Gesellschaftsgeschichte Europas als Europäische Zeitgeschichte

Ort
Bonn
Veranstalter
Archiv für Sozialgeschichte Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn
Datum
18.09.2008 - 19.09.2008
Von
Sebastian Kalden, Philipps-Universität Marburg

Mittlerweile reicht die Europäische Union bis an russische Grenzen heran und die Lebenswirklichkeit vieler Bürger wird durch europäische Erfahrungen, wie gemeinsamer Währung oder dem Wegfall von Grenzen, geprägt. In der Geschichtswissenschaft beginnt sich die Überwindung der nationalstaatlichen Perspektive zu etablieren, die sich von einer politikgeschichtlichen Fixierung löst und über eine reine EU-Institutionengeschichte hinausgeht. Am 18. und 19. September 2008 nahm sich der Workshop „Gesellschaftsgeschichte Europas als Europäische Zeitgeschichte“ in der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn dieser Thematik für den neuesten Band des Archivs für Sozialgeschichte an und wollte Perspektiven aufzeigen, wie die Gesellschaften Europas – und damit Ost und West – in neueren Studien untersucht werden können.

Auf die immer lauter werdende Forderung in der Forschung nach einem europäischen Schwerpunkt in der Historiographie verwies ANJA KRUKE (Bonn) in ihrer Begrüßung und stellte eine neue Gesellschaftsgeschichte Europas zunächst als Gegenbegriff zur gängigen Politikgeschichte der europäischen Integration dar. Offen bleibe aber, ob man von nur einer Gesellschaftsgeschichte Europas sprechen könne oder ob divergierende Ansätze und die lange Ost-West-Teilung des Kontinents dies eher erschwerten. Mit Blick auf die Leitlinien der Tagung problematisierte Kruke die mannigfache Deutung von ‚Europäisierung‘ und ‚Transnationalisierung‘.

Den Unschärfen dieser Konzepte widmete sich die erste Sektion der Tagung unter dem Titel ‚Transnationalisierung oder Europäisierung der Politik?‘. KIRAN KLAUS PATEL (Florenz) verstand unter Europäisierung die Ausrichtung auf die Europäische Gemeinschaft im Sinne einer „gebremsten Transnationalisierung“, der eine Pfadabhängigkeit mit Fragmentierung und Binnendifferenzierung innerhalb der EG-Grenzen folgte. Patel machte das am Beispiel der Agrarintegration als größtem europäischem Einigungsprojekt deutlich, das die Bundesrepublik nur wider Willen getragen habe. Bis Mitte der 1960er-Jahre habe sie vielmehr ihre nationalen Kompetenzen auch auf Grund massiven Drucks des Deutschen Bauernverbands bewahren wollen. Die Schwäche der westdeutschen Position könne sowohl institutionengeschichtlich, mit der Vielstimmigkeit deutscher Delegationen bei Agrarverhandlungen, als auch kulturhistorisch, mit dem bis dahin mangelnden deutschen Verständnis eines supranationalen Systems, begründet werden. Letztlich sei die EG über die Europäisierung des Agrarsektors und eine Vielzahl ähnlich gerichteter Prozesse immer mehr zu einem sich selbst verstärkenden Subjekt geworden.
Die Beiträge von WOLFRAM KAISER und CHRISTIAN SALM (Portsmouth) bewegten sich von der in ihren Augen sehr staats- und politikzentrierten Europaforschung weg und nahmen die Rolle von transnationalen Parteiennetzwerken am Beispiel der iberischen Christ- bzw. Sozialdemokratie in ihren Blick. Vor dem Hintergrund der zunehmenden Demokratisierung Spaniens und Portugals hätten die Sozialistische Internationale, politische Stiftungen und Parteien aus dem Ausland als transnationale Akteure die Transitionsprozesse von Beginn an begleitet. Die Gemeinsamkeiten der parteipolitischen Netzwerke hätten in der Stärkung antikommunistischer Strömungen, in der Entwicklung parteipolitischer Programmatiken und im Beitrag zur EG-Integration gelegen. So sei der Integrationsprozess nicht nur als politisch-institutionelles, sondern auch als gesellschaftliches Phänomen im Vergleich der beiden Parteienfamilien zu sehen.

Das gesellschaftliche Moment sollte im zweiten Tagungspanel unter der Überschrift ‚Zivilgesellschaftlichen Perspektiven‘ stärker in den Blick rücken. Wie sehr allerdings der Begriff der ‚Zivilgesellschaft‘zur Beschreibung sozialer Protestbewegungen speziell in Westeuropa noch unbrauchbar erscheint, führte BENJAMIN ZIEMANN (Sheffield) anhand der Friedensbewegungen aus. Als vermeintliches Musterbeispiel für grenzüberschreitende zivilgesellschaftliche Kooperation in Europa seien die Friedensbewegungen im Kalten Krieg in Rhetorik, Form und Intensität primär durch den eigenen Nationalstaat als ‚identity space‘ und weniger durch eine Vision eines friedlichen Europas geprägt gewesen. Kollektive Identitätskonstruktionen hinter den grenzübergreifend koordinierten Aktionsformen hätten auf gemeinsamen kulturellen Werten, wie erweckliche Traditionen in den Kernländern der Friedensbewegung, und dem ‚Masterframe‘ eines Antiamerikanismus beruht. In Bezug auf mögliche Europäisierungstendenzen meinte Ziemann, die Bewegung sei zwar transnational vernetzt gewesen, sie habe sich aber wegen starker regionaler Prägungen, beispielsweise in Schottland und Württemberg, untereinander nicht europäisch angeglichen.
Indessen veranschaulichte THOMAS FETZER (London) einen parallelen Prozess von Europäisierung und Nationalisierung in der deutschen Gewerkschaftspolitik bei Ford und General Motors. Seit 1967 habe sich ‚Europa‘ in dem Maße zu einem Erfahrungsraum der Politik von den IG Metall dominierten Betriebsräten bei Ford entwickelt, wie sich Unternehmensstrukturen und -strategien durch die Bildung der Holdinggesellschaft ‚Ford of Europe‘ europäisiert hätten. Dies sei mit einer ‚Nationalisierung‘ von Wahrnehmungs- und Handlungsmustern verbunden gewesen und habe sich erst in den 1990er-Jahren geändert, als ‚Europa‘ von den Gewerkschaften auch als Handlungsraum begriffen wurde. Insgesamt zeugte Fetzers Studie von einem Euroskeptizismus deutscher Gewerkschaften und trat als Kontrast zur Europäisierung auf, die in diesem Sinne eher als Fragmentierung nationalstaatlicher Strukturen aufgefasst werden könne.
Einen Fall von realisierter Transnationalisierung konnte dagegen GUIDO THIEMEYER (Kassel) mit der seit 1856 existenten Europäischen Donaukommission vorstellen. Die transnationale Kooperation unter den Reedereien auf der Donau in Ost- und Westeuropa habe selbst im Kalten Krieg weiter bestanden, obwohl die Kommission als politisch-institutioneller Rahmen wegfiel. Gesellschaftliche Integration durch politische Institutionen habe so unabhängig von diesen zumindest in der Binnenschifffahrt eigenen Entwicklungspfaden folgen können und schon in den 1950er- und 1960er-Jahren intensive gesellschaftlich-ökonomische Kontakte zwischen West- und Osteuropa ermöglicht, ohne dass die Regierungen davon in Kenntnis gesetzt worden seien.
Im anschließenden Abendvortrag stellte THOMAS MERGEL (Berlin) ein Konzeptpapier vor, das sich den Kategorien von ‚Homogenität‘ und ‚Pluralität‘ in den Gesellschaftsentwürfen und der Gesellschaftspolitik im 20. Jahrhundert widmete. Dass die Gesellschaften im Erfahrungsraum ‚Europa‘ in Ost wie West Entwicklungen von Homogenisierung unterlagen, machte Mergel an Standardisierungsprozessen hinsichtlich Arbeit, Familie, Ethnizität und Fürsorgestrategien fest. Soziologisch nur eine Momentaufnahme, sei der homogenen Gesellschaft im weiteren Verlauf eine zunehmende Pluralität gegenübergetreten, erkennbar am Wandel von Lebensformen, Werten und standardisierten Lebensläufen. Das explizit europäische Merkmal speise sich aus der Negation zu den USA, die als Einwanderungsland keine homogene Gesellschaft postulieren konnten und das Prinzip der kollektiven Risikoannahme als Element des europäischen Sozialstaatsmodells nicht berücksichtigten.

Die Überlegungen um ‚Europa‘ und seine Spezifikationen gingen auch in die dritte Sektion über, die von ‚Konsum, Lebensstil und Mentalität‘ handelte. Beginnend mit der Frage, wie ‚Europa‘ zu fassen und wo es zu lokalisieren sei, lag nach FRANK TRENTMANN (London) die Antwort im Konsum, der weniger den Erwerb als den Ver- und Gebrauch der Dinge beschreibe und so ‚Europa‘ als Raum von diversifizierten lokalen und nationalen Konsumkulturen begreifen lasse. Dass die Konsumgesellschaft scheinbar erst in den 1950/60er-Jahren mit Phänomenen des Massenkonsums, Individualität und neuem Lebensstil ihren Anfang nahm, erschien Trentmann auf Grund bestehender Parallelen im 18. Jahrhundert in Frankreich und Britannien zweifelhaft. Die Warenwelt sei im globalen Kontext mittels großen transnationalen und imperialen Austauschs im Wechselspiel zwischen asiatischen Stimuli und europäischer Nachahmung expandiert. Im Sinne der Zivilgesellschaft stelle Konsum eine Quelle für Soziabilität und soziale Bewegungen dar und erschwere den Narrativ vom Übergang des politikbewussten, gemeinschaftsorientierten Bürgers zum selbstzentrierten, materialistischen Verbraucher, da gerade der Konsument im Verlauf des 20. Jahrhunderts in Konflikten um Zugang zu Waren und Gütern eine Figur politischer Auseinandersetzungen geworden sei.
Konsum und Lebensstil standen weiter in der Diskussion durch ein Schlaglicht auf das Leitmedium des massenmedialen Ensembles in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, dem Fernsehen. Für eine vergleichende europäische Fernsehgeschichte problematisierte ANDREAS FICKERS (Maastricht) ‚Europa‘ als analytischen Rahmen, der sich im Kontrast zum eigentlich nationalen Paradigma des Fernsehens befinde. Anhand von elf ‚Kernkonzepten‘ bezüglich Öffentlichkeit, Räumen, Institutionen, Zuschauern, Technologien, Diskursen, Normen, Ritualen, Politik, Brüchen und Ontologien soll in Fickers anstehendem Projekt ein komplexer Blick auf die variierenden dispositiven Strukturen des Mediums Fernsehen erfolgen. Bei ‚Europa‘ wie auch beim ‚Fernsehen‘ – als eine diskursive Konstruktion und nach Raymond Williams als „flow“ zu beschreiben [1] – habe man es mit Projekten zu tun, deren Bedeutungszuweisungen einem ständigen Wandel unterliegen.

Das anschließende vierte Panel spannte einen größeren Bogen und untersuchte die ‚langfristigen Entwicklungsperspektiven und kurzfristigen Konjunkturen‘. In der Gesellschaftsgeschichte Europas sticht die europäische Sozialstaatlichkeit als Nukleus eigener Identität prominent heraus. In langen Entwicklungslinien präsentierte dazu CHRISTOPH BOYER (Salzburg) Sozialstaatlichkeit als einen maßgeblichen Beitrag zur Milderung und Überwindung von kapitalistischen Krisen und Konjunkturen. Ausgehend von wechselseitig verbundenen Modernisierungsschüben aus dem späten 19. Jahrhundert über die Entwicklung von Massen-Industriegesellschaften sei sie als Reaktion auf die Intensität und Reichweite der Planung, Regulierung und Steuerung, Verrechtlichung und Verwissenschaftlichung von Gesellschaft zu verstehen. Die Entwicklung europäischer Sozialstaatlichkeit geschehe auf mehreren Pfaden, dem nord- bzw. westeuropäischen, dem südeuropäischen und auf dem ost- bzw. ostmitteleuropäischen Entwicklungspfad. Schließlich seien die Pfade nach dem Ende der Diktaturen in Osteuropa sämtlich in den demokratisch verfassten und sozialstaatlich abgefederten Industriekapitalismus ‚westlichen Typs‘ gemündet.

Eine europäische Eigenart in religiösen Fragen sah PATRICK PASTURE (Löwen) darin, gegenüber US-amerikanischen Kulturtransfers bezüglich der Religion immun zu sein. Er wandte sich der Religionsgeschichte in Westeuropa nach 1945 zu, die er nach dem Modell der ‚Cultural Theory‘ [2] als eine Zeit von Deinstitutionalisierung der christlichen Kirchen und damit als einen Niedergang religiöser Praktiken charakterisierte. Vor dem Hintergrund zunehmender religiöser Amnesie seien nicht nur die Grenzen zwischen den Konfessionen und Glaubensgemeinschaften, sondern auch die säkularen und geistlichen Grenzen verschwommen. Als Kern der Krise erschienen die 1960er-Jahre, in denen sich eine tiefe Lücke im kollektiven Gedächtnis, besonders hinsichtlich der Religion, aufgetan habe. Danach sei es nicht mehr möglich gewesen, Glaube und Tradition über die Generationen hinaus zu vermitteln. Seit dieser Zeit sei Europa faktisch dekonfessionalisiert bzw. dechristianisiert und die ehemals homogenen Gesellschaften seien mit großen regionalen Variationen in Bezug auf Religiosität und Spiritualität diversifiziert.
Dass in der Perspektive der langfristigen Entwicklungslinien seit den beginnenden 1970er-Jahren ein Umbruch stattfand, stellte die leider verhinderte FRIEDERIKE SATTLER (Potsdam) in ihrem Manuskript durch den Blick auf Wirtschaftseliten dar. Ein umfassender Wandel habe in wirtschaftlich-technischer wie auch sozial-kultureller Sicht zu veränderten Unternehmensstrategien und Organisationsstrukturen geführt, die deutlich in Struktur- und Anpassungskrisen zu Tage getreten seien. Die Formel von Gesamteuropa zeigte in der Reaktion auf jene Krisen Risse, da die westlichen Konglomerate in den Unternehmensstrukturen flexibler Antworten fanden als die starren Kombinate des Ostens. Mit der Ausbildung informeller Netzwerke als Zeichen von sozialer Differenzierung und Integrationsprozessen habe sich zudem ein Wandel der Wirtschaftseliten als soziale Gruppe vollzogen. Eine explizite Europäizität transnationaler Wirtschaftseliten verneinte Sattler, da sich jene mehr als Welt-, denn als Staatsbürger verstünden und es nur eine schwache Kohäsion der Eliten gegeben habe.
Eine Perspektive jenseits des Nationalstaats – wie zu Beginn der Tagung gefordert – lässt sich bestens an transnationalen Phänomenen selbst beobachten, wie ‚Migration, Wissen und Rassismus in Europa‘, so der Titel der fünften und letzten Tagungssektion.

Auch wenn heutzutage alle westeuropäischen Länder Einwanderungsländer sind, besitzen sie dennoch differente Vorgeschichten. So wies IMKE STURM-MARTIN (Köln) hinsichtlich der Migrationsgeschichte europäischer Länder darauf hin, dass es bis in die 1970er-Jahre hinein entscheidend gewesen sei, ob durch koloniale Herrschaftsstrukturen außereuropäische Migranten privilegiert waren oder eine europäische Binnenmigration stattfand. Die westeuropäischen Länder seien in einer Nord-Süd-Unterteilung entweder zu Herkunfts- oder zu Zielländern einer umfangreichen Arbeitskräftemigration geworden. Erst seit den frühen 1990er-Jahren habe sich mit der Bewegungsfreiheit zwischen Ost- und Westeuropa eine neue Situation ergeben. Die Phänomene des Wandels von Europa als einem Auswanderungs- zu einem Einwanderungskontinent seien durchaus vergleichbar mit außereuropäischen Gesellschaften, die eigentliche Europäisierung nach 1945 liege aber in der großen Medienrezeption und öffentlichen Auseinandersetzung über Einwanderung. Mittlerweile seien die Debatten um Minderheiten und Migration zu einer europäischen Positionsbestimmung geworden.
Dass auch besonders ‚Wissenschaft‘ in transnationale Prozesse eingebunden war, führte HELKE RAUSCH (Havard/Freiburg) am Beispiel der großen nordamerikanischen Stiftungen, der Rockefeller und Ford Foundation, vor. Auf dem Gebiet der Sozialwissenschaften habe schon vor 1945 eine transnationale Dynamik geherrscht, die nach dem Zweiten Weltkrieg durch Sozialkontakte nicht nur in der Bundesrepublik, sondern auch in Großbritannien und Frankreich in der Konzeption empiriegesättigter „social sciences“ ausgebaut worden sei. Hierbei seien während der Pluralisierung der Sozialwissenschaften in Europa strukturelle und kognitive Eigentraditionen beiderseits des Atlantiks zusammengeflossen, auch um der politischen Varianz in den drei Ländern gerecht zu werden. Rausch vermutete einen hohen Erkenntniswert in der Rekonstruktion der Netzwerke, in denen diese Transferprozesse erfolgten. Denn insgesamt seien die Förderkonstellationen und -strategien der beiden Stiftungen mit ihrem philanthropischen Moment aufgegangen, wobei zugleich die Problemlösungskompetenz europäischer Sozialwissenschaften von den Amerikanern geschätzt worden sei.

Schließlich fand ein gewinnbringender und inhaltlich spannender Workshop sein Ende in einer regen Abschlussdiskussion, in der deutlich wurde, dass weiterhin Unschärfen in Bezug auf Konzepte mit unterschiedlich nützlichem Potential wie Europäisierung, Transnationalisierung, Transfer oder Vergleich bestehen. Zudem müssen für eine umfassende historische Analyse in einer Gesellschaftsgeschichte die Rahmenbedingungen Europas, wie der Kalte Krieg oder das Europäische Projekt, stärker bedacht werden. Die Problematisierung der scheinbaren „happy history“ – auf Grund der durchweg positiven Beispiele von Europäisierung, mündete in der Erkenntnis, dass Westeuropa aus der Vogelperspektive betrachtet als eine „Insel der Seligen“ gelten kann und in der Europäisierung einen Raum gemeinschaftlicher Probleme bildete, der keiner unnötig hineininterpretierten Gewalt bedurfte. Auf der anderen Seite herrschte noch Unklarheit, welcher zeitliche Rahmen den Betrachtungen zugrunde liegen sollte, ob es sich mehr auf eine Zeitgeschichte nach 1945 beschränke oder das Ende des Zweiten Weltkriegs nur als eine Zäsur für eine politik- und ereignisgeschichtliche Perspektive zu gelten habe. Letztlich zeigte die Tagung mehrere Zugänge zu einer Gesellschaftsgeschichte Europas auf, auch wenn das Konzept der ‚Zivilgesellschaft‘ und dessen Anwendbarkeit entgegen den Titeln einiger Vorträge vernachlässigt wurde.
Es bleibt zu hoffen, dass viele der Beiträge auch später in gedruckter Form im Band 49 des Archivs für Sozialgeschichte ihren Eingang finden. Denn sie geben weiterführende und wichtige Anregungen für eine Gesellschaftsgeschichte Europas als europäische Zeitgeschichte.

Konferenzübersicht:

Anja Kruke, Bonn: Thematische Einführung

Sektion 1: Transnationalisierung oder Europäisierung der Politik?
(Moderation: Jost Dülffer, Köln)
Kiran Klaus Patel, Florenz: Integration als Transnationalisierung oder Europäisierung? Die Bundesrepublik in der Agrarintegration der EWG 1957–1973
Wolfram Kaiser/Christian Salm, Portsmouth: Transition und Europäisierung in Spanien und Portugal. Sozial- und christdemokratische Netzwerke vom Ende der Diktatur zum EG-Beitritt

Sektion 2: Zivilgesellschaftliche Perspektiven
(Moderation: Jürgen Mittag, Bochum)
Benjamin Ziemann, Sheffield: Friedensbewegungen in Europa
Thomas Fetzer, London: Transnationalisierung, Nationalisierung, oder Europäisierung? Deutsche Gewerkschaftspolitik bei Ford und General Motors (1967–2000)
Guido Thiemeyer, Kassel: Vereint zum Erfolg. Binnenschifffahrt als Modell zivilgesellschaftlicher Integration Europas

Abendvortrag
Thomas Mergel, Berlin: Homogenität und Pluralität. Gesellschaftsentwürfe und Gesellschaftspolitik im 20. Jahrhundert

Sektion 3: Konsum, Lebensstil und Mentalität
(Moderation: Anja Kruke, Bonn)
Frank Trentmann, London: Konsum und Zivilgesellschaft in Europa
Andreas Fickers, Maastricht: Europäische Medien(TV-)Geschichte im Vergleich

Sektion 4: Langfristige Entwicklungsperspektiven und kurzfristige Konjunkturen
(Moderation: Friedhelm Boll, Bonn)
Patrick Pasture, Löwen: The History of Religion in Western Europe since 1945
Christoph Boyer, Salzburg: Lange Entwicklungslinien europäischer Sozialstaatlichkeit
Friederike Sattler, Potsdam: Europäische Wirtschaftseliten

Sektion 5: Migration, Wissen und Rassismus in Europa
(Moderation: Meik Woyke, Bonn)
Imke Sturm-Martin, Köln: Annäherung in der Diversität. Europäische Gesellschaften und neue Zuwanderung seit dem Zweiten Weltkrieg
Helke Rausch, Harvard/Freiburg: Transatlantische Wissenschaftskontakte. Zu einer transatlantisch geöffneten Geschichte „Europas“

Anmerkungen:
[1] Vgl. Raymond Williams, Television. Technology and Cultural Form, London 1974.
[2] Pasture verbindet die Konzeptionen Mary Douglas’ mit denen Danièle Hervieu-Légers, vgl. Mary Douglas / Aaron Wildavsky, Risk and Culture. An Essay on the Selection of Technical and Environmental Dangers, Berkeley 1982; Danièle Hervieu-Léger, La religion pour mémoire, Paris 1993.

Zitation
Tagungsbericht: Gesellschaftsgeschichte Europas als Europäische Zeitgeschichte, 18.09.2008 – 19.09.2008 Bonn, in: H-Soz-Kult, 27.10.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2300>.