Die Erforschung der Geschichte der Deutschen in Polen: Stand und Zukunftsperspektiven

Ort
Mainz
Veranstalter
Kommission für die Geschichte der Deutschen in Polen e.V.
Datum
29.10.1999 - 31.10.1999
Von
Markus Krzoska, Mainz

"Die Erforschung der Geschichte der Deutschen in Polen: Stand und Zukunftsperspektiven" war das Thema einer Tagung, welche die Kommission fuer die Geschichte der Deutschen in Polen e.V. vom 29.-31.10.1999 in Mainz durchfuehrte. Es ging dabei in erster Linie darum, eine Bestandsaufnahme der historischen Forschungen zu den Deutschen in Polen bis 1945 durchzufuehren, um insbesondere den Blick fuer die Desiderata innerhalb des Arbeitsgebietes der Kommission zu weiten. Im Einfuehrungsvortrag befasste sich der Vorsitzende der Kommission, Wolfgang Kessler (Herne), mit der aktuellen Diskussion ueber die Ostforschung unter besonderer Bezugnahme auf die Geschichte der Forschungen ueber die Deutschen in Polen. Vor dem Hintergrund der neueren Arbeiten von Willi Oberkrome und Michael Fahlbusch verwies er darauf, dass man den Blick staerker auf die Einbettung der Ostforschung in das Gesamtkonzept der "Volksgeschichte" richten muesse. Ausserdem sei es ein grosses Problem, dass zu vielen Protagonisten der Ostforschung kritische biographische Darstellungen fehlten. Kessler nannte dabei insbesondere Personen wie Kurt Lueck, Alfred Lattermann und Walter Kuhn. Der zweite Tag war ganz den Berichten zum Forschungsstand ueber die einzelnen Regionen gewidmet. Helmut Neubach (Zornheim) referierte ueber die deutsche Literatur zur Geschichte des Posener Landes/Grosspolens. In seiner detaillierten Darstellung verwies er auch auf zahlreiche aeltere Arbeiten zur Geschichte der Deutschen, nannte aber auch die Defizite, besonders das Fehlen von Handbuechern und Ueberblicksdarstellungen. Der Bericht wurde von Wolfgang Kessler mit Hinweisen zur neueren polnischen Literatur ergaenzt. Mit den vielfaeltigen Arbeiten, insbesondere der Lodzer, Posener und Thorner Historiker befassten sich Krzysztof Wo?niak (Lodz) und Hanna Krajewska (Warschau) in ihren Vortraegen ueber Zentralpolen bzw. die Evangelische Kirche Augsburgischen Bekenntnisses. Es zeigte sich, dass in diesem Gebiet die Desiderata nicht so sehr das bereits Erreichte ueberwiegen wie in anderen Feldern. Eine ausserordentlich kritische Bilanz der bisherigen Arbeiten zu Ost-Oberschlesien in der Zwischenkriegszeit zog Sabine Bamberger-Stemmann (Lueneburg). Den groessten Anteil der Arbeiten - sie sprach von etwa 95% - machten deutsche Texte aus, die eher dem Bereich der "Heimatliteratur" zuzuordnen seien. Es fehlten insbesondere Mikrostudien in den meisten Themenbereichen sowie neue methodische Ansaetze. Sie unterstrich dennoch die Bedeutung der "Heimatliteratur" auch fuer kuenftige Forschergenerationen, insbesondere wegen ihres Quellenwertes und der Moeglichkeit einer anderen Betrachtungsweise. Isabell Roeskau-Rydel (Krakau) bilanzierte die Forschungen ueber Galizien, wo ebenfalls vielerorts Spezialstudien fehlten. Kessler fasste die neueren Arbeiten zu Wolhynien kurz zusammen. Abgerundet wurden die Berichte durch einen Beitrag von Erich Mueller (Berlin) ueber neue Aktenfunde zum Leben der evangelischen Deutschen in Galizien in ukrainischen Archiven, die gerade auch im genealogischen Bereich neue Moeglichkeiten eroeffnen. Am Schlusstag referierte Adalbert Kotowski (Meckenheim) ueber die Forschungen zur deutschen Minderheit in Polen in der Zwischenkriegszeit. Er verwies dabei auf die vielfaeltigen Verbindungen zum Deutschen Reich, aber auch auf die internen Probleme und Chancen im politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Bereich, wo ebenfalls viele wichtige Themen bisher nicht erforscht worden seien. Angesichts der lebhaften Diskussion, die sich zu dieser Fragestellung entwickelte, erwaegt die Kommission, sich in einer eigenen Tagung mit der deutschen Minderheit in Polen zu beschaeftigen. Die ueberarbeiteten Beitraege der Konferenz werden voraussichtlich als Themenheft der Zeitschrift "Nordost-Archiv" in der zweiten Jahreshaelfte 2000 erscheinen.

Der Tagungsbericht waere nicht vollstaendig, wuerde ich nicht auf einige Aspekte eingehen, die bei beinahe allen Referaten mitklangen und die in Zukunft wohl noch staerker zu beruecksichtigen waeren. Dazu gehoert die Notwendigkeit, mehr als bisher bei der Wahl und der Bearbeitung von Themen den nationalen Elfenbeinturm zu verlassen. Das gilt insbesondere fuer die Untersuchungen jeder Art des Zusammenlebens, sei es der Rolle der Minderheiten oder der Geschichte von Ortschaften, Staedten und Regionen.

In der Epoche des zusammenwachsenden Europas muss es selbstverstaendlich sein, im konkreten Fall nicht nur die Arbeiten der polnischen (deutschen) Kollegen zu beruecksichtigen, sondern schon in der Fragestellung auch andere neben nationalen Aspekten miteinzubeziehen. Nur so kann es gelingen, auch zu historisch umstrittenen Themen die laengst ueberfaelligen monographischen Darstellungen zustandezubringen. Als Beispiel koennte man die Geschichte der Schlesischen Aufstaende und des Grosspolnischen Aufstandes ebenso nennen wie die des sogenannten "Bromberger Blutsonntags" bis hin zu Gesamtdarstellungen ganzer Regionen, die freilich ohne weitere Detailforschungen und Einzelstudien sinnlos waeren. Ein Verbund regionaler Arbeiten auf hoechstem Niveau, wie sie zum Teil bereits vorliegen (erwaehnt seien hier nur Matthias Niendorfs Studie ueber die Kreise Flatow und Zempelburg oder auf polnischer Seite die Ansaetze Robert Trabas und anderer), koennte letztendlich dazu fuehren, dass zum einen den Defiziten bei vielen Themen abgeholfen werden wuerde, zum anderen aber auch das Interesse bei Nicht-Osteuropahistorikern geweckt werden koennte, die ploetzlich Parallelen zu ihren eigenen Themenfeldern entdecken wuerden. Nur durch eine solche "methodische Modernisierung", zu der auch ein Blick auf die Nachbarwissenschaften gehoert, waere dann der Anschluss an den allgemeingeschichtlichen Diskurs leichter moeglich und die teilweise Selbstisolierung des Faches zu ueberwinden. Und nur so koennten die teilweise im Bewusstsein fast nicht mehr praesenten Regionen der historischen deutschen Ostgebiete wieder Interesse auch bei Studenten und Doktoranden finden. Auf Ansaetze dazu, etwa bei der Geschichte Ermlands und Masurens sowie der Wolhyniendeutschen wurde im Verlauf der Tagung hingewiesen. Bestimmte, bisher zu kurz gekommene Bereiche koennten auf diesem Wege in die Forschungen miteinbezogen werden (gender studies, eine breiter verstandene Kulturgeschichte, Fragestellungen aus dem Feld der Linguistik, Ethnologie usw.).

Zitation
Tagungsbericht: Die Erforschung der Geschichte der Deutschen in Polen: Stand und Zukunftsperspektiven, 29.10.1999 – 31.10.1999 Mainz, in: H-Soz-Kult, 01.11.1999, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1956>.
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Veröffentlicht am
01.11.1999
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