Lernen vom 19. Jahrhundert? Vorstellungen vom Städtebau in Spanien und Deutschland heute (Kulturtransfer Spanien - Deutschland im 19. Jahrhundert)

Ort
Berlin
Veranstalter
Harold Hammer-Schenk; María Ocón Fernández; Fachbereich für Geschichts- und Kulturwissenschaften der Freien Universität Berlin; Cervantes Institut Berlin; Universidad de Granada (Spanien); mit weiterer finanzieller Unterstützung vom Programm für kulturelle Zusammenarbeit des Kulturministeriums Spaniens und in Kooperation mit dem Ibero-Amerikanischen Institut Berlin, der Carl Justi-Vereinigung und dem Architektur-Forum Aedes.
Datum
23.10.2007
Von
María Ocón Fernández, Kunsthistorisches Institut der Freien Universität Berlin

Die Öffnung hin zu außeruniversitären Einrichtungen und die Kooperation mit ihnen bestimmen heutzutage und hierzulande immer öfter die akademische Praxis. So ging die im vergangenen Oktober im Cervantes Institut durchgeführte Podiumsdiskussion[1] auf eine Initiative des Fachbereichs für Geschichts- und Kulturwissenschaften der Freien Universität Berlin zurück. Bei der Organisation und Durchführung des Podiumsgesprächs kooperierte die wenige Tage zuvor mit dem Exzellenz-Prädikat ausgezeichnete Berliner Universität mit dem spanischen Kulturinstitut. Sie arbeitete außerdem mit der Universidad de Granada zusammen, mit der der Fachbereich für Geschichts- und Kulturwissenschaften ein Rahmenabkommen unterhält. Wie Dominik Bonatz, Dekan der Fachbereichs, in seiner einführenden Rede betonte, sind die Kooperationsabkommen mit ausländischen Universitäten und die Zusammenarbeit mit außeruniversitären Einrichtungen ein Aspekt, der auch zur Verleihung der Exzellenz-Auszeichnung an die Freie Universität Berlin beigetragen hat. Der neue Direktor des Cervantes Instituts, Gaspar Cano Peral, betonte wiederum in seiner Begrüßungsrede das Interesse seines Instituts, als Vermittler zwischen universitären und gesellschaftlichen Interessen zu dienen, wenn Forschung mit relevanten Fragen zu Spanien und dem spanischsprachigen Kulturraum gekoppelt ist. Die Bündelung gemeinsamer Interessen konzentrierte sich beim Podiumsgespräch auf ein Thema, welches Aktualität und Vielfalt des gesellschafts-politischen Lebens beider Länder, Spanien und Deutschland, und des europäischen Kulturraums zum Ausdruck bringt: Architektur und Stadt.

Die europäische Stadt des 19. Jahrhunderts, exemplifiziert an deutschen und spanischen Städten wie Berlin, Madrid oder Barcelona, bildete das zentrale Thema für die Diskussion von drei großen Herausforderungen unserer Zeit: Klimawandel, Migration und Globalisierung. Intendiert wurde, ihre Auswirkungen auf die heutige Stadtplanung und Architektur zu beleuchten und aus den noch vorhandenen Elementen der Stadt des 19. Jahrhunderts mögliche Antworten für die Stadt der Zukunft zu geben. Über all den Fragen, die auf der Podiumsdiskussion diskutiert und behandelt wurden, überwog der Blick auf das 19. Jahrhundert. Die Veranstaltung wagte sich somit an einen Themenbereich, in dessen Zentrum Architektur und Stadtplanung dieses Jahrhunderts standen, die vor dem Hintergrund aktueller Fragen unserer Zeit und aus der Perspektive des Kultur- und Wissenstransfers zwischen Spanien und Deutschland beleuchtet wurden.

Wäre der Bezug auf die vorhandenen Elemente der Stadt des 19. Jahrhunderts als ein Blick zurück und nach vorne zu werten oder als ein bloßes Verharren in der Vergangenheit zu betrachten? Können aus den noch vorhandenen Bestandteilen der Stadt des 19. Jahrhunderts in europäischen Städten wie Berlin, Barcelona oder Madrid neue Impulse gewonnen werden oder dienen diese Erkenntnisse dann nur ausschließlich dazu, die regressiven Bedürfnisse der Gesellschaft zu befriedigen?

Die Fragen und Themen, die die Podiumsdiskussion begleiteten, waren in einen größeren Kontext eingebettet, der mit Inhalt und Programm der Veranstaltung korrespondierte. Architektur und Stadt sind heute durch die den urbanen Raum neu bestimmenden Kräfte von Klimawandel, Migration und Globalisierung sowie durch den allgemeinen Prozess der Medien- und Informationsverdichtung tief greifenden Veränderungen ausgesetzt. Diese, alle Wissens- und Lebensbereiche unserer postindustriellen Gesellschaft beherrschenden Phänomene haben oft zu konträren, gegenläufigen Tendenzen geführt, zur Bildung von Gegengewichten und Kompensationsstrategien. Gegen die Neutralisierung von Ort und Distanz durch die Transnationalisierung des Ortes als wesentlichem Resultat der Globalisierung und einer globalen Architektursprache wird auf die Interpretation der Stadt als historischer Ort rekurriert. Dem Begriff Globalisierung werden die Begriffe „nachhaltige Entwicklung“ und „soziale Gerechtigkeit“ gegenübergestellt. Die „neue Leichtigkeit“ und „Beweglichkeit“ einer sich in beziehungslosen Bildern auflösenden Stadtgrenze und Stadtstruktur werden durch den Bezug auf die Grundrissfiguren von Block, Straße und Platz konterkariert. Statt in den Megastrukturen einer „global city“ zu denken wird als Antwort darauf der Versuch unternommen, in kleinsten Einheiten zu operieren. Können diese als die eigentlichen Strategien bezeichnet werden, die die Stadt als historisch gewachsenes Gebilde vor dem Verlust ihrer einst traditionellen Rolle bewahren? Was kann in dieser Konfiguration die europäische Stadt, die Stadt des 19. Jahrhunderts noch leisten?

Moderiert von Harold Hammer-Schenk ging der Autor DIETER HOFFMANN-AXTHELM zunächst auf Berlin und auf das Erbe des 19. Jahrhunderts ein. Die Stadterweiterung Berlins im Zuge des Bevölkerungswachstums und der Industrialisierung im 19. Jahrhundert wurde von ihm unter den Prämissen von Bruch oder Kontinuität dargestellt. Hoffmann-Axthelm besprach in dem Zusammenhang den Erweiterungsplan von James Hochbrecht für Berlin (1862) und unterstrich die sozial-utopische Seite von Ildefonso Cerdás Plan für die Stadterweiterung Barcelonas (Plan de Ensanche y Reforma de Bacerlona) von 1859. Er beschränkte sich nicht nur auf Berlin, sondern bezog in seinen Ausführungen weitere deutsche Städte wie Kassel und Essen und spanische Städte wie Sevilla mit ein. In seinem Beitrag zeichnete sich eine Entwicklung ab, die von der Stadterweiterung des 19. Jahrhunderts über die Modernisierungsversuche des 20. Jahrhunderts - mit der Typologie des Siedlungsbaus - bis zum 21. Jahrhundert ging, und dieses Jahrhundert mit den sozialen Themen wie Migration den Endpunkt einer Entwicklung bildete.

Neben der Stadtplanerin MARIA RUBERT DE VENTÓS, die sich auf die Stadt Barcelona bezog, stellte der Architekturhistoriker PEDRO NAVASCUÉS PALACIO eine der neuesten Planungen für die Stadt Madrid vor: Der so genannte „triángulo del arte“ (Das Kunst-Dreieck). Madrid kann nicht wie Berlin auf eine Museumsinsel zurückgreifen, äußerte Navascués zu Beginn seines Beitrags. Mit diesem Projekt aber, mit dem der portugiesische Architekt Álvaro Siza betraut ist, sollen die wichtigsten Museen und kulturelle Einrichtungen der Stadt (Prado Museum, Museo de Arte Reina Sofía, Caixaforum, Museum Thyssen-Bornemiza, La Casa Encendida, Archäologisches Museums und Nationalbibliothek) auf einem Dreieck konzentriert werden. Mit der Reorganisation und der neuen Strukturierung der von den Straßen Recoletos-Paseo del Prado gebildeten Achse ist beabsichtigt, diesen Stadtraum für den Fußgänger zu gewinnen. Damit wird man dem Straßennamen „Paseo del Prado“ und „Salón del Prado“ gerecht und gleichzeitig die Gestalt des Flaneurs in das vorhandene Stadtgebilde eingefügt. Diese im 19. Jahrhundert entstandene Figur spiegelt sich auch in den im selben Jahrhundert gebildeten bürgerlichen Foren wie an dem aus diesem Jahrhundert überkommenen Gebilde von Archäologischem Museum und Nationalbibliothek in Madrid. Beide Bauwerke stammen aus der Hand eines der wichtigsten Architekten Spaniens des 19. Jahrhunderts, Francisco Jareño de Alarcón, der mehrmals zum Gegenstand der Betrachtung auf dem Kolloquium werden sollte.

Der Beitrag des Architekten und Urbanisten JESÚS DE LA TORRE bezog sich erneut auf die Stadt Barcelona. Seinen Ausführungen voran stellte er folgende Frage: „Was ist die Stadt des 19. Jahrhunderts? Woran kann sie festgemacht werden?“ und ging mit der Bemerkung „un ejercicio de actualización“ auf mögliche Formen ihrer Aktualisierung ein. De la Torre unterschied dabei zwischen dem Erbe des 19. Jahrhunderts, das sich für ihn in der Morphologie der Stadterweiterung Cerdás äußert, und der Vielfalt von Stadterweiterungen, die in den Peripherien Barcelonas zur Ausführung gekommen sind. Dieser Unterschied machte sich seit 1950 noch stärker bemerkbar. Am Stadtrand Barcelonas, in dem so genannten Bereich „Fórum 2004“ wurden unterschiedliche städtebauliche Konzepte und bauliche Ideen umgesetzt. Dieses Phänomen hat zu einer intensiven Diskussion über die von einigen als Kehrtwendung zum „modelo Barcelona“ bezeichneten Planung geführt. Auch die Olympischen Spiele von 1992 trugen zu weitgehenden wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und demographischen Veränderungen bei. Charakteristisch für all diese Veränderungsprozesse ist auch, De la Torre zufolge, die Änderung im Maßstab, die damit einhergeht. Damit war zum einen die Aufkündigung eines lokalen Maßstabs, innerhalb dessen die Stadt Barcelona geplant und gebaut wurde gemeint; zum anderen eine städtebauliche Politik und das dafür nötige Instrumentarium, die von der Stadtverwaltung generiert wurden. Heute bedarf es der Anwendung eines größeren Maßstabs, um der sozialen „Taschen“ Herr zu werden, die in den Peripherien der Stadt und im Zuge der Migrationbewegungen entstanden sind, denen die Stadt Barcelona seit längerem unterworfen ist. Mit diesen neuen Phänomenen ist zugleich eine Vielzahl von neuen Komponenten in Erscheinung getreten, die bei der zukünftigen Stadtplanung zu berücksichtigen wären, führte De la Torre weiter aus.

Wie wäre dann das Fazit Hammer-Schenks, „die strenge Form des Rasters als Heilmittel“ zu bezeichnen, vor dem Hintergrund des Podiumsgesprächs und im Hinblick auf das Kolloquium zu werten?

Diese erste Veranstaltung wurde durch das am 24. Oktober im Cervantes Institut Berlin organisierte Kolloquium ergänzt.

Teilnehmer der Podiumsdiskussion:

Dieter Hoffmann-Axthelm
Maria Rubert de Ventós
Pedro Navascués Palacio
Jesús de la Torre.

Anmerkung:
[1] Vgl. auch den Bericht über das zusammen mit der Podiumsdiskussion durchgeführte wissenschaftliche Kolloquium "Kulturtransfer Spanien - Deutschland im 19. Jahrhundert: Architektur und Baukultur" <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=1878> (15.01.2008)

Zitation
Tagungsbericht: Lernen vom 19. Jahrhundert? Vorstellungen vom Städtebau in Spanien und Deutschland heute (Kulturtransfer Spanien - Deutschland im 19. Jahrhundert), 23.10.2007 Berlin, in: H-Soz-Kult, 15.01.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1876>.