Imperium inter pares. Reflections on Imperial Identity and Interimperial Transfers in the Russian Empire (1700-1917)

Ort
Moskau
Veranstalter
Martin Aust, Aleksei Miller, Ricarda Vulpius, Deutsches Historisches Institut Moskau
Datum
08.09.2008 - 12.09.2008
Von
Ulrich Hofmeister, Wien

Wenn eine Konferenz zum Zarenreich den Titel „Imperium inter pares“ trägt, postulieren die Organisator/innen damit die Gleichwertigkeit des Zarenreichs mit den anderen europäischen Imperien, zugleich verdeutlichen sie aber auch, dass diese Gleichwertigkeit keine Selbstverständlichkeit ist. Das Ziel dieser von der Fritz Thyssen Stiftung geförderten internationalen Konferenz war es, zu untersuchen, wie der Austausch mit den anderen europäischen Großmächten die imperiale Selbstsicht der Eliten des Zarenreichs beeinflusst hat. Wie die Organisator/innen in ihrer Einführung erläuterten, bedeutet das also einen doppelten Fokus – einerseits auf den Austausch zwischen dem Zarenreich und den anderen Mächten, und andererseits auf die imperiale Identität der Eliten des Zarenreichs. Die meisten Vorträge konzentrierten sich auf das 18. und das 19. Jahrhundert, auch wenn in einigen Fällen weit über diesen Zeitraum hinaus gegangen wurde.

In der ersten Sektion wurde die (Selbst-)Darstellung des Imperiums aus verschiedenen Perspektiven untersucht. Der symbolischen Ebene widmete sich dabei DENIS SDVIZKOV (Moskau/Berlin), der in seinem Vortrag anhand der Architektur und der Stadtplanung darstellte, wie Elemente des französischen Empirestils zwischen 1805 und 1835 ins Zarenreich übertragen wurden, und welche Rolle diese Übertragungen im jeweils aktuellen ideologischen Gefüge des Zarenreichs spielten. Laut Sdvizkov musste die napoleonische Formensprache erst an die Gegebenheiten des Zarenreichs angepasst werden: Französische Vorbilder seien zwar in Bauten des Zarenreichs nachgeahmt worden, Elemente wie der Säkularismus und die Berufung auf den Volkswillen seien jedoch bewusst ausgespart worden.
Eine andere Form der Darstellung des Imperiums untersuchte STEVEN SEEGEL (Colorado), der die zentrale Rolle von Kartographen für imperiale wie auch nationale Selbstdarstellung verdeutlichte. Dabei war die Kartographie des Zarenreichs laut Seegel ein europäisierender Faktor: Die Kartographen übertrugen europäische Vorstellungen, Objekte und Techniken in das Zarenreich, das sie wiederum als europäischen Staat darstellten. Im Dienste der Autokratie propagierten sie imperiale oder russisch-nationale Geschichtsbilder, während etwa ukrainischen oder polnischen Narrativen kein Platz eingeräumt worden sei.
Den interimperialen Austausch im Bereich der Geistesgeschichte beleuchtete ALEXANDER SEMYONOV (St. Petersburg) anhand der Rezeption von John Robert Seeleys „The Expansion of England“ im Zarenreich. Dieses für den britischen Imperialismus im späten 19. Jahrhundert zentrale Werk wurde auch im Zarenreich diskutiert und teilweise widersprüchlich aufgefasst, wie Semyonov anhand von Petr Struve und Boris Nol’de belegte. Semyonov zeigte auf diese Weise, wie britische Diskussionen über die Identität des Empire im Zarenreich rezipiert und auf die eigenen Gegebenheiten bezogen worden sind.

Die zweite Sektion widmete sich dem Transfer imperialer Infrastruktur und imperialer Institutionen. ILYA VINKOVETSKY (Vancouver) zeigte, welche Rolle das Vorbild der europäischen Handelsgesellschaften bei der Gründung der Russisch-Amerikanischen Kompanie spielte, der 1799 das Monopol für den Pelzhandel mit Alaska übertragen wurde. Vor allem der Erfolg der Britischen Ostindien-Kompanie und die Britischen Hudson-Bay-Kompanie belegten aus russischer Sicht das Potential von monopolistischen Charter-Gesellschaften. Laut Vinkovetsky studierten die Betreiber der Russisch-Amerikanischen Kompanie die britischen Vorbilder, sie übernahmen jedoch dieses Modell nicht eins zu eins, sondern berücksichtigten auch die Erfahrungen aus dem russischen Sibirien-Handel.
ERIC LOHR (Washington, D.C.) lenkte in seinem Vortrag den Blick auf die westlichen Randgebiete des Zarenreichs: Er untersuchte, wie das Zarenreich auf die Massenausweisung von russischen Staatsbürgern durch das Deutsche Reich in den 1880er-Jahren reagierte: Nachdem Bismarck über 30.000 überwiegend polnische und jüdische Untertanen des Zarenreichs aus dem Deutschen Reich abschieben ließ, wurde in den westlichen Gebieten des Zarenreichs der Landerwerb durch Ausländer – vor allem durch Polen und Deutsche – stark beschränkt. Auf die Germanisierungsmaßnahmen des Deutschen Reichs reagierte das Zarenreich also, indem es die Immigration ebenfalls erschwerte. Als das Deutsche Reich etwas später eine Art Gastarbeiter-Modell einführte, um auf billige Arbeitskräfte weiterhin nicht verzichten zu müssen, wurde auch dies vom Zarenreich durch entsprechende Regelungen für Chinesen und Koreaner im Fernen Osten kopiert.
Am Beispiel des Eisenbahnbaus verdeutlichte FRITHJOF BENJAMIN SCHENK (München), welche Bedeutung die interimperiale Wahrnehmung und der transnationale Technologietransfer für die Modernisierung des Zarenreichs hatten. Nach dem Vorbild europäischer und nordamerikanischer Staaten wurde die Eisenbahn als Mittel gesehen, den imperialen Raum zu durchdringen, dennoch war die imperiale Identität für das Zarenreich in dieser Hinsicht nicht entscheidend. Als Vorbilder dienten daher nicht nur Imperien, sondern auch modernisierende Nationalstaaten.

Die Diskussion zu dieser Sektion entzündete sich vor allem an der Frage, inwiefern heutige Analysekriterien wie „Identität“ oder die Unterscheidung zwischen „Imperium“ und „Nationalstaat“ bereits für die Akteure des 18. und 19. Jahrhunderts relevant waren. Auf diese Frage kamen auch zwei Vorträge aus der fünften Sektion zurück: Martin Aust plädierte in seinem Vortrag dafür, unser heutiges Verständnis von „national“ und „imperial“ nicht auf die Sprache der Quellen zu übertragen. In der Wahrnehmung der Zeitgenossen seien Imperium und Nation nicht voneinander getrennt worden, und Hybride wie das Zarenreich seien viel häufiger als die Idealtypen eines reinen Nationalstaates oder eines reinen Imperiums. Auch Vera Tolz schloss sich in ihrem Vortrag dieser Sicht an: Im 19. Jahrhundert seinen Nation und Imperium nicht als gegensätzliche Kategorien verstanden worden, sondern Nations- und Imperiumsbildung seien teilweise als miteinander verflochtene und zusammengehörige Prozesse gesehen worden.

Die dritte Sektion, die das Thema „Integrationsmethoden“ untersuchte, wurde von ALEKSEI MILLER (Moskau/Budapest) eröffnet, der für die Etablierung einer russischen Begriffsgeschichte plädierte. Er zeigte, dass der Begriff „nacija“ im Russischen seit etwa 1800 zunehmend mit Ideen wie Freiheit, Verfassung oder Volkssouveränität in Verbindung gebracht wurde. Die Autokratie reagierte darauf, indem versucht wurde, die weitere Verbreitung des Begriffes „nacija“ einzuschränken und durch die Neubildung „narodnost‘“ zu ersetzen, die den ethnischen Aspekt von „nacija“ erfüllte, aber weniger Assoziationen zu den Ideen der französischen Revolution aufkommen ließ.
Um die Rolle des französischen Einflusses ging es auch im Vortrag von VLADIMIR BOBROVNIKOV (Moskau): Er legte dar, wie es zu den Parallelen zwischen der russischen Verwaltung im Kaukasus und der französischen Kolonialverwaltung in Algerien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam. Bobrovnikov machte dafür unterschiedliche Faktoren verantwortlich: So seien etwa die Parallelen in der Darstellung der kolonisierten Völker auf die gemeinsame Zugehörigkeit Russlands und Frankreichs zur europäischen Geisteswelt zurückzuführen; die Einbindung Einheimischer in die Kolonialverwaltung hätten beide Mächte vom jeweils vorher herrschenden Osmanischen Reich bzw. dem Iran übernommen, und schließlich habe es zwischen Frankreich und dem Zarenreich einen intensiven Austausch von Erfahrungen gegeben, der durchaus in beide Richtungen gegangen sei.
Auch MICHAIL DOLBILOV (St. Petersburg) untersuchte in seinem Vortrag die Verwaltungspraxis des Zarenreichs, jedoch mit einem ganz anderen geographischen Schwerpunkt: Sein Thema war die Konfessionspolitik in den westlichen Gebieten des Zarenreichs. Er stellte fest, dass die Konfessionalisierung der Verwaltung und die Disziplinierung der Religionsgruppen nicht so sehr gegensätzliche Prinzipien waren, sondern sich vielmehr gegenseitig ergänzten und einander bedurften. Dabei sei die Religionspolitik des Zarenreichs im 18. Jahrhundert sowohl von der Gegenreformation als auch von der aufgeklärten Politik Josephs II. beeinflusst worden, die jedoch den Gegebenheiten des Zarenreichs angepasst worden seien.
Mit der Armee stellte VLADIMIR LAPIN (St. Petersburg) eine Institution vor, die für die Symbolik und die Integration des Reiches eine zentrale Rolle spielte. Es sei dem Zarenreich jedoch nicht gelungen, den Militärdienst als ein Instrument zur Vereinheitlichung des multinationalen Imperiums einzusetzen. Außerdem betonte Lapin den niedrigen symbolischen Stellenwert, den Kriege im Kaukasus und in Zentralasien im Vergleich zu Kriegen gegen europäische Mächte hatten. Dass in der zentralen Erinnerungskultur nur der „europäischen“ Feldzüge gedacht wurde, sei ein Beleg für das europäische Selbstbewusstsein der Armee, da nur europäische Heere als gleichwertig anerkannt worden seien.
Welche Ansätze bei der Integration eines peripheren Gebietes in das Imperium wirksam werden können, stellte ANDREI CUSCO (Kishinev) anhand von Bessarabien vor: Einerseits habe es einen transformativen Zugang gegeben, der auf eine rationale Um- oder Neuformung des Raumes abzielte und vom zivilisierenden Sendungsbewusstsein der imperialen Eliten getragen wurde. Dem gegenüber sei ein eher konservierender Zugang gestanden, der einen Kompromiss mit den lokalen Eliten suchte und auf Traditionen und soziale Hierarchien mehr Rücksicht nahm. Im Falle von Bessarabien habe sich der Schwerpunkt von einer konservierenden Politik in den 1810er-Jahren auf einen eher transformierenden Ansatz in den 1820er-Jahren verlegt. Cisco wies aber darauf hin, dass diese beiden Zugänge selten vollständig voneinander getrennt zu beobachten seien und in der Regel Elemente von beiden Ansätzen wirksam seien.

In der Diskussion zu dieser Sektion wurde betont, dass der interimperiale Transfer nicht nur auf eine Einbahnstraße von Westen nach Osten reduziert werden könne, sondern dass auch die Rolle des Zarenreichs und des Osmanischen Reichs als Impulsgeber für die anderen Großmächte berücksichtigt werden müsse.

Zu Beginn der vierten Sektion (Zivilisierungsmission und Kolonialismus) argumentierte RICARDA VULPIUS (München/Berlin), dass die Regierungszeit Peters I. der entscheidende Wendepunkt bei der Etablierung von imperialen Kategorien in der Selbstsicht der russischen Elite gewesen sei. Seit Beginn des 18. Jahrhunderts sei unter der russischen Elite ein Überlegenheitsgefühl gegenüber der nicht-russischen Bevölkerung des Zarenreichs entstanden, und unter westeuropäischem Einfluss habe sich die Überzeugung verbreitet, zur Transformation dieser Gesellschaften verpflichtet zu sein. Doch bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts habe sich diese Entwicklung vom Westen abgekoppelt, so dass die russische Zivilisierungsmission eine eigenständige, von westlichen Einflüssen unabhängige Form angenommen habe.
Ausgehend von der Beobachtung, dass die asiatischen Gebiete des Zarenreichs nie offiziell als Kolonie bezeichnet wurden, präsentierten ANATOLIJ REMENEV (Omsk) und WILLARD SUNDERLAND (Cincinnati) zwei unterschiedliche, aber einander ergänzende Einschätzungen: Remenev legte in seinem Vortrag dar, dass im Zarenreich zwar immer ein Gefühl für den Unterschied zwischen Sibirien und dem europäischen Kernland vorhanden war, und dass es aus praktischen Gründen auch Unterschiede in der Verwaltung gab, dass aber aus Angst vor möglichen separatistischen Bestrebungen ganz bewusst keine formale Unterscheidung zwischen Metropole und Kolonie getroffen wurde, und kein eigenes Kolonialministerium geschaffen wurde. Dies sei signifikant für den Unterschied in der Herrschaftspraxis zwischen dem Zarenreich und den westlichen Kolonialmächten.
Sunderland konzentrierte sich hingegen auf die gegenläufigen Tendenzen: Es habe in der Verwaltung der asiatischen Gebiete große Ähnlichkeiten zu den Kolonialverwaltungen der westlichen Mächte gegeben, und bis zu Beginn des ersten Weltkrieges habe es auch starke Tendenzen gegeben, aus bestehenden Institutionen im Zarenreich ein eigenes Kolonialministerium zu schaffen. Die Tatsache, dass dieses Ministerium schließlich nicht geschaffen worden sei, dürfe laut Sunderland nicht dazu verleiten, die durchaus vorhandenen Bestrebungen zu einer „Kolonialisierung“ der Verwaltung zu übersehen oder zu ignorieren. Wie auch in der Diskussion zu dieser Sektion betont wurde, dürfte die Beharrungskraft des autokratischen Systems eine Reform der Verwaltung behindert haben.

Die fünfte Sektion schließlich wurde von MARTIN AUST (Kiel) eröffnet, der untersuchte, welchen Einfluss das russische Verhältnis zu Großbritannien auf die imperiale Selbstwahrnehmung im Zarenreich hatte. Die in den britischen Medien vorherrschende Sicht des Zarenreichs als aggressive und expandierende Macht sei im Zarenreich selbst nur wenig verbreitet gewesen: Das Zarenreich habe sich weniger als Eroberer inszeniert, sondern eher als friedliebende Großmacht, deren defensives Verhalten als Gegensatz zum vorgeblich brutalen Vorgehen der Briten stünde. Andere Stimmen im Zarenreich wiederum befürworteten laut Aust ein gemeinsames Vorgehen von Russland und Großbritannien bei der Zivilisierung Asiens.
VERA TOLZ (Manchester) verglich in ihrem Vortrag die Vorstellungen, die russische Orientalisten vom Imperium hatten, mit denen ihrer Kollegen in westeuropäischen Kolonialreichen. Laut Tolz waren die Orientalisten des Zarenreichs um die Wende zum 20. Jahrhundert voll in einen paneuropäischen wissenschaftlichen Diskurs eingebunden, und ihre Vorstellungen über die imperialen Eigenschaften des Zarenreichs unterschieden sich laut Tolz nicht wesentlich von den Vorstellungen, die etwa britische Orientalisten zur gleichen Zeit vom British Empire hatten. Selbst eurasische Ideen, die das mongolische Erbe des Zarenreichs betonten, seien Teil einer gesamteuropäischen Besinnung auf die außereuropäischen Wurzeln des Abendlandes gewesen.
Im letzten Vortrag der Konferenz lenkte JANE BURBANK (New York) den Blick auf die Zeit vor und nach dem „imperialen“ Abschnitt der russischen Geschichte. Burbank argumentierte, dass Russland um 1700 bereits ein voll formiertes Imperium war, das sich auf Traditionen der Kiewer Rus, des Mongolenreichs und von Byzanz stützte. Zu diesen Traditionen, die von Moskau erfolgreich in eine neue Ideologie synthetisiert wurden, gehörten laut Burbank die personifizierte Herrschaft, die staatliche Verfügung über die Ressourcen sowie die Inkorporation von fremden Eliten. Diese Elemente seien Konstanten der russischen Staatlichkeit bis in die postsowjetische Zeit hinein.

Vor allem an der Frage, wie sehr diese Elemente tatsächlich auf das mongolische oder byzantinische Erbe zurückgeführt werden können, und ob dieser diachrone Transfer konkret belegt werden könne, entzündete sich die Diskussion zu diesem Vortrag. So verwies Miller darauf, dass auch andere Imperien ähnliche Herrschaftsstrategien angewendet hätten, ohne dass dies dem mongolischen Einfluss zugeschrieben würde.

Anstelle einer abschließenden Diskussion wurden in einer Schlussrunde Fragestellungen und Themen gesammelt, die zukünftige Forschungsperspektiven bestimmen könnten. Miller lenkte in seiner Moderation die Beiträge vor allem zu Fragen, die den konkreten Ablauf von interimperialen Transfers betreffen: So wurde deutlich, dass etwa bei den Agenten und den Institutionen, über die der Transfer abgewickelt wurde, noch Forschungsbedarf besteht.
Insgesamt wurde der zweite Fokus der Konferenz – die imperiale Selbstsicht des Zarenreichs – in den Vorträgen weniger berücksichtigt als der Aspekt des Transfers, wie auch Aust in seinem Fazit feststellte. Dennoch ist in den einzelnen Diskussionen und Vorträgen deutlich geworden, dass die Vorstellung von Nation und Imperium als gegensätzliche Kategorien ein heutiges Analyseinstrument ist, das nicht auf die Quellen übertragen werden kann.

Ein weiteres Motiv, das in mehreren Vorträgen zur Sprache kam, ist die Kritik am Verständnis von „Transfer“ als Übertragung in nur eine Richtung. Mehrere Vortragende verwendeten daher den Begriff „Austausch“ und betonten so, dass die westlichen Großmächte auch Erfahrungen des Zarenreichs berücksichtigten.
Dennoch konzentrierten sich die meisten Vorträge darauf, wie Vorstellungen und Konzepte, die im Westen entstanden sind, in das Zarenreich übertragen worden sind. Dabei wurde deutlich, dass diese Konzepte in der Regel nicht eins zu eins übernommen wurden, sondern erst an die besonderen Gegebenheiten des Zarenreichs angepasst werden mussten. Dabei dürfte diese Besonderheit des Zarenreichs aber nicht direkt in seiner Verwandtschaft zu Asien oder in seiner mangelnden europäischen Identität bestehen: Wie in fast allen Vorträgen deutlich wurde, waren die russischen Eliten Teil einer gemeinsamen europäischen Elite, mit der sie Strategien und Denkmuster teilten.
Die Besonderheit des Zarenreichs wurde von den meisten Vortragenden vielmehr darin gesehen, dass das Zarenreich ein Kontinentalimperium war, in dem die Unterscheidung zwischen Peripherie und Zentrum naturgemäß weniger deutlich zu ziehen ist, als in den maritimen Kolonialreichen. Die zweite Besonderheit des Zarenreichs, die in den Vorträgen immer wieder zur Sprache kam, war die Autokratie, die es erforderlich machte, beim Transfer Konzepte wie Volkssouveränität oder Demokratie zu unterdrücken. In Hinsicht auf diese beiden Besonderheiten des Zarenreichs ist es schade, dass das Habsburgerreich in der Konferenz lediglich am Rande angesprochen wurde. Doch der Vergleich mit dem British Empire oder dem französischen Kolonialreich, der von den meisten Vortragenden gewählt worden ist, scheint trotz der Besonderheiten des Zarenreichs die These vom „imperium inter pares“ zu bestätigen.
Die Konferenzsprachen waren Russisch und Englisch, eine Publikation der Beiträge in beiden Sprachen ist geplant.

Konferenzübersicht:

Imperium inter pares
Reflections on Imperial Identity and Interimperial Transfers in the Russian Empire (1700-1917)

Opening Address: Bernd Bonwetsch (Moscow)
Introduction: Martin Aust (Kiel), Aleksei Miller (Moscow/Budapest), Ricarda Vulpius (Munich/Berlin)

Section 1: Imperial Representation (Chair: Aleksei Miller, Moscow/Budapest)
Denis Zdvizhkov (Moscow/Berlin): Imperiia v Napoleonovskom Nariade. Vospriatie Francuzskogo Neoklassicizma v Rossiiskoi Imperii
Steven Seegel (Colorado): Mental Maps of the Empire: Russia's Europeanizing Cartography, 1863-1917
Alexander Semyonov (St. Petersburg): Mirrors of Imperial Imagination: Entangled Histories of Ideological Construction of Empire in Britain and Russia
Discussant: Richard Wortman (New York)

Section 2: Infrastructure and Imperial Agents (Chair: Martin Aust, Kiel)
Ilia Vinkovetskii (Vancouver): European Colonial Trade Companies as a Model for Imperial Agents in the Russian Empire
Eric Lohr (Washington, D.C.): Copied from Germany? Late Imperial Russian Citizenship, Immigration, and Naturalization Policies
Benjamin F. Schenk (Munich): Imperial Inter-Rail: The Impact of Trans-National Perception and Competition on Railroad Politics in Tsarist Russia
Discussant: Aleksandr Kamenskii (Moscow)

Section 3: Integration and Methods of Integration (Chair: Ricarda Vulpius, Munich/Berlin)
Aleksei Miller (Moscow/Budapest): Transfer Koncepcii Nacii i Rossiiskaia Imperiia
Vladimir Bobrovnikov (Moscow): Russkii Kavkaz i Francuzskii Alzhir: Sluchainoe Skhodstvo ili Obmen Opytom Kolonial'nogo Stroitel'stva?
Michail Dolbilov (St. Petersburg): Evropeiskie obrazcy integracii – usvoennye i otvergnutye: Rossiiskoe gosudarstvo i nepravoslavnye konfessii v Zapadnom Krae imperii
Vladimir Lapin (St. Petersburg): Armiia Mnogonacional'noi Imperii – Problemy Integracii
Andrei Cusco (Kishinev): Constructing Bessarabia: Imperial and National Models of Province-Building
Discussant: Andreas Kappeler (Vienna)

Section 4: Civilizing Mission and Colonialism (Chair: Martin Aust, Kiel)
Ricarda Vulpius (Munich/Berlin): The Westernization of Russia and the Formation of a Russian Civilizing Mission in the 18th Century
Anatolii Remnev (Omsk): Rossiiskaia Vlast' v Sibiri i na Dal'nem Vostoke. Kolonializm bez Ministerstva Kolonii – Russkii "Sonderweg"?
Willard Sunderland (Cincinnati): The Ministry of Asiatic Russia: The Colonial Ministry That Never Was But Might Have Been
Discussant: Mikhail Dolbilov (St. Petersburg)

Section 5: International History (Chair: Bernd Bonwetsch, Moscow)
Martin Aust (Kiel): Russia and Great Britain: Foreign Policies and Visions of Empire from the Crimean War to the First World War
Vera Tolz (Manchester): Russian Orientalists and the Transnatiоnal Discourses of Empire at the Turn of the Twentieth Century
Jane Burbank (New York): Russia's Imperial Pathways: Transfer or Transformation
Discussant: Aleksei Miller

Section 6: Imperial History (Chair: Aleksei Miller, Budapest/Moscow)
Final Discussion: Entangling the Histories of the Romanov Empire and of other Empires: Final Notes on Future Potentials of this Field of Research in a Global Perspective

Zitation
Tagungsbericht: Imperium inter pares. Reflections on Imperial Identity and Interimperial Transfers in the Russian Empire (1700-1917), 08.09.2008 – 12.09.2008 Moskau, in: H-Soz-Kult, 28.10.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2301>.