie Streit und Emotionalität als rhetorische Inszenierung und literarische Konvention in der gelehrten Debatte der Frühen Neuzeit.

In seiner Einführung ging MARKUS MEUMANN (Halle) von dem Befund aus, dass die Erforschung des gelehrten Wissens der Frühen Neuzeit zunehmend interdisziplinär und unter kulturwissenschaftlichen Vorzeichen betrieben werde. Diese „Wissensgeschichte“ zeichne sich durch die weitgehend konsensuelle Annahme aus, dass Wissen nicht einfach entstehe, sondern durchweg „gemacht“, d.h. durch bereits bestehende kognitive und sprachliche Bedeutungssysteme konstituiert sei. Dies gelte insbesondere für die Geschichte des gelehrten Wissens der Frühen Neuzeit, die offensichtlich ganz anderen Rationalitätsstrukturen und Epistemologien folge, als wir sie heute für selbstverständlich hielten. Diese theoretische Einsicht werde jedoch bislang oft nicht methodisch umgesetzt, indem empirisch eben doch meist „das Wissen an sich“ in den Blick rücke. Hier könne die Diskursanalyse methodisches Potential entfalten, indem sie den Blick auf die „Gemachtheit“ des Wissens, auf die das Wissen hervorbringenden Diskurse und die auf diese wirkenden außerdiskursiven Einflüsse lenke. Abschließend benannte Meumann einige Probleme, die seiner Meinung nach einer Anwendung (und Akzeptanz) der Diskursanalyse in der Geschichte des gelehrten Wissen der Frühen Neuzeit im Wege stünden; dazu zähle neben der ubiquitären alltagssprachlichen Verwendung des Terms „Diskurs“ namentlich die mangelnde Transparenz des methodischen Zuschnitts vieler mit dem Etikett „Diskursanalyse“ versehener Studien.

ACHIM LANDWEHR (Düsseldorf) hielt unter dem Titel „Historische Diskursanalyse und die Geschichte des Wissens“ ein Plädoyer für eine als historische Methode verstandene Diskursgeschichte. Diese dürfe keine „Geheimwissenschaft“ sein, sondern müsse ihre Methoden offenlegen und deutlich machen, auf welchem Abstraktionsniveau sie agiere. Weiter gelte es, verbreitete – und z.T. selbst verschuldete – Missverständnisse über die Diskursgeschichte zu beseitigen, die deren Rezeption und Akzeptanz erheblich behinderten. Dazu zählte Landwehr zum ersten „inhaltliche und institutionelle Fixierungen“ in der Nachfolge Foucaults; stattdessen forderte er eine thematische Ausweitung der Diskursgeschichte auf „klassische“ Themen der Frühneuzeitgeschichte. Eine zweite Akzeptanzbarriere sei in der „diachronen Konzentration“ der Diskurshistoriker auf das 18. und 19. Jahrhundert zu sehen. Im Zusammenhang mit der thematischen Fixierung führe diese in eine teleologische Falle, da bereits in der Konzeption das Ergebnis angelegt sei, dass durch die Aufklärung ein entscheidender Umbruch eingetreten sei. Demgegenüber könne erst eine temporäre Ausdehnung der Diskursgeschichte unterbrochene historische Entwicklungslinien sichtbar machen. Weitere Überlegungen widmete Landwehr dem Verhältnis von Sprache und Praxis. Dem Vorwurf, Diskursgeschichte beschäftige sich nur mit Texten und vernachlässige die soziale Praxis, begegnete er mit dem Hinweis, alle historischen Vorgänge konzentrierten sich auf Sprache und Texte, die per se schon Praktiken seien. Die Diskursgeschichte biete somit die Chance, den Gegensatz von Sprache und Praxis aufzuheben.

Anschließend erörterte ISABELLA VON TRESKOW (Potsdam/Erfurt) unter der Überschrift „Literaturwissenschaftliche Diskursanalyse und Wissensgeschichtsschreibung. Eine methodenkritische Untersuchung der französischen Toleranzdebatte“ die Anwendbarkeit der diskursanalytischen Methode für die Literaturwissenschaft. Wenn es sich bei der Diskursanalyse um eine Oberflächenbeschreibung im Sinne eines „neutralen Kartographierens“ handele, müsse sich dieses auch für fiktionale Texte anwenden lassen. Damit sei unter anderem die Frage angesprochen, ob Fiktion autonom oder an die sie umgebende Welt (d.h. im Besonderen den Diskurs) gebunden sei. Probleme stellten insbesondere die Abgrenzung der Fiktion von Wirklichkeit, ihre fehlende Verifizierbarkeit, ihre eigene Erkenntnisfunktion und nicht zuletzt ihre spezifischen Techniken dar. Im Folgenden demonstrierte von Treskow die Anwendung diskursanalytischer Methoden auf verschiedene Texte der französischen Toleranzdebatte der Jahre 1680 bis 1685, wobei sie drei in nicht-fiktionalen wie auch in fiktionalen Texten immer wiederkehrende Grundmuster herauspräparierte: 1. Die Frage nach der Humanität bei der Hugenottenverfolgung; 2. Die argumentative und rhetorische Verknüpfung von Autorität, Recht und Pflicht (des Herrschers, der Kirche); 3. Die Kontrastierung von freiem Willen und Zwang.

In den folgenden beiden Vorträgen standen dann einzelne Beiträge zu gelehrten Debatten im Mittelpunkt. MARKUS FRIEDRICH (Frankfurt am Main) thematisierte „Verhaltensmuster, Gefühle und Rhetorik im theologischen Streit“, wobei seine besondere Aufmerksamkeit am Beispiel von Pascals elftem „Brief an einen Freund in der Provinz“ der Selbstsicht der Akteure als Streitende galt. In diesem Brief, der als „Metastreit“, als Reflexion über das Streiten gelesen werden könne, rechtfertige Pascal seinen Streit wider die Jesuiten und die von ihm verwendeten Mittel Ironie und Spott mit dem Hinweis, Hass und Verachtung seien legitime Gefühle gegen Irrlehrer. Auch Hass, so Friedrich, folge demnach bestimmten Regeln, innerhalb deren er zum Ausdruck kommen dürfe. Dadurch werde Hass in eine Tugend überführt und der Emotion eine theologische und philosophische Grundlage gegeben. Dabei kombiniere Pascal verschiedene Traditionsstränge, die sich schon bei den Kirchenvätern (Tertullian) nachweisen ließen. Der Zug zum „Heiligen Zorn“ bei Pascal sei bei weitem kein Einzelfall in der Frühen Neuzeit; eine diskursanalytische Annäherung an frühneuzeitliche Polemiken müsse daher auch Gefühle berücksichtigen, insoweit diese kalkulierte Mittel im Streit seien.

HANNS-PETER NEUMANN (Halle) wandte sich unter dem Titel „Monaden im Diskurs. Leonhard Eulers antimonadologische Schrift und die Folgen“ der Monadendebatte zwischen 1720 und 1770 zu. Dabei handele es sich um ein Textkorpus von ca. 90 bis 100 Schriften von ca. 60 bis 70 Autoren, die sich verschiedenen Gruppierungen wie etwa Pietisten, Leibnizianern, Wolffianern und Newtonianern zuordnen ließen. Am Beispiel eines Beitrages des Mathematikers Leonhard Euler, der der Kulminationsphase der Debatte 1746/47 entstammt, und der Repliken seitens der Wolffianer auf Eulers antimonadologische Schrift setzte Neumann einige der von Foucault vorgeschlagenen Analyseschritte um. Dabei konzentrierte er sich vor allem auf argumentative Brüche, hinter denen sich besonders prägnante Aussagen ermitteln lassen könnten. Besonderes Interesse verdiene auch die Anonymität des Verfassers und die Frage der Adressierung der Schrift Eulers: Diese richte sich zunächst formal an den allgemeinen Leser, im Verlauf der Argumentation werde aber klar, dass Euler eigentlich einen Angehörigen seiner eigenen philosophischen Gruppe als Leser vor Augen habe. Das Phänomen der wertenden Zuweisung der diskutierten inhaltlichen Positionen an bestehende Gruppierungen lasse sich u.a. an einem höchst diffizilen Gebrauch der Indefinit- und Personalpronomina ablesen, deren Verhältnis zueinander Neumann im Weiteren untersuchte.

In der folgenden Sektion zu „Diskurstheorie und Diskursgeschichte“ unternahm MARKUS MEUMANN (Halle) unter dem Titel „Glauben, Wissen, Streiten im akademischen Raum – Die hallesche Esoterikrezeption um 1700 als diskursive Formation“ den Versuch, Foucaults Ansatz der Diskursanalyse für die Geschichte des gelehrten Wissens an empirischem Material zu operationalisieren. Am Beispiel der Rezeption frühneuzeitlicher esoterischer Strömungen in Halle zwischen 1690 und 1720 erörterte Meumann zunächst, wie der von Foucault hervorgehobene Aspekt der Regelmäßigkeiten des Diskurses heuristisch umzusetzen sei. Dieser zwinge dazu, nicht nur apriorisch als wichtig erkannte Texte in den Blick zu nehmen, sondern ggf. das gesamte Schrifttum zu einem Thema; dies habe im Falle Halles zu einer Vervierfachung der ursprünglichen Textgrundlage geführt. Die Frage sei allerdings, inwiefern hierbei von einer „diskursiven Formation“ gesprochen werden könne. Dafür sei nicht ausreichend, dass die Schriften dieselben Gegenstände hätten, sondern diese seien u.a. in Beziehung zu den Modalitäten ihres Auftauchens zu setzen. Für die hallesche Esoterikrezeption bedeute dies, vor allem zu untersuchen, in welchen fachlichen Zusammenhängen Esoterik behandelt werde, ob sie nur in „gelehrten“ Texten auftauche, welche (historischen) Autoritäten und Traditionsbezüge in den Texten genannt würden und wie Esoterik als Thema etabliert werde.

Anschließend machte FRIEDEMANN STENGEL (Halle) darauf aufmerksam, dass im Fall von „Diskurstheorie und Aufklärung“ ein komplexes Wechselverhältnis zwischen methodischem Ansatz und Untersuchungsgegenstand bestehe. Er ging zunächst den Spuren Kants in Foucaults Denken nach, die diesen zu der Folgerung geführt hätten, der moderne Vernunftbegriff dürfe nicht nur Grundlage, sondern müsse stets auch Gegenstand der diskurstheoretischen Untersuchung sein. An einer Analyse von Kants zunächst anonym erschienenen „Träumen eines Geistersehers“ im Lichte von Foucaults Diskurstheorie zeigte Stengel sodann deren erkenntnistheoretische Grenzen auf. Der Autor der „Träume“ gestehe explizit Ähnlichkeiten seiner eigenen Ansichten mit denen des schwedischen Geistersehers Emanuel Swedenborg ein, setze sich aber zugleich von dessen metaphysischen Spekulationen ab, indem er ihn rhetorisch in die Nähe des Wahnsinns rücke. Durch diese Strategie sei Swedenborg aus dem Aufklärungsdiskurs ausgeschieden worden. Während sich dies mit Foucault adäquat beschreiben lasse, verstelle dessen Betonung diskursiver Ausschließung zugleich aber den Blick auf das Fortleben Swedenborgischer Gedanken und Systemelemente in den „Träumen“ und damit auch in deren späterer Rezeption. Diese Prozesse ließen sich weit besser mit Hilfe theoretischer Ansätze aus den Postcolonial Studies in den Blick nehmen, insbesondere Homi K. Bhabhas Theorie von Mimikry und Hybridität, die den Blick auf Prozesse des Einschreibens lenke.

Im letzten Vortrag des Tages stellte ULRICH JOHANNES SCHNEIDER (Leipzig) mit der in den Diskussionen des Workshops immer wieder virulenten Frage „Was ist ein Autor?“ sein Projekt einer Geschichte des Bibliothekskatalogs vor. Anhand des Verhältnisses zwischen Autor und Werk skizzierte er die chronologische Entwicklung von der frühneuzeitlichen Bibliotheca universalis, für die der Zeitkontext Urheber schriftlicher Werke war und Bücher entsprechend nach ihren Titeln verortet wurden, zur modernen Identifikation von Autoren und Texten. Schneider ging es dabei um die Oberflächen, nicht die Texte selbst: Kataloggeschichte sei „Oberflächenforschung“. Als eindrucksvolles Beispiel präsentierte er die Entstehung des Bibliothekskatalogs des Wolfenbütteler Herzogs August seit dem 17. Jahrhundert, in dem Bücher in der Reihenfolge ihres Erwerbs für die Bibliothek katalogisiert wurden. Diese damals weltgrößte Bibliothek war nur über einen externen Index erschließbar. Erst durch Leibniz sei eine Ordnung nach den Autornamen eingeführt worden, wodurch die Bibliothek überhaupt erst für Leser nutzbar geworden sei. Leibniz‘ Nachfolger Lessing schließlich habe mit der Rekonstruktion von Autoren aus Texten begonnen und damit die Verknüpfung von „Bücherbeschreibung“ und Textanalyse hergestellt. Die Geschichte von Katalog und Bibliographie sei immer auch eine Geschichte der vieldeutigen Verortung.

Den zweiten Tag des Arbeitsgesprächs eröffnete MARIAN FÜSSEL (Münster) mit einem Vortrag über den frühneuzeitlichen Gelehrtenstreit als akademische Praxis. Zur Unterscheidung seines Gegenstandes von gelehrten Diskursen, die auf der Textebene eine Ordnung des Wissens herstellen, wies Füssel auf die Bedeutung von Machtverhältnissen der ständisch verfassten Gesellschaft hin. Als Ursachen gelehrter Streitigkeiten an Universitäten im 18. Jahrhundert, die gelegentlich auch handgreiflich ausgetragen wurden, machte Füssel demnach neben Differenzen sachlicher Natur auch Ungleichgewichte in den Hierarchien aus. Die frühneuzeitliche Literatur über den Gelehrtenstreit zeige, welche Bedeutung der Streit für die akademische und soziale Distinktion der Kontrahenten hatte: Galt der gewonnene Streit als ruhmvoll, wurde doch auch die Gefahr einer Beschädigung der akademischen Reputation gesehen. Streitsucht war geradezu ein Charakteristikum ‚des‘ Gelehrten, ihre Ursachen wurden in Missgunst und Ehrgeiz gesucht. Nach Füssel stritten die Gelehrten jedoch lediglich publikumswirksamer, nicht aber in größerem Maße als allgemein üblich. Dass Streit eine Konsequenz des zeitgenössischen Ehrverständnisses gewesen sei und in demselben Maße subtiler wurde, in dem sich der Ehrbegriff veränderte, lag nach Füssel an der „sozialen Logik“ des Streitens – die vormoderne Wissensordnung habe vielfach Anlass zu Konflikten gegeben.

MARTIN GIERL (Göttingen/Wien) bezeichnete in seinem Beitrag „Disputation als politische Praxis“ die akademische Disputatio als soziales Entscheidungsverfahren, das Grundlage des gesamten akademischen Lebens und Instrument politischer Praxis gewesen sei. Ergebnis sei stets ein überprüfbares Verhandlungsprotokoll, aus dem sich die Vermittlung zwischen individuellen und sozialen Interessen in einem institutionalisierten Kommunikationsgefüge ablesen lasse. Die standardisierte Struktur der Disputation aus den Teilnehmern Opponent, Respondent und Praeses, festen Regeln wie der dualen Aufteilung der Kommunikation und dem in Form eines Syllogismus angestrebten konsensualen Ergebnis sei etwa in Konfessionsstreitigkeiten zum Einsatz gekommen und lasse sich nicht nur in der klassischen Disputatio, sondern auch in schriftlichen Auseinandersetzungen nachweisen, wie Gierl am „Hamburger Revers“ gegen Ende des 17. Jahrhunderts, einem Streit um die Zulassung pietistischer Konventikel, zeigen konnte: Philipp Jakob Spener als einer der Kontrahenten sei in einer abschließenden Schrift zu einem Syllogismus und damit zu einer formal und inhaltlich überprüfbaren Aussage gelangt. Waren es hier noch akademische Teilnehmer, so spielte laut Gierl die Disputation auch eine Rolle im politischen und juristischen Bereich, was sich etwa am syllogistischen Aufbau von Urkunden oder Befehlen an Untertanen ablesen lasse; dort sei der „Status controversiae“ verdichtet aufzufinden.

Geradezu ein Paradebeispiel für eine gelehrte Debatte im Sinne des Tagungsthemas präsentierte sodann HEIKO POLLMEIER (Berlin/Leipzig): Die französische Debatte um die Pockeninokulation Mitte des 18. Jahrhunderts mit mehr als 200 Autoren und über 900 Texten erstreckte sich über mehrere Jahrzehnte, und sie war ebenso intensiv wie international. Pollmeier unterschied drei aufeinanderfolgende Phasen: Die erste drehte sich vor allem um die Legitimität der Inokulation – der Immunisierung durch künstliche Übertragung des Pockenerregers von Genesenen – und war auf die theologisch-moralische Frage nach dem Recht zu einem solchen Eingriff fokussiert; in der zweiten Phase ging es insbesondere um die kameralistische Abwägung von Kosten und Nutzen im Interesse von Demographie und „santé publique“, und die dritte Phase war mit dem Streit um Methoden und Möglichkeiten der Ausrottung der Pocken befasst. Trotz der geringen praktischen Bedeutung – in Frankreich seien kaum Inokulationen durchgeführt worden – charakterisierte Pollmeier die Inokulationsdebatte als Zeichen der Konstituierung einer öffentlichen Meinung. Deutlichstes Ergebnis sei die Inokulation der gesamten französischen Königsfamilie nach dem Pockentod Ludwigs XV. 1774 gewesen.

Die chronologisch späteste Debatte führte abschließend JAKOB VOGEL (Berlin) mit dem „Karlsbader Sprudelsalzstreit 1763-83“ vor und wies gleich zu Beginn darauf hin, es habe sich hier weniger um einen gelehrten Streit als vielmehr um einen „Streit um das legitime Wissen“ gehandelt. Der Protagonist des „Sprudelsalzstreits“, der Karlsbader Arzt Becher, geriet mit seiner wissenschaftlichen Perspektive auf die mineralische Zusammensetzung der Karlsbader Heilquelle in Konflikt mit dem nichtwissenschaftlichen „Alltagswissen“ der Bürgerschaft um die Einzigartigkeit eben dieser Heilquelle. Vogel interessierte sich vor allem für die Verknüpfung von diskursiven und sozialen Praktiken und postulierte, es habe einen Expertendiskurs ebenso gegeben wie einen Nichtexpertendiskurs. Der Arzt Becher habe bei seinem Vorhaben, ein „Sprudelsalz“ durch Eindampfen des Heilwassers herzustellen und außerhalb Karlsbads zu vertreiben, gegen Ängste der Bürgerschaft zu kämpfen gehabt, insbesondere im Hinblick auf mögliche ökonomische Nachteile durch Ausbleiben von Kurgästen. Becher habe sich geweigert, öffentlich Stellung zu beziehen; er habe, so Vogel, nur ein gelehrtes Publikum als legitime Öffentlichkeit betrachtet. Demgegenüber seien im „Alltagswissen“ der Karlsbader Bürger implizit alchemistische Vorstellungen enthalten gewesen, so dass die Argumentationen vielfach aneinander vorbei gegangen seien. Das Ergebnis des Streits sei ein hybrides gewesen: Die zuständige Verwaltung habe die chemischen Argumentationen Bechers akzeptiert, zugleich aber ein Gütesiegel vergeben, das die – wissenschaftlich widerlegte – Einzigartigkeit des Karlsbader Salzes unterstrich.

Die Schlussdiskussion wurde von Markus Meumann mit der Beobachtung eröffnet, die Betonung der historischen Empirie in den letzten Vorträgen sei offensichtlich gegenüber den diskurstheoretischen Diskussionen des ersten Tages allgemein als erholsam empfunden worden; dies bestätige die Konzeption des Arbeitsgespräches, diskurstheoretische Ansätze am konkreten Material zu erproben. Dennoch gebe die Tagung natürlich auch in theoretischer Hinsicht Fragen auf, insbesondere nach den Unterschieden zwischen diskursiven und nichtdiskursiven Praktiken, nach dem Verhältnis von Debattengeschichte und Diskursanalyse, und ob sich die gelehrte Streitkultur innerhalb diskurstheoretischer Ansätze oder besser in einem komplementären kommunikationsgeschichtlichen Modell konzeptualisieren ließe. Ulrich J. Schneider regte demgegenüber an, anstelle von Empirie und Theorie von Material und Perspektive zu sprechen und damit weniger strenge Begriffe anzulegen. Er verdeutlichte dies am Gelehrtenstreit: Diskursanalyse im Foucaultschen Sinn schränke hier die Perspektive zu sehr ein, da etwa emotionale Bindungen der Teilnehmer an den Gegenstand ausgeblendet würden.

Auch Achim Landwehr betonte noch einmal, der Begriff der „Perspektive“ mache deutlich, dass Diskurstheorie keine Generallösung oder -methode sei. Er mahnte in diesem Sinne eine „selbstauferlegte Naivität“ im Umgang mit dem Material an. Für einen „gesunden Eklektizismus“ im Umgang mit den diskutierten Methoden plädierte Marian Füssel, der zugleich davor warnte, einer „orthodoxen“ Diskursanalyse zu erliegen; dies könne ein weitgefasster kulturwissenschaftlicher Zugang vermeiden helfen. Demgegenüber gab Friedemann Stengel zu bedenken, dass in diesem Fall die Grundentscheidungen der Diskurstheorie nicht preisgegeben werden dürften. Auch Jakob Vogel plädierte für ein Festhalten an Foucault, insoweit dessen Ansätze es ermöglichten, Regelmäßigkeiten zu entdecken, ohne dabei auf die kausalen Erklärungsansätze der älteren Strukturgeschichte – und es wäre zu ergänzen: oder der klassischen Ideengeschichte – zurückgreifen zu müssen.

Konferenzübersicht:

Ordnungen des „Wissens“ – Ordnungen des Streitens: Gelehrte Debatten des 17./18. Jahrhunderts in diskursanalytischer Perspektive

Markus Meumann (Halle): Einführung in das Tagungsthema

1. Wissensgeschichte und Diskursanalyse (Moderation: Markus Meumann)

Achim Landwehr (Düsseldorf): Historische Diskursanalyse und die Geschichte des Wissens

Isabella von Treskow (Potsdam/Erfurt): Literaturwissenschaftliche Diskursanalyse und Wissenschaftsgeschichtsschreibung. Eine methodenkritische Untersuchung der französischen Toleranzdebatte

2. Ordnungen des Wissens I: Gelehrte Kontroversen und Debatten (Moderation: Monika Neugebauer-Wölk)

Markus Friedrich (Frankfurt am Main): Verhaltensmuster, Gefühle und Rhetorik im theologischen Streit. Überlegungen an Hand von Pascals elftem Brief an einen Freund in der Provinz

Hanns-Peter Neumann (Halle): Monaden im Diskurs. Leonhard Eulers antimonadologische Schrift und die Folgen

3. Diskurstheorie und Diskursgeschichte (Moderation: Isabella von Treskow)

Markus Meumann (Halle): Glauben, Wissen, Streiten im akademischen Raum: Die hallesche Esoterikrezeption um 1700 als diskursive Formation

Friedemann Stengel (Halle): Diskurstheorie und Aufklärung

Ulrich Johannes Schneider (Leipzig): Zur Autorfunktion in der Bibliographie des 18. Jahrhunderts

4. Ordnungen des Streitens? Gelehrtenkultur und -kommunikation (Moderation: Ulrich Johannes Schneider)

Marian Füssel (Münster): Eine Kultur des Konflikts? Zur sozialen Praxis des Gelehrtenstreits im 17. und 18. Jahrhundert

Martin Gierl (Göttingen/Wien): Disputation als politische Praxis in der Frühen Neuzeit. Zur Transformation von Wissen und Macht

5. Ordnungen des Wissens II: Wissenschaft, Politik, Öffentlichkeit (Moderation: Achim Landwehr)

Heiko Pollmeier (Berlin/Leipzig): Streiten, bis der König fällt. Die französische Inokulationsdebatte (1754-1774)

Jakob Vogel (Berlin): Die Wissenschaft vor der Bürgerschaft. Auseinandersetzungen um das legitime Wissen im Karlsbader Sprudelsalzstreit 1763-1783

Zitation
Tagungsbericht: Ordnungen des „Wissens“ – Ordnungen des Streitens. Gelehrte Debatten des 17./18. Jahrhunderts in diskursanalytischer Perspektive, 22.06.2007 – 23.06.2007 Halle, in: H-Soz-Kult, 13.01.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1826>.