Generation als Erzählung. Neue Perspektiven auf ein kulturelles Deutungsmuster

Ort
Göttingen
Veranstalter
Björn Bohnenkamp, Lars Klein, Till Manning, Markus Neuschäfer, Alexandra Retkowski, Eva-Maria Silies, Nadine Wagener-Böck, Gudrun Weiland (DFG-Graduiertenkolleg Generationengeschichte)
Datum
13.03.2008 - 15.03.2008
Von
Janet Boatin, Seminar für Deutsche Philologie, Georg-August-Universität Göttingen

Wer sich derzeit den zahllosen Dokumentationen über die Achtundsechziger aussetzt oder einfach seinen Großeltern zuhört, dem erscheint sie naheliegend: die Bedeutsamkeit von narrativen Strukturen für Erfahrungsgemeinschaften. Ein aus Historikern, Pädagogen, Sozial-, Literatur- und Medienwissenschaftlern bestehendes Symposion, das vom 13.-15. März in Göttingen stattfand, stellte eben diesen Konnex zwischen Generationalität und Narrativität in den Mittelpunkt. Generationenerzählungen vermitteln, so die übergeordnete Prämisse der Tagung, nicht allein faktische und fiktive Vorgänge. Vielmehr müssten Narrative, in denen sich identitäre Suche über generationale Vergemeinschaftung vollzieht, als kulturelle Ordnungsmuster verstanden und analysiert werden, die für die Strukturierung von Erfahrung und Wissen grundlegend seien. Das Programm versprach eine Vielfalt an Themen und methodischen Zugriffen, die keine trennscharfe Abgrenzung, sondern einen kaleidoskopischen Blick auf das Tagungsthema beabsichtigte. Der Mut der Organisatoren zu einer heterogenen Sektionszusammenstellung wurde insofern belohnt, als sich rote Fäden über die drei Symposientage hinweg entwickelten, die in Beiträgen und Diskussionen aufgegriffen und weitergesponnen wurden. Diese panelübergreifenden Linien stifteten eine Kohärenz, die im Folgenden abgebildet werden soll.

Im eröffnenden Theoriepanel machten sich THOMAS AHBE (Wien) und RAINER GRIES (Potsdam) zur Aufgabe, Karl Mannheims Triadenmodell für generationsgeschichtliche Untersuchungen im (pluralistischen) 21. Jahrhundert weiterzudenken. Sie schlugen erstens vor, auf die mannheimschen Generationseinheiten, milieuabhängige Teilgenerationen also, zu verzichten, deren Konstruktion sich zumeist auf die Verhaltens- und Denkweisen kultureller Avantgarden beschränkt. Stattdessen sollte das Augenmerk wie im angeführten Beispiel des „publizierenden Publikums“ im Web 2.0 auf diejenigen Konstellationen gerichtet werden, die Generationszusammenhänge konstituierten. Zweitens sollte die Generationsforschung nicht den in Mannheims Theorie angelegten Mythos Jugend fortschreiben, sondern sich für gesamte Lebensverläufe interessieren. Ahbe und Gries verwiesen schließlich auf die Bedeutung von Medien in Prozessen generationeller Selbstverständigung. Die ihres Erachtens erfolgreiche Konstruktion Generation Golf ließe sich sowohl durch den Einfluss von Meinungsmultiplikatoren als auch über die Integrierbarkeit dieses Deutungsmusters in die mediale Diskursdynamik erklären. Ahbes und Gries’ Beispiele wurden in der Diskussion hinterfragt. Erstens stelle auch das „publizierende Publikum“ im Web 2.0 jene elitäre Generationseinheit dar, der die Referenten die Absage erteilt hätten (Daniel Morat); zweitens gelte es, den narrativen Charakter von Generationenkonstrukten näher zu betrachten, da sich ex post konstruierte Kohorten wie die Achtundsechziger von einer medial geborenen und erzogenen Generation wie die von Florian Illies' inspizierte Generation Golf unterschieden (Uffa Jensen). Des Weiteren dürfe die Historizität der Erweiterung der Generationstheorie nicht vernachlässigt werden. Zu Mannheims Zeiten bestimmte unter anderem die Entwicklungspsychologie die vorherrschenden Denkmuster über Gesellschaft und Subjekt mit. Auf einer wissenschaftsgeschichtlichen Metaebene müsste somit parallel zu gesellschaftlichen Generations- und Selbstwerdungstheorien der Wandel von psychologischen Paradigmen verfolgt werden (Bernd Weisbrod).

BJÖRN BOHNENKAMP (Göttingen) plädierte in seinem Beitrag für eine stärkere Reflexion über die Kulturtechniken in der Generationsforschung. Die Einteilung in Alterskohorten bestimmter Geburtsjahrgänge, oder allgemeiner: die Segmentierung von Zeit ist eine gängige Praxis, um Generationenerzählungen Evidenz zu verleihen. Auf drei metrischen Kulturtechniken basiere Bohnenkamp zufolge die Generationsforschung: erstens dem Zählen – sei es als Abzählen von und in Generationen oder als kalendarische Abbildung –, zweitens dem Vermessen – um beispielsweise aus einer disparaten Vielfalt eine Einheit zu bilden –, und drittens dem Teilen – bei der Unterteilung einer Gesellschaft in verschiedene Erfahrungskollektive. Bohnenkamp warnte am Beispiel von Strauss’ und Howes Konstruktion einer sich zirkulär wiederholenden Grundstruktur der US-amerikanischen Gesellschaft vor der kurzschlüssigen Verknüpfung von Wort und Zahl.[1]

Im öffentlichen Abendvortrag erklärte NIKOLAUS WEGMANN (Princeton) die Kulturtechnik des remote controlling, das heißt das Fernbedienen zum Distinktionsmerkmal der Zugehörigkeit zu einer Generation. Wegmann skizzierte die mediengeschichtliche Implementierung einer Technik in eine Gesellschaft und vertrat die emphatische These, dass das Medium Fernsehen durch die Aneignungsprozesse im Umgang mit der Fernbedienung deautorisiert worden sei. Während vor der 1984 erfolgten Einführung des privaten Rundfunks in der BRD die Kommunikationsmacht von den öffentlich-rechtlichen Sendern gesteuert worden sei, hätten sich die historischen Akteure nach dieser historischen Zäsur zappend durch ein größeres Programmangebot bewegen und derart selbstbestimmt wählen können, was sie rezipierten. Es stellt sich nicht allein die Frage, ob dieser Kulturtechnik Distinktionskraft über die Zugehörigkeit zu einer Generation zugeschrieben werden kann. Wenn die soziohistorischen Bedingungen bei einer solchen Analyse der medien- bzw. technikgenerationalen Sozialisierung von historischen Akteuren außer Acht gelassen werden, erscheinen sogar Zeitunglesen im 18. und Zappen im 20. Jahrhundert ähnlich.

Mediale Modi von Generationenerzählungen wurden in mehreren Tagungsbeiträgen beleuchtet. KATRIN MAX (Würzburg) bot in ihrem Vortrag über Thomas Manns Buddenbrooks eine erneute Lesart des familiären Niedergangs über vier Generationen an. Im Roman wird der Verfall der Familie als ein erblich begründeter und überindividuell determinierter Prozess erzählt, den Max auf der Grundlage von zwei Ordnungsprinzipien interpretierte: einerseits der zeitgenössischen Degenerationstheorie nach B. A. Morel, andererseits Nietzsches Verfallspsychologie sowie Schopenhauers Willensmetaphysik. CELINE KAISER (Bonn) stellte in ihrer Inszenierungsanalyse des Theaterstücks „Generation P“ das Staging als Alternative zur Generationenerzählung vor. Die Bonner Theaterproduktion setzt anhand von Interviews die Erfahrungen einer medial als ‚Generation Praktikum’ gefassten Altersgruppe in Szene. SABINE BUCK (Göttingen) untersuchte die marketingstrategische Verwendung der Begriffe ‚Generation’ und ‚Generationenerzählung’ in der gegenwärtigen Literaturkritik. In Rezensionen zu Katharina Hackers Die Habenichtse, Peter Langs Unter Paaren und Benjamin Kunkels Unentschlossen würde die Etikettierung als Generationenroman damit begründet, dass entweder einzelne Figuren aufgrund ihres spezifischen Lebensstils im Text oder der/die Autor/in als repräsentativ für eine Generation auslegt werden. Generation fungiert im feuilletonistischen Diskurs somit als Authentizitätsmarker eines den Zeitgeist treffenden Textes.

DANIEL FLÜCKIGER (Bern) sprach in seiner Fallstudie über den Berner Gründermythos, den als „Übergang“ in der Erinnerungskultur des 19. Jahrhunderts festgeschriebenen Einmarsch französischer Truppen in die Eidgenossenschaft im Jahre 1798. Flückiger rekonstruierte anhand von Tagebüchern, Autobiographien und öffentlichen Publikationen den Einfluss des transgenerationell tradierten Deutungsmusters. CARSTEN HENNIG (Frankfurt am Main) analysierte die mediale Sozialisierung von Soldatengenerationen durch das Genre des US-amerikanischen Combat-Films. Hennig schrieb der Darstellung traumatischer Kriegserinnerungen im Film das Potenzial einer „Re-Integration der traumatisierten Psyche auf persönlicher, familiärer und sozialer Ebene“ zu. Hieran schloss sich eine Diskussion über Rückkopplungsprozesse zwischen Medien, Wissenschaft und Gesellschaft, vor allem über die Perpetuierung von vorherrschenden Deutungsmustern wie zum Beispiel der Diagnose posttraumatischer Belastungsstörungen.

Ein gesamtes Panel thematisierte die Darstellung traumatischer Ereignisse und ihrer Folgen in der jüngsten Familienliteratur. MICHAEL OSTHEIMER (Chemnitz) stellte im Rückgriff auf die transgenerationelle Psychotraumatologie Texte von Autoren aus der westdeutschen Kriegskindergeneration (Uwe Timm: Am Beispiel meines Bruders, Ulla Hahn: Unscharfe Bilder, Stephan Wackwitz: Ein unsichtbares Land) jenen von ostdeutschen und frühzeitig emigrierten Autoren (Wolfgang Hilbig: Alte Abdeckerei, W. G. Sebald: Austerlitz, Reinhard Jirgl: Die Unvollendeten) gegenüber. In Hilbigs, Sebalds und Jirgls Romanen würden gebrochene Lebensschicksale von Figuren entworfen, die von einer Sprachlosigkeit und deutlichen Behinderung im Individuationsprozess geprägt seien; wohingegen die westdeutschen Autoren Portraits von wortstarken Kriegskindern gezeichnet hätten. THOMAS WALLNER (Leipzig) untersuchte die Generationenbeziehungen in Familienromanen deutsch-jüdischer Autoren der ‚zweiten Generation’ (Daniel Ganzfried: Der Absender, Doron Rabinovici: Suche nach M.), in denen das "Nicht-Erlebnis der Gewalterfahrung" mit dem elterlichen Schweigen konfrontiert werde. Auch seien Schuldgefühle als transgenerationales Symptom motivisch vorherrschend.

Eine inspirierende Panelkombination befasste sich mit Gründungsmythen. MELANIE KÖHLMOOS (Göttingen) analysierte in ihrem Vortrag über die sogenannte Vätergeschichte in Genesis 12-50 den alttestamentlichen Gründermythos Israels als Volk der zwölf Stämme. Die ursprünglich eigenständigen Erzählungen von Abraham, Isaak und Jakob, die jeweils in der Beerdigung des Vaters durch die Söhne münden, wurden in der politischen Krise Israels und Judas durch die assyrische Besatzung im Jahre 720 v. Chr. zu einem wirkmächtigen Plot verbunden. Die Genealogie wird nach Köhlmoos durch zwei erzählerische Mittel zusammengehalten: einerseits die Abbildung der Sozialstruktur des urgenerationalen Israels (Großfamilien in Agrarkultur des Alten Orients), die hohen Identifikationswert für spätere Leserschaften gehabt hätte. Andererseits verleihe der Patriarchenerzählung die göttliche Verheißung Kohärenz, die wiederum als stetig gefährdet dargestellt wird. KIM CHRISTIAN PRIEMEL (Frankfurt an der Oder) diskutierte in einem detaillierten Vortrag anhand von Erinnerungsliteratur, Festschriften und historiographischen Abhandlungen die Bedeutung von Generationalität als unternehmensgeschichtlichem Ordnungsmuster. Priemel stellte am Beispiel der Konzerne Krupp, Thyssen und Flick Erzählformen heraus, die den jeweiligen Unternehmensgeschichten gemein sind. Zusammengefasst sind dies ein Mythen umwobener Gründungsakt eines schöpferischen Unternehmers, auf den die familiären wie unternehmerischen Traditionen fortan rekurrieren; ein prozessualer Verfall des Familienunternehmens über mehrere Generation hinweg; und das Mitschreiben an der eigenen Legende zum Beispiel über Erinnerungsorte (wie dem ersten Büro der Firma Thyssen). Auch die symbolische Bedeutung dieser spezifischen Familienunternehmen im zeitgenössischen nationalen Kontext sei strukturell vergleichbar (beispielsweise anhand von Heroisierungsphrasen wie ‚Bismarck und Krupp als Reichsgründer’). In Priemels Vortrag wurde eine zentrale methodische Schwierigkeit im Umgang mit Generationenerzählungen freigelegt, dass hinter narrativen Schablonen die jeweiligen Entwicklungen in den Unternehmensgeschichten zu verschwinden drohen. Das genealogische Erzählmuster sowohl der Vätergeschichte im Alten Testament als auch der Unternehmensgeschichten verdecke, so Weisbrod, auch noch einen weiteren Aspekt, dass sich nämlich hinter diesen Narrativen ein Auftrag verberge: auf der einen Seite die Mission zur Volkwerdung bzw. -wahrung, auf der anderen der unternehmerische Erfolg. Generationalität könne demzufolge auch als Projekt fungieren.

CHRISTINA LUBINSKI (Göttingen) untersuchte die mündlich wie schriftlich tradierten Generationenerzählungen und Rituale der deutschen Familienkonzerne Bagel, Rodenstock und Deckel unter dem Aspekt des psychologischen Eigentums. Lubinskis Beitrag stellte eine fachdisziplinäre Öffnung in zwei Richtungen dar: Zum einen erweiterte sie die stark auf das Individuum fokussierte Theorie des psychologischen Eigentums auf die Sozialräume Familie und Gesellschaft, zum anderen wurde der oftmals von der Unternehmensgeschichtsschreibung unberücksichtigten Dimension der individuellen Eigentumswahrnehmung von seiten der Familiengesellschafter Rechnung getragen.

In vier Beiträgen drückte sich die Spezifität von Generationenerzählungen innerhalb von Familien aus, in denen gesamtgesellschaftliche oder politische Bezüge häufig aufgrund familieninterner Psychodynamiken an Bedeutung verlieren. Familiale Generationserzählungen erfordern deshalb gerade in Interviewsituationen antizipierende Sensibilität des Interviewers, betonte ALEXANDRA RETKOWSKI (Göttingen). Entscheidend seien demnach bei der Auswertung von Generationenerzählungen nicht nur die Fragen, wann was auf welche Art und Weise geäußert, sondern auch wem dieses Narrativ erzählt wird. Retkowski kam in ihrer Analyse intergenerationeller Sorgepraktiken zu dem Schluss, dass Generationenkonstrukte die jeweilige Familienaufstellung durchaus dynamisieren, sie aber ebenso gegen die Interaktivität familialer Generationenbeziehungen ausgespielt werden könnten. CHRISTINE THON (Flensburg) fügte der Bandbreite immer noch männerdominierter Generationsgeschichten eine Frauenperspektive hinzu. Sie hinterfragte in durch Dreigenerationeninterviews erhobenen Frauenbiographien ein topisches Erklärungsmuster: das Bedürfnis einer jüngeren Generation nach Abgrenzung von der elterlichen. In Thons Sample zeigte sich, dass das Lebensmodell der Mutter in derjenigen Generation zur Negativfolie wurde, die als Trägerin eines Wandels von Geschlechterverhältnissen betrachtet wird. Diese Abgrenzung konnte aber auch produktiv in Strategien zur Vermeidung spezifischer Verlaufskurvenpotentiale umgesetzt werden. Die Bezugnahme der jüngsten Generation auf die mittlere vollzog sich nicht durch ein explizites „Nicht-wie-meine-Mutter“. Stattdessen wurde die elterliche Erziehungspraxis als Ressource (Selbstbewusstsein, Durchsetzungskraft) für das eigene Lebensmodell verstanden.

MALTE THIEßEN (Hamburg) stellte die Ergebnisse eines interdisziplinären Projekts zur „transgenerationalen Weitergabe von Kriegserfahrungen“ an der Hamburger Forschungsstelle für Zeitgeschichte vor, in dessen Rahmen seit zwei Jahren Dreigenerationengespräche in Familien mit Zeitzeugen der Luftangriffe auf Hamburg im Juli 1943 geführt werden. Thießen arbeitete eine Funktionstypologie für die narrative Konstruktion von Generationalität in den Interviews als „biographisches Argument“ heraus. Das Deutungsmuster wurde in den Erzählungen eingesetzt erstens als „biographische Differenz“, wobei die generationelle Erfahrung des ‚Feuersturms’ als individuelles Erlebnis beschrieben wurde, um explizit die Deutungshoheit über die eigene Lebensgeschichte zu beanspruchen; zweitens als Auftrag für die Gegenwart, damit sich derartige Ereignisse nicht wiederholen würden; drittens als intergenerationelles Vermächtnis an nachgeborene Generationen und viertens als Tabu(bruch) gegen das Vergessen der generationellen Erfahrung. Eine das Verhältnis zwischen historisch-gesellschaftlich und familialen Generationen verknüpfende Perspektive wählte UTA KARSTEIN (Leipzig) in ihrer Fallstudie über familienkommunikative Strategien in Interviews mit ostdeutschen Dreigenerationenfamilien. Karstein wies darauf hin, dass Generationalität, insbesondere generationale Unterschiede, nur unter bestimmten Voraussetzungen zum Thema familialer Gespräche werden. Sie entwickelte eine Typologie der Strategien, um mit der Wahrnehmung von Unterschieden umgehen zu können. Differenz wurde erstens in den Interviews überblendet. Unter Zuhilfenahme übergeordneter, imaginierter Einheiten (Ost/West, oben/unten) würden Differenzen in derartigen Kommunikationskonstellationen als unterschwelliges Problem zugunsten der Einheit der Familie geglättet. Generationale Unterschiede wurden in den Gesprächen zweitens als von gesellschaftlichen Zwängen verursacht benannt und anerkannt. Diese Form der Externalisierung ermögliche, so Karstein, die Aufrechterhaltung der familialen Einheit trotz Differenz. Die dritte familienkommunikative Strategie drückte sich in der Problematisierung von beispielsweise weltanschaulichen Differenzen aus. Hierbei seien die Unterschiede zwischen den generationellen Erfahrungen zu Aspekten der offenen Konfrontation in den Dreigenerationeninterviews geworden.

JÖRG THOMAS RICHTER und STEFAN WILLER (Berlin) beleuchteten die Begriffsgeschichte des modernen Konzepts ‚Generation’ mit seinen Fortschritts- und Futurisierungsimplikationen. Ihr Beitrag verortete den Anfang des Generationenkonzepts im deutschen Bildungs- und Erziehungsdiskurs um 1800 (am Beispiel von Jean Paul, Schleiermacher und Kant). Das binäre Generationenverhältnis entwickelte sich ab dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts (F. Boas, M. W. Hanson, Mead) zu einem Konfliktmodell, dem generation gap, das sich bis zur umgekehrten Vorstellung des generationellen Nachhaltigkeitsprinzips zugespitzt habe: „Die Zukunft ist jetzt“.[2]

In der Abschlussdiskussion betonten Malte Thießen, INGRID BENNEWITZ (Bamberg), GUDRUN WEILAND (Göttingen) und BERND WEISBROD (Göttingen) die zugleich analytische wie aktivierende Kraft des Konzepts ‚Generation’. Den Erfolg und die Wirkung einer Generationenerzählung primär als Ausdruck einer kollektiven Erfahrung zu deuten, greife aufgrund dieser doppelten Kraft des Konzepts zu kurz. Ein generationelles Supernarrativ sollte als die Erzählung verstanden werden, die sich in einer bestimmten Zeit-Raum-Konstellation durchgesetzt hat. Umso deutlicher tat sich an dieser Stelle die methodische Falltür auf, vor der sich die Generationsforschung in Acht nehmen muss: die Widerspiegelung und Perpetuierung von vorherrschenden Deutungsmustern. Denn das Aufrufen von Generationalität in Gesprächen könnte schlichtweg als Sagbarkeitsformel für individuelle Gefühle eingesetzt werden, die sich nur schwer oder gar nicht ausdrücken lassen.[3] Bezüglich der thematischen Ausrichtung des Symposions wurde festgehalten, dass sich Generationenkonzepte auch jenseits der Narration als evident erweisen. Die (Nicht-) Zugehörigkeit zu einem wie auch immer gearteten Kollektiv kann der sinnstiftenden Selbstverortung und -vergrößerung des Subjekts dienen. Die konjunkturelle Gemengelage unterschiedlichster Generationen in den letzten Jahren zeuge möglicherweise davon, dass sich Akteure im 21. Jahrhundert nicht (mehr nur) einer pathetischen Generation zugehörig fühlen. Der heutigen Vorstellung von selfhood entspreche eher die gleichzeitige Zugehörigkeit zu mehreren, sogar gegensätzlichen Generationskonzepten, um sich selbst zu erfahren.

Die Generationsforschung wurde auf dem Göttinger Symposion nicht neu erfunden. Die Ambivalenz, die bereits der heterogenen Panelstruktur innewohnte, macht sich auch in der Analyse der Tagung selbst bemerkbar. Transdisziplinarität ermöglicht zwar einen multidimensionalen Blick auf einen Themenkomplex, erfordert jedoch die Bereitschaft, sich auf fachfremde Logiken einzulassen. Die Göttinger Tagung konnte nicht immer die Brücke zwischen den Disziplinen schlagen. Es ist hingegen als Verdienst anzurechnen, dass die fachgebietsspezifischen Unterschiede anregend diskutiert wurden. Bemerkenswert – gerade bezüglich der vielbeschworenen Professionalisierung des akademischen Nachwuchs in der Promotionsphase – bleibt schlussendlich, dass das Symposion „Generation als Erzählung“ von Stipendiat(inn)en des Göttinger DFG-Graduiertenkollegs „Generationengeschichte. Generationelle Dynamik und historischer Wandel im 19. und 20. Jahrhundert“ (Björn Bohnenkamp, Lars Klein, Till Manning, Markus Neuschäfer, Alexandra Retkowski, Eva-Maria Silies, Nadine Wagener-Böck und Gudrun Weiland) eigenständig organisiert worden ist.
Eine Publikation der Tagungsbeiträge ist geplant.

Kurzübersicht:

13. März 2008
Begrüßung und Einführung durch Bernd Weisbrod und die Organisator(inn)en
Panel I: Generationenkonzepte. Entwerfen und Thematisieren von Erzählungen (Moderation: Eva-Maria Silies)
Thomas Ahbe / Rainer Gries: Karl Mannheim weiter denken
Björn Bohnenkamp: Vom Zählen und Erzählen. Generationen als Effekt von Kulturtechniken

Panel II: Generationskonstrukte. Erzählen und Erinnern (Moderation: Miriam Rürup)
Malte Thießen: Generation „Feuersturm“. Zur Konstruktion von Zeitzeugenschaft in Erzählungen des Luftkriegs
Alexandra Retkowski: Ein Kriegskind aus der 68er Generation erzählt. Update zum „Altern einer Generation“

Öffentlicher Festvortrag (Moderation: Björn Bohnenkamp)
Nikolaus Wegmann: Mediengeneration? Eine Fallgeschichte auf das Jahr 1984

14. März 2008
Panel III: Gründungsmythen. Generationsabfolgen und genealogische Ordnung (Moderation: Till Manning)
Melanie Köhlmoos: „Lobt Ihn mit allen, die seine Verheißung bekamen“. Die Erzählungen über die alttestamentlichen „Erzväter“ als Generationenerzählung
Kim Christian Priemel: Entrepreneursmythen und degressives Geschichtsbild. Generationalität als unternehmensgeschichtliches Ordnungsmuster

Panel IV: Abgrenzungen. Distinktion in Generationenerzählungen (Moderation: Alexandra Retkowski)
Celine Kaiser: Generation P - Eine Inszenierungsanalyse
Christine Thon: „Jedenfalls haben wir alles ganz anders gemacht als unsere Eltern“ – Ein generationales Konstruktionsmuster biographischer Erzählungen?

Panel V: Vererbung. Erzählte Weitergabe und Weitergabe der Erzählung (Moderation: Markus Neuschäfer)
Katrin Max: Erbangelegenheiten. Die Generationenfolge in Thomas Manns Roman „Buddenbrooks“ aus medizinisch-biologischer Sicht
Christina Lubinski: Generationenerzählungen und psychologisches Eigentum in mehrgenerationellen deutschen Familienunternehmen, 1960er-2000er

Panel VI: Inszenierung. Dramaturgie der Generationenerzählung (Moderation: Lars Klein)
Carsten Hennig: Fathers in Arms – Die transgenerationale Dynamik von Kriegstraumata als Narrativ im US-Kino
Sabine Buck: Narrative Gegenwartsanalysen? ‚Generation’ als Deutungsmuster und Wertkriterium der Literaturkritik

15. März 2008
Panel VII: Tradierung. Familiale Projekte und gesellschaftliche Projektion (Moderation: Christina May)
Uta Karstein: Familiale Einheit und generationelle Differenz. Zur kommunikativen Konstruktion historischer Generationen
Daniel Flückiger: Endlose Ohnmachtsdiskurse. Die Permanenz eines generationsspezifischen Deutungsmusters in Bern.

Panel VIII: Nichterzähltes. Die Präsenz des Beschwiegenen (Moderation: Gudrun Weiland)
Michael Ostheimer: Die Sprachlosigkeit der Kriegskinder
Thomas Wallner: „Geschichtsverlust – Gesichtsverlust.“ Generationenbeziehungen und
Generationengrenzen im Familienroman deutsch-jüdischer Autoren der „zweiten Generation“

Panel IX: Generationenentwürfe. Die Vererbung des Zukünftigen (Moderation: Uffa Jensen)
Jörg Thomas Richter/ Stefan Willer: Nachhaltige Zukunft: Über ‚kommende Generationen’

Abschlussdiskussion (Moderation: Till Manning)
Ingrid Bennewitz/ Gudrun Weiland / Bernd Weisbrod

Anmerkungen:
[1] Vgl. Strauss, William; Howe, Neil, The History of America’s Future, 1584-2069, New York 1991.
[2] So Margaret Mead in Culture and Commitment (Der Konflikt der Generationen. Jugend ohne Vorbild, Freiburg im Breisgau 1973) in Anlehnung an das Macbeth-Zitat “and I feel now/ The future in the instant”.
[3] Vgl. Scarry, Elaine, The Body in Pain. The Making and Unmaking of the World, New York 1985.

Zitation
Tagungsbericht: Generation als Erzählung. Neue Perspektiven auf ein kulturelles Deutungsmuster, 13.03.2008 – 15.03.2008 Göttingen, in: H-Soz-Kult, 08.05.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2092>.
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Veröffentlicht am
08.05.2008
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