Überlieferungsbildung im Historischen Archiv der Stadt Köln

Ort
Köln
Veranstalter
Historisches Archiv der Stadt Köln Dr. Bettina Schmidt-Czaia
Datum
19.10.2007
Von
Letha Böhringer, Historisches Archiv der Stadt Köln

Im Jahr 2007 feierte das Historische Archiv der Stadt Köln ein doppeltes Jubiläum. 600 Jahre zuvor, im Sommer 1407, war mit dem Bau des Ratsturmes begonnen worden, in dem eigens ein „Gewölbe zu der Stadt Privilegien“ vorgesehen war. Es diente Jahrhunderte lang als Archiv für die kostbarsten Urkunden der Reichsstadt. Diese verloren nach dem Ende des Alten Reiches ihre Bedeutung als Rechtstitel und waren fortan „historische“ Dokumente. Ihr Verwalter war zunächst der städtische Obersekretär, die rechte Hand des Oberbürgermeisters, doch angesichts der großen Mengen an Urkunden und Akten erkannte man die Notwendigkeit, einen hauptberuflichen Archivar einzustellen. Dies geschah 1857 nach dem Tod des Sekretärs Fuchs, als der studierte Theologe und kenntnisreiche Lokalhistoriker Leonard Ennen zum ersten Kölner Stadtarchivar bestellt wurde.

Die aus diesem Anlass veranstaltete Ausstellung „150 Jahre Historisches Archiv der Stadt Köln“ präsentierte zahlreiche Schätze des Hauses, von Herrscherurkunden über kostbare Handschriften bis hin zu Plänen, Zeugnissen der modernen Verwaltung und Beispielen aus den zahlreichen Nachlässen von Künstlern und Politikern. Bei der Vorbereitung stellte sich heraus, dass kaum Vorarbeiten über die Geschichte des Archivs, seine Bestände und seine Mitarbeiter existierten. Indes lagen die Quellen, nämlich die Akten des Archivs selbst sowie die Nachlässe zahlreicher Direktoren und Mitarbeiter, durchaus bereit, doch fehlte es an Zeit zur Sichtung und Aufarbeitung. Daher wurde ein wissenschaftliches Kolloquium anberaumt, zu dessen Vorbereitung bereits im September 2006 ein „Call for Papers“ im H-Soz-U-Kult-Netz platziert wurde.[1] Die daraus erwachsenen sieben Vorträge haben unser Wissen von den Geschicken mancher Bestände und ihrer Bearbeiter in vielfältiger Weise bereichert.

Einem heiklen Vorgang widmete sich eingangs WILFRIED REININGHAUS mit seinem Vortrag „Eine ‚erzwungene Abgabe’ und ihre Hintergründe. Die politisch motivierte Deponierung der Bestände Kölner Klöster und Stifter aus dem Staatsarchiv Düsseldorf im Historischen Archiv der Stadt Köln 1948/49“. Die Vorgeschichte dieser Verlagerung bedeutender Bestände stellte Reininghaus erstmals ausführlich anhand der Akten dar. Nach der Aufhebung der Kölner Klöster und Stifte durch die französische Verwaltung der Jahre 1794 bis 1815 wurden deren Archive zunächst in einem neu errichteten Staatsarchiv Köln aufbewahrt, das indes 1832/33 aufgelöst wurde. Die Überweisung dieser Bestände nach Düsseldorf ließ die Kölner nicht ruhen. Zwar kam es im Laufe des 19. Jahrhunderts zu manchem Tausch zwischen den Archiven (etwa dem der 10.000 Kölner Bürgertestamente gegen Jülich-Bergische Landtagsakten), doch die Archive der kirchlichen Institutionen blieben unangetastet. Im 20. Jahrhundert erfolgten neue Kölner Vorstöße um Rückgabe der Kirchenarchive, die jedoch ungehört verhallten.

Erst nach dem Krieg ergab sich eine für das Kölner Anliegen günstige Konstellation, deren Hintergrund eine langjährige und verbissene Männerfeindschaft bildete. Aus verschiedenen Anlässen war es nämlich immer wieder zu Konflikten gekommen zwischen dem Leiter der 1929 gegründeten Archivberatungsstelle Rheinland beim Provinzialverband, Wilhelm Kisky, und dem Direktor des Düsseldorfer Staatsarchivs, Bernhard Vollmer. Während des Krieges, im Jahr 1942, zog der Kölner Archivdirektor Erich Kuphal die alten Anträge um Rückgabe der Stifts- und Klosterarchive aufs Neue hervor. Er erhielt sogar eine entgegenkommende Antwort des Generaldirektors der Preußischen Archive, Ernst Zipfel, doch wurde die Klärung der Angelegenheit auf das Kriegsende vertagt. 1947 rückte dann Kisky zum Leiter der Archivverwaltung des neuen Landes NRW auf; Kisky hatte sich unter der NS-Herrschaft politisch weniger exponiert als Vollmer. Sogleich förderte er das Kölner Anliegen als es erneut vorgetragen wurde, nunmehr unterstützt durch Oberbürgermeister Pünder; dies geschah sicher nicht zuletzt, um seinem Gegenspieler Vollmer einen Schlag zu versetzen. Die Kölner argumentierten, dass die kirchlichen Bestände ganz unentbehrlich für die Stadt seien und baten um „Überweisung“ anlässlich des 700 jährigen Domjubiläums 1948, wobei es unerheblich sei, ob die Bestände als Depositum oder als Eigentum nach Köln verbracht würden.

In Düsseldorf war inzwischen auf politischer Seite der Eindruck entstanden, man müsse zugunsten Kölns ‚eine Geste’ machen, weil inzwischen Düsseldorf nicht nur Landeshauptstadt, sondern auch Sitz der Landesbank geworden war. So beschloss das Landeskabinett im August 1948, die stadtkölnischen Stifts- und Klosterarchive dem Historischen Archiv der Stadt Köln als Dauerleihgabe zu übergeben, was während des Domjubiläums bekannt gegeben wurde. Direktor Vollmer erfuhr dies aus der Zeitung. Er setzte zunächst auf die Taktik, die Umsetzung des Kabinettsbeschlusses zu verzögern, und den Umzug auf die lange Bank zu schieben. Doch rief die Angelegenheit zwei Abgeordnete des Landtages auf den Plan, die sie in das Landesparlament trugen mit der Aufforderung, der Landtag möge den Kabinettsbeschluss kassieren. Allerdings veranlasste die Mitgliedschaft dieser Abgeordneten ausgerechnet in der KPD sämtliche Vertreter der bürgerlichen Parteien, sich hinter den Kabinettsbeschluss zu stellen und auf dessen rasche Umsetzung zu drängen. Im Oktober 1949 kamen die umkämpften Bestände in Köln an, wo sie bis heute als Depositum liegen. Die Problematik derartig politisch motivierter Eingriffe in Archive und ihre Bestände ist offenkundig, zumal der Lauf der Ereignisse, wie Reininghaus ihn rekonstruieren konnte, von einem kräftigen Maß an Willkür und Ranküne der handelnden Personen und weniger von archivfachlichen oder sachdienlichen Überlegungen zeugt. Freilich zeigte die Diskussion, dass die Kölner über die Vorgänge kaum Bedauern empfinden, besitzen doch die Archive der Kölner Kirchen einen hohen Symbolwert für die Bürger der Stadt, denen bis heute das „hillige Köln“ ein Begriff ist.

Ganz anders gearteten Verlagerungen von Archivalien widmete sich IWAN IWANOW, nämlich den „Unterlagen aus dem Hansekontor in London, dem Stalhof, im Historischen Archiv der Stadt Köln“. Köln beherbergt neben Lübeck das bedeutendste Archiv der deutschen Hanse, weil 1593/94 auf Beschluss des Hansetages die Urkunden und Akten des seinerzeit größten Kontors, das in Antwerpen lag, in die sicheren Mauern Kölns verbracht wurden; die Stadt ist bis zu den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs nie gewaltsam erobert, zerstört oder geplündert worden. Die Hanse hatte Ende des 16. Jahrhunderts ihre Glanzzeit längst hinter sich; die Politik der jungen Nationalstaaten zielte auf die Privilegierung der eigenen Kaufmannschaft und die Entmachtung fremder Handelsleute, und der Aufstand der Geusen in den spanischen Niederlanden hatte den Handel in Antwerpen praktisch zum Erliegen gebracht. Bei der Aufteilung der Hansearchivalien kam es zu manchen Eigentümlichkeiten. Die besondere Rolle, die Köln und Lübeck bis heute als hansische „Archivstädte“ spielen, war weniger das Resultat ihrer großen Bedeutung als Handelsstädte, sondern Folge ihrer Reichsstandschaft; die meisten anderen Hansestädte waren landständisch. Die zeitgenössische Rechtswissenschaft schrieb aber der Reichsstandschaft das Ius archivum habendi zu, das Recht, ein Archiv mit eigener Beweiskraft zu führen. Demgegenüber war das Archivrecht der Hanse selbst juristisch umstritten, und Sicherheit vor dem Zugriff von Landesherren konnten demzufolge nur Köln und Lübeck bieten. Die Aufteilung der Archivalien war verschiedenen Zufällen und politischen Konstellationen geschuldet. So fehlen in Köln verschiedene Privilegien, die von der englischen Krone für den Londoner Stalhof erteilt wurden, das heißt sie sind lediglich in Abschriften vertreten. Die Originale sind offenbar vor 1600 nach Lübeck überwiesen worden, weil dort mit den Engländern über die Erneuerung der Handelsprivilegien verhandelt wurde. Nach der endgültigen Schließung des Stalhofs 1598 wurden dessen Papiere nach Lübeck verbracht, doch gelangten einzelne Stücke auch in private Hände und wurden dem Lübecker Rat vorenthalten, darunter ein Kästchen mit teilweise bereits erledigten Schuldverschreibungen, was Anlass zu diplomatischen Auseinandersetzungen zwischen den Hansestädten gab. Schließlich waren die Hansemitglieder jedoch bereit, die Aufteilung der Unterlagen zwischen Lübeck und Köln zu billigen, wo die jeweiligen Stadträte für die getreue Verwahrung dieses „Hanseschatzes“ verantwortlich waren.

ANDREAS KUPKA vom Musum Zitadelle Jülich verdeutlichte anhand mehrerer Beispiele, wie der Bau der neuen Nord-Süd-U-Bahn unsere Kenntnisse über die Kölner Festungsbauten erweitert. Im Rahmen dieses gigantischen urbanen Bauvorhabens werden die Röhren für die Gleise zwar unterhalb jener Schichten vorgetrieben, die archäologisch relevant sind, doch legt man die Haltestellen, Zugänge usw. von der Oberfläche her an, so dass neue Befunde ergraben werden können. Die Kölner Stadtmauer von 1180 war mit 10 km Länge und der symbolischen Zwölfzahl ihrer Tore der umfangreichste Mauerbau nördlich der Alpen; die Kriegszüge seit dem 15. Jahrhundert führten immer wieder zur Verstärkung der Befestigungen, namentlich zur Anlage eines bastionären Systems, das zwischen 1620 und 1693 als „Neue Fortifikation“ angelegt wurde. Die imposantesten Reste der mächtigen Tore sind die Eigelsteintorburg, die Hahnentorburg und die Severinstorburg, wo die neue Stadtbahn den alten Befestigungsring schneidet. Am Chlodwigplatz soll eine große Haltestelle entstehen, bei deren Aushebung sowohl römische Funde als auch mittelalterliche Befestigungsreste ausgegraben wurden. Ein gut erhaltenes Bollwerk mit eigenartigem Vorsprung, der wohl dekorative Funktion hatte, wurde demontiert, um später im Bereich der Haltestelle wieder rekonstruiert und damit sichtbar gemacht zu werden.

Die zwei folgenden Vorträge waren den beiden Gründerpersönlichkeiten des modernen Kölner Stadtarchivs gewidmet. HOLGER KRAHNKE zeigte in seinem Vortrag über den „Archivar in den Nebenstunden“ , wie angelegentlich sich der städtische Obersekretär Fuchs (1782-1857) der Ordnung und Verzeichnung der Kölner Bestände widmete. Diese waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts in nicht weniger als sieben verschiedenen Abteilungen räumlich und inhaltlich getrennt, so dass erst die 1828/29 von Fuchs erstellten Verzeichnisse und alphabetischen Register einen ersten Überblick ermöglichten. Überdies trugen die freundschaftlichen Kontakte des Stadtsekretärs mit zahlreichen Gelehrten dazu bei, dass wichtige Stücke aus den Urkunden- und Hansebeständen bekannt und vielfach auch publiziert wurden. Hier sind an erster Stelle der Stadthistoriker Karl Dietrich Hüllmann, der Hansehistoriker Georg Sartorius sowie Theodor Joseph Lacomblet mit seinen Urkundenbüchern zu nennen. Vor allem Lacomblet monierte die beschränkte Zugänglichkeit der Kölner Urkundenbestände und forderte ihre räumliche Zusammenfassung, was indes am Geldmangel scheiterte. Immerhin erhielt Fuchs 1836 einen Assistenten, doch erst sein Tod machte den Weg frei für die personelle Selbständigkeit des Archivs.

Sein Nachfolger Leonard Ennen (1820-1880) hat bislang noch keine ausführliche biographische Würdigung erhalten, so dass STEPHAN LAUX seine Ausführungen „Eine Skizze“ nannte. Der rührige Vielschreiber Ennen galt seinen Nachfolgern als rechter Zerstörer der ursprünglichen archivischen Ordnung; man hielt ihm vor, er habe zugunsten der eigenen Veröffentlichungen rücksichtslos die Bestände zerrissen, ja man bezichtigte ihn gar des Diebstahls. Derartige Vorwürfe und darüber hinaus herablassende Urteile über sein wissenschaftliches Wirken werden bis heute unkritisch fortgeschrieben, wie unlängst Toni Diederich in einer Notiz bemerkte.[2] Laux plädiert demgegenüber für eine unvoreingenommene Beurteilung des Archivars, der an den Bedingungen und Maßstäben seiner Zeit gemessen werden sollte.

Leonard Ennen stammte aus kleinen Verhältnissen und studierte Theologie; 1845 wurde er zum Priester geweiht. Die schlechten Aussichten auf eine eigene Pfarrstelle sowie seine persönliche Vorliebe für die rheinische Geschichte veranlassten ihn, gleich nach dem Tod von Johann Peter Fuchs beim Kölner Oberbürgermeister die Stelle des Stadtarchivars zu reklamieren. Freilich empfahl er sich selbst weniger als Archivar denn als Historiker, indem er nachdrücklich auf das Fehlen einer Kölner Stadtgeschichte und eines Kölner Urkundenbuches hinwies. Beides legte er in etlichen Bänden vor, publizierte überdies eine Fülle von Artikeln in Zeitungen und wissenschaftlichen Zeitschriften und gründete mit Gleichgesinnten verschiedene Altertumsvereine, darunter den Historischen Verein für die Geschichte des Niederrheins mit dem Organ der „Annalen“. Die Zerstörung älterer Archivserien zugunsten von Pertinenzbeständen ist nicht ihm allein anzukreiden. Auch seine ihn gerne kritisierenden Nachfolger Konstantin Höhlbaum und Joseph Hansen legten noch Pertinenzbestände an oder schrieben sie fort. Das Proveníenzprinzip setzte sich im preußischen Archivwesen erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts durch, und zwar keineswegs schlagartig. Ennen war als historischer Autodidakt gewiss kein Editor und Wissenschaftler vom Schlage der Monumentisten und älteren Urkundenforscher, doch schärften seine Publikationen und seine Aktivitäten in Vereinen und in der Denkmalpflege – so setzte er sich beim Abriss der mittelalterlichen Stadtmauer für die Bewahrung der Stadttore ein – das Geschichtsbewusstsein des Kölner Bürgertums und seiner politischen Vertreter; vor allem die sechs Bände „Quellen zur Geschichte der Stadt Köln“ sind bis heute in der Forschung unersetzt und unentbehrlich.

Kärrner- und Grundlagenarbeit leisteten ebenfalls jene jungen Männer und Frauen, denen sich FRANK ENGEL unter dem bezeichnenden Titel „ Generation Praktium?“ zuwandte. Engel richtete den Blick auf die Ära Joseph Hansen, der von 1891 bis 1927 Direktor des Stadtarchivs war und mit Hilfe sparsam besoldeter Volontäre die Ordnungs- und Erschließungsarbeiten des Archivs erfolgreich vorantrieb. Die Grundlage der Volontariate bildeten Stipendien, wie sie vor allem der Großunternehmer Gustav von Mevissen und seine Tochter Mathilde auslobten. Die in der Regel für zwei Jahre bereit gestellten Geldmittel ermöglichten es zahlreichen Universitätsabsolventen, im Archiv einen größeren Quellenfundus zu sichten und für eigene Studien auszuwerten. Zahlreiche namhafte Archivare und Hochschullehrer legten als Kölner Volontäre die Grundlagen für ihre teilweise beachtlichen späteren Karrieren, so Hermann Keussen, Walther Stein, Bruno Kuske, Walther Tuckermann und Richard Knipping; unter den wenigen Damen waren Luise von Winterfeld, Hansehistorikerin und als Leiterin des Stadtarchivs Dortmund die erste wissenschaftliche Archivarin Deutschlands sowie Ermentrude von Ranke, die erste Frau, die in Deutschland im Fach Geschichte habilitiert wurde. Mit der Inflation von 1923 waren die Geldmittel vernichtet, 1924 starb Mathilde von Mevissen, und damit kam die Beschäftigung von Volontären zum Erliegen. Das Ergebnis der „Ära Hansen“ war immerhin eine recht ausgewogene Erschließung bedeutender Bestände vom 15. bis ins 19. Jahrhundert.

Abschließend referierte KLAUS WISOTZKY, Leiter des Stadtarchivs Essen, über ein düsteres Kapitel des Kölner Stadtarchivs: „ ‚…sein hohes Ansehen im Kreis der deutschen Archive unweigerlich verlieren wird’. Das Historische Archiv Köln im ‚Dritten Reich’.“ Während der nationalsozialistischen Herrschaft verfügte das Stadtarchiv über großzügige Räumlichkeiten, nachdem 1934 die Stadtbibliothek aus dem repräsentativen Zweckbau am Gereonskloster ausgezogen war. Unter dem Leiter Erich Kuphal arbeiteten zwei wissenschaftliche Archivare (Arnold Güttsches und Hans Gerig) und weitere Mitarbeiter bei recht ansehnlicher finanzieller Ausstattung, so dass die im Titel des Vortrags zitierte Warnung Kuphals zunächst verwundern mag. Doch in der Tat kamen Mitte der 1930er-Jahre die Ordnungs- und Erschließungsarbeiten im Archiv zum Erliegen; 1935 erschien für lange Zeit der letzte Band der „Mitteilungen aus dem Stadtarchiv von Köln“. Diese Reihe hatte 1842 von Konstantin Höhlbaum ins Leben gerufen, um die wichtigsten Inventare und Findbücher der Öffentlichkeit im Druck zugänglich zu machen. Die Zwänge, denen sich das Stadtarchiv ausgesetzt sah, waren allerdings selbstgemacht. Allzu bereitwillig hatten sich die Archivare in den Dienst der Sippen- und Familienforschung gestellt, um dem stetig anschwellenden Strom der Anfragenden Mitteilungen über ihre Familie zum Zwecke der „Ariernachweise“ zu geben. Kuphal erklärte genealogische Forschungen zur „Herzenssache“ für jeden Volksgenossen, verfasste entsprechende Merkblätter und drängte auf die Anfertigung von Registern zu den Kirchenbüchern. Über diesen Arbeiten wurden andere Bestände gänzlich vernachlässigt. Dies bereitete Kuphal zwar allmählich Sorge, doch ordnete er sich willig dem Primat der NS-Rassenpolitik unter, veranstaltete gar eine Ausstellung „sippenkundlicher Quellen“ und prägte das Bild eines Archivs, das vorbehaltlos seinen Beitrag zur NS-Propaganda leistete. In der lebhaften Diskussion wurde herausgestellt, dass die Haltung der Kölner Archivare recht typisch für den Berufsstand war – wenn auch die Kölner, im Gegensatz zu den Kollegen einiger anderer Städte, sofort nach Kriegsausbruch im Herbst 1939 die Evakuierung des Archivs aufs Land betrieben und somit die Bestände vor der Zerstörung im Bombenkrieg bewahrten. Zügig entnazifiziert, blieben alle Protagonisten bis Ende der 1960er-Jahre in ihren Ämtern; eine kritische Bestandsaufnahme der Rolle, welche die Archive im NS-Staat spielten, blieb lange Zeit aus.

Die Vorträge verdeutlichten eindrucksvoll, wie wechselhaft und zeitgebunden die Umstände sind, unter denen Archivbestände gebildet und erschlossen werden. Das Wissen um die historischen Bedingtheiten der Bestandsbildung ist unentbehrlich, will man beurteilen, wie nah an der Vergangenheit das durch die erhaltenen Urkunden und Akten vermittelte Bild überhaupt ist, wie die erhaltene Überlieferung strukturiert und durch wen sie beeinflusst ist. Darüber hinaus kann die Aufarbeitung der Archivgeschichte dazu beitragen, der Öffentlichkeit die Bedeutung der Archive und des Wirkens der Archivare zu veranschaulichen, ein dringendes Anliegen in Zeiten knapper Mittel. Die Beiträge des Kolloquiums sollen daher im Rahmen der „Mitteilungen aus dem Stadtarchiv von Köln“ veröffentlicht werden.

Konferenzübersicht:

Wilfried Reininghaus (Landesarchiv NRW): „Eine ‚erzwungene Abgabe’ und ihre Hintergründe. Die politisch motivierte Deponierung der Bestände Kölner Klöster und Stifter aus dem Staatsarchiv Düsseldorf im Historischen Archiv der Stadt Köln 1948/49“
Iwan Iwanow (Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen): „Unterlagen aus dem Hansekontor in London, dem Stalhof, im Historischen Archiv der Stadt Köln“
Andreas Kupka (Museum Zitadelle Jülich): „Archäologie und Archiv: Die Kölner Stadtbahn und der Bestand „Festungskarten“ im HAStK“
Holger Krahnke (Gemeindearchiv Petershagen-Eggersdorf): „Archivar in den Nebenstunden. Johann Peter Fuchs und die deutsche Geschichtsforschung im 19. Jahrhundert“
Stephan Laux (Landschaftsverband Rheinland): „Leonard Ennen – Geistlicher, Historiker, Archivar. Eine Skizze“
Frank Engel (Göttinger Akademie der Wissenschaften): „Generation Praktikum’? Die Ordnungs-, Erschließungs- und Auswertungsarbeiten in der Ära Joseph Hansen (1891-1927) und ihr personeller Hintergrund“
Klaus Wisotzky (Stadtarchiv Essen): „‚…sein hohes Ansehen im Kreis der deutschen Archive unweigerlich verlieren wird’. Das Historische Archiv Köln im ‚Dritten Reich’ “

Anmerkungen:
[1] Vgl. http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=5974
[2] Vgl. Diederich, Toni, Ein Plädoyer für Leonard Ennen, in: Geschichte in Köln, 44 (1998), S. 153-154.

Kontakt

Historisches Archiv
Severinstr. 222-228
50676 Köln

Zitation
Tagungsbericht: Überlieferungsbildung im Historischen Archiv der Stadt Köln, 19.10.2007 Köln, in: H-Soz-Kult, 30.01.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1859>.
Redaktion
Veröffentlicht am
30.01.2008