Lebenswelt und Lebenswirklichkeit des pommerschen Adels im Vergleich mit den anderen schwedischen Provinzen. 4. Jahrestagung der David-Mevius-Gesellschaft

Ort
Turow
Veranstalter
David-Mevius-Gesellschaft e.V.
Datum
12.06.2008 - 14.06.2008
Von
Jana Zimdars, Max Planck Institut für demografische Forschung Rostock

Vom 12. bis 14. Juni 2008 fand in Turow bei Grimmen die vierte Tagung der David-Mevius-Gesellschaft e.V. unter dem Thema „Lebenswelt und Lebenswirklichkeit des pommerschen Adels im Vergleich mit den anderen schwedischen Provinzen“ statt.

Die David-Mevius-Gesellschaft vereint etwa 60 Wissenschaftler und wissenschaftlich Interessierte aus verschiedenen Teilen Deutschlands und Europas, die sich die vergleichende Erforschung der frühneuzeitlichen deutsch-schwedischen Rechts- und Landesgeschichte zum Ziel gesetzt haben.

Die Konferenz, die in der Heimat des 1609 in Greifswald geborenen Juristen stattfand, der die europäische Rechtssprechung erheblich mitgestaltete, richtete ein besonderes Augenmerk auf das Leben des pommerschen Adels in seinen verschiedenen Facetten, ausgehend von dem Leben auf den vorpommerschen Gütern des David Mevius hin zu dessen gutsherrlicher Nachbarschaft. Wie gestaltete sich die Lebenswelt und -wirklichkeit eines pommerschen Adeligen unter schwedischer Krone? Was waren seine Rechte und Pflichten? In diesem Sinne wurde auch das Modell „Gutswirtschaft“ von verschiedenen Seiten beleuchtet und hinterfragt. Die Tagung ermöglichte dabei ebenso eine vergleichende Perspektive auf andere schwedische Regionen im Ostseeraum, wodurch Unterschiede und Gemeinsamkeiten in verschiedenen Bereichen deutlich wurden.

Die Konferenz wurde am 12. Juni 2008 mit einem bilderreichen Abendvortrag von DETLEF WITT (Greifswald) zu Beispielen barocker Bildhauerarbeiten in Kirchen Vorpommerns eindrucksvoll eingeleitet. Dabei machte der Kunsthistoriker darauf aufmerksam, dass nicht nur die Türme der Kirchenbauten im „Land der Backsteingotik“ barock überformt sind, sondern zeigte an vielen Details, dass dies auch auf das Innere der Kirchen mit ihrer oft reichen Ausstattung aus dem 17. und 18. Jahrhundert zutrifft. Im nördlichen, damals schwedischen Bereich Vorpommerns mit der Insel Rügen stammen die Schnitzwerke in den Kirchen zumeist aus Stralsunder Werkstätten. Oft waren Adelige die Auftraggeber für künstlerische Gestaltungen in den Kirchen. Witt beleuchtete zugleich das Schaffen mehrerer wichtiger Bildhauer, wobei mit Hans Lucht um die Mitte des 17. Jahrhunderts das erste Mal ein Stralsunder Bildhauer aus der Anonymität hervortrat. Der künstlerisch bedeutendste Vertreter dieser Zunft in der Hansestadt am Sund war nach Witts Ansicht zweifellos Elias Kessler, der im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts wirkte. Über seine Herkunft und Schulung gibt es bisher keine gesicherten Nachrichten. Angesichts seiner Werke scheint eine Ausbildung Kesslers im Kreis der Berliner Akademie um Andreas Schlüter wahrscheinlich. Witt beklagte, dass die Forschungsliteratur zu den Malern des hiesigen Barocks noch überschaubarer sei als zu den Bildhauern.

Der nächste Konferenztag begann mit einem Vortrag von DIRK SCHLEINERT (Magdeburg) zur Familie Mevius als Grundbesitzer in Vorpommern. Dabei fokussierte er das Phänomen des Grundbesitzerwerbs durch ursprünglich Bürgerliche, aus denen Landadelige wurden.

1653 erhielt David Mevius im Zusammenhang mit seiner Ernennung zum Vizepräsidenten des Wismarer Tribunals die Güter der ausgestorbenen adligen Familie Tribsees in Zarrentin, Gransebieth, Wendisch und Kirch Baggendorf sowie den Besitz der ebenfalls ausgestorbenen Familie von Buggenhagen in Brönkow, alle zwischen den Städten Grimmen und Tribsees gelegen. Schleinert veranschaulichte, dass Mevius’ Nachkommen diesen Besitz zwar behielten, jedoch in häufig wechselndem Umfang, bis schließlich nach über vier Generationen 1808 die beiden letzten verbliebenen Güter Zarrentin und Kirch Baggendorf verkauft wurden.

Die Besitzübertragungen an Mevius reiht Schleinert in die Belehnungen der schwedischen Krone in ihren deutschen Provinzen ein, mit denen diese ihre Amtsträger belohnte und an sich zu binden versuchte. Für den aus bürgerlichen Verhältnissen stammenden Vizepräsidenten waren sie zusammen mit dem Adelsprivileg von 1665 eine wichtige Voraussetzung zur Ausübung seines Amtes, in dem er auch letztinstanzlich über Adlige zu richten hatte.
Während er selbst und sein ihm im Besitz folgender ältester Sohn Friedrich nur zeitweise auf den Gütern weilten, wurden sie ab der Enkelgeneration mit dem innerfamiliären Vergleich von 1733 Lebensmittelpunkt zumindest eines Zweiges der Familie. Über das Lehnrecht blieb aber die gesamte Familie am Besitz beteiligt, wenn auch am Ende des 18. Jahrhunderts eine Entfremdung stattfand, die schließlich dazu führte, dass der überlebende belgische Familienzweig seine Ansprüche auf die Güter im 19. Jahrhundert nicht mehr durchsetzen konnte.

Schleinert machte darauf aufmerksam, dass die Geschichte der vorpommerschen Güter der Familie von Mevius zahlreiche für das 17. und 18. Jahrhundert typische besitzrechtliche Erscheinungen aufweist. Genannt seien als Stichworte hier nur vormundschaftliche Verwaltung für Minderjährige, Ansprüche von Witwen und anderen nicht lehnsberechtigten weiblichen Familienangehörigen, innerfamiliäre Besitzauseinandersetzungen, Verpachtung und Verpfändung von Grundbesitz.

Schleinert bedauerte, dass zur Bewirtschaftung der Güter dagegen bisher nur wenige Quellen bekannt sind, die eher statischen Charakter (Inventare, Taxationsprotokolle) besitzen und zudem ausschließlich aus dem Zeitraum vor 1720 stammen. Dementsprechend können hierzu nur wenige Aussagen getroffen werden.

Dem schloss sich der Vortrag von HAIK THOMAS PORADA (Leipzig) zu den Nachbarn des David Mevius und ihren Güterbesitz in der Kulturlandschaft zwischen Trebel und Recknitz im 17. Jahrhundert an. Zunächst stellte er Grimmen und die Trebelniederungen um 1800 vor und befasste sich dann mit der Entwicklung der Kulturlandschaft zwischen Trebel und Peene während der Schwedenzeit. Die Besitzentwicklung in der Nachbarschaft zu den Mevianschen Gütern erläuterte er insbesondere in Auswahl der Güter Turow, Nehringen und Deyelsdorf.
Mit der Erneuerung des Adelsprivilegs strichen beide Referenten, Porada wie auch Schleinert, die Renobilisierung als Verbesserung der Adelsqualität heraus.

Porada hob in der anschließenden Diskussion noch einmal hervor, dass es sich bei den Gütern in erster Linie um aufgetragene Lehen handelte, die u.a. eine wichtige Funktion als Sicherheiten für Geldgeschäfte hatten. Zur Instanz der Finanzgeber für die adeligen Schuldner bestehe allerdings noch Forschungsbedarf, hier mangelt es nach Ansicht Poradas an detaillierten Untersuchungen.

Ebenso wurde der Mangel an historischen Quellen zur Untersuchung der Besitzgeschichte generell von beiden Referenten bedauert. Oftmals bleiben dem Historiker nur noch die Einträge in den Findbüchern oder gegebenenfalls vereinzelte Gerichtsakten. Die Akten der Gutsarchive wie auch die Tagebücher der Gutsbesitzer sind im Laufe der Zeit häufig verloren gegangen, vor allem wenn sie nicht in Privatbesitz übergegangen sind.

Die zweite Sektion begann mit einem Vortrag von NORBERT BUSKE (Greifswald) zu Rechten und Pflichten eines Kirchenpatrons in Schwedisch-Pommern. So zählten zu den Pflichten des Kirchenpatrons insbesondere die Besetzung der Pfarrstellen, deren Voraussetzungen und Ablauf Buske darstellte, wie auch die Baufinanzierung der Kirchen. Verarmte allerdings der Kirchenpatron, hatte die Kirche ihn zu alimentieren, sofern ihr Vermögen dazu ausreichte.

Der anschließende Vortrag von THOMAS FENNER (Hechthausen) beschäftigte sich mit den Juristen in Diensten der schwedischen Verwaltung und im Justizwesen im Herzogtum Bremen, dargestellt an den Mitgliedern der Familie Marschalck. Fenner machte deutlich, dass es eine gewisse Tradition innerhalb von Zweigen der Familie gibt, die sich über mehrere Generationen hinzog. Außerdem wurde deutlich, wie wichtig ein Studium, zum anderen die Wahl zum Landrat durch die Ritterschaft des Herzogtums Bremen für eine Karriere gewesen ist und welche Bemühungen die einzelnen Marschalcken unternahmen, um Landrat oder sogar Präsident der Ritterschaft zu werden. Besondere Würdigung fand der Ritterschaftspräsident und Justizrat Jürgen Marschalck, dessen Lebensweg von Fenner ausführlich nachgezeichnet wurde. Im Vergleich der Lebensläufe wurde klar, dass gerade für die Marschalcken, die nur über kleineren Gutsbesitz verfügten, eine Stelle als Landrat und die damit verbundene Berechtigung, zum Beispiel Assessor am Hofgericht zu werden, von besonderer Bedeutung war, um ihre wirtschaftliche Situation zu verbessern.

Die bereits von Nils Jörn aufgeworfene Frage nach der Vorkarriere der Juristen am Wismarer Tribunal ist nach Fenners Ansicht ebenso schwer für das Bremer Justizwesen nachzuzeichnen, da auch hier die Quellenlage dürftig und somit die Frage nur bruchstückhaft zu beantworten ist. Dagegen sei das Stader Ritterschaftliche Archiv noch nicht erschöpfend erforscht und gewürdigt worden, hier regte Fenner an, diese Quellen nicht außer Acht zu lassen.

CHRISTOPHER VON TOLL (Stockholm) stellte die Familie von Toll als eine Adelsfamilie vor, deren Lebenswirklichkeit deutlich von den politischen Ereignissen im Ostseeraum bestimmt worden war. Angefangen im 16. Jahrhundert mit Oswald Toll in Wittenberg, der als Bildschnitzer am Altar der Stadtkirche mitgewirkt hatte, verteilten sich die Nachkommen seines Sohnes Lucas von Toll auf Oesel allmählich im Ostseeraum. Die von Tolls wurden zu dänischen, schwedischen, estnischen, aber auch finnischen und preußischen Untertanen. Viele von ihnen wurden hohe schwedische oder russische Offiziere. Es war schließlich Johann Christopher von Toll, der dazu bevollmächtigt wurde, Wismar an den Herzog von Mecklenburg-Schwerin zu verpfänden. Dem Referenten gelang es, anhand seiner Familie ein Bild von 500 Jahren europäischer Geschichte insbesondere des Ostseeraums, aber auch mit Blick bis in die Türkei gerichtet, eindrucksvoll nachzuzeichnen.

„Freud und Leid eines Hauslehrers in Wendisch-Baggendorf um 1750“ bestimmte die Abendveranstaltung als eine Lesung aus der Autobiographie „Meines Lebens Vorfälle und Neben-Umstände“ von Johann Christian Müller, vorgetragen von MARK LEHMSTEDT (Leipzig). Mit dem detailreichen Einblick in die Lebenswelt eines durchschnittlichen Bürgers, der 1720 als Sohn eines Schmiedemeisters in Stralsund geboren wurde und dem Nahrungserwerb als Hauslehrer junger Herren nachging, bis er schließlich Pastor in Stralsund wurde, fand die Tagung eine gelungene Bereicherung.

Die dritte Sektion, begann mit einem Vortrag von NILS JÖRN (Wismar) zur Rechtsprechung des Wismarer Tribunals in Untertanenprozessen. Mit Blick auf das Wismarer Tribunal wurde zugleich dessen Gründungsvater und Namenspatron der veranstaltenden Gesellschaft, David Mevius, wieder verstärkt in den Mittelpunkt gerückt. Jörn legte die Auffassungen Mevius’ anhand seiner Traktate und Tribunalsordnung in dieser Frage dar und überprüfte die Umsetzung in der Praxis am Beispiel der Prozesse der Poeler Bauern. Dabei zeigte Jörn nicht nur die Positionen der Bauern und die Standpunkte ihrer Herren auf, sondern überprüfte in einem nächsten Schritt die Reaktion des Tribunals auf die verschiedenen Anträge sowie das darauffolgende Verhalten der Gegenseite. Schließlich gab er einen Ausblick auf die Zeit nach David Mevius sowie auf das Ende der Schwedenzeit.

Da die Poeler Bauern und ihre Widersacher „Dauergäste“ am Tribunal waren, verging nach Jörn während der gesamten schwedischen Herrschaftszeit kein Jahr, in dem sie nicht mindestens einen Fall anhängig machten. Dabei versuchte die eine Seite ihre alten Rechte zu verteidigen, während die andere Seite unter Verweis auf die neuen Gegebenheiten diese aufzuweichen suchte. Jörn machte auf die Besonderheit aufmerksam, dass die Poeler Bauern, die nicht das Armenrecht für sich beanspruchen konnten, sich in fast allen Prozessen durch den besten Anwalt des Tribunals, den Fiskal, vertreten ließen. Die Richter des Tribunals arbeiteten mit größter Sorgfalt, erließen Mandate um Übergriffe zu stoppen und sorgten durch ihre Vermittlung für Ruhe und Ordnung. Somit blieben Aufstände gegen die schwedische Herrschaft, deren Pächter und Amtleute in der Herrschaft Wismar aus. Jörn wies darauf hin, dass nun weitergehende Forschungen notwendig sind, um zu überprüfen, ob sich das Bild auch für Pommern und Bremen-Verden bestätigen lässt.

Zum Vergleich wurde der Blick im anschließenden Vortrag in eine andere Region des Ostseeraums gerichtet. MARTEN SEPPEL (Dorpat/ Tartu) beschäftigte sich mit der Frage, wen die livländischen Bauern im 17. Jahrhundert für einen guten Gutsherrn hielten und mit welchen Bitten von Bauern die livländischen Gutsherren am häufigsten in Berührung kamen.
Damit unternahm Seppel den Versuch, die alltäglichen Beziehungen, die "Lebenswirklichkeit", zwischen dem Hof und den Bauern zu rekonstruieren, wobei er zu dem Schluss kam, dass die Bauern häufiger den Gutsherrn aufsuchten, um Bitten vorzutragen als um Protest zu äußern. An vorderster Stelle stand dabei für die Bauern die Bitte um Kredit. Daneben baten sie den Gutsherrn oft um Verständnis und Entgegenkommen wegen ihrer Schwierigkeiten oder um Mithilfe bei der Wiedergutmachung einer geschehenen Ungerechtigkeit. Seppel machte deutlich, dass es sich hierbei um Bitten handelte, denen der Gutsherr hätte entgegenkommen sollen, wenn er den Erwartungen der Bauern hätte entsprechen wollen. Die Aussagen von Bauern weisen darauf hin, dass sie ihren Gutsherrn maßgeblich danach bewerteten, ob und inwieweit er ihre Erwartungen und Bitten erfüllte.
Wie auch Jörn, hob Seppel hervor, dass die Untertanen ganz bewusst auf ihren Rechten bestanden. In der anschließenden Diskussion zeigte sich, dass sowohl für die livländischen als auch für die Untertanen in Schweden ein schlechter entwickeltes Rechtssystem zur Verfügung stand als für die Untertanen im Alten Reich.

Zu den gutsherrschaftlichen Phänomenen des agrarischen Großraums Ostelbien referierte HEINRICH KAAK (Hannover). Ihm ging es insbesondere darum, aus der Tätigkeit der Max-Planck-Arbeitsgruppe „Ostelbische Gutsherrschaft als historisches Phänomen der frühen Neuzeit“ heraus zur Bezeichnung „Ostelbien“ Stellung zu nehmen. Die große Leistung der Gruppe sei es gewesen, eine „Innensicht“ der Gutsherrschaft gewonnen zu haben: Der Gutsuntertan sei nicht mehr das „Mittelding zwischen Lasttier und Mensch“, auch Gutsherrschaft werde jetzt als „soziale Praxis“ begriffen, das Dorf sei durch die Forschungen zum „sozialen Kräftefeld“ geworden, wo man Widerständigkeit in zielgerichteter Taktik einsetzte. Als wesentliches Ergebnis beanspruchte man nach Kaak in der Arbeitsgruppe aber auch, mikrohistorisch ein „ideologisch verfestigtes, dichotomisches“ Bild der deutschen und europäischen Agrarverhältnisse aufgebrochen zu haben. Zuordnungen von Agrarverfassung zu geographischen Großräumen könnten nicht mehr vorgenommen werden, insbesondere die Vorstellung eines agrardualistischen Europas verbiete sich fortan. Mit dem Verzicht auf die Annahme unterschiedlicher Prägungen habe man sich auch von der Vorstellung eines zusammengehörigen Ostelbien zu verabschieden.

Kritik an der These, die frühneuzeitlichen Agrarverhältnisse seien in West und Ost diffus vermengt gewesen, kommt nach Kaak vor allem aus Westelbien, und zwar vom Oberrhein und aus Nordwestdeutschland. Oberer Rhein und untere Oder wären danach eher Pole einer deutschen Agrarlandschaft als Gebiete gradueller Verschiedenheit. Inner-ostelbisch kommt der Einwand, man müsse doch damit umgehen können, dass der Raum südlich und östlich der Ostsee ein Raum eigener, wenn vielleicht auch schwächerer oder verzögerter, Entwicklung war. Das Konzept Gutsherrschaft habe auch eine gewisse Ausstrahlungskraft nach Skandinavien und Westelbien besessen. Nicht jedes Dorf östlich der Elbe müsse einen Gutshof gehabt haben, damit von Ostelbien zu sprechen sei, eine Minderheit nicht-gutsherrschaftlicher Dörfer müsse begrifflich erlaubt sein. Kaak stimmt zwar zu, dass keine dichotomische Teilung mehr anzunehmen sei – was ja auch seit Jahrzehnten nicht mehr geschehe –, beharrt aber auf einer agrardualistischen Gliederung Mitteleuropas, wahrscheinlich mit einer Grenze in Form eines breiteren Übergangsgürtels, aber weiterhin an der Elbe orientiert. Er plädiert für eine nach Territorien, Herrschaften und Dörfern differenzierte Vorstellung eines ländlichen Ostelbien unter der dominierenden Klammer von Gutsherrschaft und Leibeigenschaft. Europa ließe sich sicher mit einem agrardualistischen Konzept allein nicht hinreichend charakterisieren, in einem umfassenderen Konzept könnten West- und Ostelbien jedoch ihren Platz haben.

Im Anschluss an den Vortrag begab sich die Tagungsgesellschaft auf eine Exkursion zu den ehemaligen mevianschen Gütern nach Zarrentin, Wendisch Baggendorf und Brönkow sowie zu wichtigen Anlaufpunkten Mevius’ in Nehringen, Bassendorf und Deyelsdorf unter der Leitung von SABINE BOCK (Schwerin). Unter dem Thema: „Architektur der Herrenhäuser zwischen Grimmen, Tribsees und Loitz“ nahm die Führung ihren Ausgangspunkt in der Wasserburg Turow. Mit dieser Anlage ist eines der seltenen Beispiele erhalten, bei denen die Entwicklung vom mittelalterlichen Wehrbau zum neuzeitlichen Herrenhaus als Mittelpunkt der Gutsanlage noch baulich sehr schön nachvollziehbar ist. Nachdem David Mevius 1653 von der schwedischen Krone belehnt worden war, nahm er seinen Wohnsitz in Zarrentin. Das heute erhaltene Herrenhaus ist allerdings jüngeren Datums und vermutlich zwischen 1790 und 1800 entstanden. Die evangelische Patronatskirche in Deyelsdorf, die 1601 zu einer „gutskapellenartigen Dorfkirche“ umgebaut worden war, bildete ebenso einen Etappenschwerpunkt wie die evangelische Kirche in Nehringen. Von der Grenzburg nach Mecklenburg ist der Burgturm von Nehringen an der Trebel, der circa 1330 errichtet wurde, noch erhalten. Die Burganlage bildete die Grundlage für die frühneuzeitliche Gutsanlage, deren heute erhaltene Form unter dem schwedisch-pommerschen Generalgouverneur Meyerfeldt entstand. Nach Bock gilt das Gutsdorf als eines der letzten erhaltenen Ensemble des schwedischen Barocks in Vorpommern.

Mit einer Führung durch die Kirche zu Kirch Baggendorf von Pfarrer KAI STEFFEN VÖLKER (Kirch Baggendorf), deren Patronat David Mevius innegehabt hatte, und einem anschließenden, dort stattfindenden Benefizkonzert mit frühbarocker Musik aus dem Lebensumfeld des David Mevius, unter Mitwirkung von DORIS HÄDRICH (Gesang), BEATE BUGENHAGEN, IMMANUEL MUSÄUS (beide Zinken) und MATTHIAS SCHNEIDER (Orgel) (Greifswald), fand die Tagung einen würdevollen Ausklang.

Mit der Konferenz wurde eine multiperspektivische Betrachtung, ausgehend von der Mikroebene durch die Betrachtung der Lebenswelt auf den mevianischen Gütern hin zu einer Makroebene mit den weiter entfernten schwedischen Regionen im Ostseeraum vorgenommen. Durch den fruchtbaren Gedankenaustausch wurde ein vielschichtiges, differenziertes und kontroverses Bild von der Lebenswelt des Adels und der Gutsherrschaft in „Ostelbien“ aufgezeigt, das viele Impulse und Anregungen zu weiteren Forschungstätigkeiten liefert.
Die Publikation eines Tagungsbandes in der „Schriftenreihe der David-Mevius-Gesellschaft“ ist geplant.

Kurzübersicht:

Moderation: Nils Jörn (Wismar)
Detlef Witt (Greifswald), „Gott zu Ehren, der Kirchen zur Zierde und zum Gedächtnis des Namens des Stifters“ – Beispiele barocker Bildhauerarbeiten in Vorpommern
Dirk Schleinert (Magdeburg), Aus Bürgerlichen werden Landadlige – Die Familie von Mevius als Grundbesitzer in Vorpommern

Haik Thomas Porada (Leipzig), Die Nachbarn des David Mevius und ihr Güterbesitz – Gedanken zur Kulturlandschaftsentwicklung zwischen Trebel und Recknitz im 17. Jahrhundert

Moderation: Haik Thomas Porada (Leipzig)
Norbert Buske (Greifswald), Rechte und Pflichten eines Kirchenpatrons in Schwedisch-Pommern
Thomas Fenner (Hechthausen), Die Familie von Marschalk in Justiz und Verwaltung im Herzogtum Bremen
Christopher Toll (Stockholm), Die Familie von Toll – eine Adelsfamilie im Ostseeraum
Mark Lehmstedt (Leipzig), Freud und Leid eines Hauslehrers in Wendisch-Baggendorf um 1750. Lesung aus der Autobiographie von Johann Christian Müller

Moderation: Dirk Schleinert (Magdeburg)
Dr. Nils Jörn (Wismar), „Einen solchen Blutsauger gibt es sonst nirgents auf der Weldt“. Die Rechtsprechung des Wismarer Tribunals in Untertanenprozessen
Marten Seppel (Dorpat / Tartu), „Sie möchten bey itziger Herrschaft verbleiben“. Wen hielten die livländischen Bauern im 17. Jh. für einen guten Gutsherrn?
Heinrich Kaak (Hannover), Ostelbien. Gutsherrschaft – Widerständigkeit – Eigensinn. Phänomene eines agrarischen Großraums

Exkursion nach Brönkow, Wendisch Baggendorf, Zarrentin, Bassendorf, Deyelsdorf und Nehringen unter Leitung von Sabine Bock (Schwerin) zum Thema: Zur Architektur der Herrenhäuser zwischen Grimmen, Tribsees und Loitz

Doris Hädrich, Beate Bugenhagen, Immanuel Musäus und Matthias Schneider (Greifswald), Benefizkonzert in der Kirche zu Kirch Baggendorf mit frühbarocker Musik aus dem Umfeld des David Mevius

Kontakt

David-Mevius-Gesellschaft e.V.
c/o Dr. Nils Jörn
Lübsche Str. 58
23966 Wismar
<nilsjoern@aol.com>

Jana Zimdars
Max Planck Institut für demografische Forschung
Arbeitsbereich Historische Demografie
Konrad-Zuse-Straße 1
D-18057 Rostock
<janazimdars@gmx.net>

Zitation
Tagungsbericht: Lebenswelt und Lebenswirklichkeit des pommerschen Adels im Vergleich mit den anderen schwedischen Provinzen. 4. Jahrestagung der David-Mevius-Gesellschaft, 12.06.2008 – 14.06.2008 Turow, in: H-Soz-Kult, 16.07.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2189>.