Blickwechsel. Frauen- und Geschlechtergeschichte / Allgemeine Geschichte. Bilanzen und Perspektiven

Ort
Stuttgart-Hohenheim
Veranstalter
Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart; DFG; hessisches Wirtschaftsministerium
Datum
24.09.1999 - 26.09.1999
Von
Pauline Puppel

Einleitung

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus sechs Disziplinen und ausgewählten gesellschaftlichen Praxisfeldern von Geschichte (Schule, Kulturverwaltung, Museum, Geschichtszeitschriften, Entwicklungsdienst) unternahmen gemeinsam eine kritische Bilanzierung von fünfundzwanzig Jahren historischer Frauen- und Geschlechterforschung im Hinblick auf ihr wissenschaftliches Innovationspotential, die Plazierung der Forschungsergebnisse im kanonischen Wissen der Geschichtswissenschaft und damit im Blick auf ihr Verhältnis zur "Allgemeinen Geschichte". Zu dieser kritischen Bestandsaufnahme gehörten auch die Reflexion der Bedeutsamkeit von Methoden und Theorien sowie die forschungs- und wissenschaftspolitischen Perspektiven der Frauen- und Geschlechterforschung. Der epochale Schwerpunkt lag auf der Frühen Neuzeit, die Spannbreite der Diskussion reichte jedoch von der Antike bis in die Gegenwart.

Die Schwierigkeit des Abschlußberichts hängt mit dem Konzept der Tagung zusammen, die als Generaldebatte zu Gegenstand, Theorien und Methoden der historischen Frauen- und Geschlechterforschung angelegt war. Um der Differenziertheit der Diskussionen in etwa gerecht zu werden, wurden Diskussionsverlauf und Ergebnisse für die einzelnen Sektionen zusammengefaßt. Die fünf Sektionen zu zentralen Aspekten der Frauen- und Geschlechterforschung wurden jeweils von Kurzvorträgen eingeleitet. (Das Konzept, in den Kurzvorträgen jeweils zwei unterschiedliche Positionen vorzustellen, ließ sich wegen kurzfristiger Absagen in Sektion 1 und Sektion 2 nicht vollständig realisieren.) Es folgte eine Diskussionsrunde mit auf den jeweiligen Schwerpunkt speziell vorbereiteten Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die anschließend geöffnet wurde. Dieser nicht-vortrags-zentrierten Gesprächsstruktur war es zu verdanken, daß ein offener Gedankenaustausch zwischen drei Forschungsgenerationen stattfand, in dem die Vielfalt von wohl durchdachten Meinungen und Positionen zur Sprache kommen konnte, der es aber zugleich zuließ, aufeinander einzugehen, Thesen aufzustellen, Positionen zu revidieren, gemeinsam neue Schwerpunkte zu setzen und Gedankengänge über die einzelnen Sektionen hinweg weiterzuentwickeln.

Der folgende Bericht entstand in enger Kooperation mit den Berichterstatterinnen über die Diskussionen in den fünf Sektionen. Abgesehen von Sektion 5 wird eingangs (1) jeweils knapp die Ausgangssituation umrissen, in deren Kontext sich (2) Kurzvorträge und die Diskutanden bewegten. Um Irritationen beim Lesen zu vermeiden, sei darauf hingewiesen, daß der Bericht sich in der Reihenfolge der Aspekte an der inhaltlichen Logik, nicht an der Tagungslogik orientiert und daß die Überschriften nicht identisch mit denen des Tagungsprogramms sind, sondern den jeweiligen tatsächlichen Diskussionsschwerpunkt akzentuieren.

Hauptvorträge

In den beiden Hauptvorträgen akzentuierten die amerikanische Frühneuzeithistorikerin Merry Wiesner-Hanks und die Berliner Neuzeithistorikerin Karin Hausen den Themenbogen der Tagung. Wiesner-Hanks charakterisierte imRückblick auf über 20 Jahre Frauen- und Geschlechtergeschichte deren problematisches Verhältnis zur "Allgemeinen Geschichte" am Beispiel und in Auseinandersetzung mit den Arbeiten Heide Wunders als "Wechselbeziehung statt Konfrontation." Sie skizzierte die Entwicklung von der "Frauengeschichte" zur "Geschlechterforschung" als einen spannungsreichen Prozeß der Verwissenschaftlichung, dessen Innovationen aus den Wechselbeziehungen zwischen den an Quellenarbeit über "real women" interessierten Historikerinnen, den zunehmenden Theorieansprüchen und den von außen kommenden Herausforderungen und Anregungen erwuchsen. Mit Blick auf die Debatten um "Frauengeschichte" versus "Geschlechterforschung" sowie auf die Ausdifferenzierung des bearbeiteten Feldes forderte Wiesner, daß keine der neuen Richtungen einen Ausschließlichkeitsanspruch stellen dürfe, da dies im Widerspruch zu den eigenen Prinzipien stehe, die auf Vorstellungen von Differenz beruhen. Für die weitere Ausgestaltung der historischen Frauen- und Geschlechterforschung seien alle Forschungsrichtungen von Bedeutung.

Karin Hausen (Berlin) problematisierte "Die Allgemeinheit der Allgemeinen Geschichte". Sie zeigte zum einen, daß im 19. und 20. Jahrhundert (männliche) Intellektuelle für das Allgemeine "zuständig" seien; zum anderen ging sie auf die Anfänge der modernen Geschichtswissenschaft, personifiziert in Leopold von Ranke, zurück, der das Einzelne an der Universalgeschichte orientierte. In provozierender-einleuchtender Weise legte sie den Zusammenhang von Konzeptualisierung geistiger Arbeit als Tätigkeit von Intellektuellen mit dem Prozeß der historiographischen Konzeptualisierung von Einheit und Allgemeinheit der Geschichte, nunmehr verstanden als Geschichte Europas und als politische Geschichte, offen. Sie erklärte mit dem Hinweis auf die Nichtzugehörigkeit von Frauen zu den Intellektuellen plausibel, warum die Verwissenschaftlichung der Historiographie auf der bereits öfter konstatierten Geschlechterexklusivität der Geschichtswissenschaft beruht.

Intradisziplinarität: Historische Frauen- und Geschlechterforschung in der ‚Zunft' (Sektion 2)

(1) Die zunehmende Ausdifferenzierung in Teildisziplinen gehört zu den bezeichnenden Entwicklungen der deutschen Geschichtswissenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie steht in engem Zusammenhang mit der Durchsetzung neuer Geschichtskonzepte in der alten Bundesrepublik, zunächst der "Sozialgeschichte in der Erweiterung" (W. Conze), insbesondere aber der "Gesellschaftsgeschichte" verstanden als "Historische Sozialwissenschaft" (H. U. Wehler), die sich einerseits an Theorien und Methoden der Sozial- und Gesellschaftswissenschaften orientierte, andererseits die historisch bearbeiteten Themenfelder erweiterte. Daraus folgte die Aufgabe, angesichts des breiten Spektrums der alten und neuen Teildisziplinen die "Einheit des Faches" zu wahren oder neu herzustellen. Zugleich stellte sich das Problem, nach welchen Relevanzkriterien die vorliegenden Ergebnisse selegiert und angeordnet werden sollten, um "die Geschichte" darstellbar zu machen. Bezeichnend sind zwei Formen, zum einen Epochendarstellungen aus einer Feder, d.h. Integration im Kopf einer Person, zum anderen das Konzept der "Enzyklopädie deutscher Geschichte", die das Spektrum zwar breit ausfächert, die Auswahl aber gleichwohl bestimmten Relevanzkriterien unterwirft und die Integrationsleistung den Benutzern überläßt.

Der Status der Frauen- und Geschlechterforschung im Spektrum der Geschichtswissenschaft ist umstritten. Vielfach wird sie ‚nur' als eine Teildisziplin angesehen und der Sozialgeschichte subsumiert. Tatsächlich liegt hier ein Forschungsschwerpunkt, aber ihr eigener Anspruch geht weiter, da sie die Einbeziehung der historischen Erfahrung von Frauen in den Bestand dessen, was "die Geschichte" ausmacht, einklagt. Die Historische Frauenforschung, gefolgt von der Geschlechterforschung, haben Lebensbereiche historisiert, die als anthropologische Konstanten und damit als nicht zur Geschichte gehörig ausgegrenzt worden waren, z.B. Körper und Sexualität. Die Historisierung der Geschlechterverhältnisse entreißt diese Themen der Privatheit der Forscher und zwingt sie zur Selbstthematisierung. Mit der Entwicklung der Kategorie "Geschlecht" als Analysekategorie erhielt der Anspruch auf generelle Relevanz der "Ordnung der Geschlechter" (Geschlechterverhältnisse) für die Erforschung historischer und gegenwärtiger Gesellschaften die erforderliche theoretische Fundierung, nicht nur für die Analyse sozialer Ungleichheit, sondern auch für die Verteilung von Macht und für die Symbolisierungsfähigkeit der Geschlechter. Damit sind die Voraussetzungen skizziert, um über Frauen- und Geschlechterforschung und Allgemeine Geschichte im Hinblick auf "Teil und Ganzes" wie im Hinblick auf Besonderes und Allgemeines in neuer Weise nachdenken zu können.

(2) Regina Schulte begann ihren Kurzvortrag zum gegenwärtigen Status der Frauen- und Geschlechterforschung mit der Feststellung, daß sich die Kategorie "Geschlecht" im Prinzip durchgesetzt habe und Eingang in nahezu alle historischen Teildisziplinen gefunden habe. Geschlecht als Tiefenstruktur der Gesellschaft und ihrer Geschichte sei ebenso wie die geschlechtliche Durchdringung historischer Quellen als geschichtsrelevanter Faktor anerkannt. Zentrale Erfahrung und Wissensgestalt der geschlechtergeschichtlichen Forschung war anfangs die der Entfremdung, da sie sich nicht als Aufdeckung von Verdecktem, sondern als Infragestellung von Vertrautem, als "Entgleiten" vertrauter Vorstellungen verstehen musste. Daraus resultiert als wissenschaftliche Praxis ein ‚nichtvereinnahmender' Erkenntnismodus, der es erlaubt, Widersprüche anzunehmen und ihnen Sinn zu unterstellen, statt sie zu glätten oder zu ignorieren. Auf diese Weise hat die Geschlechtergeschichte neue Formen des Vergegenwärtigens von Vergangenem eröffnet. Zentrale historiographische Fragen warf die Geschlechtergeschichte auf, indem sie die Bindung der Produktion von Wirklichkeit und Wahrheit an die Erzählung thematisierte und die Reflextion über das eigene wissenschaftliche Arbeiten, über die Angemessenheit von Empathie und die Gefahr neuer Formen von Herrschaftsgeschichte durch Distanzlosigkeit zum Bestandteil ihrer Forschungspraxis erhob. Abschließend plädierte Schulte gegen die Proklamierung von Geschlecht als Paradigma. Die Einsicht der Geschlechterforschung in die Notwendigkeit einer mulitperspektivischen Praxis stehe dem Universalismusanspruch der Pardigmen entgegen. Geschlecht solle vielmehr weiterhin als analytische Kategorie ohne Universalismusanspruch genutzt werden.

In der internen Diskussionsrunde wurde zunächst der von Regina Schulte postulierte innovative Charakter der historischen Frauen- und Geschlechterforschung exemplarisch für die Frühe Neuzeit reflektiert. Die Erträge dieser Studien zeigen ein hohes Maß an Revision- und Differenzierungsbedürftigkeit von Großkonzepten und zentralen Begriffen. Die von der Kategorie Geschlecht geleitete Erforschung dissidenter religiöser Gruppen (Schwenkfeldertum, Täufer) legt die bisherigen Verkürzungen vergangener gesellschaftlicher Komplexität offen, die zum einen auf der Vorurteilsstruktur der Forscher und der von ihnen berücksichtigten Texte von Männern über Frauen beruht, zum anderen auf der Einordnung der Ergebnisse in Max Webes Religionssoziologie. Damit wurde die lebensweltliche Legitimität des Handelns von Frauen abgewertet und aus dem Forschungsprozeß ausgeblendet. - Bei der Analyse der deutschen Querelle des femmes hat sich herausgestellt, daß die Schriften bedeutender theologischer und politischer Autoren über Frauen in der Forschung nicht beachtet worden sind. Derart wurde die für Autoren des 16./17. Jahrhunderts selbstverständliche Verknüpfung politischer und theologischer mit geschlechtsbezogenen Positionen ignoriert, deren Wiedergewinnung grundlegend für ein den Verhältnissen der Frühen Neuzeit angemessenes Politikverständnis ist. Vergleichbare Erfahrungen mit der verkürzenden Nutzung von Begriffen und Kategorien des 19. und 20. Jahrhunderts wurden ebenfalls aus der Sozialisationsgeschichte vorgetragen, für die das Theorieangebot der Sozialisationsforschung kritisch bewertet wurde, sowie aus der Schulgeschichte der Franckeschen Stiftungen, die nur mit normativen Quellen und ohne Sensibilität für die Geschlechterverhältnisse erforscht worden sind.

Die innovativen Effekte der Kategorie Geschlecht für die Analyse der ländlichen Gesellschaft in der Frühen Neuzeit wurden insbesondere für Ökonomie und Arbeit herausgestellt, wo sich entgegen den gängigen wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Ansichten keine geschlechtsspezifische Trennung von Produktion und Reproduktion finden ließ. Es ist bemerkenswert, daß dieses Ergebnis, das für die dörfliche Gesellschaft erarbeitet wurde, sich auch für die Sozialgeschichte des Adels als tragfähig erwiesen hat. Auch bei den Frauen des niederen Adels gab es keine Trennung von Produktion und Reproduktion, wohl aber einen erheblichen Beitrag zur Vermehrung des sozialen Kapitals. Einen weiteren innovativen Beitrag zur Rolle der Frauen in der ländlichen Gesellschaft lieferte die Analyse der Kundschaftsberichte. Obwohl in ihnen nur Männer zu Worte kamen, beriefen sie sich vielfach auf Frauen, meistens Mütter, denen sie die erfragten Kenntnisse verdankten. Die Erschließung der Quellengruppe Kundschaftsberichte mit der Kategorie "Geschlecht" bringt somit den wichtigen Beitrag zutage, den Frauen in der ländlichen Gesellschaft für die Konstitutierung von öffentlich relevantem Wissen leisteten. Allerdings kam auch - ausgehend von den Erfahrungen der "Arbeitsgrupe ostelbische Gutsherrschaftsgesellschaft" - Skepsis zum Ausdruck, wieweit diese Ergebnisse rezipiert würden. Symptomatisch für die neueren Entwicklungen sei die Rückkehr zum traditionellen Etikett "Agrargeschichte".

Die Rezeptions- und Vermittlungsproblematik der Geschichtsforschung allgemein wie der historischen Frauen- und Geschlechterforschung wurde besonders für die (politische) Öffentlichkeit diskutiert: es wurde hervorgehoben, daß die gesellschaftliche Relevanz gerade hier entschieden werde.

Die Plenumsdiskussionen lassen sich um drei Komplexe gruppieren:

1. Zwar bestand Einigkeit, daß die Frauen- und Geschlechterforschung in der "Zunft" akzeptiert sei - mit bezeichnenden Unterschieden zwischen der Frühen Neuzeit, dem 19./20. Jahrhundert oder dem Hochmittelalter - , aber damit sei keineswegs die Rezeption der Ergebnisse gegeben. Es bestehe sogar die Gefahr der Banalisierung der Ergebnisse, also die Unkenntlichmachung der Leistungen. Zentrale Aufgabe sei es daher, die wissenschaftliche Relevanz der Frauen- und Geschlechterforschung stärker zu fundieren und zu profilieren.

2. Ausgehend von Schultes Ausführungen zu Geschlecht als Kategorie und/oder Paradigma wurde die Reichweite der Kategorie Geschlecht erörtert. Zum einen wurde ihre weitere Konzeptualisierung gefordert, zum anderen gewarnt, auf den paradigmatischen Charakter der Kategorie Geschlecht zu verzichten, da ein Paradigma einen Wahrheits- und Machtanspruch artikuliere, der weit über den instrumentellen Gebrauch einer Analysekategorie hinausgehe.

3. Das Argument, die Relevanz der Frauen- und Geschlechterforschung hänge auch von ihrer Vermittlung in der geschichtswissenschaftlichen wie geschichtsbewußten Öffentlichkeit ab, wurde vertieft. Ein Schritt in diese Richtung sei, sich mehr den "harten" Forschungsfeldern, wie der Politik-, Rechts- und Verfassungsgeschichte, zu widmen. Ohne Zweifel müßte aber "Männergeschichte" mehr Resonanz bei Historikern finden.

Interdisziplinarität und interdisziplinäres Forschen (Sektion 1)

(1) Die Forderung nach Interdisziplinarität gehört seit den Anfängen der neuen Frauenforschung zu ihren methodischen Kernstücken. Sie ist keine Spezifik der Frauen- und Geschlechterforschung, sondern eine generelle Forderung der Geschichtswissenschaft seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts, besaß jedoch für die Historische Frauenforschung besondere Relevanz, da sie entscheidend dazu beitrug, erstens das Forschungsfeld herzustellen und zweitens dieses Feld ertragreich zu bearbeiten. Zunächst ging es darum, Frauen als historische und gesellschaftliche Subjekte in ihren Handlungsfeldern aufzufinden, da sie im kanonischen Wissen der verschiedenen Disziplinen kaum präsent waren: Literaturhistorikerinnen suchten nach Dichterinnen, Kunsthistorikerinnen nach Künstlerinnen, Sozialhistorikerinnen nach der Rolle von Frauen in Wirtschaft und Gesellschaft, Kirchenhistorikerinnen und Theologinnen nach Frauen in den Kirchen usw. Die erfolgreiche Suche brachte keine neue Disziplin hervor, wohl aber eine wissenschafts-und disziplinenkritische Forschungsrichtung, die forderte, das Verhältnis der Geschlechter als fundamentales gesellschaftliches - nicht privates - Verhältnis in allen Disziplinen zu reflektieren.

Interdisziplinarität im herkömmlichen Verständnis gewann erst mit der "Disziplinierung" der Frauenforschung in den geistes- und sozialwisenschaftlichen Fächern, vermittelt über die Durchsetzung der Kategorie "Geschlecht", den Status von Disziplinenkontakte, bei denen ein Problem aus mehreren, je spezifisch disziplinären Perspektiven analysiert wird, um zu einem vertieften Verständnis zu gelangen oder aber für die Themenerschließung Theorien und Methoden von Nachbarwissenschaften zu nutzen. Die inzwischen erkannten Schwierigkeiten des Wissenstransfers zwischen den Disziplinen haben Ausdruck in neuen Sprachregelungen gefunden, die nicht mehr von interdisziplinär, sondern von multidisziplinär und transdisziplinär reden. Die Eingebundenheit der Geschlechterforschung in die allgemeine Wissenschaftsentwicklung zeigt sich auch darin, daß die Hierarchie der Disziplinen sich hier abbildet, nämlich die Dominanz der Sozialwissenschaften mit ihren theoretischen Ansprüchen gegenüber solchen Disziplinen, die "Grundlagenforschung" betreiben.

An diesen Problemstand knüpften Kurzvortrag und Diskussionen der Sektion an.

(2) Einführend erörterte Rainer Walz die Beziehungen von Geschichtswissenschaft, Soziologie und Ethnogie als Beispiel für die Gestaltung von Interdisziplinarität. Zwar habe die Geschichtswissenschaft die Arbeiten der beiden Nachbardisziplinen seit den 70er Jahren stärker wahrgenommen, aber zumeist nur Einzelergebnisse unkritisch übernommen. Walz kritisierte insbesondere, daß Historiker versäumt hätten, sich die innovativen Theorien und Methoden der anderen Wissenschaften anzueignen und damit deren Forschungen in ihrem Kern zu erfassen. Er erläuterte seine Position am Beispiel der Systemtheorie Luhmanns und ihrer Relevanz für die Geschichtswissenschaft: Sie erkläre die Entstehung der modernen Gesellschaft aus der Umstellung auf funktionale Differenzierung, während die Historiker eher akteurzentriert arbeiteten und damit die Rolle der Subjekte überbetonten. Innovationen in Theorie und Methodik seien, so Walz, derzeit nur in der Soziologie zu finden, während die Geschichtswissenschaft wegen ihres wenig abstrakten und zu stark epochenabgrenzenden Denkens wenig Neues zu bieten habe.

Diese zugespitzte Positionierung der Geschichtswissenschaft in der Disziplinenkonkurrenz und die radikale Forderung nach Mehrdiszplinarität der Forschenden eröffnete eine kontroverse Diskussion: zum einen wurde das Verhältnis von Systemtheorie zur Frauen- und Geschlechterforschung kritisch beleuchtet, zum anderen die geforderte Mehrdisziplinarität problematisiert. Der "Kern" einer Nachbarwissenschaft sei kaum zu erfassen und schwer zu definieren, weil er angesichts der Ausdifferenzierungen innerhalb einer Disziplin nicht eindeutig zu definieren sei. Zudem werde der Kern eines Faches nicht allein im Fach selbst definiert, sondern ebenso von außen zugewiesen. Hinzu komme das disziplinenpolitische Bestreben, die Einheit des Faches zu wahren, um sich im universitären Fächerkanon behaupten zu können.

Neben der Grundsatzdiskussion zu den "Bedingungen der Möglichkeit" von Interdisziplinarität, die eher die Grenzen, wenn nicht gar die Unmöglichkeit des Projekts akzentuierte, stand die Reflexion der Forschungserfahrungen mit der selektiven Übernahme von Ergebnissen und Analyseverfahren aus anderen Disziplinen für die Bearbeitung eigner Fragestellungen. Um das Risiko der zeitlichen Rezeptionsverschiebung und der nicht hinreichend geprüften Übernahme einzelner Ergebnisse zu begegnen, hat es sich bewährt, den persönlichen Gedankenaustausch mit den Forschenden anderer Disziplinen zu suchen, die z.B. zur gleichen Epoche mit den gleichen oder auch anderen "Quellen" arbeiten. Eine solche Zusammenarbeit entgeht der Reduktion der Nachbarwissenschaft auf den Status einer Hilfswissenschaft, der man lediglich Versatzstücke entnimmt. Gespräche zwischen den Disziplinen können auch verhindern, daß Klischees hin- und hertransportiert werden und damit den Erkenntnisprozeß blockieren. Ein so praktiziertes interdisziplinäres Forschen führt keineswegs zur Entgrenzung der Disziplinen, sondern stärkt die jeweils eigene Disziplinarität und ist die Bedingung für ihre Produktivität.

Zu den erörterten Erfahrungen mit interdisziplinärem Arbeiten gehören die disziplinenpolitischen Hemmnisse, die die Fachvertreter an den Universitäten bei Qualifikationsarbeiten aufbauen. Dagegen richteten sich Vorschläge, wie Interdisziplinarität als adäquate Rezeption bereits während des Studiums, z.B. in fächerübergreifenden Projekten, erprobt und eingeübt werden kann. Multidisziplinäre Forschungsinstitutionen und Forschungszentren, die in Deutschland noch wenig vertreten seien, sollten Schule machen.

Epocheneinteilung und die "Einheit der Geschichte" (Sektion 3)

(1) Kritik an den überkommenen Epochen der Geschichte ist Teil der zentralen Strategien, mit denen sich neue Geschichtsauffassungen definieren, z.B. die Periodisierung der Weltgeschichte im Marxismus-Leninismus oder die Einteilung in Früheuropa und Alteuropa, aber auch der französische Revolutionskalender. Am Beginn der Historischen Frauenforschung stand als Teil der feministischen Wissenschaftskritik die Frage, ob die herkömmlichen Epocheneinteilungen weiterhin Bestand haben können, da die historische Erfahrung von Frauen nicht in den der Epochenbildung zugrundeliegenden Paradigmen berücksichtigt worden waren. Damit wurden die dominanten Paradigmen der Geschichtswissenschaft zur Disposition gestellt und der Anspruch erhoben, an der Sinnstiftung von "Geschichte" als Ganzem mitwirken zu wollen, wenn nicht gar eine "eigene Geschichte" postuliert. Wie bei älteren Periodisierungsdiskussionen liegt hier die Auffassung zugrunde, daß die Periodenbildung auf einer "Einheit der Epoche" basieren müsse, daß die Gliederung der Vergangenheit als mechanische Chronologie - etwa nach Jahrhunderten - nicht ausreiche. Geschichtswissenschaftliche Periodisierung sei auf "Sinnstiftung" aus, die primär der eigenen Verortung dient und den Modus des Sich-in-Beziehung-Setzens zur Vergangenheit definiert.

Kurzvorträge und Debatte dokumentierten eindringlich den gegenüber "den Anfängen" veränderten Diskussionsstand in der Historischen Frauen- und Geschlechterforschung.

(2) Claudia Opitz (Mittelalter-Frühe Neuzeit) und Ludolf Kuchenbuch (Mittelalter-Ältere Geschichte) setzten in ihren Kurzvorträgen jeweils spezifische Akzente, die in den Diskussionen überaus kontrovers erörtert wurden.

Claudia Opitz plädierte - trotz erheblicher Vorbehalte - für eine vorläufige Beibehaltung der konventionellen Epochen. Epochengrenzen, die sich ganz an der Geistesgeschichte orientierten, seien von geringer Relevanz für die gender-Forschung. Wie in anderen neuen Forschungsrichtungen, z. B. der Historischen Demographie und der Historischen Familienforschung, müßte den eigenen Rhythmen des jeweiligen Themas Rechnung getragen werden. Jedoch dürfe darüber die Epochendiskussion nicht vernachlässigt werden, da es sich bei der Epochenbildung um genuine Akte historischer Sinnbildung handele, die ebenso wie die Auseinandersetzung mit klassischen Themen, etwa Staat und Politik, zum Programm der Frauen- und Geschlechterforschung gehören. So habe sich am Beispiel der Aufklärung gezeigt, daß die Einbeziehung der gender-Dimension die Diskussion um die Bewertung dieser Epoche neu entfacht habe. Nicht zuletzt seien bislang Forschung und vor allem die universitäre Lehre epochenspezifisch organisiert, so daß der Verzicht auf die Epochenzuordnung der Frauen- und Geschlechtergeschichte deren Außenseiterstatus verstärken würde. In Anbetracht der Schwierigkeiten, die Länge der Jahrhunderte ("das lange 16. Jahrhundert") zu bestimmen, biete die mechanische Zeitmessung keine Alternative zur Epochenbildung. Mittelfristig müsse allerdings angestrebt werden, die Epochenüberschreitung im Sinne von Interdisziplinarität und Interkulturalität zu etablieren.

Ludolf Kuchenbuch wählte einen eher grundsätzlichen Zugang. Er forderte eine "neue Beschreibsprache", die die jeweils zugrundeliegenden Denkfiguren für die Begründung von Epochen, nämlich Raum, Strecke, Punkt, explizit reflektiere. Anknüpfend an Kants "Geschichtszeichen" schlug er als Gedankenexperiment den "Leuchtturm", verstanden als "Verdichtungspunkt", vor. Mit seinen Leuchtsignalen erhelle er seine Umgebung, er sende aber auch Signale in die Zeiten. Der Leuchtturm biete zum einen den Vorteil eines kleineren Maßstabs und zum anderen einer nicht-hierarchischen Arbeitsweise. Beispielhaft führte er Alphabetisierung/Literarisierung als ein Europa über die Epochen verbindendes und von anderen Kontinenten abgrenzenendes Kriterium ("Leuchtturm") an. Dieser alphabetische Habitus inkorporiere Sprache als Ausdrucksform. "textus" sei von seiner Grundbedeutung (Gewebe, Geflecht) mit dem Weben und Knüpfen von Frauen verbunden, werde aber zu einer Grundphantasie (männlicher) geistiger Arbeit und erschließe sich damit als ein zentrales geschlechtsbezogendes Deutungsmuster europäischer Geschichte.

Die sich anschließende Diskussion verlief überaus kontrovers und legte die unterschiedlichen Formen der Relevanz, die das Problem der Periodisierung für die Vertreter und Vertreterinnen der verschiedenen Disziplinen, der Wissenschaftsgenerationen und deren professionellen Status besitzt, offen. Für die Forschungen der Jüngeren spielt die Epochenfrage kaum eine Rolle, während sie für die in der universitären Lehre und in der Schule Tätigen eine Herausforderung darstellt, insbesondere wenn es um die Einbeziehung des Innovationspotentials der Frauen- und Geschlechtergeschichte geht.

Die Diskussionen lassen sich als ein Selbstverständigungsprozeß verstehen, in dem sehr unterschiedliche Vorstellungen über Epochen zum Tragen kamen: Reformation und Aufklärung als Epochen im Sinne von Johannes Hallers "Epochen der Neueren Geschichte", die klassischen Zeitalter Altertum, Mittelalter, (Frühe) Neuzeit sowie Moderne-Vormoderne, deren Unterschiede Kuchenbuch als Punkt, Strecke, Raum auf den Begriff gebracht hatte. Besonders drastisch wurde die Problematik der vorherrschenden idealtypischen Sinnkonstruktion nach willkürlich gesetzten, aber als objektiv geltenden Relevanzkriterien für die Vor- und Frühgeschichte vorgeführt. Sie wurde bislang vor allem den "Leitfossilien" Stein und Metall folgend gegliedert, eine Gliederung, die sicher anders ausfiele, wenn die Techniken des Webens für die Epochenbildung herangezogen würden. Abgesehen von Moderne-Vormoderne beruhen diese Epochenbildungen auf der Vorstellung, daß ein "Ganzes" vorhanden sei, das es sinnvoll aufzuteilen gelte. Dem wurde die These von der "Nicht-Einheit" der Geschichte gegenübergestellt, die derzeit in der Frauen- und Geschlechterforschung diskutiert wird. Sie würde zum einen vorschnelle Zuordnungen verhindern, zum anderen die Konstruktion der "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" in ihrer Absurdität offenlegen (Beispiel: Hausarbeit). Die These von der Nicht-Einheit der Geschichte wurde auch - mit Verweis auf Kuchenbuch - im Hinblick auf den Effekt von Globalisierung diskutiert, die nicht zur Folge haben dürfe, daß sich eine neue Europa-Zentriertheit herstelle. Diesen geschichtswissenschaftlichen Problemen stellten die Vertreterinnen von Literatur- und Kunstwissenschaft die (heute) pragmatische Handhabung der Epochenbildung in ihren Disziplinen gegenüber. Diese Unterschiede verweisen auf Unterschiede der Disziplinen, die für die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Relevanz sind, vor allem aber auf die spezifiche Problematik historischer Epochenbildung. Wissenschaftlich gesehen handelt es sich um eine Hilfskonstruktion zur Verständigung, der aber die Tendenz zur Verselbständigung der Epochen als Entitäten inhärent ist. Damit entstehen die - gleichfalls diskutierten - Schwierigkeiten, historische Prozesse über die Epochengrenzen hinweg verfolgen zu können. Es bestand Konsens, daß diese Forschungsprobleme aufgrund der epochalen Gliederung der Universitätsdisziplin, verankert in Lehrstühlen, verschärft werden.

Die unterschiedlichen wissenschaftlichen und hochschulpolitischen Einschätzungen der Epochengrenzen kamen in unterschiedlichen Strategien zum Ausdruck. Die einen sprachen sich aus pragmatischen Gründen (Zuschnitt von Lehrstühlen, Forschungsprogramme etc.) dafür aus, die traditionellen Epochengrenzen beizubehalten. Die anderen erhoben die Forderung, Lehrstühle künftig epochenübergreifend zu definieren, um keine institutionellen Hürden für die Erforschung historischer Prozesse aufzubauen.

(Postmoderne) Theorien in der historischen Frauen- und Geschlechterforschung (Sektion 4)

(1) Kennzeichnend für die historische Frauen- und Geschlechterforschung ist ein doppelt begründetes Interesse an Theorien, zum einen, um den neuen Gegenstandsbereich in der wissenschaftskritischen Auseinandersetzung mit der Disziplin zu konstituieren, zum anderen um Forschungsperspektiven zu eröffnen. Während anfangs bevorzugt Theorien sozialer Ungleichheit herangezogen wurden, erwiesen sich in der Folge Dekonstruktivismus und postmoderne Theorien als zentral für die Entwicklung der Kategorie "Geschlecht", die den Paradigmenwechsel von der Frauen- zur Geschlechterforschung theoretisch fundierten. Das bereits in der Sektion "Interdisziplinarität" diskutierte Problem der Hierarchie der Disziplinen Geschichtswissenschaft und Sozialwissenschaften bildet sich hier im Verhältnis von historischer Frauen- und Geschlechterforschung zur postmodernen Literaturwissenschaft ab.

(2) In den beiden einführenden Kurzvorträgen erörterten Ute Daniel und Ulrike Strasser Möglichkeiten und Grenzen der postmodernen Theorie im Hinblick auf eine Geschichtstheorie wie auf die historische Frauen- und Geschlechterforschung.

Ute Daniel schlug vor, den Begriff Erfahrung, der für die Geschichtswissenschaft grundlegend sei - als Erfahrung der untersuchten Menschen, der untersuchenden Menschen wie der Geschichte rezipierenden Menschen - zum Thema der Geschichstheorie zu machen. Sie widersprach damit Joan W. Scott, die Erfahrung abwerte und letztlich durch Diskurse ersetzen wolle (The Evidence of Experience, 1991). Scott charakterisiere Erfahrung als nichts Authentisches, sie spiegele keinen erfahrenen Gegenstand oder Sachverhalt. Eine solche Position sei aber irrig, denn sie gehe von einem vorkantischen Erkenntnisbegriff aus. Scott verstehe Erfahrung zudem als etwas rein subjektiv Gemeintes, baue also auf die Kategorie des autonom gedachten Subjektes; diese Sichtweise sei seit dem 19. Jh. überholt, auch J. Dewey könne dafür als Zeuge stehen. Daniel äußerte den Verdacht, daß Scott Diskurse für unmittelbarer halte als Erfahrung, so als ob Geschichtswissenschaft nach unabhängig vom Menschen bestehenden Wahrheiten zu suchen habe. Das sei ein Rückfall in eine positivistische, empiristische oder essenzialistische Betrachtungsweise.

Ulrike Strasser setzte sich mit den gegensätzlichen Positionen feministischer Historikerinnen zum Poststrukturalismus auseinander. Joan Scott habe die Dekonstruktion als Chance begriffen, um von der Frauengeschichte zur Geschlechtergeschichte zu kommen. Die Kategorie Geschlecht ermögliche zwar eine nuancierte Wahrnehmung schichten- und ethnizitätsspezifischer Unterschiede von Frauen, lasse jedoch die Suche nach Frauen als Handlungsträgerinnen von Geschichte sekundär werden. Dagegen wende Judith Bennett ein, die Kategorie Frau habe strategischen und heuristischen Nutzen, der noch nicht ausgeschöpft sei. Letztlich sei der Poststrukturalismus eine subtile Form der Exklusion von Frauen. Gemeinsam sei Anhängerinnen wie Kritikerinnen des Poststrukturalismus allerdings die Überzeugung, daß die Postmoderne ernst zu nehmen sei; man sehe sich aber als Objekt dieses Paradigmenwechsels. Demgegenüber plädiert Ulrike Strasser für eine eigenständige theoretische Intervention der Historikerinnen in die postmoderne Theorieentwicklung mit Berufung auf die Literaturwissenschaftlerin Mary Poovey, die die Forschungen über "concrete historical women" (Analyse von Geschlecht als soziale Beziehung) für ebenso wichtig wie die Dekonstruktion (die Analyse von Geschlecht als linguistische Beziehung) hält. In diesem Spannungsfeld sei die Forschungsagenda anzusiedeln. Nur die Untersuchung der gelebten Unterschiede von Frauen könne den Konstruktionscharakter der diskursiven Subjektposition Frau ganz enthüllen. Ansätze für ein derartiges Umschreiben der postmodernen Theorie zeigen Kathleen Canning ("Weibliche Fabrikarbeit in Deutschland 1850-1914") und Lyndal Roper ("Oedipus and the devil"): beide beschäftigen sich mit der Nahtstelle zwischen dem Somatischen und dem Symbolischen (Körper und Diskurs).

Die in den beiden Vorträgen aufgeworfenen Fragen wurden nur ansatzweise diskutiert, ebenso wie die in der Diskussion gestellte Frage, warum die Kritische Theorie der Frankfurter Schule mit ihren Bezügen zu Lebenswelten und Konstruktion/Dekonstruktion nicht zur Sprache gekommen sei. Es lag nicht am Mangel an Zeit, sondern eher an den ganz unterschiedlichen Voraussetzungen der TeilnehmerInnen, am Auseinanderdriften von Forschen und ‚Theoretisieren', an der von den Historikerinnen konstatierten schwachen Verankerung der Geschichtstheorie in der universitären Lehre, wenn nicht gar am Verbot für Historiker, die postmoderne Theorie in Erwägung zu ziehen, und/oder an der wenig ausgebildeten Kooperation von Geschichtswissenschaft, Sozialwissenschaften, Philosophie und Literaturwissenschaft in diesem gemeinsamen Feld.

Gegenüber der Kritik Ute Daniels am Scottschen Erfahrungsbegriff wurde die Wahrnehmung von Scotts Aufsatz als Verwissenschaftlichung des Alltagsbegriffs "Erfahrung" hervorgehoben. Die schlichte Übernahme postmoderner Theorien aus den USA wurde problematisiert, da ihr diskursiver Kontext nicht reflektiert werde. Das Verhältnis von postmoderner Theorie und Geschichtswissenschaft erinnere an das von Geschichtsphilosophie und Geschichtswissenschaft, allerdings zeige auch die Geschichtswissenschaft mit ihrem Anspruch auf Wahrheit hegemoniale Tendenzen, die ebenso problematisch seien wie ein hegemonialer Erfahrungsbegriff.

Im Mittelpunkt der Diskussion standen Reflexionen über den Nutzen und die Gebrauchsweisen von Theorien für die eigenen Forschungen. Mehrfach wurde ein Bekenntnis zum Eklektizismus abgelegt, der es erlaube, die zur Entfaltung der jeweiligen Fragestellung am besten geeignete Theorie zu wählen. Dem wurde entgegengehalten, daß für einen solchen Theoriegebrauch das Bild der Handwerkskiste nicht tauge, da die Theorie in der Wahrnehmung des Feldes bereits vorhanden sei. Diese Forschungspraxis mußte sich auch befragen lassen, in welchem Verhältnis "neohistorische Verliebtheit" in die historischen Subjekte und Abheben auf die Theorie ständen. Eklektizismus in der Forschungspraxis enthebe nicht, eine eigene Position zu besetzen; Eklektizismus positioniere nicht und beantworte nichts.

Es erscheint mir sehr lohnend, im Sinne der geforderten Interdisziplinarität und Intradisziplinarität weiter in diesem Feld zu arbeiten, und zwar nicht abstrakt, sondern vermittelt über gemeinsame Themen.

Perspektiven der Frauen- und Geschlechterforschung (Sektion 5)

Im Zentrum der letzten Sektion standen die gemeinsamen Überlegungen zu den Perspektiven der Frauen- und Geschlechterforschung im Zeichen der "neuen Kulturgeschichte". Die in den Sektionen 1 - 4 verhandelten Aspekte wurden wieder aufgenommen und im Hinblick auf die Perspektiven der historischen Frauen- und Geschlechterforschung diskutiert. Die Problemlage entfalteten einleitend Claudia Ulbrich und Gadi Algazi.

Claudia Ulbrich konstatierte gegenwärtig eine geeignete Situation für die Integration der Frauen- und Geschlechtergeschichte in das Spektrum der Geschichtswissenschaft, da der Paradigmenwechsel von der Historischen Sozialwissenschaft zur Kulturgegeschichte günstige Rezeptionsbedingungen biete. Über die Art der Integration seien jedoch strategische Überlegungen notwendig. Unproblematisch sei die Verortung der Handlungsanteile von Frauen in der Sozialgeschichte. Für die "Allgemeine Geschichte" hingegen seien zum einen solche Bereiche zu bevorzugen, in denen Frauen präsent sind, zum anderen sollten traditionelle Themen der Allgemeinen Geschichte aus geschlechtergeschichtlicher Perspektive erforscht werden (z.B. Krieg, Höfische Gesellschaft). Damit sah sie jedoch keine "Einheit der Geschichte" gegeben, denn das Verhältnis von Frauen- und Geschlechterforschung zur Allgemeinen Geschichte sei weiterhin als das von Peripherie und Zentrum zu charakterisieren. Da die Frauenforschung/Geschlechterforschung einen erheblichen Teil ihres kritischen Potentials aus ihrer Randständigkeit gewonnen habe, sei dieses kritische Potential zu wahren und dazu zu nutzen, die Integrationsmöglichkeiten in die neue Kulturgeschichte auszuloten. Ulbrich setzte sich kritisch mit den gängigen Kulturbegriffen auseinander, insbesondere mit den ethnologischen, die eine homogene "andere" Kultur konstruierten statt die Differenzen innerhalb der beobachteten Gesellschaft herauszustellen. Der Beitrag der Geschlecherforschung zu einer neuen Kulturgeschichte liege in deren Sensibilisierung für Differenzen; auf diese Weise seien neue Generalisierungen zu vermeiden.

Gadi Algazi stellte dem herrschenden Kulturbegriff Geertzscher Herkunft - der Deutung von Kultur als Interpretation eines Textes, sogar von Praktiken als Texte - forschungsheuristisch einen Kulturbegriff entgegen, der Kultur als heterogenes System von Repertoires auffaßt, die Optionen für das Handeln sozialer Akteure bereithalten. Der Geertzsche Umgang mit Kultur stehe zu sehr im Dienst kultureller Kanons, verkenne die Situation alltäglicher Praktiken, reduziere Kultur auf Produkte, mache aus sozialer Kritik Literatur- und Kunstkritik. Wenn Geschlecht als kulturelles Konstrukt verstanden werde, so gehe dessen Materialität - auch die Bindung an soziale Zwänge und Gewaltverhältnisse - verloren. Weiterführender als Forschungsinstrument sei demgegenüber ein Kulturbegriff, der Kultur in einer Kurzformel als "how to do what" definiere. Derart werde der Blick auf strukturierte Handlungsoptionen, eingefleischte Modelle, aber auch Handlungsmuster geleitet. Das Fernsehen werde z.B. im Gebrauchskontext eines Haushaltes untersuchbar, nicht als bedeutungsvoller Text. Historiker seien wegen ihrer Schriftquellen immer in Gefahr, auch ihre Untersuchungsgegenstände als Texte aufzufassen. Der vorgeschlagene Kulturbegriff erschwere die Instrumentalisierung durch Identitätsdiskurse, denn Kultur werde als heterogenes, offenes und dynamisches System begriffen; beobachtbare Differenzen werden nicht auf homogene Kulturen zurückgeführt, sondern als situationsbezogene Gebrauchsweisen unterschiedlich zugänglicher Repertoires gesehen. In der Diskussion ergänzte Algazi, daß sein Kulturkonzept keinen allumfassenden Forschungszugang darstelle, sondern Grenzen habe.

Die Diskussion dokumentierte noch einmal die unterschiedlichen Perspektiven der vertretenen Disziplinen auf die präsentierten Kulturbegriffe und andere zentrale Kategorien, aber auch die Möglichkeiten, sich im Gespräch zu verständigen. Der Subjektbegriff, der bereits in der vierten Sektion angesprochen war, war erneut klärungsbedürftig, da die Teilnehmenden aufgrund ihrer (teil)disziplinären Herkunft nur z.T. in den ihnen vertrauten Bahnen denken konnten: Es ging nicht um das "autonome Subjekt", sondern um das Subjekt in seinen Beziehungsnetzen. Algazi distanzierte sich überdies ausdrücklich von der "wissenschaftlichen Herstellung der Subjekte", d.h. von der postmodernen diskursiven Herstellung der Subjektposition.

Ebenso provozierend wirkte die Auseinandersetzung Ulbrichs und Algazis mit gängigen Kulturbegriffen, die zum Selbstverständnis einer Reihe von Disziplinen gehören. Aus literaturwissenschaftlicher Sicht wurde das historische Textkorpus als unverzichtbar für die Identität der Disziplin erklärt. Die Antworten, daß es bei dem vorgestellten Kulturbegriff um das Eintrainieren in die Hochkultur gehe und daß das Texteschreiben eine kulturelle Praktik sei, zeigen keineswegs die Unvereinbarkeit beider Ansprüche, sondern lediglich unterschiedliche Beobachterpositionen, die allerdings miteinander zu vermitteln sind.

Die Integration der Frauen- und Geschlechterforschung in die Allgemeine Geschichte wurde über Geschlecht als kulturelles und kulturpolitisches Konstrukt erneut verhandelt mit der Folgerung, daß der politische Aspekt der Frauen- und Geschlechterforschung die Integration in die Allgemeine Geschichte verhindere. Darüber hinaus entspann sich ein Wortwechsel, der das Problem auf den Begriff brachte: "Was uns interessiert ist das Partielle!" - "Gibt es etwas anderes?" - "Die Frage ist doch, welches Partielle wird das Allgemeine genannt."

Als letzter Punkt standen wissenschaftspolitische Strategien auf der Tagesordnung. Als Ziele der historischen Frauen- und Geschlechterforschung wurden Stärkung des eigenen Profils bei gleichzeitiger Integration in die mainstream Wissenschaft sowie die Mitgestaltung der neuen Kulturgeschichte herausgestellt. Wie die hochschulpolitischen Ziele durchzusetzen seien, war hart umstritten. Es wurde dafür plädiert, Lehrstühle für "Allgemeine Geschichte" beizubehalten, da sie den jeweiligen Inhabern die Chance geben, selbst zu definieren, was das "Allgemeine" sei. Aufschlußreich ist die Außensicht der englischen Germanistin Helen Watanabe O'Kelly auf die historische Frauen- und Geschlechterforschung in der deutschen Wissenschaftslandschaft:

"Die Hochschulstruktur in Deutschland arbeitet gegen die Auflockerung des Wissenschaftsbetriebes durch neue Forschungsperspektiven, die per definitionem etablierte Machtkonstellationen in Frage stellen. Die Perspektiven der Geschlechterforschug sind nur zu verwirklichen, wenn man das deutsche Hochschulsystem reformiert. Hier wären zu nennen:

1. das feudale System des Mäzens/Protegés, das auf allen Ebenen, aber besonders bei der Vergabe von Habilitanden- und Doktorandenstipendien zu beobachten ist. Dies bevorzugt sehr normierte junge Wissenschaftler, seltener überhaupt Wissenschaftlerinnen. Frauen, die eine Karriere haben wollen, müssen besonders konventionell sein.

2. die pyramidale Machtstruktur. Erst der/die glückliche C-4 Professor/in hat endlich die Freiheit, das zu erforschen, was ihm/ihr gefällt. Meistens ist es dann zu spät, die wilden Fragen zu stellen, die man nur in der Jugend stellt. Man braucht festangestellte Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen zwischen 30 und 40 und weniger Professoren. Daß habilitierte Kollegen und Kolleginnen über 40 häufig noch keine feste Stelle haben und folglich sehr vorsichtig in ihren Fragestellungen sein müssen, schockiert den ausländischen Beobachter nach wie vor.

3. die Habilitation, die von vornherein die meisten Frauen ausschließt, weil sie mit den Jahren der Schwangerschaft und der Kindererziehung kollidiert. Dieser Konflikt existiert für männliche Kollegen einfach nicht. Kann es sich das deutsche Hochschulsystem leisten, talentierte junge Wissenschaftlerinnen einfach auszugrenzen? Wenn das nach der Promotion geschieht, dann ist der Verlust an Kompetenz und an Engagement um so schmerzlicher.

4. das System von Fachbereichen, Fakultäten und Lehrstühlen, das gegen die nur interdisziplinär zu betreibende Geschlechterforschung arbeitet.

5. das Fehlen von ausländischen Kollegen und Kolleginnen unter den Professoren an deutschen Universitäten. Deutsche werden (außer in den ausländischen Literatur- und Gesellschaftswissenschaften) meistens nur von Deutschen unterrichtet und betreut. Das Infragestellen der hiesigen Praxis, das Ausländerinnen und Ausländer automatisch machen, fehlt häufig.

6. das Selbstverständnis der deutschen Universität als in sich geschlossene Institution, die nur um ihrer selbst willen da ist, ohne weitere Relevanz für die Gesellschaft. Geschlechterforschung ist in ihrer theoretischen Selbstdefinition und in ihrer Methodologie von vornherein revolutionär, muß also das Ziel verfolgen, die Gesellschaft und ihre Machtstrukturen zu reformieren.

Man muß also zuerst innerhalb der Universität gegen die etablierte Struktur Organisationen schaffen, die die Kollegen und Kolleginnen zusammenführen, die auf dem Gebiet der Geschlechterforschung arbeiten, um der Geschlechterforschung Prestige zu geben, junge Kolleginnen zu beschützen und als Lobby zu funktionieren."

Zusammenfassend: Auf der Tagung wurden zentrale inhaltliche, methodische, theoretische und wissenschaftspolitische Fragen der Frauen- und Geschlechterforschung diskutiert. Vorträge und Diskussionen gaben wichtige Denkanstöße für die weitere Forschung der Frauen- und Geschlechtergeschichte sowie die Entwicklung der Geschichtswissenschaft. Mit Sicherheit hat die Tagung auch neue Formen des wissenschaftlichen Austauschs angeregt.

Ich danke der Deutschen Forschungsgemeinschaft für die großzügige Förderung.

Konferenzübersicht:

"Blickwechsel" Frauen- und Geschlechtergeschichte / Allgemeine Geschichte. Bilanzen und Perspektiven

Sektion 1: Interdisziplinärer Forschungen
Rainer Walz: Interdisziplinarität und interdisziplinäres Forschen
Sektion 2: Intradisziplinäre Forschungen
Regina Schulte: Historische Frauen- und Geschlechterforschung in der ‚Zunft'
Sektion 3: Epochenübergreifende Forschungen
Ludolf Kuchenbuch; Claudia Opitz: Epocheneinteilung und die "Einheit der Geschichte"
Sektion 4: Theoretische und methodische Entwicklungen
Ute Daniel; Ulrike Strasser: (Postmoderne) Theorien in der historischen Frauen- und Geschlechterforschung
Sektion 5: Forschungsperspektiven und wissenschaftspolitische Strategien
Gadi Algazi; Claudia Ulbricht: Perspektiven der Frauen- und Geschlechterforschung

Anmerkungen:

1. Als Diskussionsbeitrag publiziert: Ute Daniel, Erfahrung - (k)ein Thema der Geschichtstheorie, in: L'Homme. Z.F.G. 11 (2000), S. 120-123. 2. Als Diskussionsbeitrag publiziert: Ulrike Strasser, Jenseits von Essenzialismus und Dekonstruktion: Feministische Geschichtswissenschaft nach der Linguistischen Wende, in: L'Homme. Z.F.G. 11 (2000), S. 124-129. 3. In überarbeiteter Fassung publiziert: Gadi Algazi, Kulturkult und Rekonstruktion von Handlungsreperoires, in: L'Homme. Z.F.G. 11 (2000) S. 105-119.

Zitation
Tagungsbericht: Blickwechsel. Frauen- und Geschlechtergeschichte / Allgemeine Geschichte. Bilanzen und Perspektiven, 24.09.1999 – 26.09.1999 Stuttgart-Hohenheim, in: H-Soz-Kult, 02.11.2000, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1964>.
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Veröffentlicht am
02.11.2000
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