HT 2008: Reisen für Alle? Tourismus in den USA und Deutschland im 20. Jahrhundert

Ort
Dresden
Veranstalter
Heike Bungert, Westfälische Wilhelms-Universität Münster; Anke Ortlepp, German Historical Institute, Washington; Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD)
Datum
30.09.2008 - 03.10.2008
Von
Maren Möhring, Universität Zürich/Universität zu Köln

Die von Heike Bungert und Anke Ortlepp geleitete Sektion „Reisen für alle? Tourismus in den USA und Deutschland im 20. Jahrhundert“ befasste sich historisch komparativ und im Ländervergleich mit der Frage, inwiefern sich die Durchsetzung des Massentourismus als Demokratisierung des Reisens und/oder als Prozess verstehen lässt, der neue Formen der Distinktion und Ungleichheit hervorbrachte. Wie Bungert in ihrer Einleitung herausstellte, ging es dem Panel zum einen um die Zusammenführung der US-amerikanischen und der – gerade in der Geschichtswissenschaft – noch immer marginalen deutschen Tourismusforschung. Zum anderen plädierte Bungert für die Verknüpfung wirtschafts-, sozial- und kulturhistorischer Ansätze, um die historische Entwicklung und Bedeutung des weltweit größten Wirtschaftszweiges umfassend in den Blick nehmen zu können.

Die präsentierten Fallstudien zum deutschen Bädertourismus, dem heritage tourism im US-amerikanischen Süden, der Flugreise in den USA und dem Pauschaltourismus in der Bundesrepublik fokussierten jeweils ganz unterschiedliche Aspekte des Reisens, nämlich das Reiseziel, das Reisemittel oder spezifische (Angebots-)Formen des Reisens. Eine Vergleichsbasis wurde vor allem darüber hergestellt, dass sich die Beiträge, wenn auch in unterschiedlichem Maße und unterschiedlicher Gewichtung, mit den Kategorien „Klasse“, „Geschlecht“ und „Ethnizität“ und damit den zentralen Achsen sozialer Ungleichheit auseinandersetzten.

WIEBKE KOLBE (Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg) stellte in einem konzisen Überblick über „Gleichheiten und Ungleichheiten am Strand. Deutsche Seebäder und ihre Gäste vom Kaiserreich bis zum Zweiten Weltkrieg“ die quantitative und qualitative Entwicklung des deutschen Bädertourismus dar und zeigte, dass der Anstieg des Reiseaufkommens in diesem Zeitraum weitgehend auf bürgerliche Schichten begrenzt blieb und zu einem Prozess zunehmender Ausdifferenzierung zwischen den Badeorten sowie innerhalb der einzelnen Bäder führte, die insgesamt an Exklusivität verloren. Die Rolle des „Kraft durch Freude“-Tourismus für den Übergang zum Massentourismus schätzte Kolbe eher gering ein, thematisierte aber die (oftmals ablehnende) Reaktion der Seebäder angesichts dieser neuen Urlaubergruppe. Drastische Formen der Ausgrenzung, die sich bereits lange vor 1933 ausgebildet hatten, beschränkten sich auf jüdische Gäste, die – wie bereits Frank Bajohr gezeigt hat – in vielen Bädern „unerwünscht“ waren. Im Hinblick auf die Ungleichheit der Geschlechter konnte Kolbe demonstrieren, dass der sich am Ende des 19. Jahrhunderts durchsetzende Familienurlaub für Frauen, die nicht der Oberschicht angehörten und ohne Personal reisten, bedeutete, dass Hausarbeit und Kinderbetreuung auch die Ferienreise strukturierten, die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung also im Urlaub perpetuiert wurde. Eine Egalisierung vollzog sich laut Kolbe hingegen in der Angleichung der männlichen und weiblichen Badebekleidung in den 1920er-Jahren. Die Frage, ob die ähnliche Badebekleidung tatsächlich als Angleichung der Geschlechter verstanden werden kann oder nicht vielmehr als Verlagerung geschlechtsspezifischer Normen von der Kleidung auf den Körper (und damit vielleicht sogar als verschärfte Ausrichtung an weiblichen und männlichen Schönheitsnormen) gelesen werden müsste, blieb offen.

Der Geograph STEVEN HOELSCHER (University of Texas Austin) wandte sich in seinem Vortrag über „Tourismus und Rassismus im amerikanischen Süden. Ungleichheiten in schwarz und weiß“ der Seite der Tourismusanbieter bzw. -anbieterinnen zu und fragte nach den (ungleichen) Bedingungen und Effekten der Produktion touristischer Landschaften. Am Beispiel des Ortes Natchez, Mississippi, ging Hoelscher der Erfindung und Vermarktung einer spezifischen (weißen) Südstaatenvergangenheit nach, die er als „white pillar past“ charakterisierte – und damit auf die Bedeutung der (Herrschafts-)Architektur für touristische Landschaften verwies. Es waren vor allem weiße Oberschichtfrauen, die mit Führungen durch ihre Häuser den heritage tourism zu einer überaus lukrativen Einnahmequelle machten. Ihre um Familiengenealogien, Architekturstil und Mobiliar kreisenden Erzählungen sind spätestens seit der Bürgerrechtsbewegung massiv in die Kritik geraten und haben in den letzten Jahren zu Gegenerzählungen und der Etablierung anderer Erinnerungsorte geführt, die der einseitigen „white pillar past“ die Geschichte der Sklaverei entgegenstellen. Während Hoelscher überzeugend die Verwobenheit von Narration und Raum (nicht nur) im heritage tourism herausstellte, blieb die Frage der Wirkungsmacht der gegensätzlichen Erzählungen und vor allem auch ihres Verhältnisses zueinander weitgehend offen. Modelle der Koexistenz, der Überlagerung und Verdrängung, die auch für entsprechende Einschreibungen an anderen (touristischen) Orten von Interesse gewesen wären, wurden nicht erörtert.

ANKE ORTLEPP (German Historical Institute Washington) betonte in ihrem Vortrag über „Demokratie mit Flügeln? Reisen mit dem Flugzeug im Amerika der Nachkriegszeit“ den Mobilitätsschub, den das Flugzeug zweifellos für einen immer größeren Teil der Bevölkerung bedeutete; eine Demokratisierung des Fliegens sah sie allerdings erst ab den 1970er-Jahren gegeben. Prägnant thematisierte Ortlepp die Frage schichtspezifischer Ungleichheit anhand der 1948 eingeführten Kabinenklassen. Die Aufteilung der Flugzeugkabine in verschiedene Tarif- und Servicebereiche diente dabei vornehmlich der Ausweitung des Kundenkreises. Mittels speziell auf Frauen und Afroamerikaner/innen abzielenden Werbemitteln suchten die Fluggesellschaften über die Gruppe weißer Geschäftsmänner hinaus, neue Kundenkreise zu erschließen. Dabei waren afroamerikanische Reisende zwar nicht im Flugzeug, aber auf den Flughäfen im Süden der USA mit segregierten Bodeneinrichtungen konfrontiert, die zum Teil erst als Reaktion auf die Zunahme afroamerikanischer Reisender eingeführt wurden. Auch wenn sich das Flugzeug seit den 1960er-Jahren von einem elitären zu einem Massentransportmittel wandelte, so nahmen die Binnendifferenzierungen zu und auch die Nutzungsmuster unterschieden sich weiterhin je nach Geschlecht, sozialer Schicht oder ethnischer Herkunft.

Auf diese Trias struktureller Ungleichheiten ging CHRISTOPHER KOPPER (Universität Bielefeld) in seinem Vortrag „Die Reise als Ware. Überlegungen zu einer Geschichte der Pauschalreise im Nachkriegsdeutschland“ weniger ein. Sein Fokus lag vielmehr auf der Frage, warum sich die Pauschalreise in den 1950er- und 1960er-Jahren auf dem Tourismusmarkt durchsetzen konnte, wobei auch er die Bedeutung des KdF-Tourismus als Vorreiter des Massentourismus eher gering einschätzte. Stärker als bei den anderen Beiträgen kamen bei Kopper ökonomische Aspekte zur Sprache, wie etwa die niedrigeren Transaktionskosten bei einer Pauschalreise, die gemeinsam mit soziokulturellen Faktoren – wie dem Wegfall der (potentiell kritischen) Musterung alleinreisender Frauen oder unverheirateter Paare bei der Zimmerbuchung – die Attraktivität der Pauschalreise ausmachten. Ferner wies Kopper auf das dieser Reiseform inhärente Versprechen hin, Konsum für alle zu ermöglichen, was er am Beispiel Neckermann ausführte.

Den Vorträgen schlossen sich Kommentare von HARTMUT BERGHOFF (German Historical Institute Washington/Universität Göttingen) und von HASSO SPODE (Freie Universität Berlin) an, die in die (leider nur kurze) Abschlussdiskussion überleiteten. Berghoff fragte nach, ob die KdF-Reisen nicht doch eine nicht zu unterschätzende Rolle für die Durchsetzung des Massentourismus gespielt hätten – und sei es nur in Form eines virtuellen Konsums, der Urlaub für alle als Nahziel erscheinen ließ. In diesem Zusammenhang problematisierte er auch den Begriff der Masse, der in den Überlegungen zum Massentourismus weitgehend unhinterfragt geblieben war. In der Abschlussdiskussion schlug TILL MANNING (Universität Göttingen) vor, „Masse“ weniger quantitativ als vielmehr auf der Basis zeitgenössischer Wahrnehmung zu definieren, die ja erst den Wunsch nach Distinktion geweckt habe.

Weiterhin kritisierten sowohl Berghoff als auch Spode den moralischen Impetus, der ihrer Ansicht nach dem Vortrag von Hoelscher zugrunde gelegen hatte, und betonten, dass die Tourismusbranche keine historische Aufklärungsagentur sei, sondern eine bestimmte Nachfrage bediene. Wenn dieser Einwand auch richtig sein mag, so scheinen die von Hoelscher herausgestellten konkurrierenden Ansprüche auf einen bestimmten (touristischen) Ort und die in diesen eingelagerten widerstreitenden Erinnerungen dennoch als ein viel versprechender Weg, um die produktionsästhetische Seite touristischer Ensembles (nicht nur im heritage tourism) stärker zu berücksichtigen, zudem einer homogenisierenden Lesart touristischer Orte vorzubeugen und insgesamt die Dimension des Raumes in der Tourismusforschung weit mehr und in systematischer Weise zu beachten. Denn seien es die bis zum Ersten Weltkrieg räumlich getrennten Frauen- und Männerbäder an der Ostsee, die segregierten Flughafeneinrichtungen im Süden der USA oder die vorne im Flugzeug befindliche Erste Klasse – in allen präsentierten Fallstudien zeigte sich, dass sich soziale Ungleichheiten wie auch der Kampf gegen diese immer auch räumlich niederschlagen. In diesem Zusammenhang erwies sich auch die bisweilen vollzogene körperhistorische Perspektivierung als interessant, welche die Tourismusforschung produktiv erweitern und auch die erfahrungsgeschichtliche Dimension stärken könnte. Das von Ortlepp thematisierte beengte Sitzen in der Touristenklasse und die unterschiedliche Verpflegung an Bord wie auch die von Kolbe für die 1920er-Jahre herausgestellte Angleichung der Badebekleidung von Männern und Frauen deuteten Möglichkeiten für einen solchen körperhistorischen Zugang an, der es erlauben würde, die Analyse von sozialen (Un)Gleichheiten und Distinktionsversuchen durch die Untersuchung beispielsweise unterschiedlicher Habitusformen zu verdichten.

Der Ländervergleich blieb in der Sektion insofern fragmentarisch, als die behandelten Themen und Zeiträume für einen konzisen Vergleich zu disparat waren. Dennoch fiel auf, dass die Beiträge – und dies spiegelt selbstverständlich die in den USA und der Bundesrepublik unterschiedlichen Forschungsschwerpunkte (nicht nur) in der Tourismusgeschichte wider – zur US-amerikanischen Geschichte die Kategorie race bzw. Ethnizität weit ausgiebiger behandelten, während die Vorträge zum Tourismus in Deutschland klassen- und schichtspezifische Unterschiede besonders hervorhoben. Auch wenn die Kopplung bzw. Überlagerung dieser Strukturkategorien bisweilen angerissen wurde, sind hier noch zahlreiche Forschungsdesiderata zu konstatieren. Für den deutschen Kontext wäre die Frage nach ethnisch oder religiös differenzierten touristischen Konsummustern nicht nur auf Juden und Jüdinnen zu beziehen, wie Kolbe dies überzeugend getan hat, sondern auch auf andere ‚Minderheiten’ auszuweiten. Ortlepp etwa ging kurz auf die von einigen US-amerikanischen Airlines extra für puertoricanische Migrant/innen eingeführten preiswerten Reisen ins Herkunftsland ein und verwies damit auf die Überlappung von race und class. Angesichts dieser wenig erforschten Dimensionen der Tourismusgeschichte wäre nicht nur die Frage nach dem Verhältnis von Individual- und Massentourismus zu behandeln, sondern auch nach dem Zusammenhang von Massentourismus und Massenmigration zu fragen, um auf diese Weise die beiden zentralen Mobilitätsformen des 20. Jahrhunderts auf ihre Gemeinsamkeiten, Unterschiede und vor allem auch Wechselwirkungen hin zu untersuchen.

Sektionsübersicht:

Heike Bungert (Münster) / Anke Ortlepp (Washington): Einführung

Wiebke Kolbe (Bielefeld): Gleichheiten und Ungleichheiten am Strand: Deutsche Seebäder und ihre Gäste im frühen 20. Jahrhundert

Steven Hoelscher (Austin): Tourism Inequality in White and Black: Landscapes of Race in the American South

Anke Ortlepp (Washington): Demokratie mit Flügeln? Reisen mit dem Flugzeug im Amerika der Nachkriegszeit

Christopher Kopper (Bielefeld): Die Entwicklung der Pauschalreise zum Massenkonsumgut und die soziale Demokratisierung des Reisens nach 1945

Hartmut Berghoff (Göttingen, Washington) / Hasso Spode (Berlin): Kommentare

Zitation
Tagungsbericht: HT 2008: Reisen für Alle? Tourismus in den USA und Deutschland im 20. Jahrhundert, 30.09.2008 – 03.10.2008 Dresden, in: H-Soz-Kult, 24.10.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2303>.