HT 2008: "Nature Incorporated". Business History and Environmental Change

Ort
Dresden
Veranstalter
Hartmut Berghoff, Deutsches Historisches Institut Washington / Georg-August-Universität Göttingen; Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD)
Datum
30.09.2008 - 03.10.2008
Von
Ole Sparenberg, Göttingen

Wenn Umwelthistoriker zusammentreffen, kommt häufig das Gespräch auf die geringe Beachtung, die diese Subdisziplin an Universitäten, Schulen oder in Überblicksdarstellungen fände. Auch der diesjährige Historikertag in Dresden war wenig geeignet, in dieser Hinsicht das Selbstbewusstsein der Umwelthistoriker zu heben, da sich lediglich eine Sektion umweltgeschichtlichen Fragen widmete. Die von Hartmut Berghoff und Mathias Mutz organisierte, englischsprachige Sektion schlug eine Brücke zwischen Umwelt- und Unternehmensgeschichte. Die Themenwahl entsprach dem gemeinsamen Hintergrund der beiden Organisatoren sowohl im Göttinger Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte als auch im Graduiertenkolleg Interdisziplinäre Umweltgeschichte (GK 1024), aber vor allem wurde in der Sektion deutlich, dass Umwelt- und Unternehmensgeschichte sich in der Tat in vielen Bereichen sinnvoll ergänzen können.

Wie HARTMUT BERGHOFF (Deutsches Historisches Institut Washington) und Mathias Mutz in der Einleitung "The Missing Link? Business History and Environmental Change" ausführten, hätten bisher Umwelt- und Unternehmensgeschichte kaum Notiz voneinander genommen, obwohl vielfältige Berührungspunkte bestünden und sich die Perspektiven sinnvoll ergänzen könnten. In der umweltgeschichtlichen Forschung zu Emissionen erschiene die Industrie vor allem als Übeltäter, während die staatlichen Regulierungsbemühungen im Mittelpunkt stünden. Die Innenperspektive der Unternehmen, der Blick auf ihre Handlungsoptionen und Entscheidungsfindung bleibe dagegen zumeist ausgeblendet. Auf der anderen Seite habe auch die Unternehmensgeschichte Umweltbezüge kaum beachtet, obgleich die Umwelt für Unternehmen in mehrfacher Hinsicht von Bedeutung sei: Das betreffe in jüngerer Zeit das Image eines Unternehmens (mit den Stichwörtern "eco-marketing" oder "green-washing") und das Risiko von erheblichen Kompensationszahlungen bei Unfällen. Aber von jeher versteckten sich hinter dem Produktionsfaktor "Land" natürliche Ressourcen und damit eine unmittelbare Angewiesenheit auf die Umwelt. Unternehmen seien wesentliche Akteure ökologischer Veränderungen, und gleichzeitig verlange die natürliche Umwelt den Unternehmen Anpassungen ab.

Der erste Vortrag von CHRISTINE MEISNER ROSEN (University of California, Berkeley) "Business Leadership and Environmental Reform in Late 19th Century U.S." entstammte einem größeren Projekt über die industrielle Wasser- und Luftverschmutzung sowie entsprechende Gegenmaßnahmen in den USA zwischen den 1840er- und den 1930er-Jahren. Üblicherweise, so Meisner Rosen, sähe man – auch vor dem Hintergrund heutiger Erfahrungen – in der Industrie den Gegenspieler jeglicher Emissionskontrollen, und dies, so Meisner Rosen, treffe auch für den Untersuchungszeitraum in der Regel zu. Der überraschende Befund sei allerdings, dass Unternehmer ("reform minded businessmen") sich auch vielfach an den Spitzen von Bewegungen befunden hätten, die versuchten, Lösungen für die Probleme der Wasser- und Luftverschmutzung zu finden. Dieser Befund laufe der traditionellen Rollenverteilung in der Umweltgeschichtsschreibung entgegen, wonach Akteure wie Frauenvereine eher mit den Etiketten "gut", "selbstlos" und "fortschrittlich" versehen würden, Industrielle dagegen als "egoistisch" und "kurzsichtig" gälten. Meisner Rosen schloss ihren Vortrag mit der offenen Frage, wie sich ein derartiges Engagement von Unternehmern in einer Geschichte der Umweltverschmutzung fassen ließe, ohne einfach zu der Aussage Zuflucht zu nehmen, dass das Verhältnis von Unternehmern und Umweltschutz kompliziert sei.

In seinem Vortrag "Managing Resources. Water and Wood in the German Pulp and Paper Industry, 1870-1930" beschrieb MATHIAS MUTZ (Georg-August-Universität Göttingen) die Integration der Umwelt mit ihren räumlichen und materiellen Aspekten als einen entscheidenden Punkt der Unternehmensentwicklung. In besonderem Maße gelte dies Mutz zufolge, wenn man Alfred D. Chandlers Sicht der Unternehmensgeschichte als einem Wachstums- und Ausdifferenzierungsprozess folge. Obwohl Chandler sich nie mit Umweltfragen beschäftigte, könne sein Ansatz als Ausgangspunkt dienen, um den Trend zu einer vertikalen Integration von Umweltaspekten in die Unternehmen zu beschreiben. Im Zuge des Übergangs zur Massenproduktion habe die Nutzung natürlicher Ressourcen neue Wege im Umgang mit Lieferanten, der staatlichen Verwaltung und konkurrierenden Nutzern der Ressource erfordert. Die Rohstoffversorgung und die Entsorgung zu sichern sowie daraus entstehende Konflikte zu handhaben, sei zu einer wichtigen Voraussetzung unternehmerischen Wachstums und Erfolgs geworden. Mutz führte dies am Beispiel der Papierindustrie aus, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts ihre Rohstoffversorgung von Lumpen auf Holz umstellte. Seitdem habe ihr wachsender Holzbedarf einen großen Einfluss auf die Forstwirtschaft ausgeübt, gleichzeitig habe sich jedoch auch die Papierindustrie in der Wahl ihrer Standorte und ihrer Geschäftsstrategien auf den neuen Rohstoff einstellen müssen. Neben Holz habe Wasser die zweite Ressource dargestellt, die die Papierindustrie als Energieträger und für den Produktionsprozess in hohem Maße in Anspruch genommen habe. Die starke Belastung der Flüsse durch die Abwässer der Papierindustrie habe hierbei schon seit den 1870er-Jahren eine Quelle von Konflikten gebildet, die staatliche Regulierungen nach sich gezogen habe. Somit seien Umweltfragen aufgrund der starken Angewiesenheit auf die Ressourcen Holz und Wasser ein entscheidender Aspekt unternehmerischen Handelns in der Papierindustrie geworden. Als mögliche Reaktionen der Unternehmen auf Konflikte in Abwasserfragen und gegenüber staatlichen Vorschriften machte Mutz vier Handlungsstrategien aus: Verzögerung und Täuschung, Leugnung und Widerstand, teilweises Befolgen der Vorschriften sowie die ökonomische Internalisierung der Kosten.

Der folgende, dritte Vortrag der Sektion, "Who destroyed the Marsh? The Oil Industry's Role in Transforming the Environment of the Northern Gulf of Mexico since 1949" von TYLER PRIEST (University of Houston), thematisierte anhand einer Literaturübersicht die mögliche Verantwortung der Ölindustrie für den Verlust einer ökologisch wertvollen Landschaft. Schauplatz des Konflikts sind die Feuchtgebiete an der Küste von Louisiana, die die größte derartige Landschaft in den USA darstellen, den Lebensraum vieler Tierarten bilden und zugleich einen Schutz gegen Flutwellen bieten. Vor dieser Küste liegt allerdings auch eine große Anzahl von Bohrinseln, die 25 Prozent des amerikanischen Ölbedarfs decken. Im 20. Jahrhundert seien mit alarmierender Geschwindigkeit große Teile der Sumpfgebiete an das Meer verloren gegangen, ein Landverlust, der große Bedeutung in der amerikanischen Umweltdebatte gewonnen habe. Da die meisten Verluste zwischen den 1950er- und 1970er-Jahren in einer Zeit des intensiven Ausbaus der Erdölförderung aufgetreten seien, habe es nahe gelegen, hier einen Zusammenhang zu vermuten. Insbesondere der Bau von Kanälen, die für die Schifffahrt und für die Verlegung von Pipelines durch die Sümpfe gezogen wurden, hätte bald als Ursache für die Landverluste gegolten. Hinzu sei als weiterer möglicher Grund eine Absenkung des Landes durch die Gas- und Ölentnahme gekommen. In den 1990er-Jahren sei die Verantwortung der Ölindustrie für den Schwund der Feuchtgebiete in der Öffentlichkeit allgemein akzeptiert worden, obwohl der Sachverhalt bis heute hoch umstritten sei, da für die Gesellschaft und die Ölindustrie gleichermaßen viel auf dem Spiel stehe. Priest sah im Hinblick auf den Kern der Auseinandersetzung eine Parallele zu aktuellen Debatten um den Klimawandel, da in beiden Fällen die Frage im Mittelpunkt stünde, inwieweit der Wandel überwiegend anthropogenen oder natürlichen Ursachen zuzurechnen sei. Neuere Forschungsergebnisse deuteten tatsächlich in die Richtung, dass die Senkung des Landes und damit der Verlust der Sümpfe nicht primär auf die Aktivitäten der Ölindustrie zurückzuführen sei. Mit dieser Neubewertung verbände sich, so Priest abschließend, auch eine neue Sicht auf die Natur, die nun nicht mehr als etwas gesehen werde, das der Mensch aus eigener Kraft zerstören und wieder "reparieren" könne; insgesamt gehe die Vorstellung der Kontrollierbarkeit zurück.

MANFRED GRIEGER (Wolfsburg) stellte in dem Vortrag "The Disposal of PVC and Plastic at Volkswagen AG between Industrial Incineration and Landfilling" ein Beispiel auf der Ebene eines einzelnen Unternehmens vor. Griegers Vortrag stellte einen Typus umwelthistorischer Meistererzählung in Frage, in der den Unternehmen stets die Rolle des Bösewichts und Wissenschaftlern die der Helden zugewiesen werde, während der Staat, dem wiederum Non-Governmental Organisations kritisch auf die Finger schauten, den Konflikt entscheide. Abweichend hiervon schilderte der Vortrag die Abfallbeseitigung im Wolfsburger VW-Werk als eine Geschichte, bei der ein Fortschritt in der Umwelttechnik nicht von einem verstärkten ökologischen Bewusstsein in der Öffentlichkeit dem Unternehmen von außen aufgedrängt worden, sondern aus der Logik des Unternehmens und dem ingenieurtechnischen Denken heraus entstanden sei. Den Ausgangspunkt des Vortrags bildete die Einführung von Plastik im Automobilbau in den 1950er-Jahren. Dessen Verwendung steigerte sich seit der Ölkrise noch, da der neue Werkstoff Gewichts- und damit Effizienzvorteile bot. Damit habe sich aber zugleich die Zusammensetzung des Abfalls im Werk zu einem hohen Anteil von Kunststoffen hin verändert, so das die Abfälle nicht mehr, wie bisher, rasch auf Deponien verrotteten oder bei Bedarf in offenen Gruben verbrannt werden konnten. Als Reaktion habe Volkswagen 1958 seine erste Müllverbrennungsanlage eingerichtet, die nicht nur den Müll entsorgte, sondern, indem sie Energie für das Werk bereitstellte, zugleich dem Effizienzideal der Ingenieure entsprochen habe. Seit dem Ende der 1960er-Jahre hätten neue Luftreinhaltungsgesetze und die grundsätzliche Entscheidung des Staates zugunsten der Deponierung Volkswagen gezwungen, doch wieder zu deponieren. Erst nach einer Reihe von Konflikten sei es jedoch gelungen, geeignete Deponiemöglichkeiten für die Abfälle des Werkes zu schaffen. Seit den späten 1990er-Jahren dagegen habe sich der Kreis wieder geschlossen, da nun die staatlichen Vorschriften eine Kombination aus Recycling und Verbrennung forderten, was ebenfalls für die Abfälle von VW gälte.

Wie in der Einleitung und den Diskussionen mehrfach zum Ausdruck kam, lag das Ziel der Sektion nicht in dem "green-washing" der Industrie oder einzelner Unternehmen. Vielmehr gelang es, ein viel versprechendes und bislang vernachlässigtes Forschungsfeld zu umreißen. In der Sektion wurde deutlich, dass angesichts der Angewiesenheit auf natürliche Ressourcen und dem Stellenwert ökologischer Fragen in Politik und Öffentlichkeit die Unternehmensgeschichte heute in vielen Fällen einer umweltgeschichtlichen Erweiterung bedarf. Umgekehrt kann auch die Umweltgeschichte Unternehmen nicht länger als, starr auf ein Verhaltensmuster festgelegte, "Black Boxes" betrachten, ohne ihre Binnenperspektive, ihre vielfältigen Handlungsoptionen und Motive in den Blick zu nehmen. Ausgehend vom Thema der Sektion stellt sich in einem zweiten Schritt die Frage, ob Unternehmen - die zweifellos partikulare Interessen verfolgen, und ihre Kosten zu minimieren bemüht sind - tatsächlich eine Sonderstellung im Bezug auf Umweltfragen einnehmen oder ob sich andere gesellschaftliche Akteure in dieser Beziehung gar nicht so weit von ihnen unterscheiden. In jedem Fall besteht Anlass, Unternehmen und ihre Interaktion mit der natürlichen Umwelt verstärkt zu betrachten.

Sektionsübersicht:

Hartmut Berghoff (Washington / Göttingen) / Mathias Mutz (Georg-August-Universität Göttingen): The Missing Link? Business History and Environmental Change

Christine Meisner Rosen (Berkeley): Business Leadership and Environmental Reform in Late 19th Century U.S.

Mathias Mutz (Göttingen): Managing Resources. Water and Wood in the German Pulp and Paper Industry, 1870-1930

Tyler Priest (Houston): Who Destroyed the Marsh? The Oil Industry's Role in Transforming the Environment of the Northern Gulf of Mexico since 1945

Manfred Grieger (Wolfsburg): The Disposal of PVC and Plastic at Volkswagen AG Between Industrial Incineration and Landfilling, 1955-1980

Zitation
Tagungsbericht: HT 2008: "Nature Incorporated". Business History and Environmental Change, 30.09.2008 – 03.10.2008 Dresden, in: H-Soz-Kult, 24.10.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2295>.
Redaktion
Veröffentlicht am
24.10.2008
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