Erinnerungskultur und Regionalgeschichte

Ort
Flensburg
Veranstalter
Arbeitskreis „Politik und Geschichte“ in der DVPW in Kooperation mit dem Institut für schleswig-holsteinische Zeit- und Regionalgeschichte an der an der Universität Flensburg
Datum
23.05.2008 - 24.05.2008
Von
Knud Andresen, Kiel

Die Erforschung von Erinnerungskultur ist offensichtlich ein äußerst produktives Tätigkeitsfeld; immer mehr kulturwissenschaftliches Sediment – Ansätze, Theorien und Paradigmen – lagert sich an. Über diese permanente Verästelung ist allerdings die Entwicklung einer Makroebene vernachlässigt worden; eine Synthese der vielfältigen Überlegungen zunehmend schwierig. Eine ausgeprägte Unübersichtlichkeit hat sich eingestellt, eine gewisse Beliebigkeit für die Zukunft ist zu befürchten, gerade weil auch zentrale qualitative Aspekte wie zum Beispiel die Frage nach der Rezeption in Beiträgen zur Erinnerungskultur aus dem Fokus geraten sind.

Entgegen dieses Trends verknüpfte der Arbeitskreis Politik und Geschichte Erinnerungskultur in seinem Tagungsthema mit dem soziologischen Raumbegriff, der seit einigen Jahren auch in Historikerkreisen verstärkt rezipiert wird. Sozialer Raum stellt gleichsam Grundlage wie Ergebnis sozialer Kommunikation dar. Dieser Konstruktionszusammenhang bietet nun den Vorteil, Erinnerungskultur als Ausgangslage wie Ergebnis der intersozialen Verhandlungen in und von Gemeinschaft zu verstehen. Im Raumbegriff könnte somit ein nützliches Widerlager gefunden werden, die Auseinandersetzung mit Erinnerungskultur zu strukturieren, vor allem aber Akteure und Rezipienten wieder ins Auge zu fassen.

Zu Beginn hob HARALD SCHMID (Kiel/Hamburg) drei Perspektiven hervor, um den Zusammenhang der Tagungsbeiträge im Spannungsfeld zwischen Erinnerungskultur und Regionalgeschichte mit der Konstitution sozialer Formationen luzide zu machen. Er schärfte die Perspektive, indem er nach regionalen Spezifika der Erinnerung bzw. regionalen Formen nationaler Entwicklungen und entsprechenden Hierarchien fragte. Wie wird die Region in der Erinnerungskultur konstruiert? Und wie sind die Zusammenhänge und Geflechte der regionalen mit den nationalen und transnationalen Ebenen einzuordnen?

KARL-HEINRICH POHL (Kiel/Schleswig) gab einen Werkstattbericht über vier Jahre historischer Basisarbeit mit einem studentischen Projekt, das zur Neuentwicklung eines Dorfmuseums führte. Nach der Vorstellung der Rahmenbedingungen hob Pohl dabei insbesondere auf die Rolle des Projektes als geschichtspolitischer Akteur in der Erinnerungskultur des Dorfes ab, das aufklärerisch wirken und Gesellschaftsgeschichte als Lokalgeschichte darstellen wollte, um somit historisches Lernen als bewusstseinsbildenden Prozess zu gestalten. Er schilderte plastisch die Zusammenarbeit mit den Gremien und auch die mitunter vorhandenen Friktionen mit anderen Akteuren im Dorf, die unreflektiert tradierte Erinnerungsbestände erhalten wollten. Die folgende Diskussion ging besonders auf die in dieser Mikrostudie beleuchteten Konfliktlinien ein und gewichtete an diesem Beispiel parteipolitische und Stadt-Land-Differenzen, generationelle Auseinandersetzungen und soziale Hierarchien als Einflussfaktoren in der Erinnerungskultur.

Auch GEORG GÖTZ‘ (Oldenburg) Auseinandersetzung mit der Bedeutung des Skagerrak-Gedenkens für den Marinestandort Wilhelmshaven bezog sich auf die gemeinschaftsbildende Wirkung der Erinnerungskultur im lokalen Kontext. In der Weimarer Republik lagerte sich an das offizielle Gedenken des Ereignisses in Wilhelmshaven ein von Marinevereinen und ähnlichem getragener Teil an, der letztlich für eine breite Integration der Bevölkerung verantwortlich war. Es hatte damit eine große identitätsstiftende Kraft für Wilhelmshaven, stand aber im Kontext ähnlicher Entwicklungen an anderen Orten in der Weimarer Republik. Doch weshalb hatte das Skagerrak-Gedenken nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch lokale Bedeutung und warum erlosch es zu Beginn der 1970er-Jahre völlig? Diskutiert wurde, ob hierfür ein gesellschaftlicher Gegendruck anderer Erinnerungsakteure ursächlich war, oder ob mit dem Ableben der tragenden Generation das kommunikative Gedächtnis an sein „natürliches“ Ende kam.

Zeichnete Götz die lokale Entwicklung vor dem Hintergrund nationaler Bezüge, ging der Museologe JAN SCHEUNEMANN (Leipzig/Rostock) den umgekehrten Weg. Er verglich die Museumspolitik der DDR in den 1950er- und 1960er-Jahren mit der regionalen Umsetzung am Beispiel eines Heimatmuseums in Plauen, um die Vorgaben der Zentrale auf die Konstitution des sozialen Raumes in der Peripherie zu untersuchen. Welche Handlungsräume ergaben sich zwischen Anpassung und Widerstand? Die Führung bezweckte durch die Museen, eine eigene Nationalgeschichte zu vermitteln, die die Bevölkerung von der Transformation der Gesellschaft nach Marxscher Vorhersage überzeugen sollte. Im neuen Staat mussten die vielerorts sowohl thematisch als auch personell noch im Kaiserreich wurzelnden Heimatmuseen überarbeitet werden. Dadurch ergab sich ein permanenter Widerspruch zwischen der neuen Aufgabe, den Kampf der Arbeiterklasse nach SED-Deutung zu zeigen und dem Selbstverständnis der Museumsleiter wie auch ihrer Ausstattung. Nach Scheunemann ging es den DDR-Oberen dabei nicht um lückenlose Überzeugung, sondern zunächst eher um die Annektion des öffentlichen Raumes durch ihre Meistererzählung.

Einen anderen Zugang zur Stiftung von Identität über die Erinnerungskultur im lokalen Umfeld entwickelte KATJA BERNHARDT (Berlin). In ihrem Beitrag bezog sie Architektur und Geschichtsschreibung aufeinander. Sie interpretierte den Streit um die architektonische Gestaltung der Innenstadt Danzigs in den 1920er- und 1930er-Jahren als eine Fortführung der Kontroversen zwischen Deutschen und Polen um die politische Zugehörigkeit Danzigs nach dem Ersten Weltkrieg, die über die vorgebliche historische Zugehörigkeiten belegt werden sollten. Im Mittelpunkt der Diskussion stand die Frage, inwieweit die Intention der beteiligten Akteure direkt nachzuvollziehen sei, auch vor dem Hintergrund, dass diese Bautradition von polnischer Seite nach dem Krieg in Teilen fortgeführt wurde.

In eine ähnliche Richtung ging der Beitrag von ANDREA GENEST (Potsdam), die die Entwicklung eines Symbols der lokalen Oppositionsbewegung zu einem Merchandising-Produkt Breslaus in der Gegenwart nachzeichnete. Die Stadt erkor sich mangels tradierter Alternativen in den 1990er-Jahren diese Heinzelmännchen zum Werbesymbol. Ihr Ursprung lag in den frühen 1980er-Jahren, als ein Aktionskünstler die Figuren mit der orangefarbenen Mütze erfand und als subversives Symbol der Opposition platzierte. In der Folge erlangten die Heinzelmännchen große Popularität, weil sie zum einen eine breite Zuordnung der Bevölkerung zur Opposition ermöglichten, zum anderen aber als genuin Breslauer Spezifikum auch die lokale Abgrenzung vom übermächtigen Warschau bedienten. In der anschließenden Diskussion drehte sich das Gespräch dann um die Frage, ob das Symbol durch die Vermarktung und Enthistorisierung nicht beliebig geworden sei. Die Teilnehmer verständigten sich letztlich darauf, dass ein identitätsstiftendes Symbol per se immer breit adaptierbar sein müsse.

Mit der Mesoebene der Region setzte sich LAURE OGNOIS (Tübingen) am Beispiel geschichtspolitisch aufgeladener Predigten in der Waadt nach der Etablierung einer Republik französischen Musters in den Jahren 1798 bis 1803 auseinander. In ihrer methodischen Reflexion verstand sie die Predigt dabei als politische Rede und den Pfarrer als politischen Akteur in und außerhalb der Kirche, der durch sein religiöses Amt hohe, auch öffentliche Deutungsautorität genoss. Beide Seiten benutzten (gegensätzliche) selektive Aspekte der Vergangenheit, um ihre Position zu legitimieren und bezogen sich dabei entweder im Sinne der Restauration auf die Geschichte der Region und angebliche Kontinuitäten, oder aber als Verfechter der Revolution auf überzeitliche und von auswärts adaptierte Vorbilder, um den Bruch zu kaschieren.

Einen interregionalen Vergleich wählten UWE DANKER und ASTRID SCHWABE (beide Flensburg/Schleswig): Sie stellten die Entstehung eines von ihnen forcierten virtuellen Museumsprojektes, das ursprünglich lediglich die mediale Unterstützung eines Museums der Landesgeschichte Schleswig-Holsteins werden sollte und schließlich zu einem voll didaktisierten grenzüberschreitenden Projekt wurde. Dabei reflektierten sie über ihre gleichzeitige Rolle als Wissenschaftler und Erinnerungsakteure. In seiner mehr als zehnjährigen Geschichte änderte das Projekt nicht zuletzt aus finanziellen Gründen mehrfach Gestalt und Ausrichtung und wurde von verschiedenen Akteuren getragen oder auch kritisiert. Eine Kooperation mit Dänemark und die Fokussierung auf die Grenzlandgeschichte ermöglichten die Drittmitteleinwerbung, führten aber zugleich zu weiteren Konfliktlinien. Auf deutscher Seite waren nun kommunale Träger involviert, die materielle Interessen für ihre Körperschaft durchzusetzen suchten. Bei den dänischen Partnern kam es bei der Behandlung heikler Bereiche der gemeinsamen Geschichte zu Befürchtungen, von der Geschichtsdarstellung des größeren Nachbarn majorisiert zu werden. Nach einigen Friktionen konnte das Projekt schließlich 2008 ins Netz gestellt werden.[1] Möglicherweise gibt die mäandernde Entwicklung des Projekts die zeitgleich einhergehenden Veränderungen im sozialen Raum wieder. Aus der angestrebten Darstellung schleswig-holsteinischer Geschichte zur Schärfung der landesbezogenen Identität wurde ein grenzüberschreitendes Projekt, das die gemeinsame Region in den Fokus nimmt und eher Ausdruck posttraditionaler regionaler und nationaler Identität ist.

Den Aspekt des Wandels nahm SEBASTIAN LEHMANN (Schleswig) auf. Er beschäftigte sich mit den wechselnden Thematisierungen der NS-Vergangenheit des schleswig-holsteinischen Innen- und Finanzministers Hartwig Schlegelberger zu verschiedenen Zeiten als exemplarischem Beispiel für den allgemeinen Wandel der Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen. Lehmann konnte darlegen, wie die Vorwürfe gegenüber dem ehemaligen NS-Marinerichter Schlegelberger und seinen Urteilen in den letzten Kriegstagen in den 1960er-Jahren zunächst kleingeredet wurden, sich erst Ende der 1980er-Jahre wirklich im sozialen Raum durchsetzten, wobei eine endgültige Skandalisierung letztlich erst Mitte der 1990er-Jahre durch die Forcierung des Spiegels gelang. In der gegenseitigen Verschränkung von zeitbedingter Vergangenheitspolitik und Betrachtung des sozialen Raumes konnten demnach wechselseitig die Veränderungen aufgezeigt werden. Warum geriet ausgerechnet Schlegelberger periodisch ins öffentliche Interesse? Die Diskutanten waren sich schließlich darin einig, dass die Person Schlegelbergers sich trotz der vergleichsweise geringen Belastung offensichtlich als konkrete Projektionsfolie für den jeweiligen Stand der Vergangenheitspolitik eignete.

Insgesamt machte die Tagung deutlich, dass das Thema Geschichtspolitik noch lange nicht erschöpfend behandelt worden ist. Der Ansatz, den „Schulterschluss“ mit der sozialen Raumforschung zu suchen und sich auf das vielfältig vernetzte Untersuchungsgebiet der Regionalgeschichte zu kaprizieren, erscheint als praktikabler Weg, um das vielfältige Konzept der Erinnerungskultur anzuwenden. Insbesondere die Studien, die durch vergleichende Betrachtungen hierarchischer Raumebenen Schlüsse zuließen, waren sehr instruktiv für die Bewertung der jeweiligen Akteure und ermöglichten somit eine Einordnung der Ergebnisse in größere Rahmen.

Kurzübersicht:

Begrüßung und Einführung durch Harald Schmid

Karl-Heinrich Pohl (Kiel/Schleswig): Historiker und Erinnerungskultur – das Haus der Geschichte in Sehestedt.

Katja Bernhardt (Berlin): Lokal, regional, national. Konzepte der historischen Identifikation in der Freien Stadt Danzig.

Georg Götz (Oldenburg): Die Erinnerung an die Skagerrak-Schlacht in Wilhelmshaven.

Sebastian Lehmann (Schleswig): Der Fall Hartwig Schlegelberger: Dreifache Vergangenheitspolitik?

Uwe Danker und Astrid Schwabe (beide Flensburg/Schleswig): Vom realen zum virtuellen Museumsprojekt. Geschichtspolitisches Erfahrungswelten in einer (Grenz)Region.

Laure Ognois (Tübingen): Regionale Instrumentalisierung politischer Vergangenheit. Inszenierung von Schweizer Geschichtsbildern in der Waadt während der helvetischen Republik (1798-1803).

Andrea Genest (Potsdam): Wenn anarchistische Heinzelmännchen zum Stadtwahrzeichen werden. Wroclaw und die regionale Oppositionsgeschichte.

Jan Scheunemann (Leipzig/Rostock): „Lasst die Finger weg von der Parteigeschichte. Geschichtspolitik“. Geschichtspolitik und regionale Museumsarbeit in der DDR

Anmerkung:
[1] <http://www.vimu.info> (13.06.2008).

Zitation
Tagungsbericht: Erinnerungskultur und Regionalgeschichte, 23.05.2008 – 24.05.2008 Flensburg, in: H-Soz-Kult, 30.06.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2155>.
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Veröffentlicht am
30.06.2008
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