Konzepte der Freundschaft

Ort
Feldberg-Altglashütten
Veranstalter
DFG-Graduiertenkolleg 1288 „Freunde, Gönner, Getreue“
Datum
27.06.2008 - 28.06.2008
Von
Christian Kühner, DFG-Graduiertenkolleg 1288 „Freunde, Gönner, Getreue“, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Im Rahmen seines Forschungsprogramms organisierte das DFG-Graduiertenkolleg 1288 „Freunde, Gönner, Getreue“ der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau vom 27.-28. Juni 2008 einen Workshop zum Thema „Konzepte der Freundschaft“. Das Kolleg, das sich zum Ziel gesetzt hat, Freundschaft und Patronage historisch, anthropologisch und kulturvergleichend zu untersuchen, führte in dem Workshop Beiträge von Stipendiatinnen und Stipendiaten und solche von auswärtigen Referentinnen und Referenten zusammen.

In ihrem Einführungsvortrag thematisierten CAROLINE KRÜGER und ERIC ANTON HEUSER (beide Freiburg) das Problem der Konzeptualisierung der Kategorie Freundschaft. Ausgehend von der Beobachtung, dass Freundschaft sich nicht trennscharf von anderen Sozialbeziehungen wie Patronage, Liebe und Verwandtschaft abgrenzen lasse, sondern sich vielmehr mit ihnen überschneide, plädierten sie dafür, diese Transgressionen systematisch in den Blick zu nehmen. Weder sollten Hybride von Freundschaft und anderen Sozialbeziehungen konstruiert, noch die Freundschaft selbst als hybrides Phänomen eingeordnet werden. Vielmehr solle die Grenzüberschreitung als konstitutives Element der Freundschaft aufgefasst werden. Sie stellten die Frage nach der Rolle körperlicher Nähe in der Freundschaft; damit war sowohl die Frage des Verhältnisses von Freundschaft und Homosexualität als auch die nach Intimität in Freundschaften heterosexueller Partner unterschiedlichen Geschlechts angesprochen. Krüger und Heuser hoben besonders hervor, dass Freundschaft im Zusammenhang mit Heteronormativität und Homosozialität diskutiert werden müsse. Freundschaft besitze aufgrund ihres geringen Institutionalisierungsgrades Schnittstellen zu vielen anderen Beziehungen; statt sie daher als ein Ensemble konstitutiver Elemente aufzufassen, solle vielmehr ein dynamischer Freundschaftsbegriff angewandt werden, der die Grenzen der Freundschaft je situativ zu bestimmen helfen könne.

Die erste Sektion des Workshops thematisierte das komplexe Verhältnis der Freundschaft zu ihrem Gegenstück, der Feindschaft, und das Problem des Verrats am Freund. Die Referentinnen der Sektion zogen dazu literarische Texte sowohl der Antike als auch der Moderne heran.

BERNADETTE DESCHARMES (Freiburg) widmete sich in ihrem Vortrag dem Dualismus von Freund und Feind und dessen Dynamik in der attischen Tragödie. Beide Arten von Beziehungen seien in Griechenland als vererbbar gedacht worden; es habe Praktiken gegeben, die den Freund und den Feind markierten, wie den Tausch der Rüstungen unter Freunden einerseits, Misshandlung, Tötung und Verfluchung des Feindes andererseits. Die Helden der Tragödie stünden oft vor einem Dilemma von Handlungserwartungen, wie zum Beispiel Orest zwischen der Loyalität zur Mutter und der Notwendigkeit der Rache für den ermordeten Vater. Die Tragödien, so Descharmes, zeigten hierdurch zwar einerseits Rachehandlungen, die positiv bewertet werden, beleuchteten jedoch andererseits die Maxime, dass den Feinden zu schaden sei, durchaus kritisch.

NATALIE BINCZEK (Siegen) und CATRIN KERSTEN (Siegen/Freiburg) analysierten die Thematik der Freundschaft in Thomas Bernhards Roman „Der Untergeher“. Dabei gingen sie vor allem auf das Verhältnis von Freundschaft und Tod und auf die Problematik von Freundschaft jenseits der Zweierbeziehung ein. Der Erzähler des Romans, so die Referentinnen, schreibe nach dem Tod seiner Freunde Glenn Gould und Wertheimer über die Freundschaft; hier konnten sie die Parallele zu Montaigne aufzeigen, der die Freundschaft zu Etienne de La Boétie auch erst rückblickend nach dem Tod des Freundes beschreibt. Bernhards Text verweigere sich einer Antwort auf die Frage, welche von den drei möglichen Zweierbeziehungen im Dreieck die eigentliche Freundschaft gewesen sei, und führe stattdessen unterschiedliche Perspektiven vor. Binczek und Kersten hoben als wichtiges Moment auch die Agonalität der drei Freunde hervor, die allesamt Pianisten sind – wobei Thomas Bernhard die Handlung des Romans so anlegt, dass die Freundschaft mit dem Genie Gould die anderen beiden Freunde dazu veranlasst, das Klavierspiel aufzugeben.

Die erste von zwei dem Verhältnis von Politik und Freundschaft gewidmeten Sektionen näherte sich dem Thema aus ideengeschichtlicher Perspektive. Texte aus England und Frankreich in der Frühen Neuzeit wurden in den Vorträgen daraufhin untersucht, welche Freundschaftskonzeption die Autoren vertreten und welche politischen Implikationen sie daraus ableiten.

SAMI-JUHANI SAVONIUS-WROTH (Helsinki) stellte in seinem Beitrag zwei frühneuzeitliche Konzeptionen des Verhältnisses von Freundschaft und Politik einander gegenüber. Michel de Montaigne habe sich gegen die antike Idee gewandt, dass die Bürger einer Republik alle miteinander befreundet sein sollten, wodurch – so etwa die Argumentation bei Cicero – Eintracht im Staate erreicht würde. Stattdessen habe Montaigne Freundschaft als exklusive Zweierbeziehung konzipiert. Dieses Konzept sei in Frankreich im Jansenismus populär geworden, der mit Bezug auf Augustinus argumentiert habe, dass Aufrichtigkeit und somit Freundschaft im politischen Bereich unmöglich seien. John Locke dagegen habe die Konzeption der Freundschaft der Bürger wieder aufgenommen und zum Gegenkonzept zur Tyrannei gemacht. Nach der Französischen Revolution hätten sich jedoch andere Schlüsselbegriffe zur Beschreibung des sozialen Zusammenhalts der Staatsbürger durchgesetzt; im Bereich der Freundschaft habe in der Moderne das in der Nachfolge Montaignes entwickelte Konzept einer rein privaten Freundschaft obsiegt.

TANJA ZEEB (Freiburg) ging in ihrem Vortrag von Etienne de La Boéties „Discours de la servitude volontaire“ aus. Montaigne kündigt an, dass seine Essays eigentlich nur Ornamente für die Edition dieses Traktates seines verstorbenen Freundes sein sollten [1] – tatsächlich unterlässt er es schlussendlich aber, den „Discours“ im Rahmen der Essays zu veröffentlichen. Er lässt die entsprechende Stelle leer, da der Text inzwischen politisch instrumentalisiert worden sei. Bei La Boétie, so Zeeb, erscheine Freundschaft als Gegenbild zur Tyrannis: die Vereinzelung der Untertanen ermögliche dem Tyrannen erst seine Herrschaft, die er über freie, freundschaftlich sich solidarisierende Bürger niemals ausüben könnte. Diese freundschaftliche Bindung aller Menschen ist nach La Boétie naturgegeben. Zeeb stellte die „exklusive“ Zweierbeziehung Freundschaft bei Montaigne der „inklusiven“, die politische Gemeinschaft durchwirkenden Freundschaft bei La Boétie gegenüber und stellte die Frage nach der Eignung der Freundschaft als politisches Symbol für demokratische Gesellschaften.

Die zweite Sektion zum Thema „Freundschaft und Politik“ betrachtete im Gegensatz zur ideengeschichtlichen Sektion nun empirisch Freundschaftsbeziehungen und Freundschaftsnetzwerke. Dabei stammten die herangezogenen Beispiele aus dem 20. Jahrhundert.

JUDITH GURR (Freiburg) griff in ihrer Einführung das Problem der Freundschaft in Theorie und Praxis der Politik auf. Ideengeschichtlich über Aristoteles, Cicero, Machiavelli und Carl Schmitt reflektierend, stellte sie die Frage nach Freundschaft in der politischen Sphäre der Gegenwart. Einerseits gelte Freundschaft heute nicht mehr selbst als politische Kategorie, vielmehr würden freundschaftliche Beziehungen im politischen Feld leicht in die Nähe von Korruption und illegaler Einflussnahme gerückt; andererseits sei aber die mediale Zurschaustellung von Freundschaften zwischen einzelnen Politikern zu beobachten. Sei dies ebenso problematisch wie der schillernde Begriff des Parteifreundes, so gebe es dennoch auch im politischen Bereich Freundschaften, die mehr seien als bloße Inszenierungen.

LAURA POLEXE (Freiburg) ging in ihrem Vortrag Nahbeziehungen in der internationalen sozialdemokratischen Bewegung an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert nach. Sie beschrieb Begegnungsorte der Freundschaft – sowohl real-räumliche wie Exilorte, Parteitage und Kongresse wie auch virtuell-mediale wie Zeitschriften und Korrespondenz. Besonders die Kongresse – die gleichermaßen Orte der Begegnung innerhalb der Bewegung wie Machtdemonstration nach außen gewesen seien – hätten eine zentrale Rolle für die Knüpfung und Pflege von Beziehungen gespielt. Dabei zeigte Polexe auch die Grenzen sozialistischer Freundschaft auf: es seien dies oft ideologische Zerwürfnisse gewesen, wie sie am Beispiel von Pavel Aksel’rod und Georgi Plechanov illustrierte – wobei verschiedene Sozialdemokraten wiederum unterschiedliche Ansichten darüber gehabt hätten, ob Freundschaft trotz ideologischer Differenzen möglich sei.

NATAŠA MIŠKOVIĆ (Zürich) analysierte die Politikerfreundschaft zwischen Josip Broz Tito, Gamal Abdel Nasser und Jawaharlal Nehru aus einem historisch-anthropologischen Blickwinkel. Sie fragte danach, warum gerade diese drei Staatsmänner zusammenfanden, und wie sich ihre persönliche Beziehung gestaltete. Dabei betonte sie, dass die drei Gründer der Bewegung der Blockfreien allesamt aus Ländern stammten, die über lange Zeiträume hinweg fremdbestimmt gewesen seien und in denen der Erfolg von Karrieren entscheidend von familiären und persönlichen Netzwerken abhängig gewesen sei. Mišković hob hervor, dass alle drei das Ziel verfolgt hätten, sich der Dominanz der beiden Supermächte zu entziehen und eine eigene Rolle auf der Weltbühne zu spielen. Anhand von Quellenbeispielen aus dem Tito-Archiv in Belgrad und der Handschriftenabteilung des Nehru Memorial Museum and Library in Neu-Delhi zeigte Mišković die Schwierigkeit auf, private Treffen und offizielle Zusammenkünfte voneinander abzugrenzen – denn während ihre Untergebenen zur Befolgung des diplomatischen Protokolls verpflichtet gewesen seien, hätten sich die drei charismatischen Herrscher der Einengung durch solche Formen entzogen.

DAVID FARRELL KRELL (Chicago/Freiburg) resümierte in seinem Abschlussvortrag Jacques Derridas Buch „Politik der Freundschaft“. [2] Er entfaltete das Panorama der Quellen von der griechischen Antike bis zum 20. Jahrhundert, die der Vater der Dekonstruktion in seinen Überlegungen zur Freundschaft verarbeitet hat. Durch den Vortrag wurde deutlich, dass verschiedene, im Laufe des Workshops angesprochene Aspekte sich in Derridas Buch wiederfinden: das Verhältnis der Freundschaft zur Politik ebenso wie dasjenige zum Tod, der Geschlechteraspekt und die Frage, ob Freundschaft immer nur eine Zweierbeziehung sein kann. Zur Sprache kam auch das Verhältnis von Freundschaft und Brüderlichkeit – jener „Fratrozentrismus“ der Freundschaft, der nach Derrida mit einem neuen Freundschaftskonzept überwunden werden muss.

Die Zusammenschau der Beiträge machte deutlich, wie vielfältig das Feld von ‚Freundschaft‘ ist. Die historischen, gesellschaftlichen und räumlichen Kontexte führen zu einer großen Bandbreite unterschiedlicher Erscheinungsformen dessen, was von den Menschen als Freundschaft bezeichnet wird. Das heißt allerdings nicht, dass der Begriff Freundschaft eine Leerformel wäre, die wahllos Phänomene bezeichnen könnte, die nichts miteinander zu tun haben. Bestimmte Themen wie beispielsweise die Netzwerke, die Problematik des Vertrauens oder die Frage nach Freundschaft in Gruppen tauchten an verschiedenen Stellen des Workshops wieder auf. Darüber hinaus zeigte sich auch, dass die konkreten Ausformungen der Freundschaft in vielen Fällen nicht unabhängig voneinander sind: so beeinflussten die in der Antike grundgelegten Konzeptionen fortan das Denken über Freundschaft in Europa. Insgesamt wurde deutlich, dass eine essentialistische Sicht von Freundschaft in die Irre führt. Die Freundschaftsforschung hat es nicht mit einem überzeitlich unwandelbaren Objekt zu tun, bei dem nur die Beziehungen zum jeweiligen Kontext der Veränderung unterlägen, sondern mit einem sich selbst geradezu proteisch wandelnden Gegenstand.

Konferenzübersicht:

Eröffnungsvortrag:
CAROLINE KRÜGER und ERIC ANTON HEUSER (beide Freiburg): Freundschaft: Anthropologische Aspekte - ein interdisziplinäres Mosaik

Panel 1: Freundschaft, Feindschaft, Verrat
BERNADETTE DESCHARMES (Freiburg): „Der grimme Feind wird unser bester Freund, und alte Eintracht wandelt sich in Haß!" - Muster der Freund-Feind-Konstruktion im Spiegel der attischen Tragödie
CATRIN KERSTEN (Siegen/Freiburg) und NATALIE BINCZEK (Siegen): Kontingenz der Freundschaft in Thomas Bernhards „Der Untergeher“

Panel 2: Freundschaft und Politik 1
SAMI JUHANI SAVONIUS-WROTH (Helsinki): The politics of friendship from Montaigne to Locke
TANJA ZEEB (Freiburg): Etienne de La Boéties „Discours de la servitude volontaire“ – Ein Versuch am Schnittpunkt von Freundschaft und Politik

JUDITH GURR (Freiburg): Theoretische Einführung: Grenzen von Freundschaft in der Politik
LAURA POLEXE (Freiburg): „We very much love you“: Anfang und Ende der Freundschaft in der Sozialdemokratie. Einige Beispiele
NATAŠA MIŠKOVIĆ (Zürich): Ewige Freundschaft? Überlegungen zur Beziehung von Tito, Nehru und Nasser

Abschlussvortrag:
DAVID F. KRELL (Fellow des GRK 1288, Chicago/Freiburg): Jacques Derridas „Politik der Freundschaft“

Anmerkungen:
[1] de Montaigne, Michel, Essais, Hrsg. von Jean Céard, Bd. 1, Paris 2002, S. 321f.
[2] Derrida, Jacques, Politik der Freundschaft, Frankfurt am Main 2000.

Zitation
Tagungsbericht: Konzepte der Freundschaft, 27.06.2008 – 28.06.2008 Feldberg-Altglashütten, in: H-Soz-Kult, 05.09.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2245>.