Dinge - Kultur - Geschichte

Ort
Berlin
Veranstalter
Wolfgang Ruppert, Arbeitsstelle für kulturgeschichtliche Studien, Universität der Künste Berlin; Christoph Asendorf, Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder
Datum
23.11.2007 - 24.11.2007
Von
Stefanie Johnen, Berlin

Dinge stellen eine grundlegende Dimension bei der Gestaltung des Lebens der Menschen dar. Diese Tatsache wurde im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts aus zentralen geisteswissenschaftlichen Fächern, so insbesondere der deutschen Geschichtswissenschaft und ihren Fragestellungen, verdrängt. Dennoch gelang es bereits in den letzten Jahrzehnten vereinzelt Forschungsansätze zu formulieren, die diesem Defizit abhelfen sollten.[1] Eine breitere Aufgeschlossenheit ist allerdings erst in den letzten Jahren zu beobachten, die materielle Kultur in ihrer Bedeutung für die historischen Kulturwissenschaften erneut angemessen zu thematisieren.[2] Am 23. und 24. November 2007 fand an der Universität der Künste Berlin die Arbeitstagung Dinge – Kultur – Geschichte statt. Die Tagung wurde von Wolfgang Ruppert, Leiter der Arbeitsstelle für kulturgeschichtliche Studien, in Verbindung mit Christoph Asendorf, Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder, veranstaltet. Sie diente dem Ziel, Wissenschaftler zusammen zu holen, die sich in einer kulturwissenschaftlichen Perspektive bereits eingehender mit „den Dingen“ beschäftigt hatten.

Die Tagung wurde von WOLFGANG RUPPERT, Professor für Kulturgeschichte an der Universität der Künste, mit einigen wissenschaftstheoretischen Bemerkungen eröffnet. Er skizzierte aus der Perspektive einer empirischen Kulturgeschichte die Problematik des Begriffs „Dinge“ und seiner Alternativen sowie die hiermit verbundenen Wissenschaftsfelder. Ruppert beschrieb die Dinge als dreidimensionale Form der materiellen Kultur in ihrem unauflöslichen Zusammenhang mit der immateriellen Kultur. Neben den wissenschaftlichen Perspektiven der Soziologie, der Psychologie, der Kunstwissenschaft oder der Volkskunde begründete er einen spezifischen kulturgeschichtlichen Forschungsbedarf zu den Dingen, nicht zuletzt zur „industriellen Massenkultur“ der Moderne mit dem Zugriff der Objektgeschichte, die eben diese Verbindung von materieller und immaterieller Kultur im Fortlauf des Zeitkontextes beinhalte.

CHRISTOPH ASENDORF, Professor für Kunst und Kunsttheorie an der Europa-Universität Viadrina, befasste sich in einer längerfristigen historischen Perspektive mit der Frage nach dem Verlust und der Verwandlung der Dinge. Anhand prägnanter Beispiele aus der Kunstgeschichte und dem philosophischen Diskurs um die Dinge entwarf er ein Drei-Phasen-Modell der geschichtlichen Entwicklung, beginnend beim vorindustriellen Zeitalter, in dem die Menschen noch mit ihren Dingen „verwachsen“ gewesen seien, gefolgt von einer Phase, in der diese Vertrautheit verloren ging – prominent diagnostiziert um die Jahrhundertwende von Georg Simmel – und schließlich einer ab den 1950er Jahren einsetzenden und bis zur Gegenwart reichenden Phase einer Konsum- und Erlebnisgesellschaft mit ihren neuen Räumen. Asendorf betonte, dass man eher von einer Vervielfältigung der Erscheinungsformen der Dinge als von einem Verlust sprechen könne.

Der Berliner Kulturhistoriker STEFAN GAUSZ reflektierte Ansätze der Medienwissenschaften, die insbesondere technische Medien zum Gegenstand ihrer Untersuchungen erheben und warf damit die grundsätzlichere Frage nach einem adäquaten methodischen Zugriff zur Erforschung des Verhältnisses der Menschen zu ihren Dingen auf. Der Vergleich einiger medienwissenschaftlicher Ansätze mit dem Forschungsansatz der Objektgeschichte der „industriellen Massenkultur“ (Wolfgang Ruppert) zeigte die unterschiedliche Reichweite der jeweiligen zentralen, den Gegenstand konstituierenden Begriffe. Gauß vertrat die These, dass die Versuche, den Medienbegriff zu öffnen, konsequent zu Ende gedacht, einer (Re-)Integration der Medienwissenschaften in die umfassendere Kulturgeschichte gleichkomme. Technische Medien wie das Grammophon und der Phonograph weisen in ihrer kulturellen Medialität weit über den Gebrauchszweck der technischen Reproduktion hinaus. So liegt der Erkenntnisgewinn einer Objektgeschichte gerade in der Untersuchung der realen Verwobenheit der Dinge in das dichte Gewebe der Kultur.

Wer sich ein Deodorant kaufen möchte, bewegt sich in einem Geschäft für Drogeriewaren – meist ohne es zu merken – auch nach geschlechtsspezifischen Orientierungsmustern. Wie stark die Warenwelt in „männlich“ und „weiblich“ eingeteilt ist, veranschaulichte die Kulturwissenschaftlerin KAREN ELLWANGER, Professorin am Institut für materielle und visuelle Kultur der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, ausgehend von der volkskundlichen Forschung. Das Geschlecht der Dinge stellt ein Grundfaktum unserer Kultur dar, das jedoch unsichtbar bleibt, da die Geschlechtlichkeit in kulturelle Normen eingelagert ist. Dinge sind nicht nur geschlechtsspezifisch geprägt, sie wirken in dieser Weise auch auf unsere Vorstellungen und unser Handeln zurück. Der Blick auf postkoloniale Aneignungsweisen westlicher Kleidungstücke, die zu einer hybriden Mischung aus Anzug, Rock und Säbel führten, stellen das allzu Selbstverständliche und Vertraute geschlechtsspezifischer Muster in Frage.

Gegenwärtig erfährt die These von den „handelnden“ Dingen mit der Rezeption der Schriften Bruno Latours eine gewisse Aufmerksamkeit im wissenschaftlichen Diskurs um die Dinge.[3] Dieser These nahm sich MARTINA HESSLER, Professorin für Kultur- und Technikgeschichte an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach, unter der Frage „Humans out of the loop?“ an. Aus unterschiedlichen theoretischen Blickwinkeln könne Dingen wie dem Computer „HAL 9000“ aus Stanley Kubricks Film „2001: Odyssee im Weltraum“, Jean Tinguelys selbstzerstörenden Maschinen, Nam June Paiks vom Straßenverkehr überrolltem Roboter (1982) oder Tim Otto Roths interagierender Lampeninstallation, die Valenz zugestanden werden, sie seien in irgendeiner Art handelnder Akteur. Allerdings offenbart die Frage nach den prinzipiellen Grenzen „denkender“ Dinge, etwa ihre fehlende Sozietät, ihre rein syntaktische Intelligenz oder die systematische Grenze der Computerlogik, wie wenig in Bezug auf Dinge von einem Handeln im Sinne menschlicher Tätigkeit gesprochen werden kann. An diesem Befund wird sich – so das Resümee Heßlers – auch in absehbarer Zeit nichts ändern.

Aufgrund der Kameraführung und des Schnitts erlaubt der Film, Dinge in besonderer Weise als Bedeutungsträger in den Kontext der Erzählung einzubinden und sie als Repräsentanten der Handlungsstruktur einzusetzen, wie dies Alfred Hitchcock in vielen seiner Filme getan hat. THOMAS MACHO, Professor für Kulturgeschichte an der Humboldt Universität zu Berlin, zeigte anhand mehrerer Sequenzen aus Hitchcocks Filmen, wie in Szene gesetzte Dinge – beispielsweise ein Feuerzeug – dem Zuschauer Hinweise über den Handlungsverlauf liefern. Aus dem Wissensvorsprung des Publikums gegenüber den Akteuren im Film entsteht eine spezifische Spannung – „Suspense“ – zu der die Dinge in Hitchcocks Filmen wesentlich beitragen.

Aus der Sicht der Kommunikationswissenschaft sprach die Berliner Kommunikationssoziologin MAREN HARTMANN, Juniorprofessorin an der Universität der Künste, über digitale Dinge und den Alltag. Während in deutschsprachigen Forschungsansätzen der Kommunikationswissenschaft das Medium als Ding nicht hinterfragt wird, gibt es jedoch aus dem Kontext der Cultural Studies Zugänge, die mit dem Begriff der „Domestizierung“ ein theoretisches Konzept für die Aneignung von Medien bereit stellen. Medien lassen sich hierüber als Dinge in einen wissenschaftlichen Ansatz integrieren, der den Alltag als Ausgangspunkt nimmt und sich so als ein situations- und kontextbezogener Forschungszugriff erweist.

Archäologische Funde von Dingen, die bis in eine Zeit von 1,3 Mio. Jahren zurückdatiert werden, belegen die Umformung von Material als eine frühe anthropologische Grundkonstante des Menschen. WOLFGANG RUPPERT bezog sich mit diesem weitem zeitlichem Horizont auf das Verhältnis des Menschen zu seinen Dingen: „Die Geschichte des Menschen wird von einer Geschichte der Dinge begleitet.“ Welche Erkenntnisse können wir zu diesem Wechselbezug gewinnen? Aus der Rekonstruktion der semantischen Bezüge zwischen einem Ding als Zeichen lassen sich dessen „Repräsentationen“ (Roger Chartier) erschließen. Ruppert führte diesen Zusammenhang anhand einer Begebenheit aus der Wendezeit vor, wie mit dem sich wandelnden politischen Kontext das Parteiabzeichen der SED gleichzeitig unterschiedlich wahrgenommen werden konnte und in seiner Valenz mit dem Zusammenbruch der DDR-Herrschaft transformiert wurde. Ruppert zeigte sich daran interessiert, die materielle Kultur als Teil längerfristiger zivilisationsgeschichtlicher Tendenzen – beispielsweise der Steigerung der Beweglichkeit und der Mobilität – zu dechiffrieren. Er erläuterte dies anhand einer Objektgeschichte mit immer neuen Generationen: Das Auto entstand innerhalb einer kulturellen Konfiguration, die einen Bedarf an neuen Formen der Mobilität hervorbrachte. Ruppert zeigte sodann am Beispiel zweier Filmsequenzen die Inszenierung des Sportwagens als ein Machtpotenzial des nomadischen Menschen bei der Durchquerung und Beherrschung des Raumes. Die Reaktionen des Fahrers spiegelten vorrationale Ebenen und magische Bezüge zum Objekt. Dieses Bezugsverhältnis verweist auf das Problem der älteren Schichten der Evolutionsgeschichte des Menschen, die in seiner „Natur“ tradiert werden.

Die Vorträge der Tagung waren von einer Diskussion mit durchweg hohem Niveau begleitet. Otto Karl Werckmeister, vormals Northwestern University – jetzt Berlin, wandte dabei erhebliche Bedenken gegen die Tauglichkeit des Begriffs „Dinge“ und dessen Konnotationen ein und erinnerte an das bereits 1995 von Ruppert vorgeschlagene Konzept der „industriellen Massenkultur“. Demgegenüber betonten Macho und Ellwanger die Bedeutung des Begriffs „Dinge“ im gegenwärtigen Diskurs und dessen eigene Geschichte. Eine Kontroverse, deren offener Ausgang auf den Forschungsbedarf verwies. Diese Arbeitstagung war als ein Einstieg in das Themenfeld gedacht. Daher wurde die nächste Tagung für Oktober 2008 angekündigt.

Konferenzübersicht:

Dinge - Kultur – Geschichte

Wolfgang Ruppert (UdK Berlin): Einführung
Christoph Asendorf (EUV Frankfurt/Oder): Verlust der Dinge?
Stefan Gauß (Berlin): Die Dinge und die Medien
Karen Ellwanger (Universität Oldenburg): Das Geschlecht der Dinge
Martina Heßler (HfG Offenbach): Handelnde Dinge?
Thomas Macho (HU Berlin): Hitchcocks Dinge
Maren Hartmann (UdK Berlin): Digitale Dinge und der Alltag
Wolfgang Ruppert (UdK Berlin): Die Repräsentation der Dinge

Anmerkungen:
[1] Vgl. Ruppert, Wolfgang, Zur Kulturgeschichte der Alltagsdinge, in: Ders. (Hrsg.), Fahrrad, Auto, Fernsehschrank. Zur Kulturgeschichte der Alltagsdinge, Frankfurt am Main 1993, S. 14-36; Ruppert, Wolfgang, Zur Geschichte der industriellen Massenkultur. Überlegungen zur Begründung eines Forschungsansatzes, in: Ders. (Hrsg.), Chiffren des Alltags. Erkundungen zur Geschichte der industriellen Massenkultur, Marburg 1993, S. 9-22; Ruppert, Wolfgang, Um 1968. Die Repräsentation der Dinge, in: Ders. (Hrsg.), Um 1968. Die Repräsentation der Dinge, Marburg 1998, S. 11-46.
[2] Vgl. u.a. Böhme, Hartmut, Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne, Reinbek bei Hamburg 2006.
[3] Vgl. Latour, Bruno, Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie, Berlin 1995; Latour, Bruno, Das Parlament der Dinge. Für eine politische Ökologie. Frankfurt am Main 2001.

Zitation
Tagungsbericht: Dinge - Kultur - Geschichte, 23.11.2007 – 24.11.2007 Berlin, in: H-Soz-Kult, 13.03.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2041>.
Redaktion
Veröffentlicht am
13.03.2008
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