„Kampf dem Atomtod“ – Die Hamburger Protestbewegung vom Frühjahr 1958 in zeithistorischer und gegenwärtiger Perspektive

Ort
Hamburg
Veranstalter
Akademie der Wissenschaften in Hamburg (AdWH) in Zusammenarbeit mit der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (FZH), dem Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH) und dem Carl-Friedrich von Weizsäcker-Zentrum für Naturwissenschaft und Friedensforschung Universität Hamburg (ZNF)
Datum
27.03.2008
Von
Knud Andresen, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (FZH)

Am 17. April 1958 fand in Hamburg die größte Demonstration der Bewegung „Kampf dem Atomtod“ statt. 150.000 Menschen demonstrierten gegen die Pläne der Bundesregierung, die Bundeswehr mit taktischen Atomwaffen auszustatten. Dieses Ereignis vor fünfzig Jahren hat die AdWH in Verbindung mit der FZH, dem IFSH und dem ZNF zum Anlass genommen, in einer interdisziplinären Tagung von Historikern, Politologen und Naturwissenschaftlern die zeitgeschichtlichen Hintergründe und die gegenwärtige atomare Bewaffnung darzustellen.

HEIMO REINITZER (AdWH) hob in seiner Begrüßung hervor, dass die Angst vor einem Atomschlag heute zwar nicht mehr so groß sei wie zu Zeiten des Kalten Krieges, auch wenn die Bedrohung weiterhin existiere. Die Tagung solle daher nicht allein der Erinnerung dienen, sondern auch bewusstes und aktives Handeln ermöglichen.

AXEL SCHILDT (FZH) skizzierte die Hintergründe der Anti-Atomtod-Bewegung. Konrad Adenauer hatte im April 1957 die atomare Bewaffnung zu relativieren versucht, in dem er sie in einer legendären Formulierung als „Weiterentwicklung der Artillerie“ bezeichnete. Kurz darauf warnten 18 prominente Atomphysiker („Göttinger 18“) vor einer atomaren Bewaffnung. Dies sei jedoch nicht als der Auslöser für die Anti-Atomtod-Bewegung zu verstehen, da die Mehrheit der Bevölkerung schon vorher die Atombewaffnung ablehnte; die Göttinger Erklärung sei vielmehr die „willkommene wissenschaftliche Beglaubigung“ der verbreiteten Ablehnung. Neben der SPD und den Gewerkschaften waren vor allem protestantische Theologen prominente Protagonisten der Bewegung, die nach Ansicht Axel Schildts die moralische Meinungsführerschaft zu der Zeit besaß. Dies demonstrierte besonders Albert Schweitzer, dessen öffentliche Stellung gegen die Atombewaffnung die moralische Überlegenheit prägnant markierte. Zu den Atomkritikern gehörte schließlich auch die BILD-Zeitung. Die Ablehnung war jedoch gegen die militärische Nutzung der Atomkraft gerichtet. Die zivile Nutzung sei im zeitgenössischen Begriff des „Atomzeitalters“ äußerst positiv konnotiert und mit großen Erwartungen an eine Wohlstandsphase verbunden gewesen. „Atomzeitalter“ bezeichne also keine Ängste, sondern „das Heraufdämmern einer westlichen Konsumgesellschaft.“ Die SPD präsentierte sich dabei als Partei der friedlichen Kernenergienutzung, die den „militärischen Missbrauch“ entschieden ablehnte. Vor diesem Hintergrund organisierten die Hamburger Sozialdemokraten mit dem Bürgermeister Max Brauer die Kundgebung am 17. April und verkündeten einen Volksentscheid gegen die Atombewaffnung, welcher jedoch vom Bundesverfassungsgericht gestoppt wurde. Brauer blieb auch in dieser Frage engagiert, als seine Partei bereits ihren Frieden mit der Westintegration gemacht hatte.
In einem beeindruckenden Vortrag gab HORST-EBERHARD RICHTER (IPPNW) Rückblicke auf sein Leben als Leitfigur der Friedensbewegung. Der Psychoanalytiker exemplifizierte seine Lebensüberzeugungen anhand Günter Anders Überlegungen zur Angst, die er unterschied in „belebende“ und „liebende“ Angst, die eine politische Gestaltungskraft hätten.[1] Die Angst vor einem Atomkrieg sollte nicht verdrängt werden. Richter plädierte für die menschliche Kraft der Versöhnung, Misstrauen würde den Schutz durch eine Atombombe benötigen.

REINHARD MUTZ (IFSH) deutete die Berlin-Krisen 1948/49 und 1958-1961 konflikttheoretisch. Dabei stellte er heraus, dass es Parallelen in den Verhaltensmuster bei den Krisen gab: 1948 erzwangen die Westalliierten nicht den Zugang nach Berlin, während die Sowjets die Luftbrücke zuließen. In der zweiten Krise versuchten die Sowjets nicht, ihre Forderung nach einer freien Stadt militärisch durchzusetzen, während die Westalliierten den Mauerbau zuließen. Durch diese Verhaltensmuster sei die Gefahr eines Krieges abgewendet worden, was durch das atomare Patt begünstigt wurde.
Dass das Wettrüsten zwar beendet, die Gefahr eines „atomaren Armageddons“ aber weiter bestehe, verdeutlichte GÖTZ NEUNECK (IFSH). Das „atomare Patt“ des Kalten Krieges habe weitgehend funktioniert, während heute die sowjetischen wie US-amerikanischen Militärstrategien einen Einsatz von Atomwaffen vorsehen. Die Mehrzahl der Atomwaffen sei zwar inzwischen abgebaut, aber die verbleibenden durch Modernisierung effektiver einsetzbar. Neue Initiativen zum völligen Abbau von Atomwaffen seien nicht erkennbar, dies müsse – so Neunecks Brückenschlag zum Ausgangsthema – auch durch eine engagierte Öffentlichkeit erreicht werden.

MARTIN KALINOWSKI (ZNF) stellte heraus, dass der Nichtverbreitungsvertrag für Kernwaffen von 1968 als „Erfolgsmodell“ zu bewerten sei. Denn zu den fünf Kernstaaten seien bis heute nur drei Staaten mit Kernwaffen (bzw. vier mit Nordkorea) hinzugekommen, während viele andere Staaten ihre diesbezüglichen Planungen wieder aufgaben. Die südliche Hemisphäre ist inzwischen atomwaffenfrei. Er kritisierte jedoch die Ungleichbehandlung in der Atompolitik. In einem düsteren Ausblick skizzierte Kalinowski Prognosen der Friedensforschung, dass bis zu 19 Staaten das politische Interesse und die technischen Möglichkeiten – ausgehend von der zivilen Nutzung der Atomkraft – haben könnten, Atomwaffen zu bauen. Offen ist auch die Gefahr eines Nuklearterrorismus, der jedoch keinen zwischenstaatlichen Konflikt darstellt.

Auf der Tagung gelang es, Verbindungslinien zwischen der historischen Anti-Atomtod-Bewegung und der gegenwärtigen Situation zu ziehen. In der Diskussion zeigte sich, dass eine atomare Bedrohung heute kaum wahrgenommen werde und keine Bewegung das Thema aufgreife. Es zeigte sich aber auch, dass handlungsleitende „Lehren“ aus historischen Ereignissen nur sehr bedingt zu ziehen sind. Die Tagung hat, ausgehend von einem historischen Ereignis, die Genese und Aktualität der atomaren Bedrohung verdeutlicht.

Konferenzübersicht:

„Kampf dem Atomtod“ – Die Hamburger Protestbewegung vom Frühjahr 1958 in zeithistorischer und gegenwärtiger Perspektive

Heimo Reinitzer: Begrüßung
Axel Schildt: ‚Atomzeitalter’ – Gründe und Hintergründe der Proteste gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr Ende der 1950er Jahre
Horst-Eberhard Richter: Atomangst und Menschlichkeit – einst und heute
Reinhard Mutz: Die Berlin-Krisen 1948/49 und 1958-1961 – Lehren aus dem Kalten Krieg
Götz Neuneck: Atomares Wettrüsten der Großmächte – kein abgeschlossenes Kapitel
Martin Kalinowski: Kernwaffen in unsicheren Händen – die Proliferation von Kernwaffen und internationale Anstrengungen zu deren Nichtverbreitung

Anmerkungen:
[1] Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München 1956.

Zitation
Tagungsbericht: „Kampf dem Atomtod“ – Die Hamburger Protestbewegung vom Frühjahr 1958 in zeithistorischer und gegenwärtiger Perspektive, 27.03.2008 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 18.04.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2067>.
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Veröffentlicht am
18.04.2008
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