Die Natur ist überall bey uns – Mensch und Natur in der Frühen Neuzeit

Ort
Augst (bei Basel)
Veranstalter
Sophie Ruppel, Universität Basel; Aline Steinbrecher, Universität Zürich
Datum
28.08.2008 - 30.08.2008
Von
Tina Asmussen, Historisches Seminar, Universität Luzern

Das vielgestaltige Verhältnis des frühneuzeitlichen Menschen zur Natur sowie seine Naturvorstellungen und –wahrnehmungen waren die Ausgangspunkte für die Tagung „Mensch und Natur in der Frühen Neuzeit“, zu der die Veranstalterinnen Sophie Ruppel (Basel) und Aline Steinbrecher (Zürich) nach Castelen einluden. Zwei thematische Bereiche standen im Fokus der interdisziplinären Veranstaltung: zum einen die alltägliche, den Menschen umgebende Natur - das Spektrum reichte hier von mannigfaltigen Mensch-Tierbeziehungen bis hin zum Umgang des Menschen mit Pflanzen und Gewässern - zum anderen die außergewöhnliche Natur. Unter letzterem wurden die vielfältigen Beziehungen zwischen Natur, Mensch und Gott subsumiert, dabei wurde der Blick vermehrt auf die Geschichte von Wissen und Wissenschaft gerichtet.

PAUL MÜNCH (Essen) leitete die Tagung mit dem Abendvortrag „Über Menschen und andere Tiere“ ein. Er betrachtete die Geschichte der Beziehung des Menschen zum Tier von der Antike bis ins 19. Jahrhundert und kontextualisierte dieses Verhältnis mit Positionen aus Theologie, Philosophie und Wissenschaft. Deutlich wurde dabei, dass sich stets „tierfreundliche“ und „tierfeindliche“ Positionen gegenüber standen, die immer auch eigens der Historisierung und Kontextualisierung bedürfen. Diese überblickende Betrachtung der Beziehung des Menschen zu den Tieren spezifizierte ALINE STEINBRECHER (Zürich) mit ihrer historischen Analyse der Mensch-Hund Beziehung. Laut Steinbrecher lässt sich im städtischen beziehungsweise bürgerlichen Umfeld von 1650 bis 1800 in Bild- und Textquellen eine gesteigerte Thematisierung des Hundes als Haustier feststellen. Hunde galten in der Frühen Neuzeit als Statussymbole und wichtige Sozialisationspartner für die Erziehung von Kindern. In der bürgerlichen Hundehaltung ist vor allem auch ein Trend zur Individualisierung des Haustiers zu beobachten. Dies lässt sich besonders anhand von Vermisstenanzeigen beobachten, in welchen die Besitzer ihren gesuchten Hund detailreich beschrieben und neben der Grösse, Farbe und Statur auch das Halsband als besonderes Merkmal erwähnten. Steinbrecher sieht in der Faszination des frühneuzeitlichen Bürgers für den Hund aber auch eine eigentümliche Stellvertreter- oder Vermittlerfunktion, die den Hund zum Naturersatz für den Menschen werden liess. Inwieweit der Hund aber selbst noch als Natur wahrgenommen wurde, bleibt noch zu untersuchen.

CARSTEN STÜHRING (Göttingen) lenkte mit seinem Beitrag den Blick auf den Umgang mit Rinderseuchen in der tiermedizinischen Praxis im 18. Jahrhundert. Stühring präsentierte anhand von exemplarisch ausgewählten Seuchenschriften aus dem Kurfürstentum Bayern tiermedizinische Denkweisen und Praktiken zur Eindämmung sowie Bekämpfung von Rinderseuchen. Diese Seuchenverordnungen griffen auf vielfältige Weise in den bäuerlichen Alltag ein und kollidierten nicht selten mit den lokal bereits vorhandenen Seuchenprophylaxen oder Behandlungsmethoden. Stühring zeigte, dass der tiermedizinische sowie der humanmedizinische Seuchendiskurs übertragbar sind und im medizinischen Diskurs des 18. Jahrhunderts die cartesianische Grenze zwischen Mensch und Tier verwischt. Vom medizinisch wissenschaftlichen Blick in die Natur wurde der Fokus durch den Beitrag von SEBASTIAN BOTT (Zürich) auf die nationale, politische sowie ökonomische Ebene gerichtet. Am Beispiel des Verhältnisses des Bartgeiers zur Geschichte der Schweiz zeigte BOTT wie dieser Vogel vom helvetischen Repräsenationstier im Laufe des 18. Jahrhunderts seinen Weg von den Bergen in die Museen und Kabinette fand. Im Zuge der wissenschaftlichen Durchdringung des Alpenraumes durch Scheuchzer, Wagner und Haller sowie deren ornithologische Projekte erfuhr der Bartgeier eine Disziplinierung und wurde zum wissenschaftlichen Objekt modelliert. Eine erneute Deutungsverschiebung ereignete sich im 19. Jahrhundert im Zuge des Historismus und der Erfindung des schweizerischen Nationalstaates. Der mittlerweile fast ausgerottete Vogel erhielt eine neue mythologische Aufladung und vermochte aufgrund seiner Seltenheit die neuen öffentlichen Museen der Schweiz zu füllen. Von den politischen Vögeln zur Geschichte eines Flusses als sozio-naturalem Schauplatz führte das Referat des Umwelthistorikers MARTIN SCHMID (Wien). Am Beispiel der Donau zeigte Schmid das äußerst dynamische Verhältnis von Gesellschaft und Natur auf. Schmid thematisierte wie Menschen die Flusslandschaft verändern und welche Rückwirkungen diese Veränderungen auf die menschlichen Lebensumstände haben. Er plädierte im sozial- und kulturwissenschaftlichen Umgang mit der Natur für einen analytischen Naturbegriff, da Natur niemals in ihrer Ganzheit sondern immer nur in exemplarischen und vergleichenden Einzelstudien analysiert werden könne.

In den Beiträgen von HEIKE DÜSELDER (Osnabrück) und SOPHIE RUPPEL (Basel) wurde der Blick auf die Pflanzenwelt gerichtet. Düselders Untersuchung über das Verhältnis von Adeligkeit und barocker Gartengestaltung im norddeutschen Raum betonte vor allem die ästhetisch kulturellen Aspekte der adeligen Gartengestaltung, die sowohl als Repräsentationsanlagen als auch als eine Form der Naturaneignung zu verstehen sind. Doch die Geschichte der adeligen Gartenkultur unterlag in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einem Wandel hin zur Öffnung dieses exklusiven Repräsentationsraumes für Bürgerliche, mit dem auch ein Transfer von Wissen verbunden war. Düselder machte deutlich, dass dieser Wandel intensiv mit dem wahrnehmungsästhetischen Blick in die Natur verknüpft sei, welcher die Natur von einem Repräsentationsraum zu einem emotionalen Erlebnisraum transformierte. Beim Bürgertum und dessen Pflanzenwissen schloss der Beitrag von Ruppel an. Die Kultivierung von Zimmerpflanzen im bürgerlichen Kontext bildete den Ausgangpunkt von Ruppels Überlegungen. Besonders in der Zeitspanne von 1700 bis 1830 lassen sich ein verstärkter Diskurs über das Sammeln, Beschreiben und Klassifizieren von Pflanzen im Bürgertum beobachten. Dies manifestiert sich erstens in einer Popularisierung der Botanik beim Laienpublikum, zweitens in der Domestizierung von Pflanzen — was die Pflanze durch ihre Verlagerung ins Innere zu einem primären Beschäftigungsfeld der Frau werden liess — sowie drittens in der grossen Bedeutung von Pflanzen im physikotheologischen Diskurs.

Die Verbindung von Natur, Wissen und Gottesbeweis in den physikotheologischen Schriften leitete zum zweiten Themenblock über. Dieser wurde von KASPAR VON GREYERZ (Basel) mit einem Überblick über das vielschichtige Verhältnis von Religion und Natur in der Frühen Neuzeit eingeleitet. Dabei prononcierte er vor allem die physikotheologischen Strömungen mit ihrer Verknüpfung von Wissenschaft und Gottesbeweis. Gleichzeitig verband er seine Ausführungen mit einer kritischen Sicht auf die protestantisch geprägte Wissenschaftshistoriographie und belegte, dass Wissenschaft und Religion in der Frühen Neuzeit keinesfalls kollidierende Dimensionen darstellten. Vor allem könne und dürfe die Polarisierung von Katholizismus und Protestantismus als wissenschaftsfeindlicher und wissenschaftsfreundlicher Religion nicht aufrechterhalten werden.

Der analytische Blick auf Wissenschaft und ihr Verhältnis zur Religion wurde von TINA ASMUSSEN (Luzern) aufgenommen und in ihrem Beitrag am Beispiel des Jesuiten und Universalgelehrten Athanasius Kircher exemplifiziert. Sie legte dar, dass in Kirchers Studie zur Pest von 1658 der Blick in die Natur als ein Oszillieren zwischen Autopsie und Heilsgeschichte gesehen werden kann. Kirchers Verwendung von Experimenten in diesem Kontext zielte nicht auf die detaillierte Autopsie des Pesterregers. Sie waren weder induktiv noch führten sie zu neuen Erkenntnissen, vielmehr verfolgte Kircher mit dem Experiment rhetorische Absichten der Evidenzerzeugung sowie eine Inszenierung seines Wissens als Spektakel. Das Experiment inszenierte bei Kircher bereits bestehendes Wissen, es verwies dabei immer auch auf die göttliche Ordnung, den göttlichen Organismus. SIMONA BOSCANI LEONI (Chur) nahm die Thematik der Autopsie in ihrem Beitrag auf und untersuchte am Beispiel von Johann Jacob Scheuchzer das Verhältnis von Gott und Wissenschaft. Scheuchzer stütze sich bei seiner Untersuchung der schweizerischen Alpenlandschaft auf direkte Beobachtung und Empirie, distanzierte sich hingegen von einer humanistischen Büchergelehrsamkeit. Nur in der direkten Beobachtung glaubte er, das göttliche Programm aufzeigen zu können. Seine zahlreichen Reisen in den Alpenraum zwischen 1694-1711 zeugen von einer intensiven Beschreibungs- und Sammlungstätigkeit, die sich besonders in Scheuchzers Gelehrtenkorrespondenz manifestiert. Die Verquickung von Sammeln, Wissen und Religion präsentiert sich vor allem auch in seinen Publikationen, besonders in der Physica Sacra von 1731-1735.

Eine Verbindung von Wissenschaftsgeschichte und Geschlechtergeschichte stellte URSULA SCHLUDE (Dresden) her. Schlude verdeutlichte am Beispiel von Anna von Sachsen, wie sich eine Fürstin des 16. Jahrhunderts intensiv mit agrarwissenschaftlichen Fragestellungen und Technik auseinandersetzte. Schlude akzentuierte, dass der kursächsische Hof somit zum Wissensraum wird, in dem es Anna von Sachsen vor allem um die Aneignung eines praxisorientierten Wissens zur Optimierung der Agrarökonomie ging. Vom Land zurück in die Berge führte der Germanist JENS AWE (Freiburg). Den Beginn und die Paradigmen einer positiven Wahrnehmung von Bergen bis hin zu einem Erhabenheitsdiskurs im Kant’schen Sinne konstatierte Awe bei Conrad Gesner (1516-1565) und Benedict Marti (1522-1574). Im 18. Jahrhundert mit seiner positiven Bergwahrnehmung sah Awe eine Renaissance dieses Phänomens, das sich bereits in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts herausgebildet hatte.

Resümierend lässt sich feststellen, dass die Themenvielfalt und die unterschiedlichen Fragestellungen, welche Kultur- und Wissenschaftsgeschichte, Geschlechtergeschichte, Umweltgeschichte aber auch Philosophie und Literaturwissenschaft an das Verhältnis von Mensch und Natur in der Frühen Neuzeit herangetragen haben, sich keinesfalls mit einem ontologischen Begriff von Natur fassen lassen, sondern mit einem analytischen. Sei es die vielfältige Nutzung der Natur als Ressource, als Projektionsfläche oder als Repräsentationsmittel, sei es die Domestizierung, Disziplinierung oder Ökonomisierung der Natur, die Veränderung sowie die Bedingtheiten des Blicks oder der Naturwahrnehmungen: Immer gehen die Forschungsimpulse von der Beziehung des Menschen zum menschlichen Konstrukt „Natur“ aus. Die Aufstellung oder Erarbeitung eines ontologischen Naturbegriffs erscheint für die historische Analyse der Natur weder sinnvoll noch erstrebenswert.
Ein Sammelband zur Tagung ist bereits in Planung.

Konferenzübersicht:

Paul Münch (Essen): Menschen und andere Tiere. Varianten des Umgangs.

Aline Steinbrecher (Zürich): Die gezähmte Natur im Wohnzimmer. Bürgerliche Hundehaltung in der Frühen Neuzeit.

Carsten Stühring (Göttingen): Tiermedizinische Praxis im 18. Jahrhundert. Zur Wahrnehmung von Rinderseuchen im Kurfürstentum Bayern.

Sebastian Bott (Zürich): Ermunterung zu einer schweizerischen Vogelkunde. Helvetischer Patriotismus und „politische Vögel“ im ausgehenden 18. Jahrhundert.

Martin Schmid (Wien): Die Donau als sozio-naturaler Schauplatz. Grundlagen für die Umweltgeschichte einer europäischen Wasserscheide in der Frühen Neuzeit.

Heike Düselder (Osnabrück): Vom „Botanisieren“ und der „Nützlichkeit der Natur“. Naturaneignung und Herrschaftsverständnis des Adels im Kontext von Bildung, Ökonomie und Ästhetik.

Sophie Ruppel (Basel): Das grünende Reich der Gewächse. Vom vielfältigen Nutzen der Pflanzen im bürgerlichen Diskurs (1750-1830).

Kaspar von Greyerz (Basel): Religion und Natur in der Frühen Neuzeit. Aspekte einer vielschichtigen Beziehung.

Tina Asmussen (Luzern): Zwischen Autopsie und Eschatologie – Athanasius Kirchers Blick in die Natur.

Simona Boscani-Leoni (Chur): Zwischen Gott und Wissenschaft. Johann Jakob Scheuchzer (1672-1733) und die Naturwahrnehmung in der Frühen Neuzeit.

Ursula Schlude (Dresden): Natur und Schriftlichkeit. Warum eine Fürstin des 16. Jahrhunderts nicht den Mont Ventoux besteigt und sie Gott braucht, um in die Natur verbessernd einzugreifen.

Jens Awe (Freiburg): Der Beginn und die Paradigmen positiver Wahrnehmung von Bergen bei Conrad Gesner (1516-1565) und Benedict Marti (1522-1574).

Zitation
Tagungsbericht: Die Natur ist überall bey uns – Mensch und Natur in der Frühen Neuzeit, 28.08.2008 – 30.08.2008 Augst (bei Basel), in: H-Soz-Kult, 03.11.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2319>.