Wie die Kunst zum Sport kam – Kulturwissenschaftliche Ansichten vom Sport

Ort
Stuttgart
Veranstalter
Institut für Sport- und Bewegungswissenschaft, Institut für Literaturwissenschaft, Internationales Zentrum für Kultur- und Technikforschung
Datum
09.06.2008
Von
Tanja Ottmann

Passend zum aktuellen Ereignis der Fußball EM fand am 9. Juni 2008 am Institut für Sport- und Bewegungswissenschaft in Stuttgart ein Symposium zum Thema „Wie die Kunst zum Sport kam“ statt. Die Tagung wurde vom Institut für Literaturwissenschaft (Abteilung Romanische Literaturen I) konzipiert, vom Institut für Sport- und Bewegungswissenschaft veranstaltet und freundlicherweise vom Internationalen Zentrum für Kultur- und Technikforschung finanziell unterstützt. Die Teilnehmer dieses interdisziplinären Symposiums waren von verschiedenen Universitäten Deutschlands zusammen gekommen, um gemeinsam den Sport und dessen Beziehung zur Kunst zu betrachten.

Als erstes erklärte REINHARD KRÜGER (Universität Stuttgart) die gemeinsame Basis von Sport und Kunst im Hinblick auf deren semiotische Funktion. Ebenso wie Sprache, Gesten oder Kleidung gehören auch Wettkampfhandlungen zum Zeichensystem einer bestimmten Kultur. Die Annäherung von Kunst und Sport zeige sich insbesondere darin, dass beide von der Überlebensnotwendigkeit enthoben seien. So ist eine sportliche Aktivität, wie beispielsweise der Speerwurf, lediglich eine „Simulation einer Gebrauchsbewegung“, die von ihrem ursprünglichen Zweck losgelöst ist. Auch die Kunst, insbesondere die Kunst des 19. Jahrhunderts, sei eine zweckfreie Tätigkeit, wie dies schon der Begriff l’art pour l’art (die Kunst um der Kunst willen) verdeutliche. Des Weiteren belegte Reinhard Krüger seine These, dass Sport die Simulation von Gebrauchsbewegungen sei, anhand kulturgeschichtlicher Beobachtungen. Dabei verwies er auf Johan Huizinga, der in seiner Schrift Homo ludens darstellt, dass schon alte Gesellschaften Wettkämpfe anstelle von Kriegen durchführten. Huizinga, so Krüger, sehe den Stellvertreterzweikampf oder das mittelalterliche Turnier als Simulation realer Kräfte mit dem Zweck, menschliche Ressourcen zu schonen. Diese mimetische Inszenierung weise also im Hinblick auf ihre komplexe semiotische Struktur eine Ähnlichkeit zu künstlerischen Handlungen und Objekten auf. Am Beispiel des Marathonlaufs könne man sogar die Simulation einer historischen Handlung erkennen. Als Beispiel führte Reinhard Krüger den italienischen Pastabäcker Dorando Pietri auf, der am 24. Juni 1908 im Rahmen der Olympischen Spiele von London den Marathon lief. Hatte der Marathonlauf ursprünglich eine Funktion, nämlich das Überbringen einer Botschaft, so war er jetzt eine zweckentfremdete und ritualisierte Handlung.

An Dorando Pietri zeige sich auch der Konflikt zwischen dem starken menschlichen Willen und dessen körperlicher Schwäche, einen Konflikt, zu dem sich unter anderem Sir Arthur Conan Doyle oder Friedrich Nietzsche äußerten und den Krüger als anthropologische Konstante analysierte. Für Nietzsche sowohl wie für Arthur Conan Doyle waren Sport und der Sportler ein Symbol der Moderne. In seinem Werk The Boxer Rodney Stone stellte Letzterer den Sportler als hochmodernen Menschen dar. Unter anderem in Frankreich war sein Roman sehr erfolgreich; in der neuen Beliebtheit des Boxsports sah Reinhard Krüger eine Gegenbewegung gegen das Dandytum. Auch in Werken der Bildenden Kunst erkannte Krüger den Sportler als ein Symbol der Moderne. Dies zeigte er an Delaunays Bild L’Equipe de Cardiff (1912/13). Dieses trägt zahlreiche Symbole der Moderne wie den Eiffelturm, das Pariser Riesenrad, ein Flugzeug am Himmel, ein Werbeplakat für eine Flugzeugbaufirma und eben eine prismenhafte Darstellung einer Rugbymannschaft aus Wales in Paris. Die Grundlage des Bildes war der Zeitungsausschnitt der Sportler, zu dem in weiteren Schritten die anderen Symbole der Moderne hinzugefügt wurden. Durch die Schilderung dieses Produktionsprozesses wurde sichtbar, wie sehr bei Delaunay der Sport bereits als Paradigma der Moderne etabliert war.

Darüber hinaus sah Reinhard Krüger in Marinettis Manifeste du Futurisme auch eine Hymne auf den Wettkampf und den Sport. Nach Marinetti könne der Mensch neue Leistungen und Rekorde erzielen, da er sich mit der Maschine multipliziere. Dies veranschaulichte auch das Beispiel des Velozipedisten, der Verschmelzung von Mensch und technischem Apparat sei. Krüger zeigte, dass ebendiese Aufrüstung des Menschen in Alfred Jarrys Roman Le Surmal (1901) thematisiert wird, indem er eine biochemisch und technisch hochgerüstete Radmannschaft gegen einen natürlichen Übermenschen in ein Rennen schickt. Gleichzeitig wird in diesem Roman bereits deutlich, wie der Sport als Medienereignis inszeniert werden kann.

Dann betrachtete Reinhard Krüger Pierre Paolo Pasolinis Haltung zum Fußball. Dieser sah im Fußball ein einheitsstiftendes Potenzial für Italien. Des Weiteren präsentierte er Werke der Konkreten Poesie, welche sich mit Fußball beschäftigen, so zum Beispiel das Gedicht Peter Handkes, welches die Mannschaftsaufstellung aus dem Jahr 1967 des 1. FC Nürnberg zum Konkreten Gedicht umformte. Auch das Objektgedicht País (1988) von Joan Brossa ließ sich nach einer Erklärung der Zeichen entschlüsseln.

In der sich an diesen Vortrag anschließenden Diskussion ging man gemeinsam den Fragen nach der Rolle der Mannschaft und des Genies nach. Ebenso wurde Pasolinis Gedanke des Fußballsports als Einheitsstifter aufgegriffen und in Bezug auf die dialektale Situation Italiens weiter erörtert. Hierbei stellte Dietrich Scholler heraus, dass Fußball für das dialektal zersplitterte Frankreich wie eine Koinè wirken könne.

Im zweiten Vortrag berichtete DIETRICH SCHOLLER (Ruhr-Universität Bochum) von der Entwicklung des Sportjournalismus im Wechselspiel mit der Tour de France. Ebenso analysierte er die Bedeutung der Tour de France für Frankreichs nationale Identität. Er gab zunächst einen Überblick von der Erfindung des Fahrrads im Jahre 1817, das in Paris im selben Jahr als Draisinienne bekannt wurde, über dessen zunehmende Popularität bis hin zur ersten Tour de France. Im Jahr 1903 veranstaltete die Sportzeitschrift l’Auto als Reaktion auf einen Medienkrieg mit der Zeitschrift le Vélo die erste Tour de France, auch mit dem Ziel, ihre Auflage zu erhöhen. Weiterhin beschrieb Dietrich Scholler, wie l’Auto zum „Begleitvehikel der Belle Epoque“ wurde und griff damit das Thema vom Dandytum zum Vitalismus wieder auf. Anhand von einschlägigen Zitaten zeigte er, wie l’Auto in literarischer Hinsicht Stellung bezog. Der Realismus, wie er in Emile Zolas Werk La Débacle in Erscheinung tritt, pflanze – so der Chefredakteur von l’Auto Henri Desgrange – nur Feigheit in das Herz der Menschen. Dagegen lobt Desgrange den Schriftsteller Paul Déroulède mit seinem Soldatentagebuch Feuilles de route als Engergiespender für die Sache Frankreichs. Als positiv beurteilt l’Auto auch den nationalistischen Romancier und Journalisten Maurice Barrès, der als Kenner der Jugend und als ihr Vorbild bezeichnet wird. Der Sportgeist um die Jahrhundertwende solle die Langeweile und den Alltag vertreiben und die Tour de France solle als Sportereignis das ganze Land aufwecken. Das von Dietrich Scholler ausgewählte Zitat aus l’Auto vom 10. Juli 1903 veranschaulichte, wie die Tour de France zum großen Heldenereignis und zur Lebensphilosophie gemacht wurde. Die durch Frankreich fahrenden Helden werden darin als Windhosen, ein Symbol für Energie und Schnelligkeit bezeichnet. Am Beispiel des Eugène Christophe, der seine nach einem Unfall gebrochene Fahrradgabel eigenhändig schweißte, zeigte Dietrich Scholler, wie auch einzelne Radsportler zu Helden stilisiert wurden.

Dann schüttelte Dietrich Scholler eine ganz andere Tour de France sozusagen aus dem Ärmel: ein kleines Büchlein mit dem Titel Le Tour de France par deux enfants (1877) von Augustine Fouillet (alias G. Bruno). Dieser patriotische Repräsentationsroman hatte um 1900 bereits eine Auflage von 6 Millionen und sollte nach dem deutsch-französischen Krieg das Vaterland sichtbar und lebendig machen: „rendre la patrie visible et vivante“. Das als Schullektüre benutzte Werk handelt von zwei lothringischen Waisenkindern, die auf der Suche nach ihrer Verwandtschaft Frankreich kennen und lieben lernen. Die Tour de France der Kinder und die Tour de France der Radfahrer zeigt eine Gemeinsamkeit auf, denn auch das Radsportereignis sollte dazu dienen, den Franzosen ihr Vaterland näher zu bringen. Paradoxerweise kannten die Franzosen um die Jahrhundertwende, also zur der Zeit des Imperialismus, die Topographie ihres Vaterlandes nur sehr wenig, ihr Wissen beschränkte sich auf ihre Region, die sogenannte petite patrie. Diesen Mangel griff l’Auto auf, indem in ihr die Etappen der Tour de France abdruckt wurden. Dietrich Scholler zeigte anhand von Karten, wie die Tour de France zunächst nach den natürlichen Grenzen Frankreichs verlief und somit das Hexagon nachzeichnete. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg bedurfte es dieser nationalen Selbstvergewisserung nicht mehr und die Streckenpläne weiteten sich auf das Landesinnere aus.

In der sich anschließenden Diskussion kam die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Krieg und Sport auf, die Dietrich Scholler perspektivisch darstellte. Er zeigte, dass Barrès nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 den Sport als Fortsetzung des Krieges sah. Der Sport solle die Verweichlichung Frankreichs verhindern. Barrès zeigte eine Bewunderung für Krieg und die Werte eines Soldaten wie Mut, Stärke oder Tapferkeit auf. Ebenso wurde in der Diskussion der radikale Paradigmenwechsel von einer „unfruchtbaren Dandygesellschaft“ hin zu einem sportlichen Vitalismus noch einmal besonders hervorgehoben.

Im dritten Vortrag konzentrierte sich KARIN RASE (Berlin) auf die Sportart Fußball und insbesondere auf die Frage, wie das Fußballspiel zur Kunst kam. Hierzu präsentierte sie eine vielfältige Auswahl an Bildern von Kunstobjekten, in denen der Fußball stets im Mittelpunkt stand. Karin Rase erklärte zunächst, dass sie einen Höhepunkt der „Fußball-Kunst“ erst in der Fußball WM 2006 sah, bei der die Bundesregierung und die FIFA ein offizielles Kulturprogramm mit Kunstausstellungen ausrichten ließen. Ebenso informierte sie über die aktuellen Ausstellungen, die derzeit in Österreich und der Schweiz die Europameisterschaft begleiten, wie beispielsweise der Skulpturenpfad am Aletsch-Gletscher. Auf die Frage, wie denn die Kunst zum Fußball käme, antwortete Karin Rase mit der schlichten Aussage: „sie kommt zum Sport, weil sie eingeladen wird“. So startete sie ihre chronologische Übersicht über den Sport, die Berichterstattung und die dazugehörigen Bilder in den Medien. Für das 19. Jahrhundert, das Zeitalter der Zeitungsgründungen, stellte sie fest, dass sich als erstes der Boxsport als Kunstmotiv entwickelte. Zwei Beispiele aus The Sporting Magazine und The Annals of Sport verdeutlichten, dass mit dem Massenkonsum von Printmedien gesellschaftliche Ereignisse auch zunehmend in Wort und Bild berichtet wurden. Bilder waren sehr beliebt und steigerten die Verkaufszahlen. Der Boxsport zeigte sich auf Stahlstichen als etablierter Sport, wohingegen der Fußball im frühen 19. Jahrhundert stets als „Fußlümmelei“ dargestellt wurde. Dann veranschaulichte Karin Rase, wie der Fußball seinen Einzug in die Kunst vor allem über Karikaturen hielt: Dienstboten, die mit Kohlköpfen Fußball spielten oder Fußball im Schlachtfeld. Besonders die Bildfolge des großen Karikaturisten des 19. Jahrhunderts Paul Simmel zeigte in Die lustigen Blätter den Sport als politische Metapher. Nachdem sich in den ersten Abbildungen schottische und englische Truppen in einem freundlichen Fußballspiel messen, zeigt die vierte Abbildung, wie die Spieler durch „deutsche Bälle“, also durch Granaten, zerrissen werden.

Karin Rase schilderte auch, wie dann im Laufe des 19. Jahrhunderts durch die Entwicklung des modernen Stadtlebens der Bedarf nach einem neuen Typ an Zeitung wuchs. Diesem Bedarf kam Sport im Bild (Moss und Ullstein) ab dem Jahre 1894 nach. Trotz des Aufschwungs der Pressefotografie, wurde Fußball noch überwiegend durch Zeichnungen abgebildet, da die schnellen Bewegungen des Fußballspiels noch nicht von einem Fotoapparat eingefangen werden konnten. Mit der Gründung der Zeitschrift Kicker im Jahr 1920 durch Walther Bensemann erhielt der Fußball seine eigene Plattform für Wort und Bild. Des Weiteren zeigte Karin Rase anhand einer Abbildung in der Zeitschrift der Querschnitt von 1932, auf der alle Spieler wie aus einem Guss erscheinen, dass im Fußball nun vor allem der Aspekt der Mannschaft besonders wichtig war. Mit ihrem Panorama wieder in der Gegenwart angekommen, präsentierte Karin Rase abschließend noch zahlreiche Beispiele dafür, dass die „Fußlümmelei“ es tatsächlich zur Fußballkunst geschafft hatte: ein strahlender Klinsmann auf der Titelseite des Cicero im März 2006, eine Rosenthalproduktion, die „das Wunder von Bern“ in Porzellan zeigt oder das Art Poster der FIFA für die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Die Diskussion über die Fußballkunst vertiefte die im Vortrag herausgestellte Beziehung zwischen Sport und Satire. Dabei wurde festgehalten, dass komplexe Vorgänge durch den Sport auf eine einfache Weise dargestellt werden können.

Zeigte der vorangegangene Vortrag vor allem, wie die Kunst zum Fußball kam, so analysierte GUNTER GEBAUER (Freie Universität Berlin) nun die dem Fußball inhärente Kunst und Magie. Als Grundgedanken stellte er die tiefen Gegensätze dar, die im Fußball lägen: die Schönheit des Fußballs und das gerüttelte Maß an Gemeinheit. Im Fußball sei der Mensch lebendig und aufgefordert, im Jetzt und Hier zu leben. Beide Seiten, das Schöne und das Gemeine, würden von Menschen unterschiedlich stark gewichtet. Es gäbe Menschen, die am Dreck, am Gebrüll und an der Banalität des Fußballs Anstoß nehmen. Doch die Liebhaber erkannten im Fußball etwas Heroisches. Deren tiefe Faszination für den Fußball habe eine Dimension, die von außen unzugänglich sei. In der darauf folgenden Analyse eröffnete Gunther Gebauer Einblicke in die magische Poetik des Fußballs. Er erklärte, dass in der griechischen Mythologie das Spiel Göttern vorbehalten war. Worin lag nun aber das Gemeine im Fußball? Zunächst stelle schon die willkürliche und kräftige Traktierung des Balls mit den Füßen eine gemeine Handlung dar, da der Ball eine perfekte Form aufweist und in seiner Kugelförmigkeit auch an die Gestalt der Welt erinnere. Bei Nikolaus von Kues setzt der erste Weltbeweger den ruhenden Globus mit der Hand in Gang, wohingegen im Fußball der ideale Gegenstand mit dem Fuß getreten wird. Gunter Gebauer hob schließlich hervor, dass die besondere Poetik des Fußballs gerade durch die vorgegebenen Beschränkungen erzeugt werde. Erschwerte Bedingungen wie die Grobheit der Schuhe oder die Ungeschicktheit der Füße erfordere, so Gebauer, dass Stärke und Gewalt stets mit Finesse, Antizipation und Raffiniertheit gepaart sein müssen, um zum Erfolg zu führen.

Anhand von bekannten Fußballstars wie Maradona oder Zidane veranschaulichte Gunter Gebauer den Mythos der Helden und deren Vasallen im Fußball. Diese Darstellung griff somit die zuvor aufgeworfene Frage nach dem Genie noch einmal auf. Der seigneur stehe im Zentrum und sei stets von „Laufhunden“ umgeben. Er schaffe sich Freiräume und seine Gegner scheinen quasi für ihn zu spielen, ohne dass der seigneur brachiale Gewalt anwende. Auch die Spielerfunktion wurde in Hinsicht auf die Charaktere der Spieler analysiert. Dabei berücksichtigte Gebauer auch kulturelle Unterschiede. So werde der Torwart in Deutschland serh bewundert, in Brasilien hingegen weniger. Torhüter gälten dort als Ordner, Stürmer wiederum als Chaosstifter, deren Schicksal oft einen tragischen Abgang aufweise.

WOLFRAM PYTA (Universität Stuttgart) ging der Frage nach, ob Fußball dazu beitragen könne, eine kollektive Identität zu stiften. Er erklärte, dass der deutsche Fußball ein Spiegelbild des Föderalismus sei. Bis in die 1930er-Jahre sei das Interesse für den Wettbewerb auf internationaler Ebene zweitrangig gewesen. Erst 1945 trat mit dem Wunder von Bern ein Prozess der nationalen Vergemeinschaftung ein. Das alte Symbol des kämpferischen Adlers war aufgrund der nationalsozialistischen Kontaminiertheit nicht mehr verwendbar, um die Idee der Nation zu veranschaulichen. Das Zitat aus der Westdeutschen allgemeinen Zeitung nach dem Wunder von Bern zeigte, dass der Wert „Kameradschaft“ nun die neue Erklärung der sportlichen Leistung war: „eine bedingungslos kämpfende Mannschaft von 11 Kameraden hat es geschafft“. Mit dem Wertewandel der Postmoderne trat ab den 1960er-Jahren vor allem die spielerische Qualität von Einzelpersonen in den Vordergrund. Der deutsche Sieg bei der Weltmeisterschaft 1974 wurde unter dem Erfolg der individuellen Leistungen verbucht. Wolfram Pyta bemerkte, dass die Bundesrepublik sich selbst und die Leistungen ihrer Individuen wohl anerkenne. Allerdings stünden das ungerührte Nicht-Mitsingen der deutschen Nationalhymne sowie die Abbildung des Textes nicht gerade für ein nationales Selbstbewusstsein.

Wolfram Pyta beschrieb anschließend die zunehmende Europäisierung, bei der Staaten ihre nationalen Reservate auf dem Altar Europas opferten. Die Delegation von nationalen Angelegenheiten auf supranationale Einrichtungen führte dazu, dass das nationale Bewusstsein sich auf Handlungsfelder verlagerte, in denen ein nationaler Ausdruck noch möglich sei, ohne dabei einen neuen Nationalismus erzeugen zu wollen. Die Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland kann, so Wolfram Pyta, eindeutig als eine Darbietung der Nation Deutschland gesehen werden, bei der der Wunsch nach nationaler Identität zum Ausdruck kam. So schloss sich die Frage an, ob Deutschlands „Flagge zeigen“ im Jahr 2006 an den Erfolg gebunden war. Dies bejahte Wolfram Pyta anhand von zwei Beispielen. Auch die Frage nach dem Integrationspotential des Fußballs durch den Einsatz von Spielern mit Migrationshintergrund wurde erörtert.

Im letzten Vortrag analysierte FRANZ SIMMLER (Freie Universität Berlin) die Fußballsprache. Als Grundlage für seine linguistischen Analysen diente ihm sein eigens erstelltes Korpus aus 60 Stunden Aufnahmen aus verschiedenen Tageszeitungen, Sportzeitschriften und Fußballlehrbüchern. Zwei Artikel aus dem Kicker Sportmagazin und aus den Westfälischen Nachrichten vom 7./8. Juni 1978 analysierte er exemplarisch von der Mikrostruktur wie beispielsweise der Verbvalenz bis hin zur Makrostruktur. So stellte Franz Simmler beispielsweise fest, dass das sonst dreiwertige Verb „schießen“ sich in der Fußballsprache zum sechswertigen Verb entwickelt habe. Auf der Ebene der Makrostruktur analysierte er Form und Inhalt der Oberzeile, der Überschrift, der Unterzeile, der Absätze oder des Leads. Franz Simmler zeigte auch den stilistischen Unterschied der untersuchten Textsorten. Während Lehrbücher keine besondere Fachsprache wählten, sondern auf neutrale Beschreibungen wie „ein Tor erzielen“ zurückgriffen, benutzten Sportzeitschriften oft umgangssprachliche Begriffe wie „einknallen“ oder „verladen“. Sehr detailliert war auch Franz Simmlers Analyse der Überschriften. So ist beispielsweise die Überschrift „72. Minute: Ein selten schöner Zug von Dieter Müller über Fischer zu Hansi Müller“ ein viergliedriger Nominalsatz ohne ein einziges Verb. In der sich anschließenden Diskussion wurde über die Entwicklung des analytischen Gehalts in Fußballzeitschriften gesprochen. Dabei wurde festgestellt, dass sowohl in Tageszeitungen als auch in Sportzeitschriften vor allem die Bewertung der Ereignisse zugenommen hatte, dass jedoch Analysen oft recht kurz ausfielen. Zudem äußerten einige Zuhörer Interesse an einer Analyse des Fachjargons der Fußballspieler und an ihrer „Geheimsprache“ während eines Spiels.

Nach dem Dank an alle Beteiligten, die dieses trans- und interdisziplinäre Symposium ermöglicht hatten, wurde in Aussicht gestellt, dass es schon in naher Zukunft ein weiteres Kolloquium über Kunst und Sport geben könnte. Denn die einzelnen Vorträge hatten den Sport nicht nur auf seine Beziehung zur Kunst hin analysiert, sondern den Sport im Licht der Literaturwissenschaft, der Geschichte, der Philosophie und Linguistik betrachtet und ihm dadurch noch wenig bekannte kulturgeschichtliche Seiten abgeschaut.

Kurzübersicht:

Prof. Dr. Reinhard Krüger: „Der Sportler als Hyperanthropos, oder: Wie Künstler in Frankreich, Italien und Brasilien zum Sport kamen“

Dr. Dietrich Scholler: „Die Geburt des Sportjournalismus aus dem Geiste der Tour de France. Zur medialen Konstruktion eines Kollektivsymbols“

Dr. Karin Rase: „Von der ’Fußlümmelei’ zur Fußballkunst oder wie das Fußballspiel zur Kunst kam“

Prof. Dr. Gunter Gebauer: „Fußball als Körperpoetik“

Prof. Dr. Wolfram Pyta: „Der Beitrag des Fußballs zur Stiftung kollektiver Identität“

Prof. Dr. Franz Simmler: „Die Fußballsprache“

Zitation
Tagungsbericht: Wie die Kunst zum Sport kam – Kulturwissenschaftliche Ansichten vom Sport, 09.06.2008 Stuttgart, in: H-Soz-Kult, 23.06.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2163>.
Redaktion
Veröffentlicht am
23.06.2008
Beiträger
Klassifikation
Epoche(n)
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Veranstaltung
Sprache Veranstaltung