Die deutsche Nation im frühneuzeitlichen Europa. Politische Ordnung und kulturelle Identität?

Ort
München
Veranstalter
Georg Schmidt, Historisches Kolleg München
Datum
13.03.2008 - 15.03.2008
Von
Wolfgang Burgdorf, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München

„Wir sind ein Volk, von Einem Namen und Sprache, unter Einem gemeinsamen Oberhaupt, unter Einerlei Verfassung, Rechte und Pflichten bestimmenden Gesetzen, zu Einem großen Interesse der Freiheit verbunden, auf Einer mehr als hundertjährigen Nationalversammlung zu diesem wichtigen Zweck vereinigt, an innerer Macht und Stärke das erste Reich in Europa.“ So begann 1765 die Schrift „Von dem deutschen Nationalgeist“. Der Verfasser, Friedrich Karl von Moser, argumentierte, dass Sprachnation, Kulturnation, Erinnerungsgemeinschaft und die auf das Reich bezogene Staatsnation nicht getrennt sind, sondern gemeinsam den identitätsverbürgenden Rahmen des deutschen Volkes bilden.

Aus dem partikularistischen Lager erhoben damals die Landespatrioten ihre Stimmen gegen Moser. Sie bezweifelten, dass es eine Identität zwischen dem Reich und der Nation gebe bzw. dass überhaupt eine deutsche Nation und somit die Möglichkeit eines deutschen „Nationalgeistes“ existiere. Entwicklungsmöglichkeiten für das Bürgertum wollten sie nur in den Territorien sehen. Andere verwiesen darauf, dass auch jenseits der Reichsgrenzen Deutsche lebten, deutsche Kultur und Literatur blühten. Einige wollten gar die Familie der germanischen Völker in Europa zum Identifikationsrahmen erheben.

Ein ähnliches Spektrum von Meinungen über die frühneuzeitliche deutsche Nation zeigte sich auf einer Tagung, die Georg Schmidt als Stipendiat des Historischen Kollegs in München organisierte: „Die deutsche Nation im frühneuzeitlichen Europa. Politische Ordnung und kulturelle Identität?“

Zunächst gab GEORG SCHMIDT (Jena) eine Einführung. Die Frage, was überhaupt eine Nation sei, beantwortete Schmidt klassisch: Eine Nation ist, was sich als solche versteht, so wahrgenommen wird und zusammenbleiben will.

Die erste Sektion „Binnensichten“ eröffnete der Doyen der österreichischen Frühneuzeithistoriker ALFRED KOHLER (Wien), der einen Tag nach dem 70. Jahrestag des sogenannten „Anschlusses“ über „Österreich und die deutsche Nation – politische und kulturelle Distanz?“ sprach. Kohler hob die traditionellen antideutschen Vorbehalte in Österreich hervor. In der Frühen Neuzeit habe es eine gegenseitige Wahrnehmung von Österreichern und Deutschen gegeben, allerdings auch eine von Österreichern und Tirolern. Zudem hätten antispanische und antislawische Affekte zur österreichischen Selbstbewusstwerdung beigetragen, was man jedoch auch für weite Teile Deutschlands konstatierten könne. Infolge der Rekatholisierung nach dem Tridentinum sei das barocke Österreich entstanden. In dieser Phase sei insbesondere dem Marienkult eine identitätskonstituierende Bedeutung zugekommen. Dies gelte jedoch gleichermaßen für Bayern, Ungarn, Polen und viele andere, so dass man geradezu von einem marianischen Europa sprechen könne. Interessant war Kohlers Argumentation, die zeitweise Vermehrung der habsburgischen Höfe, die jedoch immer nur eine Virilstimme auf dem Reichstag geführt haben, sei keine Herrschaftsteilung, sondern vielmehr eine Herrschaftsverdichtung gewesen. Spätestens seit Joseph II. waren insbesondere die Beamten die Träger des Patriotismus. So entstand über die Hofratsnation eine Staatsbildung von oben, die allerdings erst 1848 abgeschlossen wurde, wobei die Auseinandersetzung mit der Französischen Revolution und mit Napoleon katalysatorisch wirkte. Das Kaisertum hat nach Kohler wesentlich zur Konstituierung des österreichischen Selbstbewusstseins beigetragen. Es war jedoch als Institution, Symbol und Reminiszenz bis zuletzt auch Ausdruck der Verbundenheit mit der deutschen Geschichte. Der Bezug auf die Monarchie sei auch heute noch ein konstituierendes Moment des österreichischen Selbstbewusstseins. In der Diskussion des Beitrages wurde insbesondere von Johannes Burkhardt betont, wenn Bayern oder Preußen heute selbstständig wären, so würden sie rückblickend auch bereits im 18. Jahrhundert ganz anders gewesen sein.

Ob die Reichsarmee ein Beispiel für Integration durch militärische Kooperation sei, fragte PETER WILSON (Hull). Die Reichsarmee als Kontingentarmee und das Verfahren der Reichskriegserklärung habe eine in Europa einzigartig anspruchsvolle Kriegslegitimation hervorgebracht, die alles andere als leichtfertig war. Das Reich war nicht nur strukturell nicht angriffsfähig, sondern wurde auch von innen und außen mit Frieden identifiziert. Nach Wilson war die Akzeptanz der Reichslasten im Falle eines Reichskrieges der für die Reichsstandschaft und die politische Integration entscheidende Faktor. Städte und Fürsten, die dazu nicht willens oder fähig waren, verloren im Laufe des 15. Jahrhunderts ihre Reichsunmittelbarkeit. „The fundamental character of the matricular system for the Reich’s political organisation can be seen from the fact that it was used in all separate princely leagues and associations to determine members’ contributions.” Der Dreißigjährige Krieg bildete eine weitere krisenhafte Formierungsphase. Neben der institutionellen Verdichtung thematisierte Wilson die normative Integration durch das Reichskriegswesen. Das Besteuerungsrecht der Reichsstände gegenüber ihren Untertanen gründete letztlich in ihren Beiträgen zu den Reichslasten. 1630 und erneut 1682 regelte das Reich die Besoldung und Verpflegung der Truppen. An diesen Vorgaben orientierten sich auch die armierten Obrigkeiten im Reich.

Das dritte große Thema Wilsons war die Identität der Reichstruppen. Hiermit betrat er historiographisches Neuland. Zunächst sei es im 17. Jahrhundert zu einer Intensivierung des nationalen Bewusstseins gekommen. „The appearance of Sweden and France as major threats around the middle of the seventeenth century sharpened the identification of the Reich with Germany rather than as part of Christendom. The enemy was no longer just the Ottomans to the east, but national opponents to the north and west.” Folglich seien der Österreichische Erbfolgekrieg und der Siebenjährige Krieg als deutsche Bürgerkriege wahrgenommen worden. Schwieriger sei die Frage nach der individuellen Identität der Soldaten zu beantworten. Eine Annäherung erlaubten die Musterrollen. Sie verzeichneten neben dem vollen Namen auch Truppenzugehörigkeit, Geburtsort, den sozialen Hintergrund, frühere Beschäftigungen und Konfession sowie ab dem späten 18. Jahrhundert auch Größe und Gewicht. Schon diese Kriterien verwiesen auf eine multiple Identität frühneuzeitlicher Soldaten. Offiziere mochten sich zudem zusätzlich noch als Aufklärer verstehen. Eine eigene Identität als Mitglied der Reichsarmee sei jedoch unwahrscheinlich, da sie keine bleibenden Einheiten hatte. Vielmehr hätten sich die Soldaten und insbesondere die Offiziere mit ihren reichsständischen Regimentern und Obrigkeiten identifiziert, die auch dann, wenn sie zeitweise zur Reichsarmee gehörten, ihr Einkommen und ihre Karriere bestimmten.

Die Sektion schloss mit dem Beitrag von ALEXANDER SCHMIDT (Jena), „Debatten um die Vaterlandsliebe der Deutschen“. Schmidt führte quellengesättigt vor, dass der Begriff des Vaterlandes in der Frühen Neuzeit völlig selbstverständlich insbesondere in Reichstagsakten und in der Publizistik auf das Alte Reich und die Nation bezogen wurde. Dies geschah oft ziemlich emphatisch und fand einen gewissen Höhepunkt in der Nationalgeistdebatte nach dem Siebenjährigen Krieg. Daneben stand der eher regionale Bezug des Vaterlandsbegriffes bis weit ins 19. Jahrhundert. Auch der Topoi von der gegenseitigen Fremdheit der Deutschen, wie er von Wieland bekannt ist, zog sich vom Humanismus bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts durch. Man möchte ergänzen, dass er sich auch heute noch findet. Zu den frühneuzeitlichen Topoi gehört auch, dass sich der Reichspatriotismus häufig in Klagen über mangelnden oder nicht vorhandenen Reichspatriotismus äußerte. Protestanten jedoch sagten oft Patriotismus, meinten aber Herrschafts- und Besitzsäkularisierung. Abgesehen davon verlief der frühneuzeitliche Patriotismusdiskurs in Deutschland ähnlich wie in anderen europäischen Ländern. Seit dem Humanismus lasen die interessierten Gelehrten die einschlägigen Schriften und übertrugen die Inhalte in den Vaterlandsdiskurs ihrer eigenen Nation.

Den Abendvortrag hielt DIETER LANGEWIESCHE (Tübingen): „Föderative Nation und kulturelle Identität – der (Rück)Blick aus dem 19. Jahrhundert“. Nach Langewiesche ist die deutsche Nation älter als der Nationalstaat. Der Zentralstaat lag jedoch außerhalb der deutschen Möglichkeiten. Dennoch habe es eine „innere Nationsbildung“ gegeben. Die Umdeutung der Geschichte durch die borussische Historiographie sei dementsprechend zu revidieren. Die Reichsprinzessin musste keineswegs vom preußischen Prinzen wachgeküsst werden. Insofern seien die apodiktischen Anfangsätze von Nipperdey, Wehler und Winkler, deren Fluchtpunkt der moderne Nationalstaat ist, zu hinterfragen. Das Alte Reich war nicht nur eine „mächtige Geschichtsblockade“ auf den Weg zur Moderne, sondern die frühneuzeitliche Form der föderativen Nation. In Deutschland habe sich kulturelle Identitätsbildung durch politische Ordnung vollzogen.

Die zweite Sektion, „Außensichten“, wurden von MICHAEL NORTH (Greifswald) mit dem Referat „Die deutsche Nation und der Norden – Wirtschaftsraum und ethnisch-kulturelle Grenzen“ eröffnet. Wenn die Deutschen Skandinaviens und des Baltikums studierten, taten sie dies im Reich, gleichzeitig war das Baltikum ein Markt für deutsche Akademiker. Manche wie Hamann, Herder oder Kotzebue fanden den Weg zurück ins Reich. Das kulturelle Leben im Baltikum orientierte sich am Reich, Theaterinnovationen wie an Dalbergs Mannheimer Nationaltheater wurden schnell übernommen. Gleichzeitig partizipierten die Gelehrten des Baltikums am deutschen Literaturmarkt mit Leipzig als Zentrum und rezensierten fleißig in der „Allgemeinen Deutschen Bibliothek“ und anderen Periodika. Norths Fazit lautete, ein Teil der deutschen Hochkultur fand im Ausland statt. Die gilt aber auch für Frankreich, man denke nur an den Druck der Enzyklopädie oder an Voltaire.

„Die Eidgenossen und die deutsche Nation“ war das Thema von THOMAS MAISSEN (Heidelberg). Die Eidgenossenschaft habe nach der nicht mitvollzogenen Reichsreform von 1495 zunächst in einer „reichsrechtlichen Ambivalenz“ verharrt. Der eidgenössische Sendbrief zur Kaiserwahl von 1619 habe noch ein Bekenntnis zum Reich enthalten. Die Trennung vom Reich sei 1648 auf Rat und Druck französischer Diplomaten erfolgt. Zwar habe es fortan ein Verbot gegeben, die Reichstage zu besuchen, kaiserliche Privilegienbestätigungen wurden aber weiterhin eingeholt. Dennoch kam es nun zu einer „völkerrechtlichen Klärung“ des Verhältnisses. Aber erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts verschwanden die Reichsinsignien als Schmuck der Rathäuser oder auf den Einbänden von der Schweiz gewidmeten Geschichtswerken. Germanische Helden wie Arminius oder auch Gutenberg waren schon im 17. Jahrhundert durch den Helvetiermythos und republikanische Helden der Antike ersetzt worden. Dennoch bezeichneten sich die Schweizer bis ins 18. Jahrhundert immer wieder als „reichsverwandt“.

Die Wahrnehmung der Deutschen durch die frühneuzeitlichen Polen behandelte HANS-JÜRGEN BÖMELBURG (Gießen). Eine deutsche Libertät existierte in der polnischen Wahrnehmung nicht. Bei den Deutschen wurde fast ausschließlich ein Streben nach tyrannischer Herrschaft wahrgenommen, während das polnische Staatswesen mit milder Herrschaft assoziiert wurde. Seit den 1520er-Jahren gab es die ersten polnischen Nationalgeschichten, wurde die polnische Nation erfunden. Besonders antideutsch bzw. antihabsburgisch war die Publizistik der Interregna. Die Habsburger wurden als deutsch wahrgenommen. Zehn habsburgische Kandidaturen für den polnischen Thron scheiterten.

Frankreichs Bild des Reiches und der frühneuzeitlichen deutschen Nation wurde von MARTIN WREDE nachgezeichnet. Sein Fazit anhand der vergleichsweise differenzierten französischen Kommentare zu Deutschland und zur Reichsverfassung war sehr klar: „Das Reich wurde in französischer Sicht im Laufe der Frühen Neuzeit immer deutscher.“

Die Sektion „Distinkt oder übergreifend?“ begann mit einem konzisen Überblick über die neuere europäische Adelsforschung von HORST CARL (Gießen). Carl stellte insbesondere die Werke von Ronald Asch, Walter Demel und William Godsey heraus.[1] Diese Autoren betonen in der Regel, dass es „den europäischen Adel“ nicht gegeben habe. Godsey sieht in der Sattelzeit ein neues nationalkulturelles Adelsideal entstehen, den „Uradel“. Dies gelte jedoch nur für den ortsbeständigen Adel. Jene Teile des Reichsadels, die um 1800 nach Österreich wechselten, seien weiter kosmopolitisch orientiert geblieben, wie die Ligne oder Metternich. Diese Argumentation erinnert an eine Szene aus Musils Kakanien, diesem „unverstandenen Staat, der in so vielem ohne Anerkennung vorbildlich gewesen ist“: Graf Leinsdorf, der Leiter der Parallelaktion zum 30-jährigen deutschen Regierungsjubiläum 1918, also der Feiern zum 70-jährigen Regierungsantritt Kaiser Franz Josephs, schickt seine Beamten in die Bibliothek, um einen großen Gedanken für die Grundierung der Feier zu suchen. Die Beamten bringen Johann Gottlieb Fichtes „Reden an die deutsche Nation“, leider etwas Deutsches, aber immerhin. Ein Bedienter liest vor: „Zur Befreiung von der Erbsünde der Trägheit und ihrem Gefolge, der Feigheit und Falschheit, bedürfen die Menschen der Vorbilder, die ihnen das Rätsel der Freiheit vorkonstruieren, wie ihnen solche in den Religionsstiftern erstanden sind. Die notwendige Verständigung über sittliche Überzeugungen geschieht in der Kirche, deren Symbole nicht als Lehrstücke, sondern als Lehrmittel für die Verkündigung der ewigen Wahrheiten anzusehen sind.“ Graf Leinsdorf mag sich nicht dafür entscheiden: zu deutsch, zu evangelisch. Fichte muss zurück ins Regal.

Horst Carl hingegen betonte, dass es einen europäischen Adel schon im Mittelalter gegeben habe. Dies zeigten sowohl Heiratsverbindungen wie Militärkarrieren. Der Reichsadel habe zudem einen europäischen Vorrang beansprucht, weil alle anderen europäischen Adelsgesellschaften auf die germanischen Eroberungen während der Völkerwanderungszeit zurück zu führen seien. Auch sei vieles, was Godsey um 1800 sieht, schon zuvor vorhanden gewesen, wenngleich vom frühneuzeitlichen Adel keine Entscheidung für Deutschland oder Österreich gefordert wurde.

Sehr instruktiv waren JOACHIM WHALEYS (Cambridge) Ausführungen über die kulturelle Offenheit der frühneuzeitlichen Deutschen im europäischen Vergleich. Zwar seien die Deutschen kulturell besonders aufnahmewillig gewesen, ohne deswegen die „Einheit in der Vielfalt“ als Signum der Epoche aufzugeben. Die meisten frühneuzeitlichen Gesellschaften seien ethnisch und kulturell gemischt – selbst das vielfach als Modell beschworene England sei multiethnisch gewesen. Die protestantische Nation sei eine Erfindung der Propaganda bzw. einer späteren historischen Meistererzählung. Neben vielen heterodoxen protestantischen Gruppen seien Teile des Hochadels katholisch geblieben. In Frankreich haben nach einer Erhebung der Nationalversammlung 1794 nur drei von 26 Millionen Einwohnern die Sprache der Pariser Elite gesprochen.

SIEGRID WESTPHAL (Osnabrück) unternahm einen interessanten Versuch, Frauenzimmerlexika als ein gescheitertes patriotisches Unterfangen der Frühen Neuzeit vorzustellen. Mit solchen Zusammenstellungen von Kurzbiographien gelehrter Frauen wollten sich die europäischen Nationen in der Frühen Neuzeit gegenseitig übertrumpfen. Die Verfasser dieser Sammelwerke waren ausschließlich Männer. Der Proto-Feminismus war eine rein männliche Veranstaltung. Mit der Französischen Revolution verebbte dieses Genre. Gelehrte genossen nicht mehr das Prestige wie zuvor und der Stolz auf weibliche Gelehrsamkeit vertrug sich nicht mit dem neuen weiblichen Ideal der Mutter und Hausfrau, das im 19. Jahrhundert alle alternativen Frauenrollen dominierte. In der Diskussion wurde der patriotische Charakter der Werke jedoch in Frage gestellt. Vielleicht seien entsprechende Äußerungen ja auch ironisch gemeint und diese Lexika der Zeit der Wunderkammern eher als Kuriositätenkabinette zu verstehen.

LUISE SCHORN-SCHÜTTE (Frankfurt am Main) entwarf ein neues Bild der politischen Ideengeschichte der Frühen Neuzeit und stellte die Politica christiana als Grundordnung der frühneuzeitlichen deutschen Nation vor. Der Streit um die frühneuzeitliche Staatlichkeit und Nation sei letztlich eine Debatte um den Charakter der Frühen Neuzeit insgesamt. Werden hier die Anfänge der Modere sichtbar oder etwas ganz anderes? Die Politica christiana war bis in die Mitte der Frühen Neuzeit ein ernstzunehmendes Konzept, konnte sich aber langfristig nicht gegen Politikentwürfe à la Bodin durchsetzen. Das Konzept der Politica christiana finde sich zum Beispiel in Reinkingks „Biblischer Policey“ von 1653. In den konfessionspolitischen Auseinandersetzungen verband es sich mit dem Vaterlandsbegriff. Anders als Niederländer und Engländer hätten die Deutschen das Widerstandsrecht weniger naturrechtlich und eher biblisch bzw. mit dem biblischen Naturrecht begründet. Ab dem 17. Jahrhundert sei das Konzept der deutschen Freiheit entkonfessionalisiert worden.

DANIEL FULDA (Halle) eröffnete die „Nationalkulturelle Zuschreibungen“ genannte Sektion mit einem Vortrag zum Konzept der Nation in der deutschen Literaturgeschichtsschreibung des 18. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt stand Gottscheds Literaturprogramm: Literatur als Anleitung einer vernünftigen Weltbetrachtung und Lebensführung. Gottsched, der Leipziger Professor und Senior der dortigen Deutschen Gesellschaft bezog sich als Ostpreuße auf die deutsche Sprachnation. Die Nation war für ihn das Lese- und Theaterpublikum. Langfristig setzte Gottsched sich sowohl gegen das prachtvolle Jesuitentheater wie gegen die beliebten Hans-Wurst-Aufführungen durch. Nie zuvor erzielte ein Mann eine solche „reichsweite Reichweite“. Sein nationalliterarisches Projekt begann mit der Aufwertung der deutschen Literaturgeschichte. Die Betonung der Einzigartigkeit enthob ihn des ständigen Vergleichs mit Frankreich. Die Nation war für Gottsched ein „vorgängiger Wert“, der nur sichtbar gemacht werden musste. Dieser barocke Sprachnationalismus sei letztlich späthumanistisch gewesen. Gottscheds Machtphantasien seien daher nicht schon aggressiv, sondern noch aggressiv. Langfristig habe sich Gottscheds Konzept auch mit politischen Ansprüchen verbunden, wenn diese auch zunächst nicht intendiert gewesen seien. Seinen Protestantismus habe Gottsched zugunsten einer größeren Wirkung bewusst zurückgestellt.

Anhand der Architekturgeschichte problematisierte MEINRAD VON ENGELBERG (Darmstadt) den Begriff der „deutschen Kunst“ in Hinblick auf die Frage „deutscher Barock“ oder „Barock in Deutschland“. Erscheint das Barock als Ars imperii, als Kunst des Reichs-Staats, so war doch gerade die Offenheit gegenüber anderen Einflüssen das Spezifikum des deutschen Barock. Auch die heutige Eigenständigkeit Österreichs und die historischen Grenzveränderungen sprechen gegen eine Nationalisierung des Epochenbegriffs. Allein die sogenannte „Nachgotik“ scheint als „optionales Stilmodell“ eine „nationalspezifische deutsche Renaissance“ innerhalb des Barocks darzustellen.

„Nationale Identitätskonstruktionen im deutschsprachigen Musiktheater“ stellte KLAUS PIETSCHMANN (Bern) vor. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kam es zu einer sozialen Verbreiterung des Musiktheaters sowohl auf der Bühne als auch im Publikum. Sie wurde sowohl vom Kaiserhaus wie von einzelnen deutschen Dynastien gefördert. Das deutsche Singspiel trat neben die italienische Oper und volkstümliche Elemente wie bekannte Marschmusiken wurden integriert. Der letzte Auftritt des sterbenden Günther von Schwarzburgs in der gleichnamigen deutschen Oper (1777) wirkt wie eine Zusammenfassung der zehn Jahre zuvor erschienen nationalpädagogischen Schrift „Vom deutschen Nationalgeist“.

Der Hauptertrag der Tagung liegt sicherlich in der Relativierung des angeblichen deutschen Sonderwegs. Insbesondere die Beiträge von Joachim Whaley, Martin Wrede, Horst Carl, Alexander Schmidt, Claus Pietschmann und Meinrad von Engelburg zeigten, dass nationale Räume in der Rezeptionsgeschichte patriotischer Ideen sowie der Kunst nur von nachrangiger Bedeutung gewesen sind. Patriotische Motive und Topoi waren gesamteuropäischer bzw. nordatlantischer Besitz und wurden nach ihrem Auftauchen schnell in die jeweils eigenen nationalen Diskurse integriert. Die Darstellung des Todes General Wolfes in Québec von Benjamin West (1770) wurde wohl in der patriotischen Kunst fast aller europäischer Länder adaptiert. Wobei der sterbende Wolfe durch die jeweils eigenen Helden ersetzt wurde. Die patriotischen Diskurse selbst jedoch wirkten trennend.
„D'Allemagne et des Pays de langue allemande“ heißt eine französische Zeitschrift. Diese Unterscheidung spielte auch in verschiedenen Tagungsbeiträgen sowie in der Diskussion eine prominente Rolle. Nicht alle Deutschen wurden als Bewohner des Reiches geboren und manche die Deutsch sprachen waren keine Deutsche, sondern zum Beispiel Eidgenossen mit einem eigenen Vaterland und Nationalstolz. Jene Deutschen, die außerhalb des Reiches beispielsweise in Ostpreußen oder im Baltikum geboren wurden, zeigten oft wenig Sinn für die politische Ordnung des Reiches, gleichwohl identifizierten sie sich mit der deutschen Nation und Kultur.

Kurzübersicht

I. Binnensichten

Georg Schmidt (Jena): Begrüßung und Einführung
Alfred Kohler (Wien): Österreich und die deutsche Nation – politische und kulturelle Distanz?
Peter Wilson (Hull): The Reichsarmee: integration through military cooperation?
Alexander Schmidt (Jena): Debatten um die Vaterlandsliebe der Deutschen

Dieter Langewiesche (Tübingen): Föderative Nation und kulturelle Identität – der (Rück)Blick aus dem 19. Jahrhundert

II. Die deutsche Nation von außen

Michael North (Greifswald): Die deutsche Nation und der Norden – Wirtschaftsraum und ethnisch-kulturelle Grenzen
Thomas Maissen (Heidelberg): Die Eidgenossen und die deutsche Nation
Hans-Jürgen Bömelburg (Gießen): Polen und die deutsche Nation
Martin Wrede (Gießen/München): Frankreich, das Reich und die deutsche Nation

III. Distinkt oder übergreifend?

Horst Carl (Gießen): Europäische Adelsgesellschaft und deutsche Nation
Joachim Whaley (Cambridge): Kulturelle Toleranz – die deutsche Nation im europäischen Vergleich
Siegrid Westphal (Osnabrück): Frauengelehrsamkeit im Wettstreit der Nationen am Beispiel der Frauenzimmerlexika
Luise Schorn-Schütte (Frankfurt am Main): Politica christiana. Eine christliche oder konfessionelle Grundordnung für die deutsche Nation?

IV. Nationalkulturelle Zuschreibungen

Daniel Fulda (Halle): Das Konzept der Nation in der deutschen Literaturgeschichtsschreibung des 18. Jahrhunderts.
Klaus Pietschmann (Bern): zur deutschen Oper und Singspiel
Meinrad von Engelberg (Darmstadt): "Deutscher Barock" oder "Barock in Deutschland - nur ein Streit um Worte?

Anmerkung:
[1] Asch, Ronald G., Der europäische Adel im Ancien Régime. Von der Krise der ständischen Monarchie bis zur Revolution (ca. 1600-1789), Köln 2001; Demel, Walter, Der europäische Adel vom Mittelalter bis zur Gegenwart, München 2005; Godsey, William D., Nobles and nation in Central Europe. Free imperial knights in the age of revolution, 1750 – 1850, Cambridge 2004.

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Zitation
Tagungsbericht: Die deutsche Nation im frühneuzeitlichen Europa. Politische Ordnung und kulturelle Identität?, 13.03.2008 – 15.03.2008 München, in: H-Soz-Kult, 07.04.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2057>.