Towards Transnational Trade Union Representation? National Trade Unions and European Integration

Ort
Bochum
Veranstalter
Institut für soziale Bewegungen der Ruhr-Universität Bochum mit Unterstützung der Volkswagen-Stiftung
Datum
06.12.2007 - 08.12.2007
Von
Claudia Hülsken, Benjamin Legrand, Bochum

Die Europäische Union hat zu Beginn des 21. Jahrhunderts einen weltweit einzigartigen Stand wirtschaftlicher und politischer Integration erreicht. Auf europäischer Ebene gingen mit dem Einigungsprozess auch beträchtliche Auswirkungen auf die industriellen Beziehungen der einzelnen Mitgliedstaaten und Beitrittsländer einher. Um der bislang stark auf den jeweiligen nationalen Raum begrenzten Erforschung integrationsbedingter Herausforderungen für die Gewerkschaften der Mitgliedstaaten neue Impulse zu verleihen, veranstaltete das Institut für soziale Bewegungen der Ruhr-Universität Bochum mit Unterstützung der VW-Stiftung vom 6. bis 8. Dezember 2007 eine internationale, interdisziplinäre Tagung. In deren Mittelpunkt stand die Frage, inwieweit die europäische Integration zu einer „Transnationalisierung der gewerkschaftlichen Interessenvertretung“ geführt habe. Der Tagung lag die Annahme zugrunde, dass bei den nationalen Gewerkschaften – selbst wenn sie als „Nachzügler“ eher zögerlich und defensiv auf die Veränderungen der europäischen Integration reagiert haben – vor allem in organisationsstruktureller Hinsicht ein Anpassungsprozess in den letzten Jahrzehnten zu beobachten sei. In diesem Zusammenhang galt es zu untersuchen, ob sich infolge integrationsbedingter Anpassungen gewerkschaftlicher Strukturen und Politiken eine Annäherung der äußerst disparaten Gewerkschaftsstrukturen in Europa abzeichnet. Behandelt wurden diese Ausgangsüberlegungen nach einleitenden Überblicken zum konzeptionellen Ansatz (JÜRGEN MITTAG) und zur begrifflichen Reichweite der Transnationalisierungs-Kategorie (LUDGER PRIES) zunächst in Form einer Analyse der einzelnen Mitgliedstaaten.

Nationale Gewerkschaften in Europa: Reaktionen auf die europäische Integration?

Die erste Sektion unterstrich den interdisziplinären Anspruch der Konferenz mit einer fächerübergreifenden Problematisierung des Untersuchungsgegenstandes. Der Historiker WILFRIED LOTH (Universität Duisburg/Essen) betonte die spezifischen nationalen Traditionen der Gewerkschaftsbewegung. Betrachtet werden müssten Arbeitsbedingungen oder politische Orientierungen. In Frankreich oder Italien sei der Einfluss kommunistischer Gewerkschaften sehr groß. Mit der Brille dieser spezifischen Wertesysteme würden die Gewerkschaften auch die EU betrachten – entweder als wichtige Arena oder nur als Beiwerk der nationalen Ebene. Der historische Zugang, so Loth, ermögliche schließlich das Erkennen verschiedener Europäisierungsphasen der Gewerkschaften.

Aufgrund der nationalen Traditionen sind die Gewerkschaften für den Soziologen WALTHER MÜLLER-JENTSCH (Düsseldorf) weit davon entfernt, miteinander zu verschmelzen. Er richtete den Blick auf die Akteure in Tarifkonflikten und ihre Arenen, in denen Konflikte institutionell gelöst werden. Europa selbst sowie die Internationalisierung der Märkte stellen so neue Arenen für Kapital und Arbeit dar, jedoch fehle es auf dieser Ebene bislang an einer Institution für Tarifverhandlungen.

Auf zwei entgegengesetzte Entwicklungen verwies der Volkswirtschaftler ANDREAS BIELER (Universität Nottingham). Die gemeinsamen europäischen Institutionen wüchsen, nationale Organisationen blieben jedoch weiter bestehen. Die EU habe schon längst viele neue Kompetenzen gerade im öffentlichen Sektor gewonnen, viele Strategien von Akteuren zu dieser Entwicklung steckten jedoch noch in den Kinderschuhen.

Unterschiede zwischen den in der Sektion vertretenden Fächern traten bei der Beurteilung des Europäisierungsgrades in der Forschung hervor. Während Bieler weiterhin eine starke Orientierung der Wissenschaft an nationalen Entwicklungen feststellte, räumte Loth einem Perspektivenwechsel auch bei der Erforschung der Gewerkschaften gute Chancen ein, da die Bedeutung von transnationalen Netzwerken in allen Feldern zunehme. Müller-Jentsch hingegen betonte, dass es Zeit sei, die Arbeit der europäischen Betriebsräte transnationaler Konzerne bzw. transnationale Tarifverhandlungen qualitativ anhand von Ergebnissen und Netzwerkstrukturen zu untersuchen.

Führungsrolle der Gewerkschaften der EGKS-Gründerstaaten?

In der ersten länderbezogenen Sektion standen die Gewerkschaften in den EGKS-Gründerstaaten Belgien, Frankreich und Deutschland im Fokus der Analyse. PATRICK PASTURE (Universität Leuven) widmete dem Wandel europabezogener Interessen und Aktivitäten der belgischen Gewerkschaftsverbände besondere Aufmerksamkeit. Diesen Wandel verortete er in den 1980er-Jahren und führte ihn primär auf die gewerkschaftlichen Auseinandersetzungen mit sozio-ökonomischen Problemen zurück. Trotz der wachsenden Unzufriedenheit mit der europäischen Gewerkschaftspolitik sei den belgischen Gewerkschaften, die sich vor diesem Wandel als starke Befürworter der Integration profiliert hatten, der Glaube an die supranationale Problemlösungsfähigkeit grundsätzlich erhalten geblieben. Dies habe sich in den 1990er-Jahren unter anderem in der starken Unterstützung eines autonomen und mit eigenen Kompetenzen ausgestatteten Europäischen Gewerkschaftsbundes (EGB) gezeigt.

Die französischen Gewerkschaften hätten zwar nicht unverzüglich auf die integrationsbedingten Herausforderungen reagiert, aber die Hypothese der „Nachzügler“ sei, so konstatierte JEAN-MARIE PERNOT (EHESS Paris), für das französische Beispiel nicht generell haltbar. Jede relevante Veränderung auf europäischer Ebene habe zu divergierenden Positionen der drei großen Gewerkschaftsverbände (FO, CFTC und CFE-CGC) geführt und innerstaatliche Diskussionen und Debatten provoziert – so zum Beispiel in Bezug auf die Gründung der EGKS, die Errichtung des Gemeinsamen Marktes oder angesichts der Aufnahme neuer Mitgliedsländer. In diesem Sinne sei Europa auch immer eine Quelle der Modernisierung und Profilierung der nationalen Gewerkschaftsbewegung gewesen.

Aus historischer Sicht gab STEPHAN SEIFEN (Ruhr-Universität Bochum) einen Überblick über die Entwicklung der deutschen Gewerkschaften nach 1945 im Spiegel der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung auf europäischer und nationaler Ebene. In diesem Kontext betonte er, dass sich Industriegewerkschaften und Dachverbände relativ schnell als selbstbewusste Akteure auf europäischer Ebene profilieren konnten. Die deutschen Gewerkschaften hätten immer, sowohl beim Aufbau sektoraler Strukturen in Europa als auch bei der Gründung des EGB, eine Führungsrolle innegehabt. Im Gegensatz dazu seien auf nationaler Ebene keine größeren organisatorischen Anpassungen vorgenommen worden.

Die starke Korrelation zwischen den institutionellen Veränderungen der europäischen Ebene und der Europäisierung der Gewerkschaften hob der Sektionsvorsitzende KARL LAUSCHKE (Universität Dortmund) im Anschluss an die Vorträge hervor. Er leitete hieraus Anregungen zu einer komplexeren und nach einzelnen Politikfeldern unterteilten Strategieanalyse der Gewerkschaften ab. Im Rahmen der folgenden Frage- und Diskussionsrunde wurde unter anderem kontrovers die These debattiert, dass Gewerkschaften, die starke innerstaatliche Einflussmöglichkeiten und Verhandlungsmacht besitzen, weniger Interesse an der europäischen Ebene zeigen.

Britische, irische und dänische Gewerkschaften zwischen Zurückhaltung und Widerstand?

Zum Auftakt der dritten Sektion betonte RICHARD HYMAN (London School of Economics and Political Science) in seinem Beitrag „British Unions and Europe: Sceptics or Converts?“, dass sich am Beispiel der britischen Gewerkschaften besonders eindrücklich die Veränderung der Haltung gegenüber der europäischen Integration mithilfe einer Periodisierung anhand wichtiger Wendepunkte aufzeigen ließe. Waren die britischen Gewerkschaften bis Ende der 1980er-Jahre gegenüber den Gemeinschaftsinstitutionen sowie weiteren Integrationsschritten skeptisch bis ablehnend eingestellt, „konvertierten“ sie Anfang der 1990er-Jahre zu grundsätzlichen Befürwortern des europäischen Einigungsprojekts.

Eine andere Entwicklung wurde von JOE WALLACE (Universität Limerick) für Irland ausgemacht. Während hier das Interesse an Europa und besonders an der Schaffung eines Gemeinsamen Marktes seitens der Gewerkschaften bereits in den 1950er- und 1960er-Jahren konstant hoch war, ließe sich gegen Ende der 1960er-Jahre eine Stagnation beobachten. In diesem Zeitraum führten die irischen Gewerkschaften öffentliche und kontroverse Debatten über die Vor- und Nachteile eines Beitritts (1970-1972), die in einer Kampagne gegen die EG-Mitgliedschaft mündeten. Unmittelbar nach dem Beitritt Irlands 1973 versuchten die Gewerkschaften, durch die die Arbeit in EG-Ausschüssen Einfluss auf eine politische Regulierung der Sozial- und Regionalpolitik zu nehmen.

Nach dem EG-Beitritt Dänemarks 1973, so erläuterte HERMANN KNUDSEN (Universität Aalborg), beschäftigten sich die dänischen Gewerkschaften, wenn überhaupt, sehr zurückhaltend mit den industriellen Beziehungen auf europäischer Ebene. In diesem Zusammenhang setzten sie sich weniger mit materiellen Inhalten auseinander, sondern thematisierten vor allem potenzielle negative Effekte auf das dänische System industrieller Beziehungen. Charakteristisch für die europabezogene Einstellung der dänischen Gewerkschaften seien die Befürwortung einer Politik der minimalen Harmonisierung und die Betonung des Subsidiaritätsprinzips. Aus Angst vor „sozialem Dumping“ und einer Aushöhlung der hohen dänischen Arbeitsstandards leisteten sie in den 1980er-Jahren vergeblichen Widerstand gegen das europäische Binnenmarktprojekt.

Die anschließende, vom Bochumer Historiker BERND BÜHLBÄCKER geleitete Diskussionsrunde gab den Tagungsteilnehmern unter anderem Gelegenheit, methodische Probleme zu erörtern und insbesondere die Frage zu debattieren, ob eine Periodisierung der richtige Ansatz für die Analyse der gewerkschaftlichen Haltung zum europäischen Integrationsprozess sei.

Pluralisierung oder Polarisierung? Gewerkschaften aus der südlichen Perspektive

In zweifacher Hinsicht waren Grenzüberschreitungen das Thema der vierten Sektion, die nach einer spezifischen „südlichen Dimension“ der Europäisierung von Gewerkschaftsbewegungen in Griechenland, Italien, Spanien und Österreich fragte. Die Antwort fiel zwiespältig aus, da grenzüberschreitende ideologische Grenzen in den letzten Jahren zwar abgebaut wurden, die Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg hingegen noch zu wenig forciert worden sei.

Italien ist ein Beispiel für einen dritten Weg zwischen der deutschen Sozialpartnerschaft und dem britischem Freiwilligensystem – laut SERAFINO NEGRELLI (Universität Milano/Bicocca) eine Art pragmatischer Herangehensweise. Angesichts einer seit 1990 kritischen wirtschaftlichen und politischen Situation hatten die Gewerkschaften in den 1990er-Jahren eine Anpassungsstrategie in Richtung Europäisierung unterstützt. Nun aber stoße diese Strategie an ihre Grenzen. Durch die Reformen, die zu einem Anwachsen des Niedriglohnsektors führten, habe die Lohnfrage an Bedeutung verloren – und somit auch die Gewerkschaften selber.

Die griechischen Gewerkschaften erlebten über die Jahrzehnte hinweg einen Wandel ihrer Einstellung zur Europäisierung. Für CHRISTOS A. IOANNOU (AUEB Athen) schwächte sich die klare Anti-EG-Haltung ab dem Beitritt 1974 seit 1996 zu einem Europa-Skeptizismus ab. Immer noch seien die stark parteipolitisch geprägten Arbeitnehmerorganisationen an Europa nicht besonders interessiert. Ioannou stellte die Vorstellung in Frage, dass die Europäisierung ein linearer Prozess sei. Dennoch: die radikalen Veränderungen in der Arbeitswelt erhöhten den Druck auf Gewerkschaften.

Die vielschichtigen Lernprozesse der Gewerkschaften in Spanien durch die Demokratisierung und die Europäisierung betonte MIGUEL MARTINEZ LUCIO (Universität Bradford). Die spanische Gewerkschaftsbewegung begreife Europa deshalb sehr wohl als Arena, auch für das Wachstum des Wohlstandes. Mit dieser Sicht stießen die spanischen Gewerkschaften jedoch an die Grenzen: Die Sozialpolitik in Europa stelle nur den kleinsten gemeinsamen Nenner dar, in den Institutionen werde die Angebotsseite immer stärker präferiert. Diese Entwicklung setze die europafreundlichen Gewerkschaften unter Druck. Die Zusammenarbeit mit anderen Ländern Südeuropas, aber auch mit Lateinamerika, sei eine Herausforderung.

Weniger eine südliche als eine westlich-östliche Orientierung weisen die Gewerkschaften in Österreich auf, wie FERDINAND KARLHOFER (Universität Innsbruck) zeigte. Er erläuterte die Brückenfunktion der österreichischen Gewerkschaften während des „kalten Kriegs“ zwischen Ost- und Westeuropa. Nach dem Fall des „eisernen Vorhangs“ habe der ÖGB sehr schnell Verbindungen zu den östlichen Nachbarorganisationen aufgebaut – nicht primär aus einem Solidaritätsgedanken heraus, sondern aus Eigeninteresse. Die Europäisierung habe zwar spät begonnen, sei dafür aber umso intensiver verlaufen. Indikator hierfür sei der mittlerweile beträchtliche Personalstand in Brüssel, durch den das relativ kleine Mitgliedsland auf europäischer Ebene vertreten wird.

Die Macht des Wohlstands? Die Gewerkschaften der Länder Nordeuropas und die europäische Integration

Die Gewerkschaften der nordeuropäischen Länder Schweden und Finnland rückten in der fünften Sektion – unter dem Vorsitz von JÖRG RUMPF, Historiker aus Haltern am See – in den Mittelpunkt der Betrachtung. Zunächst wurden von NATHAN LILLIE (Universität Groningen) die Charakteristika des nordischen Modells der industriellen Beziehungen, wie etwa eine hohe gewerkschaftliche Mitgliederquote und die starke nationale Position der Gewerkschaften, skizziert.

Als ein typisches Beispiel des „Nordic corporatist type“ stufte SOPHIA MURHEM (Universität Uppsala) das schwedische System industrieller Beziehungen ein. Nach dem Beitritt Schwedens zur EU 1995 begannen die schwedischen Gewerkschaften damit, ihre Aktivitäten, ihre Organisation und ihre personellen sowie finanziellen Ressourcen im internationalen Bereich zugunsten der europäischen Ebene zu verlagern. Mit hohem finanziellem Aufwand wurden sowohl die Vertretung in Brüssel als auch die Koordinationsaktivitäten mit anderen nordischen Staaten sowie die Treffen mit den Sozialpartnern betrieben. Murhem betonte, dass die Gewerkschaften in Schweden, neben der Wahrung ihrer starken Stellung auf nationaler Ebene, vor allem die Verbreitung des schwedischen Modells der industriellen Beziehungen in Europa anstreb(t)en – nicht zuletzt, um das Lohnniveau und die Arbeitsbedingungen im eigenen Land zu schützen.

Im Gegensatz zum schwedischen Beispiel konstatierte TAPIO BERGHOLM (SAK)[1] in seinem Vortrag – primär mit Blick auf die Zentralorganisation der finnischen Gewerkschaften – die für nordische Gewerkschaften eher atypisch schwache Mitgliederquote zu Beginn des europäischen Einigungsprozesses. Die Haltung zum europäischen Integrationsprozess sei vor allem von Skepsis geprägt gewesen. Als ein wesentlicher Grund könne in diesem Zusammenhang die starke Position der Kommunisten innerhalb der finnischen Gewerkschaften herangezogen werden. Erst im Zuge des Beitritts Finnlands zur EU habe die finnische Gewerkschaftsbewegung letztlich den Widerstand gegen die europäische Integration aufgegeben.

Im Zentrum der anschließenden Plenumsdebatte stand die Frage nach gewerkschaftlichen Reaktionen. Bergholm erklärte, dass die Arbeiterbewegung noch nicht den gleichen Flexibilitätsgrad wie das Kapital erreicht habe. Die Gewerkschaften seien jedoch vorwiegend positiv gegenüber der europäischen Integration eingestellt. Finnische Gewerkschaften formierten sich in Verbänden und anderen zentralen Organisationen, um den Herausforderungen der Trans- und Internationalisierung zu begegnen.

Opfer der Transformation? Gewerkschaften im „neuen“ Mitteleuropa

Mit der Analyse der polnischen, ungarischen, tschechischen und slowakischen Gewerkschaften stand in der sechsten Sektion das „neue“ Mitteleuropa der EU-27 im Mittelpunkt. In diesen Ländern waren die Gewerkschaften tragende Säulen der Wende von 1989, haben seitdem aber merklich an Boden verloren. Ihre Mitgliederzahlen sanken deutlich, weil sich die Arbeitnehmer von ihnen nicht repräsentiert fühlten. Die Gewerkschaften hielten zu lange an veralteten Strukturen fest, so der kritische Tenor dieser Sektion. CLEMENS RODE (Friedrich-Ebert-Stiftung Warschau) erinnerte daran, dass in wenigen Jahren in Osteuropa eine Entwicklung stattfand, die in Westeuropa 150 Jahre dauerte. In Polen ergebe sich für die Gewerkschaften keine einfache Situation. Seit 1989 seien die Mitgliederzahlen eingebrochen, der Organisierungsgrad sei nur noch im Bergbau- sowie im Eisen- und Stahl-, Eisenbahn- und Bildungssektor hoch. Die Gewerkschaftslandschaft sei zersplittert in drei große Dachverbände, diverse autonome Organisationen auf regionaler Ebene sowie einzelne Gewerkschaften in einzelnen Betrieben. Auch nach der Wende hielten Dachverbände an den althergebrachten Strukturen fest, die den heutigen Anforderungen jedoch nicht mehr genügten. Der Schwerpunkt der Gewerkschaftstätigkeit liege auf der Betriebsebene, wo die Mitgliedsbeiträge eingenommen und zur Gewerkschaftsarbeit wieder ausgegeben würden. Wenig Geld fließt somit in höhere Organisationsebenen, in denen es an geeigneten Strukturen für eine überregionale Gewerkschaftspolitik fehle.

Ähnlich wie in Polen sind auch in Ungarn die Mitgliederzahlen deutlich zurückgegangen. Im Durchschnitt, erklärte ANDREJ STUCHLIK (Freie Universität Berlin), betrage der Organisationsgrad nur noch 17 Prozent, wobei er in staatlichen Sektoren, die von Privatisierung bedroht seien, etwas höher liege. In Ungarn sei die Bedeutung von kleinen und mittelständischen Unternehmen sehr groß, was die Arbeit der Gewerkschaften erschwere. Damit wachse auch die Unzufriedenheit mit den Gewerkschaften selber. Die Transformation des Landes habe nicht alle Menschen erreicht, viele Gruppen verteidigten deshalb vor allem soziale Errungenschaften. Ein Fortschritt stellte Stuchlik im Verhältnis zwischen der Regierung und den Tarifparteien fest.

Die slowakischen Gewerkschaften, so konstatierte MÁRIA SVORENOVA (Gewerkschaftsbewegung der Slowakischen Republik), hätten nach der Wende zunächst eine progressive Rolle gespielt. Die Bedeutung der Arbeiterzusammenschlüsse im slowakischen System industrieller Beziehungen habe seitdem aber sukzessive abgenommen. Die Zahl der Mitglieder sank von 2,4 Millionen (1990) auf 390.000 (2006). Die Gewerkschaften hätten noch nicht den Weg gefunden sich wie Gewerkschaften zu verhalten, sondern agierten eher wie Verwaltungen. Eine Verhaltensänderung prognostizierte die Referentin in Bezug auf den Beitritt der Slowakei zur Euro-Zone, da die Menschen sich aufgrund einer gemeinsamen Währung leichter mit anderen Ländern vergleichen können, und infolgedessen stärker für ihre Interessen kämpfen werden.

Die Transformation der Gewerkschaften in den „neuen“ und „kleinen“ Mitgliedsländern

Zu Beginn der siebten Sektion begründete der Sektionsvorsitzende DIMITRIJ OWETSCHKIN (Ruhr-Universität Bochum) zunächst die Zusammenfassung der „jungen“ EU-Mitgliedstaaten (Estland, Litauen, Slowenien) in einer Sektion. Die Analyse dieser Länderbeispiele aus einer historischen Perspektive sei im besonderen Maße mit dem Forschungsinteresse verbunden, Veränderungen in Kleinstaaten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der 1990er-Jahren zu identifizieren und zu analysieren.

Im Hinblick auf die Situation der Gewerkschaften in Estland konstatierte RAUL EAMETS (Universität Tartu) für die frühen 1990er-Jahre einen rapiden Mitgliederschwund sowie die Genese eines neuen Typus der Arbeiterorganisation. Die Rolle der Gewerkschaften bzw. ihre Verhandlungsmacht habe sich seit dem EU-Beitritt trotz sinkender Mitgliederzahlen signifikant verbessert. Den Hauptgrund hierfür sah Eamets in der generellen Zunahme der wirtschaftlichen Aktivität Estlands.

JULIJA MOSKVINA vom „Institute of labour and social research“ (Vilnius) betonte, dass der Einfluss der EU-Mitgliedschaft Litauens auf die nationalen Gewerkschaften in vielfältiger Weise evident wird: Durch die Ergänzung um die europäische Ebene stiegen sowohl die Handlungs- als auch die finanziellen Möglichkeiten der litauischen Gewerkschaften. Die Einbindung in Projekte auf europäischer Ebene und die Mitgliedschaft im EGB würden den nationalen Arbeiterzusammenschlüssen helfen, Einfluss auf den europäischen Meinungs- und Entscheidungsprozess zu nehmen und somit nationale Interessen in der EU-Arena geltend zu machen.

MIROSLAV STANOJEVIC (Universität Ljubljana) widmete der historischen Entwicklung der Gewerkschaften in Slowenien sowie dem Privatisierungsprozess und der aktuellen Beschäftigungsstruktur besondere Aufmerksamkeit. Wie in den beiden anderen Ländern der Sektion sei der rapide Mitgliederschwund ein charakteristisches Merkmal der slowenischen Gewerkschaften nach 1990/91. Stanojevic hob besonders die Bedeutung des starken Anstiegs der Arbeitsintensivierung hervor, der durch das „Welfare production system“ (WRP) ermöglicht wird.

Im Anschluss an die einzelnen Ländervorträge wurden wesentliche Ergebnisse resümiert. Alle drei Länderbeispiele weisen trotz Mitgliederschwund seit Anfang der 1990er-Jahre feste gewerkschaftliche Organisationsstrukturen auf, und jede der vorgestellten Arbeitnehmerzusammenschlüsse misst der europäischen Kooperation der Arbeiterbewegung eine hohe Bedeutung zu. An der Genese eines neuen gewerkschaftlichen Typus nach 1990/91 wird zudem die starke Korrelation zwischen dem Wirtschaftsystem und dem Entwicklungsgrad der jeweiligen Gewerkschaften deutlich.

Südosteuropa zwischen Staatsgewerkschaft oder Autonomie?

Dass die Unabhängigkeit der Gewerkschaften vom Staat entscheidend ist, um von den Arbeitnehmern als Repräsentant anerkannt zu werden, war eine wesentliche Erkenntnis der achten Sektion. Ausgerechnet eine Krise habe die bulgarischen Gewerkschaften wieder zu neuem Engagement erweckt, berichtete GRIGOR GRADEV (ETUI-REHS, Sofia). Der Bankenkollaps und der Währungsverfall, in denen die stete Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage und der massive Abbau der Sozialsysteme 1996 gipfelte, habe den Gewerkschaften die Möglichkeit geboten, sich von der Regierung zu lösen. Mit Demonstrationen setzten sich ihre Mitglieder für einen Regierungswechsel ein. Schon früher, 1993, waren die Gewerkschaften in einen Sozialen Dialog mit den Arbeitgebern und dem Staat eingetreten. Über die Jahre wurden die Gewerkschaften feste Repräsentanten der Arbeitnehmer, die nicht mehr einseitig auf Seite der Regierung standen.

Radikaler war der Systemwechsel in Rumänien. Nach der Revolution 1989 hatten die Menschen eine falsche Vorstellung von Demokratie, wie ANITTA ORZAN (Universität Freiburg) ausführte. Dementsprechend hätten sich auch die Gewerkschaften falsch aufgestellt: Sie hatten sich hohe Ziele gesetzt und Versprechungen gegeben, die nicht einzuhalten waren. Dies enttäuschte die Arbeitnehmer. Seit 1991 sieht Orzan die rumänischen Gewerkschaften in einer permanenten Krise, geprägt von Mitgliederschwund und Zersplitterung auch in einzelnen Betrieben. Wie der Beitritt des Landes zur Europäischen Union und die Mitgliedschaft der Gewerkschaften in der ILO helfen können, bleibe abzuwarten.

Dass ein direkter Eingriff des Staates in die Tarifverhandlungen scheitern kann, zeigte SAVIOUR RIZZO (Universität Malta) anhand von Arbeiterräten in der maltesischen Regierung vor einigen Jahrzehnten. Diese Räte galten unter den Arbeitern schnell als Mittel, die Gewerkschaften zu unterlaufen, und sie scheiterten. Die Mitgliederzahl der Gewerkschaften stieg in den letzten Jahrzehnten insgesamt deutlich an. Der Organisationsgrad liegt bei 60 Prozent. Die Gründe für diesen Erfolg liegen in der regionalen Konzentration der Industrie, in der flachen Organisation der Gewerkschaften und in den Tarifverhandlungen auf Betriebsebene.

In der Türkei liegt der Organisationsgrad der Gewerkschaften ebenfalls bei 59 Prozent (2005). Doch dieser Wert bezieht sich auf die Beschäftigten in sozialversicherungspflichtigen Jobs, wie MANFRED WANNÖFFEL (Ruhr-Universität Bochum) verdeutlichte. Diese machten nur den kleinsten Teil des türkischen Arbeitsmarktes aus, da Gewerkschaften in der türkischen Gesellschaft nicht verwurzelt seien. Das schränke ihre Repräsentationsrolle ein, um andere soziale Probleme anzusprechen. Wenn die Gewerkschaften bei der Europäisierung der Türkei eine Rolle als gesellschaftlicher Faktor spielen wollen, müssten sie mehr Rechte erhalten. Diese Forderungen würden in der Türkei selber nur von dem sozialdemokratischen und regierungskritischen Dachverband Federation of Revolutionary Trade Unions erhoben.

Die transnationale und europäische Dimension gewerkschaftlicher Kooperation

In der abschließenden Sektion erfolgte ein Wechsel der Untersuchungsperspektive. Im Mittelpunkt der Beiträge stand die transnationale und europäische Zusammenarbeit der Gewerkschaften in Europa. Transnationale Formen gewerkschaftlicher Kooperation und Strategien wurden von IDAR HELLE (Universität Oslo) und THOMAS FETZER (LSE) am Beispiel der deutsch-französischen bzw. der deutsch-britischen Beziehungen untersucht. Die gemeinsame Zielvorstellung der französischen und deutschen Gewerkschaftsbewegung, so Helle, war die Transformation eines Gemeinsamen Marktes in ein „soziales Europa“, das nicht allein der ökonomischen Binnenmarktlogik unterworfen sein sollte. Für eine differenzierte Untersuchung entwickelte er eine Typologie mit unterschiedlichen Kategorien bilateraler Strategien.

Eine vergleichende Analyse der britischen und der deutschen Gewerkschaften präsentierte Thomas Fetzer. Obwohl sich die Positionen von TUC und DGB in vielen Aspekten deutlich unterschieden, lassen sich einige Gemeinsamkeiten feststellen, wie etwa die Tatsache, dass bis in die späten 1980er-Jahre die supranationale Entscheidungsebene in der gewerkschaftlichen Strategie kaum eine Rolle gespielt hat. Erst Ende der 1980er-, Anfang der 1990er-Jahre sei ein simultaner, aber von unterschiedlichen Formen und Intensitätsgraden geprägter Anstieg gewerkschaftlicher Aktivitäten auf europäischer Ebene zu verzeichnen.

Die Anzahl und die Bedeutung von Kooperations- und Integrationsformen nationaler Organisationen nehmen kontinuierlich zu. CYRIL KIRCHES (Universität zu Köln) beschäftigte sich mit der organisationsstrukturellen Dimension der Europäisierung nationaler Gewerkschaften: dem Europäischen Gewerkschaftsbund. Kirches bündelte wesentliche Akteurseigenschaften des EGB in der Beschreibung „Bound Giant“: Zum einen fungiere der EGB als bedeutendstes Instrument der nationalen Gewerkschaften auf europäischer Ebene und sei demnach ein potenzieller „Riese“. Auf der anderen Seite sei dieser jedoch gefangen und eingeengt durch seine Orientierung auf und die Abhängigkeit von den EU-Institutionen sowie durch seinen Anspruch, als Repräsentant der heterogenen europäischen Arbeiterbewegung zu agieren. Bewertet und ergänzt wurden die Beiträge dieser Sektion im Rahmen ausführlicher Kommentare aus geschichts- (WILLY BUSCHAK) bzw. politikwissenschaftlicher Sicht (RAINER EISING).

Bilanz

Am Ende der Tagung fassten KLAUS TENFELDE und JÜRGEN MITTAG die wichtigsten Ergebnisse zusammen. Die Länder-Dimension habe sich ihnen zufolge als solide Ausgangslage für weitere Untersuchungen und Analysen erwiesen, da es eben nicht einen einheitlichen Typus gewerkschaftlicher Reaktionen auf die Herausforderung der europäischen Integration gebe, sondern vielmehr zahlreiche unterschiedliche Wege und Zugänge. Der Versuch, verschiedene Wissenschaftsdisziplinen im Rahmen einer Tagung zusammenzubringen, habe nicht nur wichtige Ergebnisse gebracht, sondern auch neue Fragen aufgeworfen und den Blick auf neue Analysemethoden gelenkt.

Kurzübersicht

Donnerstag, 6.Dezember 2007

Klaus Tenfelde: Welcome and Opening

Introduction: European integration, social policy and national trade unions

Jürgen Mittag: Approaches and challenges
Ludger Pries: Transnationalisation of labour relations

Section I: How do national trade unions react to European integration? Interdisciplinary round table
Andreas Bieler (Political Economy), WILFRIED LOTH (History), WALTHER MÜLLER-JENTSCH (Sociology),
Wolfgang Platzer (Political Science)
Chair: Klaus Tenfelde

Section II: The leadership of the founding members? Trade unions in the ECSC member states
Belgium: Patrick Pasture
France: Jean-Marie Pernot
Germany: Stephan Seifen
Chair and Comments: Karl Lauschke

Freitag, 7.Dezember 2007

Section III: Expressing reluctance? Trade unions and the “EFTA world“
United Kingdom: Richard Hyman
Ireland: Joe Wallace
Denmark: Herman Knudsen
Chair and Comments: Bernd Bühlbäcker

Section IV: Plurality and polarisation? Trade unions and the “southern” dimension
Greece: Christos A. Ioannou
Italy: Serafino Negrelli
Spain: Miguel Martinez Lucio
Austria: Ferdinand Karlhofer
Chair and Comments: Wolfgang Kowalsky

Section V: The power of welfare? Trade unions and the “northern” dimension
Sweden: Sofia Murhem
Finland: Tapio Bergholm
Comments: Nathan Lillie
Chair and Comments: Jörg Rumpf

Section VI: Victims of transformation? Trade unions in the “new” Central Europe
Poland: Clemens Rode
Hungary: Andrej Stuchlik
Czech Republic: Peter Heumos
Slovak Republic: Mária Svoreňová
Chair and Comments: Sonja Giese

Samstag, 8.Dezember 2008

Section VII: Starting from zero? Trade unions in the “new” small member states
Estonia: Raul Eamets
Lithuania: Julija Moskvina
Slovenia: Miroslav Stanojevic
Chair and Comments: Dimitrij Owetschkin

Section VIII: South Eastern Europe between state unionism and autonomy?
Bulgaria: Grigor Gradev
Rumania: Anitta Orzan
Malta: Saviour Rizzo
Turkey: Manfred Wannöffel
Chair and Comments: Gunnar Sandkühler

Section IX: The Transnational and European Dimension
The ETUC: CYRIL KIRCHES
Trade unions' strategies in a bilateral European perspective: The German-French Focus: Idar Helle
A European turn and its limits: British and German trade unions and European integration in the late 1980s and early 1990s: Thomas Fetzer
Comment from the perspective of political science: The access of interests to EU institutions: Rainer Eising
Chair and Comments from a historical perspective: Willy Buschak

Summing up and Perspectives: Klaus Tenfelde und Jürgen Mittag

Anmerkung:
[1] Suomen Ammattiliittojen Keskusjärjestö (Zentralverband der finnischen Gewerkschaften)

Zitation
Tagungsbericht: Towards Transnational Trade Union Representation? National Trade Unions and European Integration, 06.12.2007 – 08.12.2007 Bochum, in: H-Soz-Kult, 02.06.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2121>.