Kulturtransfer Spanien – Deutschland im 19. Jahrhundert: Architektur und Baukultur

Ort
Berlin
Veranstalter
Harold Hammer-Schenk (wissenschaftliche Leitung); María Ocón Fernández (Konzeption, Organisation); Fachbereich für Geschichts- und Kulturwissenschaften der Freien Universität Berlin; Cervantes Institut Berlin; Universidad de Granada (Spanien); mit weiterer finanzieller Unterstützung vom Programm für kulturelle Zusammenarbeit des Kulturministeriums Spaniens und in Kooperation mit dem Ibero-Amerikanischen Institut Berlin, der Carl Justi-Vereinigung und dem Architektur-Forum Aedes.
Datum
24.10.2007
Von
María Ocón Fernández, Kunsthistorisches Institut der Freien Universität Berlin

Im Zusammenhang mit dem am 23. Oktober veranstalteten Podiumsgespräch (vgl. http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=1876) fand am 24. Oktober das Kolloquium statt. Geleitet von einem interdisziplinären Ansatz widmete sich dieses dem Kultur- und Wissenstransfer zwischen Spanien und Deutschland im Bereich von Architektur und Baukultur. Zunächst standen Fragen des Städtebaus in beiden Ländern mit den beiden ersten Beiträgen im Vordergrund.

Mit seinem Vortrag stellte HAROLD HAMMER-SCHENK den Teilnehmern des Kolloquiums die Reform des Städtebaus in Spanien und Deutschland vor. Die Entwicklung in Deutschland stand zunächst unter dem enormen Einfluss der städtebaulichen Maßnahmen in Paris seit der Zeit um 1855. Sowohl in der Erschließung von Altstädten als auch in der Gestaltung von neuen Stadterweiterungsgebieten kam dieser Einfluss vielfältig zum Ausdruck. Theoretisch begründet und zusammengefasst wurde er in Reinhard Baumeisters Buch von 1876 [1]. Die Ausgestaltung des Berliner Erweiterungsplanes von James Hochbrecht (1862) und die Erweiterung von Köln durch Joseph Stübben ab 1881 boten die auffälligsten Beispiele dafür. Der Schwerpunkt des Vortrags Hammer-Schenks lag jedoch in seinem ersten Teil auf Camillo Sittes programmatisch gegen Baumeister und Stübben verfasstem Buch von 1889 [2]. Eingeführt wurde dieses durch Hammer-Schenks prägenden Ausdruck, der auch mit Programm und Inhalt der Tagung korrespondierte: Den Weg zurück und nach vorne zu gehen. Damit wurde der historische Bezug bezeichnet, d.h. der Rückgriff auf die alte Stadt in Sittes Publikation. Sitte forderte ein malerisches, kleinteiliges Stadtbild in der Bebauung.

Im Verlauf der Ausführungen Hammer-Schenks offenbarte sich der Gegensatz zwischen einer künstlerischen und einer vom sozialen und technischen Standpunkt aus entwickelten Stadtplanung. Diese fand jeweils in den Begriffen von Stadtbaukunst und Stadtbauplanung ihren Niederschlag und kam in den städtebaulichen Ideen von Sitte einerseits sowie von Stübben und Baumeister andererseits zum Ausdruck.

Im zweiten Teil seines Vortrags ging der Referent auf die städtebauliche Entwicklung in Spanien ein, die er anhand der Verbreitung des von Cerdá entwickelten Rastersystems und seiner Umsetzung in verschiedenen spanischen Städten (Madrid, Bilbao, Gijón, Cartagena, Alicante, Pamplona) exemplifizierte. Hammer-Schenk schloss seine Ausführungen mit einem Hinweis auf die nördlich von Madrid bandförmig entlang einer Bahnlinie realisierte „Ciudad Lineal“ von Arturo Soria. Diese als kleinstädtische Alternative zur Großstadt angelegte Siedlung konnte jedoch die großstädtischen Probleme einer inneren Erschließung der Altstädte und großflächiger Erweiterungen nicht lösen.

Der Beitrag von RICARDO ANGUITA wurde ebenfalls von Cerdá und von den deutschen Städteplanern Stübben und Baumeister bestimmt. Anguita konzentrierte sich aber in seinen Ausführungen auf eine vergleichende Darstellung der städtebaulichen Theorien, die in der Anfangszeit der modernen Stadt von den genannten Autoren entwickelt wurden. Sowohl Cerdás als auch Baumeisters und Stübbens Schriften deutete Anguita als Schlüsselwerke zur Konsolidierung des Städtebaus als Wissenschaft und administrative Disziplin, eine Disziplin, die nach den Worten des Referenten als verantwortlich für die Überwachung des Wachstumsprozesses industrieller Städte mit Hilfe urbanistischer Planung beschrieben werden kann. Cerdá und seiner Schrift aus dem Jahr 1867 [3] wurde eine Vorreiterrolle bei der Entstehung des Städtebaus oder der Urbanización zugeschrieben. Baumeister und Stübben wurden als die Ersten im Europa der Jahrhundertwende charakterisiert, die dank ihrer Abhandlungen zur Konsolidierung und zur Verbreitung der Disziplin beitrugen. Das Werk Cerdás genauso wie die später erschienenen Schriften von Baumeister und Stübben reflektieren in ihrer Gesamtheit die professionelle Selbstsicherheit angesichts der Fähigkeit des Städtebaus, eine neue technische Ordnung in den Entstehungsprozess der modernen Stadt zu bringen. In seinen folgenden Ausführungen nahm Anguita eine ausführliche Beschreibung des Städtebaus seit seiner Gründung als Disziplin vor und damit desjenigen Planungsinstruments, dem auf dem Podiumsgespräch (s.o.) bei der Bewältigung der heutigen städtebaulichen Probleme in den Peripherien von Städten wie Barcelona von Jesús de la Torre eine Absage erteilt worden war.

Die weiteren Vorträge auf dem Kolloquium konzentrierten sich auf verschiedene Aspekte der Architektur des 19. Jahrhunderts, die einerseits die Wechselbeziehungen zwischen beiden Ländern exemplifizierten andererseits das Verhältnis von Architektur zu anderen Disziplinen wie Literatur, Archäologie und Philologie zum Ausdruck brachten.

Der Architekturkritiker SEBASTIAN REDECKE machte das Baumaterial Ziegel und den Ziegelbau zum Thema seines Beitrags. Aus aktuellem Anlass führte Redecke den Gegenstand seiner Auseinandersetzung, Schinkels Bauakademie, mit folgenden Worten von Oswald Mathias Ungers ein: „Was tot ist, kann nicht wiederbelebt werden“. Damit nahm der Referent Stellung zur Frage der Wiederherstellung dieses Bauwerks. Des Weiteren präsentierte er dieses Gebäude als einen „Eckstein des Berliner Städtebaus“. Schinkel gelang mit einem der ersten profanen Rohziegelbauten Preußens ein Schlüsselwerk. Das Serielle, das rasterartige System und die Bautechnik, das „Moderne“ dieses mit großer Sorgfalt ausgeführten quadratischen Gebäudes übte seit seiner Fertigstellung 1835 eine große Faszination aus. Warum ist nun gerade dieser Ziegelbau schon zur Zeit der Entstehung von solcher Bedeutung gewesen? Schinkel hatte für Architekten wichtige und leicht adaptierbare Grundmodule entwickelt und setzte damit ein Signal für alles was danach geschah. Diese Wirkung verdeutlichte der Referent mit dem Worten Hans Kollhoffs, d.h. mit seinem Appell an die Bauherren: „Leisten Sie sich das Quäntchen Mehraufwand, das aus einer Kommerzkiste ein respektables Stück Architektur macht, auch wenn Sie das Gefühl nicht loswerden, dass dies nur ein marginaler Anteil der Konsumenten zu schätzen weiß. Der Versuch, in Hauseinheiten anstatt in Megastrukturen zu denken, ist ja gekoppelt an die Hoffnung, den Bauherrn aus der Anonymität hervortreten zu lassen als Person, die sich mit der Architektur identifiziert.“

Welche Wechselbeziehungen sind nun mit dem Ziegelbau in Spanien im 19. Jahrhundert herzustellen? Redecke verwies in dem Zusammenhang auf die Blüte des Ziegelbaus im Spanien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und stellte zugleich fest, dass eine andere Tradition und Einflüsse als in Preußen und Berlin zu vermuten sind. Trotz verblüffender Parallelen wies der Referent auf spezifische Traditionen hin, die ihren Niederschlag in den Ziegelbauten Spaniens gefunden haben, wenn man das Spiel zwischen Konstruktion, der Fassadenanordnung und den dekorativen Grundmustern betrachtet. Als Beispiele führte er das Hospital del Niño Jesús von Francisco Jareño de Alarcón (1879-1885), den Palacio de Artes e Industrias von Fernando de la Torriente und Emilio Boix (1881-1887) und die Escuelas Aguirre von Emilio Rodríguez Ayuso (1884-1893), alle in Madrid, an. Weiter verwies er auf die Übersetzung ins Spanische von A. F. Fleischingers Schrift, die 1875 in Barcelona erschien. [4]

Mit seinem Beitrag eröffnete JUAN CALATRAVA die Reihe von den Beiträgen auf diesem Kolloquium, die sich mit den der Architektur verwandten Disziplinen, mit der so genannten Baukultur, beschäftigten. Gleich zu Beginn seiner Ausführungen wurde auf die Präsenz von architektonischer und städtebaulicher Thematik in anderen Bereichen zeitgenössischer Kultur aufmerksam gemacht. Dieses für Architektur- und Stadthistoriker wichtig gewordene Studienthema gewinnt zunehmend an Bedeutung. Die Reflexionen von Schriftstellern, Künstlern und Philosophen bieten, Calatrava zufolge, einen hervorragenden Raum für die Beobachtung der Beziehungen zwischen den fachlichen Eigenheiten und dem allgemeinen kulturellen Umfeld. Calatrava behandelte diese Beziehung am Beispiel von Stadt und Literatur und verdeutlichte diese an zwei Romanen des 19. Jahrhunderts: Leopoldo Alas Claríns „La Regenta“ (1885, dt. Die Präsidentin) und Theodor Fontanes „Effi Briest“ (1895). Beide Romane weisen nach Calatrava erstaunliche Handlungsübereinstimmung auf: Leitmotiv ist ein Ehebruch, der den Schein sicherer sozialer Beziehungen des Bürgertums im 19. Jahrhundert hinterfragt.

Diese Untersuchung der bürgerlichen Ehe findet zudem in einer Kleinstadt statt. Bei Clarín bildet dafür die fiktive Stadt Vedusta (tatsächlich Oviedo) den Hintergrund. Im Fall Fontanes sind drei verschiedene Schauplätze miteinander kombiniert: das ländliche Geburtshaus von Hohen-Cremmen, die Provinzstadt Kessin und schließlich das wihelminische Berlin. Bereits im Titel beider Romane wird der weibliche Protagonismus nach Calatrava offenbar: In beiden Werken ist dieser aus dem Namen (Effi Briest) oder dem Beinamen „La Regenta“ (Ana Ozores) gebildet. Der Ehebruch, den sie schließlich begehen, entpuppt beide Romanfiguren vor allem als Opfer, als das schwächste Glied der Kette, an dem das sensible Konstrukt der bürgerlichen Familie zerbricht.

Der Vortrag von IGNACIO HENARES CUÉLLAR beschäftigte sich aus einer ästhetisch-philosophischen Perspektive mit der Bildung eines Kulturmodells, das auf die nationalen Besonderheiten konzentriert von historistischem Ursprung und von subjektivem Charakter ist. Vor dem Hintergrund seiner Analyse eines politisch Imaginären, das der Referent am Beispiel der durch die bürgerliche Revolution von 1789 ausgelösten Prozesse exemplifizierte, ging er auf die Ablösung des klassizistischen Modells ein. In der romantischen Revolution werden dann die nationalen Identitätswerte vollkommen sichtbar gemacht, so der Referent weiter. Das Hauptmodell dieses kritischen Prozesses stellt die von Johann Gottfried Herder hergeleitete Geschichtsphilosophie dar.

Auf Spanien bezogen waren die gesamte zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts und das erste Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts von einem sozial-politischen und kulturellen Reformprozess beherrscht, der sich der Definition und Umsetzung eines öffentlichen Kulturmodells widmete. In diesem Zeitraum wurden die Grundsteine für die erste national gültige Ästhetik und Historiographie in Spanien gelegt. Persönlichkeiten wie Isidoro Bosarte, Gaspar Melchor de Jovellanos oder Juan Agustín Ceán Bermúdez stehen für kritische Haltungen, die in Deutschland mit Johann Gottfried Herder, dem jungen Goethe oder den Brüdern Friedrich und Wilhelm Schlegel gleichgestellt werden können. Beide Gesellschaften, die spanische wie die deutsche, könnten nach Worten des Referenten mutatis mutandis als vergleichbar bezeichnet werden. Denn die Unterschiede sind genauso schätzenswert wie die Gemeinsamkeiten. Die spanischen Stürmer haben ein kritisches und theoretisches Werk entwickelt, mit dem Ziel, der klassischen Archäologie ihren exklusiven Wert abzusprechen, die Vorherrschaft und Allgemeingültigkeit des vitruvianischen Modells zu hinterfragen und wie Herder den einzigartigen und andersartigen Charakter der nationalen Kulturen zu unterstreichen.

Der in den meisten Vorträgen thematisierte „Dialog zwischen den Disziplinen“ wurde in dem Beitrag von MARINA DEL CASTILLO HERRERA und MARÍA OCÓN FERNÁNDEZ weiter fortgesetzt. Der von beiden Wissenschaftlerinnen gehaltene Vortrag stellte nicht nur die Kooperation zwischen beiden Universitäten, Granada und Berlin, sondern auch die Zusammenarbeit zwischen den Angehörigen zweier unterschiedlicher Disziplinen, Klassischer Philologie und Kunstgeschichte, dar. Darüber kamen zugleich wesentliche Aspekte der Polychromie-Debatte zum Ausdruck. Wie sie zu Beginn ihrer Ausführungen referierten, enthielt diese Polemik von Beginn an einen europäischen und interdisziplinären Charakter. Beeinflusst von der Arbeit David van Zantens aus dem Jahr 1977 [5] hat sich die Forschung weitgehend auf die wichtigsten Akteure und Zentren (England, Frankreich, Deutschland) dieser Debatte konzentriert und diese hauptsächlich anhand eines vermeintlichen Höhepunktes dargestellt. Weder die Beziehungen zwischen den verschiedenen Disziplinen (Architektur, Archäologie, Philologie) noch Beiträge, die außerhalb der bekannten Zentren liegen und nach den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts entstanden sind, wurden von der Forschung bislang ausreichend untersucht. Deshalb legten die Referentinnen den Akzent auf das Verhältnis von Architektur und Archäologie und insbesondere von Architektur und Philologie sowie auf den Beitrag Spaniens. Letzterer wurde am Beispiel der von Francisco Jareño de Alarcón 1867 gehaltene Rede dargestellt. [6] Aus dieser stammt auch der Satz, der den Titel ihres Vortrags einleitete. Zugleich thematisierten sie die Wechselbeziehungen zwischen Spanien und Deutschland am Verhältnis zwischen dem spanischen Architekten und einem der Hauptakteure der europäischen Polychromie-Debatte des 19. Jahrhunderts: Gottfried Semper.

Durch die Fokussierung ihres Vortrags auf die Bedeutung der Texte antiker Autoren wurde zum anderen die Rolle der Philologie, vertreten durch Persönlichkeiten wie Gottfried Hermann, hervorgehoben. Die Schrift Hermanns [7], über die Semper in seiner auch 1834 publizierten Schrift und weiter in seiner Veröffentlichung „Die vier Elemente der Baukunst“ von 1851 Zeugnis gibt [8], wurde bei der Betrachtung des Verhältnisses von Architektur und Philologie hier zum ersten Mal in einem wissenschaftlichen Rahmen ausführlich dargelegt. Als Grundlage für ihre Arbeit diente die von María Ocón ins Spanisch geleistete Übersetzung von beiden Sempers Schriften.

Die beiden letzten Vorträge widmeten sich dem Reisen als Form des Wissens- und kulturellen Transfers zwischen beiden Ländern sowohl aus der Perspektive deutscher bzw. europäischer Reisender und ihrer Sicht auf die Städte Andalusiens als auch in ihrer Bedeutung für die Entstehung der ersten Fachjournale.

In seinem Vortrag behandelte ÁNGEL ISAC MARTÍNEZ DE CARVAJAL die Rolle eines neuen Mediums, der Architekturzeitschrift, bei der Verbreitung von Ideen und Werken deutscher Architekten in Spanien. Unter dem Ausdruck „viaje impreso“ (gedruckte Reise) wurden die Vorteile, welche die periodisch erscheinenden Fachveröffentlichungen im Gegensatz zu Büchern ermöglichten, von dem Referenten thematisiert. Dieses neue Medium der Fachzeitschrift ermöglichte zugleich eine viel schnellere Kommunikation und Verbreitung aller Fragen, die sowohl die Arbeit als auch die Ausbildung der Architekten betrafen. In seiner ausführlichen Darstellung der spanischen Zeitschriften ging Isac auf den Aufsatz von Miguel Martínez Ginesta „Breves consideraciones sobre el arte moderno“ ein, der 1872 in der Zeitschrift „El Eco de los Arquitectos“ publiziert wurde. An dem Lob von Schinkels realisierten Projekten in Berlin exemplifizierte der Referent die Vorliebe Martínez Ginestas für die römisch-griechische Architektur und den gotischen Stil, die er in Schinkel und in der deutschen bzw. preußischen Architektur verkörpert sah. Dieser stellte Ginestas die französische Architektur gegenüber, die er mit der Architektur des Eklektizismus identifizierte. Die Wertschätzung der deutschen Architektur konstatierte der Referent als ein bemerkenswertes Phänomen, das notwendigerweise mit der Ablehnung des französischen Modells in Spanien einherging. Seine Ausführungen schloss Isac mit dem Hinweis auf jene „Gefahren“, die mit dieser „viaje impreso“ von einigen spanischen Autoren in Verbindung gebracht wurden. Damit war die Rolle gemeint, die dieses neue Medium in der Diskussion um die Entstehung jener nationalen Identität spielen sollte, die der spanischen Architektur am Ausgang des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts zugedacht wurde.

Dieser Aspekt der Identitätsbildung wurde auch im letzten Vortrag thematisiert. HENRIK KARGE machte die in der europäischen Reiseliteratur enthaltenen Äußerungen, wie die des finnischen Malers Albert Edelfelt – von dem der den Titel seines Vortrags einleitende Satz stammte – zum Gegenstand seiner Untersuchung. An den in der Reiseliteratur enthaltenen Aussagen konnte nach Karge jene Faszination europäischer Reisender nach den noch erhaltenen Zeugnissen maurischer Kultur in Andalusien festgemacht werden. Im Zentrum seiner Ausführungen stand aber nicht nur die Konstruktion jenes Andalusien-Mythos. Im Unterschied zur romantisch geprägten Reiseliteratur stellte der Referent Äußerungen in Tagebuchnotizen dar, die vielfach authentische Eindrucke von der andalusischen Kultur des 19. Jahrhunderts wiedergeben und die darauf ausgerichtet waren, das retrospektive Andalusienbild der Romantik zu konterkarieren. Die eigentliche „Entdeckung“ Andalusiens vollzog sich nach Karge ab 1830. Nicht nur Schriftsteller durchreisten das Land und ließen sich nieder. Ihnen folgten die bildenden Künstler, die die Reisewerke illustrierten und in einzelnen Fällen sehr erfolgreich mit eigenen graphischen Serien auf den Mark traten.

Mit einiger Verzögerung, konstatierte der Referent, lernten die Spanier ihre südliche Region mit den begeisterten Augen der ausländischen Reisenden zu betrachten. In dem Zusammenhang verwies Karge auf eine fundamentale Dialektik von Fremd- und Eigenwahrnehmung, die für die Identitätsvorstellungen der Spanier von erheblicher Bedeutung war: Indem die Reisenden aus den übrigen europäischen Ländern über Jahrzehnte hinweg fast ausschließlich nach Andalusien strebten und die dort vorgefundenen Sitten und Gebräuche als typisch spanisch ansahen, wurde diese (einseitige) Vorstellung nach und nach in Spanien selbst zum Gemeingut. Dieser Aspekt der Identitätsbildung in Spanien erwies sich als ein wichtiges Thema in der Auseinandersetzung mit der spanischen Kunst und Kultur des 19. Jahrhunderts.

Beide Veranstaltungen, Podiumsdiskussion (s.o.) und Kolloquium, standen inhaltlich und thematisch im engen Zusammenhang. Sie wiesen in vielfacher Hinsicht auf Forschungslücken hin, die durch eine intensivere Auseinandersetzung nicht nur mit der Architektur und Baukultur beider Länder, sondern auch mit dem spanischsprachigen Kulturraums sowie mit einer Stärkung der kulturellen und akademischen Beziehungen behoben werden können.

Für das Jahr 2009 ist ein weiteres wissenschaftliches Treffen in Granada vorgesehen. Eine Publikation der Beiträge ist geplant.

Konferenzübersicht:

Harold Hammer-Schenk (Freie Universität Berlin): „Städtebaureformen im ausgehenden 19. Jahrhundert und frühen 20. Jahrhundert: Spanien - Deutschland“

Ricardo Anguita (Universidad de Granada):
“Die Konstrukteure der zeitgenössischen Stadt: Die Geburt des Städtebaus in Spanien und Deutschland im 19. Jahrhundert“

Sebastian Redecke (Bauwelt, Berlin):
“Ladrillos. Der ,moderne Ziegelbau’ von Schinkel bis Jareño“

Juan Calatrava (Universidad de Granada):
“Stadt und Literatur. Eine vergleichende Studie zwischen Leopoldo Alas Clarín und Theodor Fontane“

Ignacio Henares Cuellar (Universidad de Granada):
“Das romantische Gedankengut und die Ursprünge der Kunsthistoriographie in Spanien“

Marina del Castillo Herrera (Universidad de Granada), María Ocón Fernández (Freie Universität Berlin):
“No podría parecer maravilla el que los arquitectos eruditos volviesen la vista a la arquitectura policrómata – Die Debatte um die Farbe und die europäische Architektur des 19. Jahrhunderts“

Ángel Isac Martínez de Carvajal (Universidad de Granada):
“El „viaje Impreso“. Die deutsche Architektur in den spanischen Fachzeitschriften des 19. Jahrhunderts“

Henrik Karge (Technische Universität Dresden):
“… de Phantasie reist über die erstaunlichsten Pfade. Die Städte Andalusiens im Blick der Reisenden des 19. Jahrhunderts“

Anmerkungen:
[1] Baumeister, Reinhard, Stadt-Erweiterung in technischer, baupolizeilicher und wirtschaftlicher Beziehung, Berlin 1876.
[2] Sitte, Camillo, Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen: Ein Beitrag zur Lösung modernster Fragen der Architektur und monumentalen Plastik unter besonderer Beziehung auf Wien, Wien 1889.
[3] Cerdá, Ildefonso, Teoría general de la urbanización y aplicación de sus principios y doctrinas á la reforma y ensanche de Barcelona, s.n. 1867.
[4] Fleischinger, A. F., Arquitectura de ladrillos según fábricas modelos ejecutadas para instrucción de la Real Academia de Arquitectura de Berlín, Barcelona 1875.
[5] Van Zanten, David, The Architectural Polychromy of the 1830’s, New York/London 1977.
[6] Jareño de Alarcón, Francisco, De la Arquitectura policrómata (1867), Madrid 1972.
[7] Hermann, Gottfried, De veterum graecorum pictura parietum coniecturae scriptae creationi, Leipzig 1834.
[8] Semper, Gottfried, Vorläufige Bemerkungen über bemalte Architektur und Plastik bei den Alten, Altona 1834; ders., Die vier Elemente der Baukunst. Ein Beitrag zur vergleichenden Baukunde, Braunschweig 1851.

Zitation
Tagungsbericht: Kulturtransfer Spanien – Deutschland im 19. Jahrhundert: Architektur und Baukultur, 24.10.2007 Berlin, in: H-Soz-Kult, 21.01.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1878>.