14. Tagung des Schwerter Arbeitskreises Katholizismusforschung

Ort
Dortmund
Veranstalter
Gisela Fleckenstein, Detmold; Joachim Schmidel, Vallendar; Katholische Akademie Schwerte; Kommende, Dortmund-Brackel; Schwerter Arbeitskreis Katholizismusforschung
Datum
24.11.2000 - 26.11.2000
Von
Joachim Schmiedl

Zum 14. Mal fand die Jahrestagung des Schwerter Arbeitskreises Katholizismusforschung statt. Hervorgegangen aus einem informellen Forum von Doktoranden der Universitaeten Muenster und Bielefeld, hat er sich inzwischen zu einem auch international beachteten Gespraechskreis entwickelt, der jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Moeglichkeit bietet, ihre laufenden Forschungsprojekte zu praesentieren, und gleichzeitig ein uebergreifendes Thema in Form einer Generaldebatte zu diskutieren. Letztere beschaeftigte sich in diesem Jahr mit dem "Katholischen Antisemitismus in Europa" (dazu ist ein eigener Bericht vorgesehen). In diesem Bericht sollen die uebrigen Vortraege der Tagung, die unter der Leitung der im Jahr zuvor gewaehlten Sprecher Gisela Fleckenstein (Detmold) und Joachim Schmiedl (Vallendar) stand und wegen des Umbaus der Katholischen Akademie Schwerte, die als Kooperationspartner fungiert, in der Kommende in Dortmund-Brackel stattfand, vorgestellt werden.

Genderforschung

Die ersten drei Vortraege beschaeftigten sich mit der Genderthematik. Angela Berlis (Arnhem / Bonn) analysierte die Rolle von Frauen in der Anfangszeit des Altkatholizismus. Ausgehend von der Ursprungserfahrung, eine Reformbewegung sein zu wollen, zeigte sich, dass Frauen bei den ersten Altkatholiken-Kongressen nicht zur Teilnahme zugelassen waren, obwohl sie auf gemeindlicher Ebene durchaus in Entscheidungsprozesse mit einbezogen waren. Die Spannung zwischen dem zeitgenoessischen Frauenbild des Buergertums und der Abweisung eines von Hoerigkeit und Unmuendigkeit gepraegten Frauentyps durchzog den Emanzipationsprozess von Altkatholikinnen, wie Berlis am Beispiel der privaten Maedchenschule Wilhelmine Ritters in Bonn ausfuehrte.

In einem deutsch-italienischen Laendervergleich ging Manuel Borutta (Berlin) der Feminisierung des Katholizismus und der Sexualisierung des Klerus nach. In antikatholischen Publikationen, die aus Kulturkampf-Situationen erwachsen waren, geriet sowohl die weibliche Religiositaet als auch eine angeblich pervertierte Sexualitaet von Beichtvaetern und Moenchen in das Visier der buergerlichen OEffentlichkeit. Religiositaet wurde pathologisiert. In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts war aber eine kulturelle Gleichstellung der Frau nicht mehrheitsfaehig. So blieb es in Italien beim Bildungsmonopol der katholischen Kirche und in Deutschland bei einer funktionalen Differenzierung mit einer aehnlich der buergerlichen Ehe funktionierenden Aufgabenteilung zwischen Kirche und Staat.

Grundsaetzliche UEberlegungen zu den Perspektiven einer konfessionsvergleichenden Frauen- und Geschlechterforschung stellte Relinde Meiwes (Bielefeld / Siegen) an. Die traditionelle Kirchengeschichtsschreibung habe bisher weitgehend die geschlechterspezifischen Fragestellungen vernachlaessigt. Meiwes plaedierte dafuer, bereits bearbeitete Themen - Folgen der Franzoesischen Revolution, religioese Renaissance im 19. Jahrhundert, Politik, soziale Frage und Diakonie, Lebensformen, Formen religioeser Vergemeinschaftung - unter der Perspektive "Geschlecht" neu zu lesen.Katholizismus auf dem Lande

Zwei Vortraege setzten sich mit Phaenomenen des laendlichen Katholizismus auseinander. Tobias Dietrich (Trier) stellte seine Studien zu den Mikromilieus in elsaessischen, rheinischen und thurgauischen Landgemeinden vor, die alle eine konfessionelle Mischbevoelkerung und simultan genutzte Kirchen hatten. Die Pfarrer mussten sich ueberall mit den Erwartungen der Dorfbewohner arrangieren. Die Nachfrage nach den Sakramenten war in allen untersuchten Doerfern sehr hoch. Der Gottesdienstbesuch war variabel, lag aber katholischerseits hoeher als im protestantischen Bevoelkerungsteil. Konfessionelle Blaetter wurden mehr von alten als jungen, mehr von Frauen als Maennern gelesen. Der konfessionelle Verein war im Dorf weniger als in der Stadt eine Stuetze der Milieubildung. Bei Konflikten im Dorf spielte der konfessionelle Faktor wohl mit hinein, wurde aber von verwaltungstechnischen, oekonomischen oder lebenssichernden Faktoren auf einen hinteren Rang verwiesen.

Die rheinischen Schuetzenbruderschaften in der Spannung zwischen nationalem Denken und Kirchentreue untersuchte Barbara Stambolis (Paderborn). Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs waren die katholischen Schuetzen patriotisch-national. In den 1920er Jahren wurde die Bewaffnung der Schuetzen unter dem Stichwort der "geistigen Wehrhaftigkeit" umgedeutet: National-konservative Gesinnung ging einher mit katholischer Erneuerung und Kampf gegen den Bolschewismus. Die Symbiose von Nationalismus und Religionsbindung wurde nach 1933 zum Problem. Mit einer Trennung zwischen Verein und kirchlicher Bruderschaft versuchten die Schuetzen die NS-Zeit zu ueberstehen. Die Desavouierung von Nation und Militarismus sorgte auch nach 1945 fuer eine Fortsetzung der religioesen Akzentuierung der Schuetzen. Je nach politischer Situationen gingen also die Schuetzen ein Zweckbuendnis mit der Kirche ein, waehrend die Amtskirche die nationale Wertorientierung der Schuetzen instrumentalisierte.

Atlas zur religioesen Geographie

Das seit ueber zehn Jahren in Bochum betriebene und mittlerweile kurz vor dem Abschluss stehende Projekt eines "Datenatlas zur religioesen Geographie im protestantischen Deutschland" praesentierte Claudia Enders (Bochum). Sie stellte das Konzept des vierbaendigen Werkes vor, erlaeuterte anhand einiger Beispiele die Moeglichkeiten der ueber 3000 Tabellen und Karten sowie die Grenzen des Datenmaterials und der statistischen Erfassung (Kontextinformationen). Sie machte auf einige ueberraschende Einsichten, wie das durch die unterschiedlich starke Gottesdienstbesuchsfrequenz bereits um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wahrnehmbare West-Ost-Gefaelle, aufmerksam.

Aspekte des Katholizismus im 20. Jahrhundert

Die letzten drei Vortraege nahmen Teilaspekte des Katholizismus im 20. Jahrhundert in den Blick. Dominik Burkard (Muenster) berichtete aus seinen Forschungen im Archiv der vatikanischen Index-Kongregation. Als Fallbeispiel fuer die Rezeption einer Indizierung analysierte er die Vorgaenge um das kirchliche Verbot von Alfred Rosenbergs "Der Mythus des 20. Jahrhunderts". Dabei ging er sowohl auf den Umgang kirchlicher Stellen mit dem Buch (Ausstellung von Leselizenzen usw.) als auch mit dessen Inhalt in Form von Gegenschriften ein.

Im Rahmen eines Forschungsprojekts zum Diktaturenvergleich behandelte Birgit Mitzscherlich (Leipzig) das Bistum Meissen in der Amtszeit Petrus Legges (1932-1951). Ausgangspunkt ist die ideologische Diskrepanz zwischen katholischer Kirche und NS- bzw. SED-Diktatur. Unterschiedlichen Sinngebungen, einem impliziten oder expliziten Atheismus und Bemuehungen um die Auspraegung einer anderen Gesellschaftsordnung stand auf kirchlicher Seite das Modell einer funktional differenzierten Subgesellschaft gegenueber. Aufgrund der besonderen rechtlichen Situation der katholischen Bistuemer in der DDR, der durch die Fluechtlinge nach 1945 veraenderten Seelsorgslage und der durch die Person Petrus Legges behinderten Entwicklung im Bistum Meissen stoesst ein direkter zeitlicher und sektoraler Diktaturenvergleich aber an seine Grenzen.

Am Beispiel der Wochenzeitung "Die Schildwache" praesentierte Franziska Metzger (Freiburg/Schweiz) das integralistische Teilmilieu in der Schweiz zwischen 1912 und 1945. Um die "Schildwache" sammelten sich rechtskatholische Kreise in der Schweiz, die ihrerseits wieder Kontakte zu entsprechenden Kreisen im In- und Ausland hatten und ab 1930 vor allem konservative Froemmigkeitsbewegungen erreichten. Inhaltlich vertrat die "Schildwache" ein kulturpessimistisches Krisenempfinden. Eine antimoderne Fronthaltung entsprang einem dichotomen Weltbild, in dessen Diskurs der Dualismus zwischen Gut und Boese eine wichtige Rolle spielte. Dieser aeusserte sich auch in antisemitischen Verschwoerungskonstrukten. Zentrales Merkmal waren massive Rekatholisierungsziele, zu deren Durchsetzung die "Schildwache" entsprechende Bewegungen massiv unterstuetzte.Die naechste Jahrestagung des SAK (http://www.muenster.de/~sak/) findet vom 23.-25. November 2001 in der Kommende in Dortmund statt. Die Generaldebatte wird sich dabei mit "Katholizimus und Demokratie" beschaeftigen.

Zitation
Tagungsbericht: 14. Tagung des Schwerter Arbeitskreises Katholizismusforschung, 24.11.2000 – 26.11.2000 Dortmund, in: H-Soz-Kult, 12.12.2000, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2005>.
Redaktion
Veröffentlicht am
12.12.2000