Formen des Nichtwissens der Aufklärung – Forms of Ignorance in the Enlightment – Formes du non-savoir au siècle des lumières

Ort
Halle
Veranstalter
Exzellenznetzwerk "Aufklärung – Religion – Wissen" der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Datum
20.08.2008 - 23.08.2008
Von
Rainer Godel, Exzellenznetzwerk "Aufklärung – Religion – Wissen", Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Das Exzellenznetzwerk Aufklärung-Religion-Wissen der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg richtete vom 20.-23. August 2008 eine internationale, transdisziplinäre Konferenz zum Thema „Formen des Nichtwissens der Aufklärung“ aus. Die von der Fritz-Thyssen-Stiftung großzügig unterstützte Tagung wurde organisiert von Hans Adler (University of Wisconsin – Madison) und Rainer Godel (Halle). Im historischen Bibliothekssaal des Interdisziplinären Zentrums zur Erforschung der europäischen Aufklärung übernahm Udo Sträter (Halle) als Sprecher des Netzwerks die Begrüßung, gefolgt von einem Grußwort des Rektors der Martin-Luther-Universität, Wulf Diepenbrock.

RAINER GODELs (Halle) Einführung in das Thema formulierte zunächst einige Ansatzpunkte der Tagung: Zur Klärung und Ausarbeitung des aufgeklärten Wissensbegriffs erscheint es notwendig, in historischer Perspektive nach der Verlässlichkeit, den Grenzen und den Unzulänglichkeiten des Wissens zu fragen. Insbesondere die Markierung von Nichtwissen verleiht der Aufklärung kontradiktorisch und komplementär Profil, wobei zu erwarten ist, dass die explizite Frage nach dem Nichtwissen auch zur Schärfung eines historisch-systematischen Verständnisses der Aufklärung beiträgt.

Diese programmatischen Überlegungen wurden in HANS ADLERs (Madison) Eröffnungsvortrag zum „gewissen Etwas der Aufklärung“ weiter ausgeführt. Der theoretische Gehalt dieser pointierten Formulierung und zugleich ein Spezifikum der Epoche der Aufklärung ist darin zu sehen, ein nichtwissendes Subjekt – die unbestimmte Referenz des „Je ne sais quoi“ – als Reflexionskern aufgeklärter Epistemologie zu erkennen. Beispielhaft hierfür gelten die Ästhetik als Wissenschaft von dunklen und verworrenen Erkenntnisinhalten, die transzendentalen und anthropologischen Grenzbestimmungen des Subjekts und die empirische Psychologie. Aufklärung bedeutet nicht einfach das sukzessive Schließen und Abarbeiten von Wissenslücken; es handelt sich auch um ein epistemologisches Programm der Beobachtung von Nichtwissen und des Umgangs mit ihm. Dieses Programm zeigt systematisch an, aus welchen Gründen Wissen nicht besteht und nicht gesichert werden kann.

EBERHARD KNOBLOCH (Berlin) interpretierte die Entwicklung der Wahrscheinlichkeitslehre zwischen J. Bernoulli und J. H. Lambert als Versuch einer Quantifizierung des Nichtwissens, genauer gesagt des Möglichen, und zeigte die praktische Relevanz dieser Erkenntnis am Beispiel der Demographie und des Versicherungswesens.

ETIENNE BALIBAR (Paris) reflektierte über Jacques Derridas Formulierung der „nouvelles lumières“ und thematisierte die Notwendigkeit einer neuen Aufklärung: Der Universalanspruch der Philosophie des 18. Jahrhunderts habe nach dem Ende der kolonialen Ära und der Entdeckung der Heterogenität keinen Bestand mehr. Unter Einbeziehung des von der Aufklärung verdrängten Anderen müsse nach Möglichkeiten stabilen Wissens geforscht werden.

BERTRAND BINOCHE (Paris) stellte die französische Aufklärung als stetigen Kampf gegen das Vorurteil dar, das seinerseits mit Aberglauben gleichzusetzen sei. Angesichts ihres Anspruchs, an ihrer Wirksamkeit gemessen zu werden, rekurriere die Aufklärung allerdings auf das Vorurteil, um den Aberglauben besser zu bekämpfen.

HEINZ THOMA (Halle) untersuchte die Prekarität der Aufklärung am Beispiel Frankreichs. Die Aufklärung sei insofern prekär, als ihre Rezeption im 19. und 20. Jahrhundert sie oft zu einem Gegenmodell reduziere, das eine universell geltende oder instrumentelle Vernunft in den Mittelpunkt stelle. Bereits im 18. Jahrhundert allerdings sei die Aufklärung wegen der ab 1750 einsetzenden anthropologischen Wende prekär gewesen, da deren Kennzeichen (Naturalisierung, Empirisierung und Historisierung) das Vernunftwissen in Frage stellen.

Auf unterschiedliche Weise näherten sich die Beiträge von CLAUDIA BRODSKY (Princeton) und RAINER ENSKAT (Halle) dem Werk Diderots. Brodsky verdeutlichte die Produktivitäten des Nichtwissens im Bereich intellektueller Inspiration. Diderots „mouvement de l’âme“ ebenso wie Kants Bekenntnisse über den „glücklichen Einfall“ des Philosophen belegen den experimentellen wie emergenten Charakter aufgeklärten Denkens. Enskat erläuterte ausgehend von Diderots Encyclopédie-Einträgen, wieso eine streng formallogische Bestimmung des Wissensbegriffs notwendig sei. Dabei gelte es, das Wissen von den weit verbreiteten Formen der Meinung zu trennen und es in einem strengen Sinne nur situationsunabhängigen Reflexionsakten zuzugestehen.

Die Vorträge von DANIEL WEIDNER (Berlin) und STEFAN MATUSCHEK (Jena) lokalisierten Nichtwissen und dessen aufgeklärte Verdachtsmomente in der historischen Thematisierung von Wundern und Mythen. Weidners Beitrag widmete sich Inszenierungsweisen und Rhetoriken des Nichtwissens anhand der Wunderkritik von Woolston und Hume. Matuschek ging der Transformation und Modernisierung von Mythoskonzepten vorrangig bei Fontenelle, Vico und Herder und deren Relevanz für die Frage des Umgangs mit dem Nichtwissen nach.

Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive näherten sich weitere Beiträge dem Tagungsthema: RAINER GODEL entwickelte vor allem am Werk Johann Karl Wezels die Möglichkeit, dass unzuverlässiges Erzählen die unzuverlässige Leserschaft der Epoche im Umgang mit lebensweltlichen Kontingenzen und Nichtwissen schult. HARALD TAUSCH (Erlangen) zeigte überraschende Interferenzen zwischen dem Labyrinth als räumlich-architektonischer Spielart des Nichtwissens und der Romanpoetik von Goethes Wilhelm Meisters Wanderjahre auf.

Die Vorträge von GENEVIÈVE ESPAGNE (Amiens) und ANTONIO ROSELLI (Paderborn) behandelten Texte Christoph Martin Wielands. Espagne korrelierte Modelle des aufgeklärten Intellektuellen mit Wielands skeptischer–fiktionaler Verarbeitung der Volksaufklärung. Roselli ging unter Rückgriff auf Hans Blumenbergs Bestimmung des Wirklichkeitsbegriffs auf das literarische Verhältnis von Nichtwissen und Kontingenz ein und zeigte an Wielands Don Silvio spezifisch aufgeklärte Formen der Kontingenzbewältigung.

MANFRED BEETZ (Halle) verortete den frühen Lessing in der Begriffsgeschichte des Vorurteils im 18. Jahrhundert. RALF SIMON (Basel) leitete aus Lessings Hamburgischer Dramaturgie die Forderung nach einer grundlegenden interpretativen Offenheit des Dramas ab, die dann, wie er zeigen konnte, in Emilia Galotti eingelöst wurde. Dramatisierungen des Nichtwissens im Werk Friedrich Schillers behandelten DIRK OSCHMANN (Jena) und DANIEL FULDA (Halle). Oschmann verwies auf spezifisch narrative Strukturen von Wissen und Nichtwissen im Geisterseher und zeigte, dass die Geltung von Wissen stets durch Darstellung determiniert ist. „Nichtwissen ist in der Spätaufklärung nicht eliminierbar“ – diese These vertrat Fulda, der zeigte, wie Nichtwissen in der Dramenpoetik bei Schiller operationalisiert wird. Er leitete die Organisation des Nichtwissens von Graciáns Klugheitslehren her und zeigte anhand der Verschwörung des Fiesco zu Genua, wie Nichtwissen im dramatischen Handlungszusammenhang zirkuliert.

STEFAN METZGER (Tuttlingen) verfolgte eine Geschichte des Bildungskonzepts und –begriffs seit Meister Eckhart und Paracelsus. Seine Darstellung mündete in eine idealtypisch zugespitzte Dichotomie zwischen spätaufklärerischem Philanthropismus und Neuhumanismus, ohne die Voraussetzungen für eine Bestimmung des „notwendigen“ Wissens zu thematisieren. Philosophie- bzw. psychologiegeschichtlich näherten sich die Vorträge von INSA KRINGLER (Hamburg/Halle) und ELISABETH DÉCULTOT (Paris) dem Tagungsthema. Kringler zeigte, dass das Prinzip der plastic nature des Neuplatonisten Cudworth im Gegensatz zur Leibnizschen Theodizee eine – metaphysisch – „unkomplizierte Behandlung“ des Problems des Nichtwissens erlaubte. Décultot ging auf die psychologischen Schriften Sulzers ein. Sie legte in Sulzers Fortschreibung der Theorie der dunklen Empfindung einen erstaunlichen psychologischen Ansatz offen, der die Verarbeitung sinnlich intensiver, aber nicht gewusster Empfindungen zu erklären erlaubte.

Tendenzen der Verinnerlichung von Nichtwissen zwischen Lessings Dramatik und Goethes Autobiographik ging der Vortrag von FRITZ BREITHAUPT (Indiana) nach. Dieses Referat bildete den Auftakt zu einer Serie von Vorträgen zum Problem des Nichtwissens vom Menschen. Auch GUNHILD BERG (Berlin) stellte diese Frage an Beschreibungsverfahren der Literatur und die Beobachtungsverfahren der empirischen Psychologie und Pädagogik. Beide Bereiche thematisieren die unkontrollierbare und unauflösbare Komplexität der Erkenntnis des Menschen. Doch gelangen sie zu unterschiedlichen Verfahren. Dass aufgeklärte Konzepte wie der Charakter diese anthropologische Komplexität beschreiben und steuern sollten, war das Thema des Beitrags von MONIKA SPROLL (Gießen). Diffamierungen und Polemiken der gebildeten Unwissenheit, der litterata ignorantia von der Renaissance bis in die Aufklärung untersuchte ANGELA HOLZER (Princeton) in ihrem Vortrag zu den Arten des Unwissens und der Ignoranz des Menschen in der Aufklärung.

Beschlossen wurde die Tagung mit den Referaten von LUCA CRESCENZI (Pisa), ALEXANDER KOŠENINA (Bristol/Hannover) und ARND BOHM (Carleton). Crescenzi ging dem Thema des Nichtwissens in Herders Geschichtsphilosophie und dem dort beschriebenen „Gedränge der Geschichte“ nach. Košenina untersuchte juridische Komponenten des Nichtwissens, ausgehend von Heinrich von Kleists Marquise von O. Bohm zog ein Resümee der Tagung mit einer auf pointierte Weise paradox angelegten Frage nach den historischen Praktiken und diskursiven Verfahren des Nichtwissens in der Aufklärungsepoche.

Hinsichtlich seiner historischen wie theoretischen Facetten bildet das Thema Nichtwissen – bis auf einige Ausnahmen – in jüngeren Forschungskontexten ein Desiderat. Die Hallenser Tagung trug dazu bei, „Formen des Nichtwissens der Aufklärung“ explizit und systematisch darzustellen.

Die siebenundzwanzig Beiträge und die Diskussion der Tagung belehrten über die Vielgestaltigkeit des Themas. So wurde deutlich, dass Nichtwissen als die problematische Dimension des Erkenntnisprozesses erscheint, dass es in der Komplexität des anthropologischen Diskurses hervortritt, dass es als Kritik und Diffamierung beschreibbar wird und den Kern von Kontingenzwahrnehmung bildet. Ergiebig hinsichtlich einer tragfähigen Theorie des Nichtwissens erschienen besonders jene Ansätze, die spezifische Operationalisierungen von Nichtwissen etwa in der Wahrscheinlichkeitsrechung, der Ästhetik und literarischen Praxis zum Thema hatten. Man erhielt hier Antworten auf die Frage, wie Nichtwissen strategisch, poetisch, poetologisch oder psychologisch ‚zum Einsatz’ kommt.

Die jeweiligen „Formen des Nichtwissens der Aufklärung“, so lässt sich als verallgemeinerter historischer Befund festhalten, bilden sich zumeist als kulturelle Beobachtungen zweiter Ordnung: als Reflexion über das Unbestimmte, Anders-Mögliche und Unübersichtliche. Die Frage nach dem Nichtwissen richtet den Fokus dabei auch auf jene diskursiven Orte, an welchen die Autoren der Aufklärung die Probleme und offenen Flanken ihrer Argumente und Programme reflektieren. Jeder Erkenntnisprozess trägt – mehr oder weniger explizit – dem Nichtwissen Rechnung. Der Verlauf der Tagung belehrte letztlich darüber, dass die ausdrückliche Frage nach diesem Nichtwissen einen methodologischen Effekt hat, der statt der Konstruktion ideengeschichtlicher Kontinuität ein eher umgrenztes problemgeschichtliches Forschen bedingt.

Ein Tagungsband ist geplant.

Konferenzübersicht:

MITTWOCH, 20. August 2008

Hans Adler (Madison): Das gewisse Etwas der Aufklärung

DONNERSTAG, 21. August 2008

Eberhard Knobloch (Berlin): Von den berechenbaren Grenzen des Nichtwissens zur Zeit der Aufklärung

Etienne Balibar (Paris): L’idée de ‘nouvelles Lumières’ et les contradictions de l’universalisme

Heinz Thoma (Halle): Zur Prekarität der Aufklärung

Bertrand Binoche (Paris): De l’efficace de la raison

Claudia Brodsky (Princeton): Experiments in Enlightenment: Doing without Knowing in Kant and Diderot

Rainer Enskat (Halle): Aufgeklärtes Nicht-Wissen

Daniel Weidner (Berlin): (Un)Möglichkeit der Ausnahme – Wissen und Nichtwissen über das Wunder im Diskurs der aufklärerischen Religionskritik

Stefan Matuschek (Jena): Fragwürdige Eigenschaften: „Fabelhaft“ und „wunderbar“ in Aufklärungsdiskursen

FREITAG, 22. August 2008

Rainer Godel (Halle): Unzuverlässige Leser – unzuverlässige Erzähler; oder: Literarische Wege aus dem Nicht-Wissen

Harald Tausch (Erlangen): Labyrinthe der Aufklärung

Geneviève Espagne (Amiens): Formen des Abderitismus bei Christoph Martin Wieland

Antonio Roselli (Paderborn): Die logischen Strukturen der möglichen Welten: Nichtwissen und Skepsis bei Christoph Martin Wieland

Dirk Oschmann (Jena): Die Grenzen der Selbstaufklärung. Schillers Geisterseher

PARALLELSEKTIONEN
Stefan Metzger (Tuttlingen): „Ein Abgrund innerer dunkeln Kräfte“. Nichtwissen in den Bildungsdiskursen der Aufklärung

Daniel Fulda (Halle): „Das Gewebe eines Meisters sollte künstlicher sein, als dem flüchtigen Anfänger so geradezu in die Augen zu springen“. Die Provokation des Undurchschaubaren im dramatischen und historiographischen Werk Schillers

PARALLELSEKTIONEN
Insa Kringler (Hamburg/Halle): „There is nothing so intrinsically rational as religion is“. Zum Versuch einer vernünftigen Entschlüsselung des Nicht-mehr-Wissbaren

Elisabeth Décultot (Paris): Die Schattenseiten der Seele: Zu Johann Georg Sulzers Theorie des Empfindens

PARALLELSEKTIONEN
Manfred Beetz (Halle): Zur Diagnose von Vorurteilen in Lessings Frühwerk.

Ralf Simon (Basel): Ein falsches Bild. Oder: Was passiert, wenn Katharsis Form wird? Zu Lessings Emilia Galotti

SAMSTAG, 23. August 2008

Fritz Breithaupt (Indiana): Die Erzeugung des Nicht-Wissens vom anderen. Mitleid und Empathie von Lessing zu Goethe

Gunhild Berg (Berlin): Beobachten und (Be-)Schreiben. Das Nichtwissen vom Menschen in Literatur und Wissenschaft der Spätaufklärung

Monika Sproll (Gießen): Charakter – Die Konkurrenz einer metaphorischen und einer begrifflichen Erkenntnisform des Nicht-Wissens vom Menschen

Angela Holzer (Princeton): Arten des Unwissens und die Ignoranz des Menschen in der Aufklärung

Luca Crescenzi (Pisa): Vorsehung, Geschichte, Zufall. Das Bekannte und das Unbekannte in Herders geschichtsphilosophischen Schriften

Alexander Košenina (Bristol): Vaterschaft – Mutterschaft: Nichtwissen, Wissensverweigerung und suspendiertes Wissen bei Hogarth, Goethe und Kleist

Arnd Bohm (Carleton): Ways of Being Ignorant: A Field Guide

Für die großzügige Unterstützung der Tagung danken wir der Fritz-Thyssen-Stiftung.

Kontakt

PD Dr. Rainer Godel
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Exzellenznetzwerk "Aufklärung – Religion – Wissen"
Franckeplatz 1, Haus 24
Tel. 0345 / 55 – 21784
E-Mail: <rainer.godel@netzwerk-arw.uni-halle.de>

Zitation
Tagungsbericht: Formen des Nichtwissens der Aufklärung – Forms of Ignorance in the Enlightment – Formes du non-savoir au siècle des lumières, 20.08.2008 – 23.08.2008 Halle, in: H-Soz-Kult, 16.09.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2255>.
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Veröffentlicht am
16.09.2008
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