Motivationen für das Selbst – Spinoza und Kant im Vergleich

Ort
Wolfenbüttel
Veranstalter
Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel
Datum
12.03.2008 - 14.03.2008
Von
Anne Tilkorn, Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel

Die Tagung „Motivationen für das Selbst - Spinoza und Kant im Vergleich“ thematisierte den Menschen als in ethischen Zusammenhängen stehenden. Sie stellte eine seltene Unternehmung dar, wagte sie doch einen direkten Vergleich dieser beiden Autoren. Ein Wagnis deshalb, weil die Ansätze Spinozas und Kants einander vollkommen entgegengesetzt scheinen, wie auch Manfred Walther in seinem Vortrag herausstellte: „Spinozas notorischer ‚Dogmatismus’ und Kants ‚Kritizismus’, Spinozas Ansatz einer Einheit von Theorie und Praxis und Kants strikte Unterscheidung zwischen theoretischer und praktischer Vernunft, Spinozas Determinismus und Kants emphatischer Freiheitsbegriff, Spinozas Rede im Indikativ (`Der freie Mensch tut…´) und Kants Kategorischer Imperativ (‚Handle stets so, dass…’).“ Das Wagnis des Theorievergleichs und des Identifizierens deckungsgleicher Argumente und Kerngedanken von Spinozas Selbsterhaltungsethik und Kants deontologischer Ethik hat sich dennoch während der drei Tage als sehr fruchtbar erwiesen. Konzentrierter Ausgangspunkt für alle Vortragenden waren die Theorien zur Motivation, wie der Mensch zum Handeln überhaupt und schließlich zum moralischen Handeln bewegt werden kann.

Die Frage nach der Handlungstheorie oder Wie ist Autarkie möglich? war thematischer Schwerpunkt der von Manfred Walther (Hannover) moderierten ersten Vorträge am Mittwochnachmittag sowie am Donnerstagvormittag. INJA STRACENSKI (Budapest) ordnete zu Beginn Spinoza in einen ideengeschichtlichen Kontext ein, der ihn in einem wenig beachteten Zusammenhang zeigt: in der Weiterführung derjenigen Ideen der Philosophie der Renaissance, die, wie ein Titel von Alexandre Koyré beschreibt, „Von der geschlossenen Welt zum unendlichen Universum“ geführt haben. Im Vordergrund stand hier zunächst mehr die Opposition Spinoza - Descartes als Spinoza - Kant. Der Neubeginn der Philosophie Spinozas habe sich grundsätzlich gegen Descartes gerichtet. Mittels der Abgrenzung vom Dualismus, von der Trennung von Geist und Körper, die auch zwei verschiedene Erkenntnisarten nach sich ziehe, sei Spinoza eine fundamentale Grundlegung der humanen Wissenschaften gelungen. Seine moderne Einführung traditioneller Ideen hatte immer eine ethische Zielrichtung, so dass auch Begriffe der Naturwissenschaft Folgen für die Ethik haben und gleichzeitig gefordert werden kann, dass die Realität ethischer Ideen der Realität der empirischen Welt in Nichts nachsteht.

Den Begriff der Handlung im Sinn von Selbstbestimmung bei Spinoza und Kant diskutierte anschließend der Vortrag von ANNE TILKORN (Wolfenbüttel). Sie suchte die kongruenten Linien zwischen Spinoza und Kant und fand sie im Gedanken der Selbstmotivation. Dass der handelnde Mensch von Emotionen bestimmt ist, sahen Spinoza wie Kant. Spinoza machte deutlich, „ein jeder handhabt alles von seiner Affektivität her“, und auch Kant gab zu, dass der Einzelne zur tugendhaften Handlung immer einer Triebfeder oder einer Motivation, also einer Verbindung zum Gefühl, bedarf. Besteht die Übereinstimmung beider darin, die Möglichkeit einer Selbstmotivation, also des bewussten Generierens des zum Handeln notwendigen Gefühls, anzunehmen, so unterscheiden sie sich erst in der Verortung dieses selbstgewirkten Gefühls. In der Architektonik des spinozanischen Systems steht die Selbstmotivation qua affektiv wirksamer Erkenntnis als wünschenswerte, aber seltene Option am Ende, für Kant hingegen war sie Ausgangspunkt und immer schon angenommene Bedingung der Möglichkeit von Autonomie.

Der Beitrag von BIRGIT RECKI (Hamburg) mit dem Titel „Vernünftige Gefühle“ analysierte das moralische Gefühl bei Kant. Er hole mit ihm eine Psychologie der Macht ins Innere der reinen Vernunft und habe damit einen wichtigen Schritt zu deren anthropologischer Kontextualisierung geleistet. Dieses könne auch als Modell für die Konstruktion ästhetischer Gefühle begriffen werden. Das Gefühl gehöre somit integral zur Vernunft, insonderheit zur praktischen. Schließlich sei Vernunft damit nachhaltig befreit von dem drückenden Verdacht, der Geist zu sein, der über den Wassern schwebt. Dass das Gefühl der Achtung aus der Einsicht in die Geltung des Gesetzes und damit aus sich selbst zum Handeln motivieren kann, sei das stärkste Argument gegen jede Vorstellung von einer passiven Vernunft.

CAROLINE SOMMERFELD-LETHEN (Wien) überlegte, inwiefern Spinoza in puncto Affektbalance Kants frühen moralistischen „Versuch, den Begriff der negativen Größen in die Weltweisheit einzuführen“, vorbuchstabiert hat, und zeigte, wie auch bei Kant die Verquickung von Vernunft und Affekten durch Gewohnheit Thema ist. Kants „habitus libertatis“ aus der „Metaphysik der Sitten“ erscheine nicht länger als hölzernes Eisen, wenn man ihn vor der Reflexionsfolie der Moralisten inklusive Spinoza betrachte. Sie hob die Unterscheidung zwischen Gewohnheit und Angewohnheit hervor. Kants Pointe liege darin, dass man sich nicht an Handlungen gewöhne, sondern an Maximen. Für die Diskussion war dieser Punkt ein Stein des Anstoßes. Ausführlich wurde der Gedanke einer Spontaneität, die eingeübt werden kann, analysiert.

Der Donnerstag eröffnete seinerseits angemessenen Raum für die Diskussion, denn die Vorträge von Michael Hampe (Zürich), „Interne Komplexität und Selbsttransparenz bei Spinoza“, Günter Zöller (München), „Konkrete Subjektivität. Kants Ästhetisierung der Tugendpflichten im Licht der substantiellen Einheit von Körper und Geist bei Spinoza“, sowie von Birgit Sandkaulen (Jena), „’Lebe der Natur gemäß’: Selbsterhaltung bei Spinoza und Kant“, konnten aufgrund der umgehenden Grippe nicht stattfinden.

URSULA RENZ (Zürich) stieg in den Vormittag ein und sprach, moderiert von Anne Tilkorn, über die moralische Dimension von Selbstverhältnissen. Sie setzte sehr genau die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten der beiden Theorien gegenüber, z.B. die unterschiedlichen Erklärungsansprüche – Spinoza versuche der faktischen Komplexität des Geistes gerecht zu werden, wohingegen Kant den Nachweis der Verbindlichkeit von Vorstellungen liefere, oder die Gemeinsamkeit, dass es beiden weniger um ontologische Bestimmungen als um Funktionen gehe. Sie zeigte unter anderem, dass sich die beiden trotz erheblicher Unterschiede im Blick auf einzelne Thesen in der systematischen Annahme eines Zusammenhangs zwischen der in der theoretischen Philosophie vertretenen Auffassung von Seele, Geist oder Subjektivität und der in der praktischen Philosophie behaupteten Funktion der Vernunft für die Tugend treffen.

JAN SLABY (Osnabrück), dessen Schwerpunkte die Philosophie des Geistes und die zeitgenössische Philosophie der Gefühle sind, befürchtete zu Unrecht, eingeladen worden zu sein, damit die Spinoza- und Kant-Kenner schließlich sagen können, Spinoza und Kant hätten alles schon längst (besser) gewusst. Vielmehr bereicherte sein Beitrag „Vergnügen und Schmerz – affektive Intentionalität bei Kant und in der Gegenwart“ den Fortgang des Arbeitsgesprächs mit den Argumenten Bennett Helms. Dieser versuche eine einheitliche Perspektive des Gefühls zu etablieren, die dann als Muster rational verbundener felt evaluations normative Werte konstituieren kann. Doch auch diese „Freiheit des Herzens“ sei trainierbar, allerdings nicht unmittelbar, sondern indirekt, etwa durch wiederholte Fokussierung von Aufmerksamkeit auf relevante Aspekte bestimmter Situationen oder durch die Erlernung und Anwendung relevanter evaluativer Begriffe.

Anschließend sprachen in einem gemeinsamen Beitrag GÁBOR BOROS und PETER GULYÁS (beide Budapest) über „Admiratio und generositas: wie Spinoza einen Faden von Descartes zerreißt“. So sei die admiration bei Descartes eine merkwürdige Leidenschaft: einerseits wird sie unter den „primitiven” Leidenschaften aufgelistet, obwohl sich Descartes Mühe geben muss, den Leser davon zu überzeugen, dass sie überhaupt eine echte Leidenschaft sei. Andererseits werde die Wichtigste aller Leidenschaften, die générosité, teilweise auf die admiration zurückgeführt. Spinoza hingegen betrachte die admiratio nicht als ein Grundaffekt. Er spreche ihr die zentrale Bedeutung ab, weil er in ihr die erste Erkenntnisart am Werk sehe. Gerade deswegen stelle er die Beziehung zwischen admiration und générosité nicht wieder her.

Am Nachmittag moderierte ROBERT SCHNEPF (Halle) die Sitzung mit Manfred Walther (Hannover). Dieser arbeitete den Aspekt der Ethiken Kants und Spinozas heraus, der paradigmatisch für die Kantische Ethik gilt, sich aber überraschenderweise auch bei Spinoza findet: die widerspruchsfreie Universalisierbarkeit einer Handlungsmaxime als Kriterium ihrer moralischen oder ethischen Qualität. Selbst der spezielle Konfliktfall, in dem der Handelnde sein eigenes Leben aufgibt, um nicht arglistig zu handeln, sei in Spinozas Ethik enthalten. Walther argumentierte mit Ethik IV, p6c5: Indem wir uns weigerten, den anderen zu täuschen, wählten wir von zwei Übeln – dem Übel, uns unserer Freiheit zu begeben, und dem Übel, bezüglich des schlechteren Teils unserer selbst massiv lädiert zu werden – das kleinere Übel. Kritische Fragen richtete sein Vortrag abschließend an beide Positionen. Kant warf er einen mehrfachen Rekurs aufs Undurchschaubare – den Grund des moralischen Gefühls, das radikale Böse, das intelligible Reich der Zwecke – vor. Spinozas Ethik konfrontierte er mit der Anklage, ihr liege eine intellektualistische Reduktion des Begriffs menschlichen Lebens zugrunde und sie sei dann allenfalls für Philosophen relevant.

Am Freitagvormittag standen mit dem Vortrag von FELICITAS KRÄMER (Düsseldorf) noch einmal „Aktuelle Perspektiven auf den Zusammenhang von Tugend und Gefühl“ auf dem Programm. Sie stellte die Thesen der Tugendethiken vor, die sich auf Aristoteles rückbeziehen und als Alternative zu deontologischen und konsequentialistischen Ethiken konzipiert sind. Im Fokus stand die Theorie von Rosalind Hursthouse, die von der Erziehung und Kontrollierbarkeit von Gefühlen ausgeht, wobei die Mittel für die Bekämpfung von Gefühlen allerdings rein kognitiver Natur seien. Zum einen erscheint es dabei fraglich, ob sich beispielsweise tiefverwurzelte oder sogar unterbewusste rassistische Gefühle mittels einer rein gedanklichen „Umerziehung“ wirklich überwinden lassen. Hier ließen sich Parallelen und Unterschiede zu Spinozas Programm der Gefühlserziehung diskutieren. Diskutiert wurde schließlich erneut die Fragen, ob derjenige, der etwas Schlechtes tut, sich dabei auch schlecht fühlt. Ursula Renz verstand Spinoza so, dass seine Affekttheorie zu diesem Schluss käme.

ROBERT SCHNEPF (Halle) eröffnete in seinem Vortrag eine neue Perspektive auf die Motivationstheorie, indem er die Frage stellte, inwiefern Spinoza und Kant in ihrer Auffassung von Geschichte eine weitere Möglichkeit zur moralischen Motivation gesehen habe. Schnepf untersuchte dabei auch die Erkenntnisansprüche, die der Geschichtswissenschaft innerhalb der zwei Systeme jeweils eingeräumt werden und kam zu dem Schluss, dass ihr bei beiden nicht die höchsten Erkenntnisansprüche zukommen. Bei Spinoza bleibe sie eine der imaginatio verhaftete Form des Denkens. Im Gegensatz zu Spinoza erscheint für Kant in der These vom Fortschritt der Geschichte jedoch eine weitere Motivation zur Moralität, so dass bei ihm am Ende von einem „Überangebot an Motivation“ zu sprechen sei.

In der Schlussdiskussion wurden neue Fragen hinsichtlich des grundsätzlichen Umgangs mit ethischen Theorien gestellt. Die Verbindung von Anthropologie und Ethik würde zeigen, dass der Mensch immer wieder die Überlegungen brauche, dass es auf der anthropologischen Ebene geregelt zugehe. Dass die Verbindung Spinoza – Kant lohnender Ausgangspunkt für weitere Arbeitsgespräche sein wird, war unbestritten. Ebenso, dass Spinoza wie Kant für gegenwärtige Diskussionen relevant bleiben, kann doch mit ihren Argumenten das Bild, das die heutigen westlichen Naturwissenschaften vom Menschen zeichnen, als ein defizitäres dekuvriert werden.

Kurzübersicht:

Moderation: Manfred Walther (Hannover)

Inja Stracenski (Budapest): Der Wille und das Handeln – Kant und Spinoza über die Grundlagen
ethischen Verständnisses

Anne Tilkorn (Wolfenbüttel) Selbstgewirkte Gefühle

Birgit Recki (Hamburg): Vernünftige Gefühle

Caroline Sommerfeld-Lethen (Wien): Alles eine Sache der Gewohnheit. Kant und Spinoza als Moralisten

Moderation: Anne Tilkorn (Wolfenbüttel)

Ursula Renz (Zürich): Zur moralischen Dimension von Selbstverhältnissen

Jan Slaby (Osnabrück): Vergnügen und Schmerz – affektive Intentionalität bei Kant und in der Gegenwart

Gabor Boros, Péter Gulyás (Budapest): Admiratio und generositas: wie Spinoza einen Faden von Descartes zerreißt

Moderation: Robert Schnepf (Halle)

Manfred Walther (Hannover): Konsistenz der Maximen – Universalisierbarkeit und Moralität nach Spinoza und Kant

Moderation: Ursula Renz (Zürich)

Felicitas Krämer (Düsseldorf): Aktuelle Perspektiven auf den Zusammenhang von Tugend und Gefühl

Robert Schnepf (Halle): Theorie der Geschichte und Geschichtsschreibung bei Kant und
Spinoza im Hinblick auf ihre Moralität motivierende Funktion

Abschlussdiskussion

Zitation
Tagungsbericht: Motivationen für das Selbst – Spinoza und Kant im Vergleich, 12.03.2008 – 14.03.2008 Wolfenbüttel, in: H-Soz-Kult, 05.07.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2174>.