Die religiösen und konfessionellen Prozesse im Baltikum während des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit

Ort
Riga
Veranstalter
Prof. Dr. Ojars Sparitis, Riga Prof. Dr. Anton Schindling, Tübingen Prof. Dr. Werner Buchholz, Greifswald
Datum
03.04.2008 - 03.04.2008
Von
Magnus von Hirschheydt, Historisches Seminar, Eberhard-Karls-Universität Tübingen

Das Rigaer Arbeitsgespräch, welches an der Fakultät für Geschichte der Lettischen Universität stattfand, und dessen Ziel die Beförderung von Kontakt und Austausch unter Frühneuzeitforschern verschiedener Disziplinen aus Deutschland, Schweden, Lettland und Estland war, schloss an Konferenzen zu ähnlichen Themen in Greifswald 2004, 2005 und 2007 sowie in Tallinn/Reval 2006 an. Die Tagung wurde als gemeinsame Veranstaltung der Lehrstühle für Kunstgeschichte der Kunstakademie Lettlands in Riga, für Neuere Geschichte der Universität Tübingen und für Pommersche Geschichte der Universität Greifswald in Verbindung mit der Arbeitsgemeinschaft für pommersche Kirchengeschichte e. V. durchgeführt. Sie wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft gefördert.

Die erste Sektion begann mit einem allgemeinen Einstieg in die Geschichtsschreibung der baltischen Länder und ihrer Entwicklung. VALDA KLAVA (Riga) teilte in ihrem einleitenden Vortrag die moderne lettische Geschichtsschreibung in Bezug auf die Reformation in drei Epochen ein. Nach der Unabhängigkeit 1990 kam die Abkehr vom marxistischen Modell der Nachkriegsepoche. Allerdings stößt das Zeitalter der Reformation, abgesehen von Kirchenhistorikern, auf nur wenig Interesse der zeitgenössischen Forschung und beschränkt sich weitgehend auf die Wiederauflage älterer lettischer Werke der ersten Epoche und der exillettischen Geschichtsschreibung, welche die Zeit der Reformation durchweg negativ bewertete und in den Gegensatz zur „guten Schwedenzeit“ stellte. Anschließend referierte ANDRIS LEVANS (Riga) über „Die protestantische Wende in der städtischen Historiographie Livlands. Zur Geschichts- und Erinnerungskultur in Riga im 16. und 17. Jahrhundert“. Levans sah in der frühneuzeitlichen Historiographie Rigas, welche die Quellengrundlage seiner Ausführungen darstellte, einen Versuch der damaligen Geschichtsschreiber durch ihre Werke die „Erschaffung einer neuen Rigaer Kultur durch Erinnerung“ zu vollbringen. So nimmt Levans verschiedene Chroniken als Beispiel dafür, dass die Verfasser eine eigene Geschichte, nicht durch Fakten, sondern durch Deutungsrichtlinien begründen und legitimieren wollten. Diese Werke fasste Levans als Versuch einer neuen Identitätsstiftung des evangelischen Bürgertums in Riga auf.

Die folgenden beiden Vorträge der ersten Sektion konzentrierten sich auf die Grundfragen der Mehrkonfessionalität und der Existenz eines ausgeprägten Volksglaubens, welche die Tagung begleiten sollten. Ein besonders anschauliches Beispiel für die Koexistenz der Konfessionen im Herzogtum Kurland stellte ANDRIS PRIEDE (Riga) in seinem Vortrag über „Das Gesangbuch des Baron Wilhelm Heinrich von Liven“ vor. Protestanten und Katholiken lebten in Kurland teilweise gemischt zusammen und verwendeten ein gemeinsames Gesangbuch - jeweils in einer katholischen und einer lutherischen Version - welches bis 1917 immer wieder in erneuerten und erweiterten Fassungen aufgelegt wurde und ein einigendes Element beider Konfessionen darstellte. Danach referierte VITOLDS MUIŽNIEKS (Riga) über „Die Volksreligion nach dem archäologischen Fundmaterial und den schriftlichen Quellen des 15. bis 17. Jahrhunderts“. Seine Erkenntnisse zog Muižnieks aus Grabfunden, ihrer topographischen Lage und Grabbeigaben. Er schloss aus den archäologischen Funden, dass eine Vermischung von Christentum und Volksglaube stattgefunden hatte, wobei sich das Christentum schon im 15. Jahrhundert weitgehend durchsetzen konnte. Ältere Sitten, vor allem die Sitte, dem Toten Grabbeigaben mitzugeben, blieben allerdings auch nach der Reformation erhalten.

In der 2. Sektion wurde die Mehrkonfessionalität um den Blick auf die Orthodoxen und die unterschiedlichen Ethnien Altlivlands erweitert. ENN TARVEL (Tallinn) beleuchtete „Die russische Kirchenpolitik im okkupierten Livland im 16. Jahrhundert“ , sowohl in den nur kurzzeitig besetzten Gebieten Altlivlands während des Livländischen Krieges (1558 bis 1583) als auch in dem langfristig eroberten Gebiet Karelien. Anhand des karelischen Beispiels zeigte Tarvel exemplarisch die Veränderungen der russischen Politik im angegebenen Zeitraum. Der Zar war zwischen politischer Akzeptanz des pragmatischen Herrschers und dem missionarischen Auftrag des traditionellen Zarentums gefangen. So entwickelten sich die orthodoxen Kirchen trotz zugesicherter freier Religionsausübung der anderen Konfessionen zu Zentren orthodoxer Missionsversuche im Kontext einer Ansiedlungs- und Einverleibungspolitik des Zaren. PĒTERIS VANAGS (Riga) ergänzte das Bild in seinem sprachgeschichtlichen Vortrag, indem er zeigte, wie die Einflüsse der verschiedenen ethnischen Gruppen anhand der Kirchensprache erkennbar sind. Einen Schwerpunkt legte er auf die Herausbildung der lettischen Sprache, ihre Verbreitung und ihren Einfluss im gesellschaftlichen Leben mit den kirchlich-konfessionellen Aktivitäten. Nachdem noch im 13., 14. und 15. Jahrhundert kurisch und lettgallisch als eigene Sprachen erwähnt wurden, war schon im 16. Jahrhundert das daraus entstandene Lettisch die dominierende Sprache. Die deutsche Dominanz in den baltischen Ländern wird vor allem an der Kirchensprache sichtbar. Obwohl das Lettische unter schwedischer Herrschaft eine der offiziellen Kirchensprachen wurde, blieben das Niederdeutsche und später das Hochdeutsche die vorherrschenden Sprachen auf der Kanzel. MĀRĪTE JAKOVLEVA (Riga) vertiefte das Thema um die schon bei Andris Priedes Vortrag angeklungene Bikonfessionalität des Herzogtums Kurland und setzte diese in Beziehung zu dem Einfluss der ausländischen Mächte – in diesem Fall Polen-Litauen. Die Faktoren der verschiedenen ethnischen Gruppen innerhalb Altlivlands und der Einfluss der Nachbarmächte, Schweden und Polen-Litauen, förderten die konfessionelle Vielfalt, und banden Altlivland kulturell an Europa.

Bei dem darauf folgenden Vortrag von MARTIN KLÖKER (Osnabrück) blieb das Herzogtum Kurland, diesmal allerdings von der bildungs- und literaturgeschichtlichen Perspektive aus, als Schwerpunkt erhalten. Klöker begann mit der Frage, ob Mitau in die Reihe der großen Städte Livlands gehörte. Klöker sah den Wendepunkt für Mitau in der Reformation. Erst nachdem 1568 das Herzogtum Kurland entstanden und Mitau drei Jahre später zur Residenz erhoben worden war, konnte die Stadt bescheidene Ansprüche erheben, im gleichen Atemzug mit Riga, Reval oder Dorpat genannt zu werden. Weiterhin zeigte Klöker auf, dass Altlivland auch kulturhistorisch seinen Platz, Verbindungen und Wurzeln in Europa hat und nicht losgelöst von den Ländern Mitteleuropas gesehen werden kann. Damit leitete er zum anschließenden öffentlichen Vortrag von KLAUS GARBER (Osnabrück) hin. Hinter dem Titel „Zur Überlieferung kulturhistorischer Quellen im baltischen Raum“ verbarg sich ein emotionaler Rückblick auf Jahre der intensiven Forschung in den baltischen Ländern seit den 1980er Jahren. Garber zeichnete in bildhafter Sprache die „Wege eines Barockforschers“, den die Suche nach verschollenen Drucken durch Hinweise auf alte Sammler aus dem „deutschen Sprachraum im Osten“ unter anderem auch nach Riga führte. Es zeigte sich für ihn, dass die kulturelle Infrastruktur in diesen Ländern, trotz der langen Zugehörigkeit zum Zarenreich, den deutschen Strukturen ähnelte. Die Überlieferungen waren denen der deutschen Städte ähnlich und man wurde an den gleichen Orten, Sammlungen und Stadtbibliotheken fündig. Garber beließ es aber nicht bei einem leidenschaftlichen Rückblick, sondern gab auch einen Ausblick auf die Perspektiven: Dokumentationsforschung ist „das A und O“ und muss gefördert werden. Projekte wie das Digitalisierungsprojekt der DFG können allerdings nur als europäische Gemeinschaftsarbeit verwirklicht werden. Denn nur in Kooperation bleibt die Arbeit, die in den Bibliotheken und Magazinen noch zu erledigen ist, eine durchführbare Aufgabe.

In der 3. Sektion wurden die Auswirkungen des religiösen Lebens in Kunst, Alltag und Politik im erweiterten Rahmen des Ostseeraumes betrachtet. OJARS SPARITIS (Riga) eröffnete den zweiten Vortragstag mit der kunstgeschichtlichen Betrachtung Mitaus. In seinem Vortrag berichtete er von der ersten lutherischen Gemeindekirche des Baltikums und vielleicht auch Mitteleuropas. Es handelte sich bei St. Trinitatis in Mitau um eine Kirche im verdeckten Basilikastil. Später wurde sie zur Vollbasilika mit verändertem Turm. Sie folgte dem Beispiel von nordeuropäisch-deutscher Architektur und enthielt niederländische Renaissance-Elemente. Das Kircheninnere war durch einen nachgotischen Stil geprägt. In der anschließenden Diskussion wurde vor allem das Problem der Erscheinung von St. Trinitatis in der vorreformatorischen Bauform einer katholischen Basilika und nicht, wie zu erwarten wäre, in der Form einer protestantischen Hallen- und Predigtkirche besprochen. Das Kuriosum der Verschleierung der katholischen Basilikaform durch ein großes durchgängiges Satteldach lässt sich durch die protestantische Funktion von St. Trinitatis erklären. Abschließend stellte Sparitis fest, dass nicht das Gotische als Baustil, sondern nur die Bauform der Basilika ein konfessionelles Problem darstellte. Über „Volkskultur und kirchliches Festjahr im reformatorischen Wandel in West-, Mittel- und Nordeuropa in vergleichender Perspektive“ referierte WERNER BUCHHOLZ (Greifswald), der auf den sich seit dem Spätmittelalter intensivierenden Gegensatz von Volkskultur und Hegemonialkultur anhand der Festtagskultur einging. Buchholz kam zu dem Ergebnis, dass sich im europäischen Vergleich nicht in den katholischen Gebieten die traditionellen, vom Mittelalter überkommenen Festtage am längsten hielten, sondern in den protestantischen Regionen Skandinaviens, wo die Festkultur in einer breiten, auch politisch einflussreichen bäuerlichen Bevölkerung verankert war. PER STOBÆUS (Lund) stellte daraufhin mit Hans Brask einen schwedischen Bischof vor, der entscheidend in die politischen Geschehnisse Schwedens eingegriffen hatte, von den reformatorischen Geschehnissen eingeholt wurde und letztendlich ins Exil gehen musste. Stobæus sieht Brask als einen Verlierer der Geschichte, der zeigt, dass konfessionell-politischen Entwicklungen, die wir heute als selbstverständlich auffassen, nicht vorausschaubar waren und es auch andere Lösungen hätte geben können. Abschließend rundete NORBERT BUSKE (Greifswald) mit seinem Vortrag „Johannes Bugenhagen. Die Schmuckrahmen der von ihm zum Druck gegebenen Abhandlungen“ die 3. Sektion kunst- und literaturgeschichtlich ab. Buske behandelte die inhaltlichen Bezüge zum jeweiligen Text der Schmuckrahmen, welche die reformatorischen Schriften Bugenhagens schmücken. Die zentrale Bedeutung, welche die Psalmen für Bugenhagen hatten, spiegelte sich in den bildlichen Darstellungen der Schmuckrahmen genauso wider, wie Bugenhagens Rolle als einer der ersten verheirateten protestantischen Geistlichen und damit der eigentliche Begründer der Tradition des protestantischen Pfarrhauses als Vorbild und Muster eines christlichen Familienlebens. Dieses Bild des geregelten Lebens schlug sich auch in den Schmuckrahmen nieder, etwa in einer Darstellung des Urteils des Paris, in welcher dieser der Hera als der Schutzgöttin von Heim und Familie den Apfel der Eris zusprach.

Die letzte Sektion legte ihren Schwerpunkt auf den estnischen Teil Altlivlands, wobei auch hier verschiedene Perspektiven einander ablösten. KRISTA KODRES (Tallinn) begann mit dem kunstgeschichtlichen Vortrag: „Bild und Wort in den Kirchen Estlands vom 16. bis zum 18. Jahrhundert“. In ihrem Vortrag stützte sich Kodres auf Grabplatten und Kanzeln. Bilder sind als historische Quelle wichtig, da die Botschaft, die sie in sich tragen, oft unbewusst den damaligen Zeitgeist widerspiegelt. Kodres veranschaulichte an mehreren Beispielen die typischen Merkmale der Grabplatten Estlands, die sich kaum von zeitgenössischen Grabplatten anderer Regionen Europas, wie zum Beispiel Polen, unterschieden. Den Mittelpunkt und das Hauptmotiv bildete seit dem 15. bis zum 17. Jahrhundert der liegende, einem Schlafenden gleichende, Mensch. Die Mehrzahl der Grabplatten enthalten aber nur Inschriften. Interessant sind Grabplatten und Kanzeln vor allem wegen ihrer theologischen Aussagen. Apostel- und Evangelistenkanzeln bilden den Hauptanteil. Kodres schloss ihre Ausführungen mit einer Bewertung der Bilder, die wir in Kirchen finden können. Bilder seien immer ein sprechendes Element und die frühe lutherische Sakralkunst versuchte über eine Bild-Wort Beziehung die theologische Botschaft zu verkünden. ALEKSANDER LOIT (Uppsala) referierte anschließend über „Die aktive Teilnahme der estnischen Bauern am Gemeindeleben als Folge der Reformation“. Loits Ausführungen begannen bei der misslungenen „Christianisierung mit dem Schwert“ in der Zeit des livländischen Deutschen Ordens. Während die städtische Bevölkerung, Deutsche wie Esten, die Reformation sehr schnell annahm, blieben die estnischen Bauern davon weitgehend unberührt. Die Bauern hatten nur mangelhaftes Wissen über das Luthertum und vermischten dieses mit ihrem Volksglauben. So kam es beispielsweise immer wieder vor, dass kirchlich beigesetzte Tote heimlich exhumiert und an Plätzen begraben wurden, die der Bevölkerung heilig waren. Erst mit dem Auftreten der Herrnhuter kam es zu einer Abnahme in der Praxis von Ritus und Brauchtum im Sinne des alten Volksglaubens. Thematisch schloss sich RAIMO RAAGs (Uppsala) Vortrag „Volksglaube und Bräuche in Estland im Zeitalter von Reformation und Konfessionalisierung“ an. Raag berief sich bei seinen Studien auf Visitationsberichte der lutherischen Kirche und Jahresberichte der Dorpater Jesuiten und stellte die Frage, wann genau die Esten, katholische wie orthodoxe, ihre vorchristlichen Vorstellungen aufgegeben hätten. Sowohl die jesuitischen Jahresberichte als auch lutherische Visitationsberichte weisen darauf hin, dass heidnische Gebräuche noch immer gelebt wurden. Als dritten Bezugspunkt beleuchtete Raag die Hexenverfolgungen des 17. Jahrhunderts in Estland. Als estnische Besonderheit sind der hohe Männeranteil von 60 % der Beschuldigten und die hohe Freispruchrate auffällig, wegen Pflege heidnischer Bräuche gab es allerdings keine Anklagen. Im letzten Vortrag referierte MAGNUS VON HIRSCHHEYDT (Tübingen) über konfessionell-politische Auseinandersetzungen der Reformationszeit anhand Wilhelm von Brandenburg-Ansbach und der Öselschen Stiftsfehde. Wilhelm von Brandenburg-Ansbach war der letzte Erzbischof Rigas und Bruder Herzog Albrechts von Preußen, mit dem er das persönliche Bekenntnis und das Machtstreben teilte. Wilhelms Streben nach Pfründen und Ämtern in Altlivland ergab mit dessen Wahl zum Bischof von Ösel-Wiek einen militärischen Konflikt, der laut Hirschheydt in den äußeren Formen eines „dissimulierten Konfessionskonflikts“ ausgetragen wurde. Letztendlich konnte sich der schon früher gewählte Bischof Reinhold mit Hilfe des Deutschen Ordens und der livländischen Stände durchsetzen. Hirschheydt resümierte jedoch, dass Koadjutor Wilhelm und die Öselsche Bischofsfehde ein beschleunigendes politisches und konfessionelles Element im Prozess der Auflösung der altlivländischen Konföderation darstellten. Weiterhin stellen sie ein Beispiel für die Vernetzung der Entwicklungen und Ereignisse der baltischen Länder mit den Ländern Mitteleuropas, dem Heiligen Römischen Reich und dem polnisch-litauischen Königreich, dar.

In der abschließenden Diskussion unter Leitung von MATTHIAS ASCHE und ANTON SCHINDLING (beide Tübingen) wurde festgestellt, dass die deutschbaltische Geschichtsschreibung zwar gute Grundlagen geschaffen und viel geleistet habe, allerdings habe sie die Dinge auch stark vereinseitigt. Dieser eng geführte Blickwinkel müsse überwunden und erweitert werden. Die Zusammenarbeit der Forscher der einzelnen Länder sowie der unterschiedlichen Disziplinen sei ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Besonders der Blick auf die Rezeption der Reformation durch die ländliche Bevölkerung und die städtischen Unterschichten sowie die „lange Dauer“ ihrer Durchsetzung seien ins Auge zu fassen. Wie es sich in den Vorträgen zeigte, herrscht vor allem in den Fragen des alten Volksglaubens und der nach der Reformation entstehenden Mehrkonfessionalität ein dringender Nachholbedarf. Sowohl die Frage der Anteile des Volksglaubens in der christlichen Religion als auch die Koexistenz von Protestanten, Katholiken und Orthodoxen in den baltischen Ländern bedürfen vor allem im Bereich der ländlichen Bevölkerung, aber auch in den keineswegs immer nur monokonfessionellen Städten einer besonderen Aufmerksamkeit durch die Forschung. Des Weiteren bleibt festzustellen, dass die religiösen und konfessionellen Prozesse in den baltischen Ländern nicht von den Entwicklungen Mitteleuropas getrennt betrachtet werden dürfen. Die Vorgänge in den baltischen Ländern waren in der Frühen Neuzeit mit dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation und dem polnisch-litauischen Königreich sowie den Staaten des Ostseeraumes eng verknüpft.

Konferenzübersicht:

Die religiösen und konfessionellen Prozesse im Baltikum während des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit

Einleitung und Begrüßung:
Ojars Sparitis, Riga

1. Sektion:
Moderation: Werner Buchholz, Greifswald

Valda Klava, Riga
„Fragen der livländischen Reformation. Zum Forschungsstand der lettischen Geschichtswissenschaft“

Andris Levans, Riga
„Die protestantische Wende in der städtischen Historiographie Livlands. Zur Geschichts- und Erinnerungskultur in Riga im 16. und 17. Jahrhundert“

Andris Priede, Riga
„Das Gesangbuch des Baron Wilhelm Heinrich von Liven“

Vitolds Muižnieks, Riga
„Die Volksreligion nach dem archäologischen Fundmaterial und den schriftlichen Quellen des 15. bis 17. Jahrhunderts“

2. Sektion
Moderation: Anton Schindling, Tübingen

Enn Tarvel, Tallinn
„Die russische Kirchenpolitik im okkupierten Livland im 16. Jahrhundert“

Pēteris Vanags, Riga
„Die Kirche und die Sprachen im livländischen Teil Lettlands“

Mārīte Jakovleva, Riga
„Zwischen Polen und Preußen: Die Lage der Kirche im Herzogtum Kurland, besonders in der Region Pilten“

Martin Klöker, Osnabrück
„Geistliche und humanistische Literatur im Umkreis des herzoglich-kurländischen Hofes in Mitau 1500 bis 1700“

Klaus Garber, Osnabrück
„Zur Überlieferung kulturhistorischer Quellen im baltischen Raum“

3. Sektion
Moderation: Pēteris Vanags, Riga

Ojars Sparitis, Riga
„St. Trinitatis zu Mitau – ein frühes Beispiel für den protestantischen Pfarrkirchenbau“

Werner Buchholz, Greifswald
„Volkskultur und kirchliches Festjahr im reformatorischen Wandel in West-, Mittel- und Nordeuropa in vergleichender Perspektive“

Darius Petkunas, Vilnius
„Die lutherische Reformation in Litauen“

Per Stobæus, Lund
„Hans Brask – die politische und religiöse Weltsicht des letzten katholischen Bischofs von Linköping“

Norbert Buske, Greifswald
„Johannes Bugenhagen. Die Schmuckrahmen der von ihm zum Druck gegebenen Abhandlungen“

4.Sektion
Moderation: Matthias Asche, Tübingen

Krista Kodres, Tallin
„Bild und Wort in den Kirchen Estlands vom 16. bis zum 18. Jahrhundert“

Aleksander Loit, Uppsala
„Die aktive Teilnahme der estnischen Bauern am Gemeindeleben als Folge der Reformation“

Raimo Raag, Uppsala
„Volksglaube und Bräuche in Estland im Zeitalter von Reformation und Konfessionalisierung“

Magnus von Hirschheydt, Tübingen
„Ein Koadjutor als Feldherr – Wilhelm von Brandenburg-Ansbach und die Öselsche Bischofsfehde“

Zusammenfassung und Schlussdiskussion
Moderation: Matthias Asche und Anton Schindling, beide Tübingen

Zitation
Tagungsbericht: Die religiösen und konfessionellen Prozesse im Baltikum während des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit, 03.04.2008 – 03.04.2008 Riga, in: H-Soz-Kult, 18.06.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2103>.
Redaktion
Veröffentlicht am
18.06.2008