Geschichte und Erinnerung: Die süddeutsche Textillandschaft – von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart

Ort
Irsee
Veranstalter
Zentralinstitut für Regionalforschung, Sektion Franken, Universität Erlangen; Bayerisches Textil- und Industriemuseum, Augsburg; Bezirk Schwaben, Augsburg; Schwabenakademie, Irsee
Datum
06.06.2008 - 08.06.2008
Von
Agnes Blasczyk, Friedberg

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus: Im Vorfeld der für das Frühjahr 2009 geplanten Eröffnung des Bayerischen Textil- und Industriemuseums (tim), in dem als Landesmuseum in Augsburg ein Erinnerungsort für den frühesten Fabrikationszweig der Industrialisierung angesiedelt sein wird, sollte in einer Tagung im Kloster Irsee ein Beitrag zur wissenschaftlichen Fundierung des zukünftigen Museums geleistet werden. Ziel war es festzuhalten, welche Ausprägung die Textilindustrie als in Süddeutschland vorherrschendes Gewerbe hatte, was sich davon überliefert hat und welcher Umgang mit diesen materiellen wie auch immateriellen Relikten in der Erinnerungskultur gepflegt wurde und wird. Dabei war es das Anliegen der Tagungsleiter, keine Inselforschung zu betreiben, sondern das Blickfeld über die Region und den engeren Sektor der Industrialisierung im Textilbereich hinaus zu weiten, weshalb sich die Multiperspektivität in der Vielfalt der historischen Disziplinen ebenso wie in der internationalen Herkunft der Wissenschaftler widerspiegelte.

Den Kontext der Tagung verdeutlichte PETER FASSL (Augsburg) in seinen einführenden Worten, indem er darauf hinwies, dass die Geschichte der Textilindustrie in Bayern seit 1970 vornehmlich eine Geschichte des Niederganges sei. Er vergegenwärtigte dabei den Verlust von Industriedenkmalen, wie etwa den teilweisen Abbruch der Schüleschen Kattunmanufaktur 1996 in Augsburg. Mühen bereitete außerdem der Erhalt des Stoffmusterarchivs der Neuen Augsburger Kattunfabrik, dem jetzigen Grundstock für das entstehende Textilmuseum. Andererseits sei in Bayern nicht zuletzt auch 1985 mit der Ausstellung „Aufbruch ins Industriezeitalter“ und der Industriedenkmalpflege seit den 1990er Jahren der Versuch unternommen worden, textilgeschichtliche Erinnerungsfäden aufzugreifen. Doch zeige sich die Forschungssituation zur süddeutschen Textilindustriegeschichte für die Zeit nach 1914 und auch im Hinblick auf überregionale Vergleiche noch lückenhaft.

Mit den einzelnen Sektionen der Tagung wurde ein thematisch weiter Bogen gespannt, der verschiedene Zugangsweisen als Annäherung an das Tagungsthema bot. So standen zunächst in der ersten Sektion die „Leitlinien in der historischen Entwicklung“ im Mittelpunkt. Mit einer Tour d`horizon quer durch die süddeutsche Textillandschaft im Zeitraum von 1500 bis 1800 legte WOLFGANG WÜST (Erlangen) wichtige Grundlagen. Die Entwicklungsphasen der Industrialisierung in Süddeutschland zeichnete er auf der Folie nach Walt W. Rostows Fünf-Stadien-Modell des wirtschaftlichen Wachstums bis zum Zeitalter des Massenkonsums nach. Ausgehend von der Traditionsphase und der Phase der industriellen Vorbereitung, die in Bayern vergleichsweise spät im frühen 19. Jahrhundert einsetzte, befasste sich Wüst mit wirtschaftlichen Aspekten im süddeutschen Textilrevier, dessen lokale Märkte seit dem Spätmittelalter mit einem überregionalen Wirtschafts- und Handelsnetz verflochten waren. Mit den Policeyordnungen, die das Verhalten beiderlei Geschlechter in den Kunkelstuben reglementierten, wurden vom Referenten darüber hinaus kulturelle- und soziale Dimensionen der frühneuzeitlichen Textilgeschichte aufgezeigt. Die unter dem Signum von Konkurrenz und Arbeitsteilung stehende Beziehung zwischen den städtischen Zunftwebern und dem ländlichen Textilgewerbe wurde über Bannmeilenbestimmungen geregelt, die zum Schutz der Stadtweber räumliche Einflusssphären für den Handel mit Rohstoffen und Fertigprodukten festlegten. Wüst betonte zudem anhand von noch offenen Fragen zur ländlichen Gewerbestruktur, den Garnbündnissen und den handelspolitischen Maßnahmen des Schwäbischen Reichskreises, dass noch Forschungsdesiderate bestünden.

Die Grundlinien der Entwicklung der Textilindustrie im 20. Jahrhundert stellte KARL LAUSCHKE (Dortmund) vor und erhellte, gestützt auf statistisches Material, die quantitativen Veränderungen anhand der Beschäftigungs- und Absatzzahlen besonders der bayerischen und württembergischen Textilindustrie. Im Brennpunkt standen dabei folgende Problemkreise: die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise, die nationalsozialistische Autarkiepolitik, Rohstoff- und Absatzkrisen während der beiden Weltkriege, Kriegsschäden und Rohstoffengpässe nach 1945 sowie der durch Importkonkurrenz bedingte Strukturwandel und Umsatzrückgang nach der Sonderkonjunktur im Zuge der Wirtschaftswunderjahre bis 1957. Im Rahmen dieses Schrumpfungsprozesses verringerte sich die Anzahl der Textilindustriebetriebe von 6.800 im Jahr 1963 auf 4.716 im Jahr 1973. In den 1980er-Jahren folgte schließlich ein massiver Beschäftigungseinbruch. Letztendlich stürzte die Textilindustrie trotz verschiedener Spezialisierungstendenzen in eine tiefe Krise.

Zunächst von einer kulturgeschichtlichen Perspektive hinsichtlich der Bedeutung von Textilien näherte sich WERNER K. BLESSING (Erlangen) der Geschichte der Textilindustrie in Süddeutschland von 1800 bis 1914. Die ästhetische wie auch politische Funktion textiler Bekleidung hervorhebend, die in erster Linie aber auch Konsumartikel sind, stellte er die labile frühindustrielle Phase dar, die nicht von Schwierigkeiten verschont blieb: die Dauerkrise im Zuge und in Folge der Kontinentalsperre, ein veränderter Modegeschmack, der das vor allem auch im Heimgewerbe produzierte Leinen in der Mitte des 19. Jahrhunderts unmodern werden ließ, die hinter den Erwartungen zurückbleibende Seidenraupenzucht oder auch die europäische Konkurrenz, die ab 1800 die süddeutsche Wollstoffproduktion rückläufig werden ließ. Hinzu kamen die fortschreitende Mechanisierung und Rationalisierung von Arbeitsprozessen innerhalb der Spinnerei und Weberei, die Arbeitskräfte frei setzten, sowie andere Industriezweige, die den Textilsektor an Dynamik übertrafen. Auf der anderen Seite blühte die Baumwollindustrie auch durch die verbesserte verkehrstechnische Anbindung über Eisenbahn und Dampfschiff auf, mechanische Spinnereien wurden errichtet und mit der Gründung des Zollvereins 1834 verbreitete sich ein Wirtschaftsoptimismus.

Die bedeutsame Position Italiens im europäischen Textilgewerbe behandelte ANDREA LEONARDI (Trient) in seinem Referat über die oberitalienische Textilindustrie im 19. und 20. Jahrhundert. Dabei stellte er den Entwicklungsgang des norditalienischen Textilsektors vor, der unter der französischen Vorherrschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch keine technischen Fortschritte verzeichnete. Zeitlich verzögert im Vergleich zu anderen europäischen Ländern entfaltete sich erst im Jahrzehnt vor der Einigung Italiens eine industrielle Produktion vor allem im Bereich der Baumwollspinnerei. Ab den 1870er-Jahren erlebte auch die Seidenproduktion einen Aufschwung, wurde dann aber während des Ersten Weltkrieges und besonders in den 1930er-Jahren, nicht zuletzt auch infolge der Konkurrenz durch die Kunstseide und autarkiepolitischen Bestrebungen der faschistischen Regierung stark von Krisen erschüttert. Mit der Öffnung für den Weltmarkt und zahlreichen Modernisierungs- und Rationalisierungsmaßnahmen wuchs nach dem Zweiten Weltkrieg die Textilbranche wieder an und weist bis heute klangvolle Namen in der Textilherstellung und –verarbeitung auf.

Die im schweizerischen Riggisberg logierende Abegg-Stiftung und ihre Aufgaben waren Gegenstand des Vortrages von JOHANNES PIETSCH (Riggisberg). Die Stiftung befasst sich ausgehend von der Sammlung historischer Textilien des Ehepaares Werner und Margaret Abegg mit der wissenschaftlichen Erforschung und Konservierung historischer Gewebe und hat sich dabei im Laufe der Jahre ein umfangreiches Fachwissen erworben, das bei der Ausbildung von Fachkräften zur Restaurierung, aber auch in Form von Publikationen und Tagungen weitertradiert wird. Im dazugehörigen Museum wird im Moment aus dem Bestand des Hessischen Landesmuseums Darmstadt die einzigartige Sammlung an bürgerlichen Gewändern des 17. Jahrhunderts aus Köln gezeigt, die der Abegg-Stiftung zur kostümhistorischen Untersuchung, Restaurierung und Konservierung anvertraut wurden. Die im Zuge dessen zu Tage geförderten Besonderheiten der Gewandoberteile, was die Beschaffenheit der Stoffe und ihre Verarbeitung anbetrifft, wurden veranschaulicht; in der Gegenüberstellung mit der zeitgenossischen Portraitmalerei ließen sich die verschiedenen Gewandtypen vom Frauenmieder bis zum Männerwams in einen größeren kulturhistorischen Zusammenhang einordnen.

In einer weiteren Sektion beschäftigten sich die Referate mit der Wirtschaft und den sozialen Strukturen innerhalb der süddeutschen Textillandschaft. ARND KLUGE (Hof) legte dabei den Fokus auf die zünftige und nichtzünftige Weberei der vorindustriellen Zeit in Oberfranken. Unter dem Hinweis, dass eine umfassende oberfränkische Textilgeschichte noch aussteht, wurde zunächst der herrschaftliche Rahmen im frühneuzeitlichen Oberfranken erläutert und anschließend ein Überblick über die einzelnen Sparten innerhalb der Spinnerei und Weberei sowie ihrer technischen wie auch wirtschaftlichen Entwicklung gegeben. Im 17. Jahrhundert galt die Spinnerei, so Kluge, etwa als Tummelplatz für so genannte „unehrliche“ Leute. Die Zünfte als regional begrenzte Zwangsverbände des Handwerks und des Gewerbes mit marktordnenden Aufgaben breiteten sich seit dem 13. Jahrhundert flächendeckend aus und entstanden in Stadt und Land, wie etwa die Zunft der Woll- und Leinenweber. Teilweise bildeten sich, wie im Hochstift Bamberg, auch Regionalzünfte aus. Jedoch ging der Trend eher in Richtung kleinerer, spezialisierter Zünfte, wie zum Beispiel bei den vor allem weiblich dominierten Schleierwebern. Die sukzessive Auflösung der Zünfte, so eine zentrale These des Vortrages, hätte mit der Einführung der Gewerbefreiheit im Königreich Bayern allerdings entgegen den Verlautbarungen von Regierungsseite, keine allzu großen Veränderung gezeitigt, da sich die Zünfte konträr zu ihrem schlechten Ruf über die Jahre hinweg den Veränderungen immer wieder angepasst hätten.

Auf den ambivalenten Charakter der Vorbildfunktion Englands für die Industrialisierung Bayerns bis 1850 wies STEPHAN DEUTINGER (München) hin. Querverbindungen zum Mutterland der Industrialisierung gab es bereits im 18. Jahrhundert, als in Bayern die englische Kultur (z. B. Englischer Garten in München) modern wurde. Im damals bayerischen Ratingen wurde nach einer Kopie eines englischen Textilunternehmens in Cromford mit Hilfe englischer Arbeiter eine Fabrik errichtet, die den Anfang der maschinellen Textilproduktion in Bayern markierte. Grundlage für den Technologietransfer war eine Reise Johann Gottfried Brügelmanns nach England. Mittels Stipendien wurden Bildungsreisen nach England staatlich gefördert, um den technisch-industriellen Rückstand Bayerns auszugleichen. Der Wissenstransfer erfolgte auch über Medien, wie dem „Polytechnischen Journal“ aus Augsburg, das vom Englischen ins Deutsche übertragene Aufsätze mit textilindustriellem Schwerpunkt veröffentlichte. Die Übernahme von geistigem Kapital aus England war aber zugleich begleitet von einer Industrialisierungsskepsis in Bayern, wobei gerade konservative Kreise in München und auch König Ludwig I. selbst die negativen Begleiterscheinungen der Industrialisierung in England - etwa in Form des Pauperismus - als Ankündigung eines drohenden sozialen, ökonomischen und ferner politischen Unheils werteten.

JÜRGEN SCHNEIDER (Bamberg) berichtete für den Zeitraum von 1850 bis zum Jahr 2000 über die Strukturen und die Finanzierung der Textilindustrie. Neben der Selbstfinanzierung bei der Unternehmensgründung um die Mitte des 19. Jahrhunderts spielte vor allem auch die Fremdfinanzierung durch Banken eine wichtige Rolle. War die Finanzierungsfrage bis zum Ersten Weltkrieg weitgehend unproblematisch, so erschwerten Inflation und Rationalisierungszwang nach dem Ersten Weltkrieg die Unternehmensexpansion. Staatlich gelenkte Interventionen bestimmten während des Dritten Reiches den Kurs der Textilindustrie, die im Gegensatz zur Rüstungsindustrie durch verringerte Investitionen und durch Zwangsmaßnahmen des NS-Regimes reguliert wurde. Mit einer Betrachtung der Textilindustrie in der SBZ/DDR und einer Ursachenanalyse für die dort wachsende, aber nur mäßig produktive Textilindustrie schloss der Vortrag.

Einblicke in die Lebenswelten der Unternehmer in Oberfranken in der Zeit um 1900 gewährte WERNER K. BLESSING (Erlangen) und ging damit auf die Spitzengruppe einer Branche ein, die als Motor der Industrialisierung gelten konnte. Anhand von Leitfragen, wie der Frage nach der Herkunft, den Grundlagen, Horizonten, Werten und Lebensformen wurde die soziokulturelle Umwelt der oberfränkischen Fabrikanten herausgearbeitet. Die Unternehmer der oberfränkischen Industrie stammten überwiegend aus Familien des einheimischen Bürgertums. Der weltweite Produktabsatz und die Kommunikation im geschäftlichen Kontext ermöglichte den unternehmerisch tätigen Familien immer wieder auch Reisen ins Ausland, die zu einer Horizonterweiterung führten. Soziale Forderungen der Arbeiter und auch diesbezügliche staatliche Maßnahmen wurden nur zögernd angenommen, zeichnete die Fabrikherren doch ein ausgesprochen standesherrliches Selbstverständnis aus. Diese Rollenauffassung spiegeln die repräsentativen Verwaltungsgebäude wider, während die quasi adelige Lebensführung ihre herausragende Stellung innerhalb der Gesellschaft verdeutlicht, wobei in mancherlei Hinsicht, wie unterschiedliche Unternehmerlebensläufe an den Tag legen, durchaus Verantwortung für das Gemeinwesen übernommen wurde. Mit der abschließenden Vorstellung der von geringen materiellen und gesellschaftlichen Ressourcen geprägten Lebenswelt der Arbeiter wurde der grundsätzliche Antagonismus zum Umfeld der Unternehmer klar erkennbar.

Auf eine bisher noch wenig beachtete normative Quelle machte WOLFGANG WÜST (Erlangen) in seinem Vortrag über die Fabrikordnungen des 19. und 20. Jahrhunderts aufmerksam. Eine stichprobenartige Sichtung der Fabrikordnungen ergab, dass in Franken und Schwaben annähernd ähnliche Regelungen bestanden. Festgelegt wurden darin nicht allein die Arbeitszeiten für die Arbeiter, auch Tugenden wie Disziplin, Fleiß und Gehorsam wurden gefordert und Schweigen während der verschiedenen Tätigkeiten verordnet, um Müßiggang zu verhindern. So bilden diese in den Fabrikordnungen vorherrschenden sozialdisziplinierenden Elemente vor allem die Normenwelt der jeweiligen Unternehmer ab, denen es daran gelegen war, im Transformationsprozess von der Protoindustrie zur Industrie einen Arbeiter nach Maß zu kreieren. Um die Ordnungen bei den Arbeitern zu implementieren, wurden beispielsweise zur Arbeits- und Zeitkontrolle Werks- und Saalaufsichten eingesetzt oder auch Signale und Uhren in den Fabriken angebracht. Fehlverhalten sollte mit Geldstrafen oder der Kündigung geahndet werden. Auf der anderen Seite gab es Ansätze einer patriarchalischen Fürsorge der Fabrikleitungen, die etwa in der Einrichtung von Kranken- und Unterstützungskassen ihren Ausdruck fand.

Unter dem Schlagwort „Architektur und Arbeit“ stellte INEZ FLORSCHÜTZ (München) die Fabrik als sozialen Ort der Frühindustrialisierung anhand von bayerischen Beispielen vor. Hatten sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts zwar noch keine spezifischen Bauformen durchgesetzt, so war die entstehende Fabrikarchitektur aufgrund des Bedarfs an Wasserenergie standortgebunden und wies mit der Benutzung von Eisen einen neuen Baustoff auf, dessen Verwendung als Innenskelett eine bessere Tragkraft angesichts der schweren Maschinen ermöglichte. In dieser frühen Phase der Industrialisierung standen Aspekte der Rentabilität im Vordergrund, so dass teilweise alte Manufakturen zu Fabriken umfunktioniert wurden. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts formten sich spezielle Bautypen für den Fabrikbau heraus, wie zum Beispiel der Fabrikschlossbau, der sich mit der Mechanischen Baumwoll-Spinnerei und Weberei in Augsburg zum Prototyp für Textilindustriebauten in Bayern entwickelte. Veränderungen der Produktionstechniken beeinflussten die Bauformen in der Fabrikarchitektur, so dass sich die für den Herstellungsprozess vorteilhafteren Flachbauten in der Folge weiter verbreiteten und auch mit der Erfindung der Dampfmaschine eine Standortwahl unabhängig von der Wasserkraft möglich war. Im Rahmen der Arbeiterwohnungsfürsorge wurden Arbeiterhäuser der Mechanischen Baumwollspinnerei in Bayreuth erbaut und mit dem ab 1861 errichteten Stadtbachquartier entstand eine Arbeitersiedlung der Baumwollspinnerei in Augsburg.

Die dritte Sektion widmete sich der Erinnerungskultur, wobei zunächst PETER FASSL (Augsburg) die Präsenz von Textilgewerbe und Textilindustrie im öffentlichen Raum ins Bewusstsein rief. Textilgeschichte wird demzufolge nicht nur auf vielfältige Art in der aktuellen und älteren Literatur, wie etwa in Form von Gedichten (Gino Chiellino, „Weil Rosa, die Weberin...“ usw.), Sprichwörtern, Biographien (Johann Heinrich von Schüle von 1805 usw.), Dramen (Gerhart Hauptmann usw.) und Romanen (Peter Dörfler usw.) bis heute greifbar. Anlässlich von historischen Stadtfesten werden originalgetreue Gewänder angefertigt und dabei wird die Erinnerung an das alte Handwerk sogar bis hin zur Anlage von Flachsfeldern für die Leinenherstellung gepflegt. Nicht nur in Bräuchen finden sich Hinweise auf das Textilgewerbe wieder, sondern auch im architektonischem Erscheinungsbild der alten Weberhäuser in Biberach oder Augsburg tritt eine Besonderheit zu Tage, die auf die Arbeit an den Webstühlen verweist: von außen charakterisiert durch ihren hohen Gebäudesockel und den zur Belichtung angebrachten Fenstern sind die Weberkeller bis heute augenfällig. Weberei- und Spinnereiattribute lassen sich in Kircheninnenräumen, in Gemeindewappen, aber auch in Gemälden und Druckgrafiken entdecken. In der Darstellung der Heiligen Familie gibt es eine ikonografische Tradition, die Maria spinnend oder mit einem Spinnrocken zeigt. Der Spinnrocken avancierte in der Bildsprache zu einem betont weiblichen Attribut und das Spinnen wurde damit zum Inbegriff der weiblichen Tätigkeit stilisiert, selbst zu einem Zeitpunkt, als die Spinnerei schon mechanisiert war.

Im Anschluss daran setzte sich MONIKA HOEDE (Krumbach) mit den Kleiderordnungen und der Kleiderwirklichkeit in Bayerisch-Schwaben im 18. Jahrhundert auseinander. Obrigkeitlich sanktionierte Kleiderordnungen zielten darauf ab, eine übermäßige Kleiderpracht der Untertanen einzudämmen und Standesunterschiede optisch zu manifestieren. Wie anschaulich an Augsburger und Memminger Beispielen demonstriert wurde, können Kleiderordnungen damit als wichtige Quelle genutzt werden, um auf Gemälden abgebildete Personen anhand der darin beschriebenen Stoffarten in ihrer jeweiligen Standeszugehörigkeit zu identifizieren und damit dem entsprechenden urbanen Sozialgefüge zuzuordnen. Hinterlassenschaftsinventare, Trachtengrafiken oder Hafnerfiguren, wie beispielsweise aus Ulm, lassen Rückschlüsse auf die historische Kleiderwirklichkeit zu. Die „Nationaltracht“ für Frauen im Augsburg des 18. Jahrhunderts ist somit, trotz des im Physikatsbericht des für Augsburg um die Mitte des 19. Jahrhunderts konstatierten Verschwundenseins, bis heute noch bekannt.

Der Frage, wie in der bayerisch-schwäbischen Museumslandschaft die Textilgeschichte zur Darstellung gelangt, ging THOMAS HEITELE (Krumbach) nach. Mittels eines Fragebogens wurde in 78 Museen im Bezirk Schwaben zu textilgeschichtlichen Beständen sowie Abteilungen und Ausstellungen zur Textilgeschichte nachgeforscht. Anhand der 36 eingegangenen Rücksendungen kann die Musealisierung der Textilgeschichte in Schwaben folgendermaßen charakterisiert werden: Im Vordergrund steht in den Sammlungen und auch in der Vermittlung durch Ausstellungen die Landweberei mit ihren verschiedenen Utensilien und der Verarbeitung von Flachs zu Leinen. Wie Heitele unterstrich, ist diese Schwerpunktsetzung bedingt durch die Gründung der meisten Heimatmuseen um die Jahrhundertwende und deren eher konservativer Ausrichtung, welche die fabrikmäßige Textilherstellung im Gegensatz zur traditionell handwerklichen Weberei und Spinnerei geringer schätzte. Die industrielle Textilherstellung dagegen ist nur in fünf der auf den Fragebogen antwortenden Museen präsent, die bezeichnenderweise auch alle vor nicht all zu langer Zeit einer Neukonzeption unterzogen wurden.

Mit Blick auf Oberfranken referierte BEATRIX MÜNZER-GLAS (Hof) über die Museumslandschaft als Abbild der regionalen Textilgeschichte. In den ungefähr 200 Museen in Oberfranken wird in unterschiedlicher Form und Intensität Textilgeschichte dokumentiert, wobei vier Museen ihre Aufmerksamkeit vorzugsweise auf Textilien gerichtet haben: das Levi-Strauss-Museum Buttenheim, das Klöppelmuseum Nordhalben, das oberfränkische Textilmuseum Helmbrechts und das Trachtenmuseum Forchheim. Ein Abriss zur Museumsgeschichte Oberfrankens legte dar, dass es bezüglich der Einrichtung von Trachten- und Textilsammlungen unterschiedliche Ausprägungen gab. So widmete sich das Bauernhofmuseum Kleinlosnitz der bäuerlichen Flachsverarbeitung und translozierte ein Flachsbrecherhaus im Zustand um 1860. Das Textilmuseum Helmbrechts hingegen verwahrt eine Sammlung von Stoffmusterbüchern und legt sein Augenmerk auf die Präsentation der Hausweberei. Jedoch fehlt bislang eine museale Erschließung der fabrikmäßigen Textilherstellung in Oberfranken ebenso wie eine entsprechende Aufbereitung der Textilfabriken vor Ort.

Dass man die Spuren der textilindustriellen Vergangenheit auch erwandern kann, zeigte VIOLA MÜLLER (Zürich) in ihrem Abendvortrag über den Industrielehrpfad Züricher Oberland. Nach einem Überblick über die Entwicklung von der Handspinnerei seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert bis zur Stilllegung der letzten der einst 30 Fabriken entlang des Wasserenergie liefernden Aabaches im Jahr 2004, stellte sie das Konzept des 1988 eröffneten Industrielehrpfades vor, der auf Initiative eines engagierten Vereins zustande kam. Der 30 km lange, 50 historische Objekte verbindende Lehrpfad soll das industriekulturelle Erbe erhalten und ein Fachpublikum ebenso wie einen breiten Besucherkreis über den Zusammenhang von Gebäuden, Technik und Sozialgeschichte informieren. Heute steht vor allem auch der Gedanke im Vordergrund, mit diesem Vorzeigeprojekt eine Identifikation der Region mit der eigenen Vergangenheit zuwege zu bringen. Einzelne Industriedenkmale und auch ein ganzes Ensemble aus Fabrikbau, Wasserkraftanlage, Fabrikantenwohnhaus, Parkanlage und Arbeiterwohnhäusern können entdeckt werden, wobei beispielsweise mit dem Konzept der Museumsspinnerei versucht wird, eine ehemalige Spinnerei nicht nur als Exponat zu erhalten, sondern authentisch Gebäude, Maschinen und Produktionsprozess zu zeigen.

Eine heute insbesondere noch in Österreich und der Schweiz bekannte Einrichtung zum Vertrieb einheimischer Produkte des volkskulturellen Kunsthandwerks stellte MONIKA STÄNDECKE (Pfaffenhofen) mit dem sogenannten „Heimatwerk“ vor und legte dabei im Hinblick auf dessen Angebotsprofil den Schwerpunkt auf die Textilkultur. Die Idee zur Errichtung von Heimatwerken in Österreich, der Schweiz und Deutschland in den 1930er-Jahren stammte aus der skandinavischen Hausfleißbewegung und machte sich die Förderung der Volkskunst vornehmlich durch die Erschließung von Absatzmöglichkeiten zur Aufgabe, wobei im Warenangebot durchaus eine Affinität zum Textilen bestand. Im 1933 als Gesellschaft des „Reichsnährstandes“ im Dienst des Nationalsozialismus eingerichteten Deutschen Heimatwerk kennzeichnete sich das angebotene Sortiment durch die Verwendung einheimischer Stoffe aus Wolle und Leinen, entwickelte aber keine spezifische Textilkultur, sondern stand in der Tradition des Deutschen Werkbundes. Während sich in Deutschland eine Wiederbelebung nach 1945 nur in Form privatwirtschaftlicher Heimatwerkläden realisierte, kam es in Österreich zu gemeinnützigen Heimatwerkgründungen, die Mitglied des 1972 ins Leben gerufenen Verbandes „Europäisches Heimatwerk“ sind und sich in enger Zusammenarbeit mit der wissenschaftlichen Forschung maßgeblich der Trachtenpflege und -erneuerung widmen.

KARL BORROMÄUS MURR (Augsburg) untersuchte die Festkultur in den Textilbetrieben während des Dritten Reiches exemplarisch anhand zweier Fallbeispiele aus Augsburg. Vor dem Hintergrund, dass Feste im Nationalsozialismus, wie etwa die Feierlichkeiten zum Tag der nationalen Arbeit am 1. Mai, der politischen Selbstinszenierung dienten und um Zustimmung in der Öffentlichkeit für die NS-Weltsicht werbend auch tief in den Alltag der Bevölkerung hineinwirken sollten, stand die Frage im Zentrum des Vortrages, inwiefern derartige Festlichkeiten der Augsburger Textilbetriebe auch Foren der NS-Ideologie darstellten. In den Jahren 1937 bzw. 1936 wurde in Augsburg jeweils das 100jährige Bestehen der Mechanischen Baumwoll-Spinnerei und Weberei (SWA) und der Augsburger Kammgarnspinnerei gefeiert. So ergab eine Analyse der nicht weniger als 16 bei den Feierlichkeiten der SWA gehaltenen Festreden, dass darin Lobeshymnen auf die Betriebsgemeinschaft und auf das auch in den Betrieben umgesetzte Führerprinzip mit der Treue der Arbeiter gegenüber den Betriebsführern gesungen wurden. Zur Linientreue gezwungen und dazu auch bereit fungierten die Unternehmer als Sprachrohr der Ideologie: Der „SWA-Betriebsführer“ Hermann Kluftinger beschwor den NS-Arbeitskult ohne dabei die schon eingeführte Kurzarbeit und die drohende Stilllegung zu thematisieren. Trotz der angespannten wirtschaftlichen Lage sollten die in einem aufwändigen Rahmen mit einer eigenen Festschrift inszenierten Feierlichkeiten die Stimmung der Arbeiter verbessern. Denn deren konkrete Arbeitssituation stand in deutlicher Diskrepanz zur verbreiteten Propaganda, wurde allerdings ohne größere Widerstandsaktionen akzeptiert.

In einem weiteren Vortrag zur Architektur der Textilindustriebauten wandte sich GREGOR NAGLER (Augsburg) speziell den Werksbauten in Schwaben zu. Da zunächst viele Manufakturen in Schlossbauten untergebracht wurden, entwickelte sich für das Manufakturwesen zunächst als Bautypus die Schlossarchitektur. Beispielhaft hierfür steht die Schülesche Kattunmanufaktur in Augsburg. Außerdem bildete sich nach englischem Vorbild, wie etwa der Mühle von Arkwright in Cromford, ein an Mühlen orientierter Bautypus heraus bzw. es wurde, wie im Falle der Kammgarnspinnerei in Augsburg, eine ehemalige Tabakmühle umgenutzt. Als weiterer Typus etablierte sich die Shedbauweise. Wie am Beispiel der 1909 errichteten Shedhallen des Werks „Aumühle“ der Augsburger Baumwoll-Spinnerei und Weberei von Philipp Jakob Manz verdeutlicht wurde, erwies sich diese kostengünstige sowie zeitsparende Bauform im Bezug auf Belichtung und Stabilität für die Unterbringung der vibrierenden Maschinen als optimal. Durch die landschaftliche Eingliederung der Shedhallen in Kottern entfalteten sich Ansätze eines Heimatstils, der sich ab 1900 mit der Erbauung des einer Barockkirche ähnelnden Fabrikturms noch intensivierte. Mit einem Ausblick auf das einzige Werk in der Stilrichtung des Neuen Bauens in Bayerisch-Schwaben, dem Werk III der Kunstseidenfabrik Bemberg in Pfersee, endete die Übersicht über die Werksbauten der Textilindustrie in Schwaben. Diese zeichneten sich insgesamt durch eine funktionsgerechte Architektur aus, die mit einem Rückgriff auf Traditionen auch einen gewissen Status (z. B. Adelsreminiszenzen in der Schlossarchitektur) widerspiegelte und vor allem auch von Ingenieuren geprägt war.

In einer vierten Sektion stand nun der museale Umgang mit der Textilindustrie im Zentrum des Interesses, wobei im Speziellen nicht zuletzt auf internationale Vernetzungen eingegangen wurde. In ihrem Vortrag ging MONIKA FAHN (Augsburg) anhand der sich im Bestand des tim befindlichen Stoffmusterbücher der Neuen Augsburger Kattunfabrik der Frage nach, was Musterbücher sind und was diese Gattung im besonderen Maße auszeichnet. Der die Jahre 1792 bis 1994 nicht lückenfrei umfassende Musterbücherbestand stellt eine Sammlung von Probestücken der eigenen Fabrikerzeugnisse dar, die einerseits als Gedächtnisstütze für die Produktion und andererseits auch als Demonstrationsmittel dienten, um den Kunden die Vielfalt der möglichen Stoff- und Mustervariationen zu präsentieren. Damit lässt sich nachvollziehen, wie sich im Laufe der Zeit Muster, Farben und Stoffe geändert haben, wie sich allmählich Trends herausbildeten und wieder verschwanden. Jedem Stoffmuster war zur besseren Auffindbarkeit eine eigene Nummer in den Musterbüchern zugeordnet und zum Teil finden sich auch Beschriftungen mit dem jeweiligen Namen des Künstlers, der die Muster entworfen hatte. Anhand der sich ändernden Gewebequalität lassen sich nicht nur Krisenzeiten nachverfolgen. Ebenso fand auch die Entwicklung der verschiedenen Drucktechniken vom Handdruckverfahren bis zum Rouleauxdruck ihren Niederschlag in den Musterstücken.

Unter dem Vortragstitel „Deutscher Stoffdruck im Musée De L’Impression Sur Étoffes, Mulhouse“ beleuchtete JACQUELINE JACQUÉ (Mulhouse) im Allgemeinen deutsch-elsässische Verbindungen im Rahmen der Textilindustriegeschichte und zeichnete überregionale Verflechtungen auch anhand der dortigen musealen Sammlung an Stoffdrucken nach. Der einleitenden Einführung in die Geschichte der Stadt Mulhouse und des Elsasses, worin schon auf die Bedeutung deutscher Familien im Textildruck verwiesen wurde, folgte ein Abriss zur Geschichte des Stoffdruckmuseums. Das 1955 eröffnete Museum, dessen erste Sammlungen an bedruckten Textilien 1833 angelegt wurden, beherbergt neben Gemälden, Kostümen und Maschinen zur Textilgeschichte auch eine deutsche Sammlung, die mehr als 500 Exponate umfasst und unter anderem aus Textilien des 18. Jahrhunderts mit Indigofärbung sowie Musterstücken der Schüleschen Kattunmanufaktur aus Augsburg besteht. In das Elsass gelangten die Stoffmuster aus der Augsburger Produktion über den Schwiegersohn von Johann Heinrich von Schüle, den Colmarer Chemiker Jean-Michel Haussmann, der auch für die Augsburger Manufaktur seines Schwiegervaters tätig war. Mit seinem Know-How im Kattundruck gründete Haussmann eine eigene Manufaktur im elsässischen Logelbach bei Colmar.

Das Potential eines erhaltenen Firmenarchivs behandelten HANNO PLATZGUMMER (Dornbirn) und THERESA ANWANDER (Hohenweiler) am Vorarlberger Beispiel der Firma Rhomberg. Zunächst gab Hanno Platzgummer einen Überblick über die Geschichte der Firma, die von Franz Martin Rhomberg in Dornbirn vom Handwerksbetrieb mit Handdruckverfahren ab 1857 zur mechanischen Textildruckerei und -weberei ausgebaut wurde. Das Unternehmen, das vor allem in den 1930er-Jahren eine prosperierende Produktion mit dem Hauptgewicht auf Dirndlstoffen verzeichnete, wurde 1993 stillgelegt. Aus ihrem praktischen Umgang mit dem Firmenarchiv berichtete Theresa Anwander, die mit der Ordnung der Archivbestände der Firma Rhomberg beauftragt worden war. Das erhaltene Material bietet Einblicke in die Firmen- und Technologiegeschichte und dokumentiert mit ungefähr 300 heimischen wie auch europäischen Musterbüchern, 10.000 Muster- und Gravurzeichnungen sowie 250.000 Stoffmustern den Entwicklungsgang vom Design zur fertigen Ware. Dass diese reiche Ideenquelle für Textildesign auch heute noch inspirativ genutzt werden kann, zeigen Schüler- und Studentenprojekte, die sich in vielfältiger Art und Weise mit den Stoffmustern auseinandersetzen.

Die Schweizer Perspektive brachte URSULA KARBACHER (St. Gallen) mit in die Tagung ein. Dabei ging sie der St. Gallener Stickereigeschichte auf den Grund, die wirtschaftlich mit dem ländlichen Oberschwaben eng verwoben ist. So fasste um die Mitte des 18. Jahrhunderts, als die Leinwandproduktion in der Krise steckte, die Stickerei als Handarbeit auf Initiative findiger Kaufleute in St. Gallen Fuß und wurde durch kaufmännisches Engagement auf der Basis des Verlagssystems auf das Umland, aber auch auf Vorarlberg und Schwaben ausgeweitet. In Heimarbeit wurden besonders im Oberallgäuer Gebiet die aus St. Gallen stammenden vorbedruckten Musseline und Garne zu fertigen Stickarbeiten veredelt und nach Frankreich sowie in andere Länder Europas exportiert. Das bereits 1886 eröffnete Textilmuseum in St. Gallen, das auch 2.000 Musterbücher zur Stickerei verwahrt, hat sich der Dokumentation der Hand- und auch der Maschinenstickerei verschrieben.

Die textile Sammlung des Rheinischen Industriemuseums hingegen hat, wie CLAUDIA GOTTFRIED (Ratingen) referierte, ihre Priorität bei der Alltagskleidung und erforscht deren kulturgeschichtliche Bedeutung. Das sechs verschiedene Schauplätze im Rheinland vereinigende Industriemuseum stellt die Kernfrage in den Mittelpunkt seiner Ausstellungen an den einzelnen Industriestandorten, wie sich der Mensch durch die Industrialisierung verändert hat. In der Sammlung, die aus Bekleidung der letzten 250 Jahre, aber auch aus Schnitt- und Musterbögen besteht, werden zwar regionale Spezifika berücksichtigt, jedoch nicht hauptsächlich zusammengetragen. Die Sammlungsstrategie verfolgt einen der neuen Kulturwissenschaft verpflichteten Ansatz, bei dem etwa Kategorien wie Erinnerungsfunktionen von Bekleidung und die Geschichte der Geschlechter anhand von Kleidung einen besonderen Rang einnehmen. Dafür ist die Dokumentation der Nutzungsgeschichte der jeweiligen Kleidung von eminenter Bedeutung. Gleichwohl ergibt sich innerhalb der Sammlung eine Schieflage in Hinsicht auf eine ausgewogene Behandlung der Geschlechtergeschichte, resultierend aus der Tatsache, dass vor allem Frauenkleidung und damit die weibliche Perspektive bewahrt wird.

Mit Beispielen aus der heute im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg untergebrachten und gegen Ende der 1880er-Jahre angelegten Trachtensammlung des Frankfurter Zoologen Dr. Oskar Kling ging CLAUDIA SELHEIM (Nürnberg) auf das Thema „Bilder, Bildzitate und die Musealisierung der Tracht“ ein. Die Trachten aus allen deutschen Landschaften vereinigende Kollektion wird ergänzt durch eine Reihe von Trachtengrafiken, die auch eine Illustration der Knoblauchsländer Männer- und Frauentracht aus dem Umland von Nürnberg enthält. Speziell anhand dieser Darstellung eines Ehepaares in der Kleidung des Knoblauchslands, die in weiteren Lithographien rezipiert und als Bildzitat tradiert wurde, manifestierte sich die Vorstellung einer Kontinuität in der Regionalkleidung, die so nicht der Realität entsprach. Denn wie etwa auch die Nachforschungen bezüglich der Verbreitung der verschiedenen Trachten in Bayern um die Mitte des 19. Jahrhunderts und diverse Landesbeschreibungen bestätigten, war die Tracht aus dem Knoblauchsland bereits seinerzeit im Aussterben begriffen. Damit erklärt sich, warum die von Kling gesammelte Knoblauchsländer Tracht keine vollständige Übereinstimmung mit den Trachtengrafiken aufweist.

In den anschließenden Diskussionen wurden die vielfältigen Impulse der Referenten aufgenommen und zu weiterführenden Gedanken fortgesponnen: Wie ein roter Faden zog sich beispielsweise die Frage nach der Rolle der Konfession der Unternehmerpioniere durch die Tagung und auch die Forschungsvernetzung der verschiedenen Musterbuchsammlungen wurde mit Aussicht auf einen weiteren Erkenntnisgewinn angeregt. Dabei wurde außerdem der Appell laut, nicht nur den bisherigen Kenntnisstand über die Geschichte der süddeutschen Textillandschaft überdisziplinär zu vertiefen, sondern auch im Dialog die Wahrnehmung für die textilindustriellen Überreste als Träger der Erinnerung zu schärfen, um somit den geistigen und materiellen Bezugsrahmen für das entstehende Bayerische Textil- und Industriemuseum in seiner historisch-kulturellen Tiefendimension auszuleuchten.

Die Beiträge der Referenten sollen in einer neu ins Leben gerufenen Veröffentlichungsreihe des tim erscheinen, die Tagung in Zukunft in einer Reihe fortgesetzt werden.

Konferenzübersicht

Peter Fassl: Einführung

1. Sektion: Leitlinien in der historischen Entwicklung

Wolfgang Wüst: Die süddeutsche Textillandschaft 1500 – 1800

Karl Lauschke: Die Entwicklung der süddeutschen Textilindustrie im 20. Jahrhundert

Werner K. Blessing: Die Textilindustrie in Süddeutschland 1800 – 1914

Andrea Leonardi: Die oberitalienische Textilindustrie im 19. und 20. Jahrhundert

Johannes Pietsch: Vorstellung der Abegg-Stiftung

2. Sektion: Wirtschaft und soziale Strukturen

Arnd Kluge: Die zünftige und nichtzünftige Weberei der vorindustriellen Zeit in Oberfranken

Stephan Deutinger: Die englische Industrie als Vorbild und Menetekel

Jürgen Schneider: Strukturen und Finanzierung der deutschen Textilindustrie (1850-2000)

Werner K. Blessing: Unternehmer und Arbeiter – Lebenswelten in Oberfranken um 1900

Wolfgang Wüst: Fabrikordnungen zwischen sozialer Disziplinierung und patriarchalischer Fürsorge

Inez Florschütz: Architektur und Arbeit – die Fabrik als sozialer Ort der Frühindustrialisierung

3. Sektion: Erinnerungskultur

Peter Fassl: Elemente einer Erinnerungskultur von Textilgewerbe und Textilindustrie in Süddeutschland

Monika Hoede: Kleiderordnungen und Kleiderwirklichkeit im 18. Jahrhundert in Bayerisch-Schwaben

Thomas Heitele: Textilgeschichte in schwäbischen Museen

Beatrix Münzer-Glas: Regionale Museumsentwicklung – ein Abbild Textilgeschichte Oberfrankens

Viola Müller: Geschichte und Gegenwart der Bauten der Textilindustrie in der Schweiz. Der Industrielehrpfad Zürcher Oberland

Monika Ständecke: Textilkultur in den europäischen Heimatwerken

Karl Borromäus Murr: Die „Festkultur“ der bayerischen Textilindustrie in der NS-Zeit

Gregor Nagler: Die Bauten der Textilindustrie in Schwaben

4. Sektion: Museen

Monika Fahn: Die Musterbücher der Neuen Augsburger Kattunfabrik

Jacqueline Jacqué: Deutscher Stoffdruck im Musée De L'Impression Sur Étoffes, Mulhouse

Hanno Platzgummer, Theresa Anwander: Die Mustersammlung Franz Martin Rhomberg im Stadtmuseum Dornbirn - Vom inspirativen Umgang mit einem historischen Erbe

Ursula Karbacher: St. Galler Stickerei als Auftraggeber im ländlichen Oberschwaben

Claudia Gottfried, Die textile Sammlung des Rheinischen Industriemuseums. Zur Kulturgeschichte der Bekleidung

Claudia Selheim: Bilder, Bildzitate und die Musealisierung der Tracht - Beispiele aus der Sammlung Kling des Germanischen Nationalmuseums

Zitation
Tagungsbericht: Geschichte und Erinnerung: Die süddeutsche Textillandschaft – von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, 06.06.2008 – 08.06.2008 Irsee, in: H-Soz-Kult, 23.07.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2205>.