Tätigkeitsfelder, Amtspraxis und soziale Vernetzung frühneuzeitlicher Amts- und Gerichtsdiener

Ort
Stuttgart-Hohenheim
Veranstalter
André Holenstein, bern; Frank Konersmann, Bielefeld; Gerhard Sälter, Berlin; Arbeitskreis Policey/Polizei im vormodernen Europa; Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart
Datum
18.05.2000 - 18.05.2000
Von
Gerhard Sälter, Berlin

3. Diskussionsrunde des Arbeitskreises Policey/Polizei im vormodernen Europa am 18. Mai in der Akademie der Dioezese Rottenburg-Stuttgart.

Taetigkeitsfelder und Amtspraxis vormoderner Ordnungskraefte haben bislang in der Forschung nur geringe Beachtung gefunden. Die weite Auffassung der Aufgaben von Ordnungs- und Sicherheitspersonal in der Zeitperiode zwischen dem Spaetmittelalter und dem beginnenden 19. Jahrhundert sowie ihre Einbindung in lokale und regionale Herrschaftsstrukturen fuehrte zudem zu einer grossen Bandbreite spezifischer Aufgabenfelder solcher Ordnungskraefte, was eine flaechendeckende Erforschung zusaetzlich erschwert hat. Dieser Forschungsluecke wenigstens ansatzweise abzuhelfen und mehr noch auf sie aufmerksam zu machen, wurden auf dem diesjaehrigen, von André Holenstein (Bern), Frank Konersmann (Bielefeld) und Gerhard Saelter (Berlin) organisierten, 3. Treffen des Arbeitskreises "Policey/Polizei im vormodernen Europa" in Stuttgart-Hohenheim am 18. Mai 2000 mehrere Papiere diskutiert, die sich von unterschiedlicher Seite dem Problem naehern. Mit dieser Veranstaltung wurde eine Reihe von Treffen fortgesetzt, die 1998 und 1999 frueheneuzeitliche Denunziations-, Kooperations- und Ruegepraktiken und Techniken der Informationsorganisation und Kommunikation in fruehneuzeitlichen Herrschaftsapparaten und Verwaltungen zum Thema hatten. Aufgrund der positiven Erfahrungen der letzten beiden Jahre wurden die Papiere der Referenten vorher allen Teilnehmern zugaenglich gemacht und nur mehr kurz referiert, um die Diskussion intensiver zu gestalten.

Die Organisatoren des Treffens gingen davon aus, dass den Ordnungskraeften in der Vormoderne ein zentraler Stellenwert in der Erforschung der Durchsetzung von Herrschaft in der sozialen Praxis und der Umsetzung von obrigkeitlichen Ordnungskonzepten zukommt. Diese Rolle wurde in der Literatur bisher kaum gewuerdigt, die sich vielfach mit dem allgemeinen Hinweis auf die Schwaeche der obrigkeitlichen Exekutivgewalt in der staendisch-korporativ verfassten Gesellschaft begnuegt. Dabei sind die Organisation von Sicherheits-, Ordnungs- und Verwaltungsaufgaben im Herrschaftsalltag und die Praxis der entsprechenden Amtstraeger auf der untersten Stufe (Gerichtsdiener, Stadtknechte, Buettel, Policeygarden, Hatschiere, Husaren u.ae.), welche die Ansprueche der Herrschaft gegenueber der Bevoelkerung durchzusetzen hatten, noch kaum genauer untersucht worden. Deshalb wurde neben Taetigkeitsfeldern und der Amtspraxis die institutionelle Einbindung in den Herrschaftsapparat und die funktionale Ausdifferenzierung ihrer Taetigkeit in spaetem Mittelalter und frueher Neuzeit, sowie ihre Rekrutierung und soziale Herkunft thematisiert.

ANDREA BENDLAGE stellte Teilergebnisse ihres Bielefelder Dissertationsprojektes ueber Nuernberger Stadtknechte und Buettel im 15. und 16. Jahrhundert vor. Waehrend die wachsende Anzahl der Stadtknechte deutlich macht, dass die Stadtherrschaft in Nuernberg Sicherheitsaufgaben aus der Kompetenz der Nachbarschaften zunehmend in ihre eigene Regie zu uebernehmen trachtete, musste sie bei der Umsetzung ihrer Ansprueche vielfach Kompromisse eingehen. Nicht immer konnte mangels geeigneter Bewerber eine freie Stelle besetzt werden. Die Buettel und Knechte stammten vor allem aus dem Handwerkermilieu und besonders aus den Gewerben, die verlagsmaessig organisiert waren. Haeufig waren sie zuvor als Stadtknecht in den Vororten taetig gewesen. Fuer sie war der Eintritt in den Stadtdienst als Buettel oder Knecht zwar mit einem Statusverlust verbunden, jedoch fuehrte er in dieser Zeit noch nicht zu sozialer Ausgrenzung und er bot verarmten Handwerkern die Moeglichkeit eines Lebensunterhalts. Deshalb kann nicht von "gestrandeten Existenzen" gesprochen werden. Im Gegensatz dazu waren die Stadtschuetzen, in der Hierarchie unter den Buetteln und Knechten angesiedelt, eher aus der Unterschicht und stadtfremd. Die Amtspraxis der Ordnungskraefte war von Gewalttaetigkeit, Nachlaessigkeit und der ausserdienstlichen Regelung von Amtspflichten und Streitfaellen charakterisiert. Die Nuernberger Obrigkeit hat die Einbindung der Stadtknechte in fremde Loyalitaetsnetze und damit eine Orientierung der Amtspraxis an den lokalen Normen dieser Beziehungsnetze nicht nur toleriert, sondern billigend akzeptiert. Denn nur so konnte die Akzeptanz der Ordnungskraefte in der Bevoelkerung hergestellt werden. Die Zurueckhaltung der Obrigkeit in dieser Hinsicht stuetzte letztlich das System staedtischer Herrschaft.

ULRICH HENSELMEYER bezog sich, ebenfalls am Beispiel Nuernbergs, auf das in der Forschung bereits thematisierte Problem der Gewalttaetigkeit vormoderner Ordnungskraefte. Mit einem Rekurs auf die Forschungen zur Gewaltdelinquenz im Spaetmittelalter verwies er darauf, dass die Gewalttaetigkeit der Buettel sich in Ausmass, Form und Verlauf nicht von dem bei Haendeln zwischen Privatleuten ueblichen Gewalteinsatz unterschied und in diesem Kontext interpretiert werden kann. Weitergehende UEberlegungen muessten allerdings die Auswirkungen des Gewalteinsatzes auf die Herrschaftspraxis und seine Wahrnehmung bei den Zeitgenossen thematisieren.

GERHARD FRITZ trug erste Ergebnisse aus einem Forschungsprojekt zu staedtischen und laendlichen Ordnungskraeften im Wuerttemberg des 18. Jahrhunderts vor. Er wies darauf hin, dass fuer eine Untersuchung der Sicherheitskraefte auf der unteren Ebene lokale Quellen analysiert und ein lokaler Kontext angenommen werden muss, da eine Vielzahl von AEmtern bestanden und diese in ihrer lokalen Ausgestaltung erhebliche Differenzen aufwiesen. Das Beispiel des Ellwanger Stadtknechts erlaubte es, Taetigkeitsfelder zu umreissen. Die Besoldung von Buetteln und andere mit der oeffentlichen Ordnung befassten Aemter wurde fuer mehrere Kleinstaedte rekonstruiert. Die ausgesetzten Jahrgelder waren als Familieneinkommen unzureichend und die Sicherheitskraefte immer auf weitere Einnahmequellen angewiesen. Die staedtischen Bediensteten besserten ihren Sold durch AEmterkumulation, einen zusaetzlichen Nebenerwerb (bzw. einen Haupterwerb neben der Taetigkeit fuer die Obrigkeit) und Einkuenfte aus der Beteiligung an Gebuehren und Bussgeldern auf. Wie in Nuernberg ist auch in Wuerttemberg eine soziale Differenzierung des Sicherheitspersonals zu verzeichnen: Die besser bezahlten Stadtknechte scheinen eher aus der Buergerschaft genommen worden zu sein und hatten lange Amtszeiten, waehrend die schlechter bezahlten Nachtwaechter und Schuetzen eher stadtfremd waren und haeufiger wechselten. MARTIN SCHEUTZ legte eine Auswertung der Generalstreifen- und Schubprotokolle einer niederoesterreichischen Herrschaft aus dem Zeitraum 1722 bis 1752 vor. Er beschrieb die als Generalstreifen bezeichneten Razzien auf Vagierende, die ueber die Grenzen von Gerichtsherrschaften hinausgingen, und die Praxis der Aburteilung und des Abschiebens.

FELIX SCHNELL berichtete aus seinem Bielefelder Dissertationsprojekt zur Moskauer Polizei im 18. und 19. Jahrhundert. Er betonte die vielfaeltigen Probleme der russischen Regierung, fuer Moskau eine von der Dienstpflicht der Untertanen unabhaengige und aus hauptamtlich taetigen Personen bestehende Polizeiorganisation zu schaffen, wobei in wechselnden Reformprojekten jeweils militaerische, paramilitaerische und halbzivile Organisationsformen favorisiert wurden.

Die in den Beitraegen vorgestellten Ergebnisse konnten eher die Moeglichkeiten und die eigene Problematik eines bisher kaum erschlossenen Forschungsfeldes demonstrieren, als die in diesem Bereich bestehende Forschungsluecke wirklich zu schliessen. Es bleibt zu hoffen, dass weitere Arbeiten zu dieser Personengruppe vorgelegt und die Problematik auch in den Arbeiten zur Herrschaftspraxis, Kriminalitaet und Justiz sowie zur Verwaltung staerker beruecksichtigt werden. Vielleicht gelingt es ja, ein Bewusstsein fuer die lokalen und kommunalen Traditionen der Produktion sozialer Ordnung vor dem 19. Jahrhundert zu wecken, so dass die Geschichte des Polizierens und der Polizei in der oeffentlichen Wahrnehmung nicht erst mit der franzoesischen Revolution beginnt. Die Organisatoren beabsichtigen, die Ergebnisse der Tagung als Sammelband zu publizieren.

Kontakt

Gerhard Saelter
Wilsnacker Strasse 39
D-10559 Berlin
G.Saelter@t-online.de.

Fuer das Treffen des Arbeitskreises am 10. Mai 2001 wurde als Thema festgelegt: "Gute Policey und Oekonomie. Haushalten als Handlungskonzept und verschiedenen sozialen Raeumen." Interessenten sind eingeladen, sich auch unter folgenden Adressen zu melden:

Dr. André Holenstein
Falkenweg 9
CH-3012 Bern
andre.holenstein@hist.unibe.ch.
Dr. Frank Konersmann
Beckers Kamp 19
D-33674 Bielefeld
fkonersm@Geschichte.Uni-Bielefeld.de

Zitation
Tagungsbericht: Tätigkeitsfelder, Amtspraxis und soziale Vernetzung frühneuzeitlicher Amts- und Gerichtsdiener, 18.05.2000 – 18.05.2000 Stuttgart-Hohenheim, in: H-Soz-Kult, 27.07.2000, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1991>.