Europa im späten Mittelalter. Politik - Gesellschaft - Kulturen

Ort
Bern
Veranstalter
Historisches Institut der Universität Bern (Prof. Dr. Rainer C. Schwinges, PD Dr. Christian Hesse), Prof. Dr. Dr. h.c. Peter Moraw (Universität Giessen)
Datum
23.04.2003 - 27.04.2003
Von
Suse Baeriswyl, Sektion I; Klaus Oschema, Bern

Seit Jahrzehnten bereits reizt Europa als Begriff und als Phänomen die deutschsprachige Mediävistik ebenso wie die benachbarten Wissenschaftskulturen zu immer wieder neuen Arbeiten. Deren Motivation war dabei keineswegs von der Grundbedingungen der jeweils zeitgenössischen politischen Situation unabhängig - die auffällige Häufung von Publikationen in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts zeigt dies ebenso wie der neuerliche Anstieg des Interesses seit dem Mauerfall von 1989. Ähnlich wie die Forschung zu den mittelalterlichen Ursprüngen der modernen Nationen Europas, sieht sich die Erforschung dessen, was Europa im Mittelalter gewesen sein könnte, welche Gemeinsamkeiten und Differenzen es gekennzeichnet haben, vor besondere Probleme gestellt. Bereits die Kontinuität eines Namens, dessen erste Verwendung in die Zeit um 700 v. Chr. reicht und der seither in allen Epochen in mehr oder minder dichter Folge Verwendung fand, macht die Abgrenzung einer kulturellen, geographischen oder politischen Einheit schwierig. Nach der politischen Teilung des Kontinents im Gefolge zweier Kriege bemühte man sich unter anderem um die Rechtfertigung eines Zusammenschlusses der Länder westlich des "eisernen Vorhangs" unter dem Titel des Europäischen mit Hilfe historischer Argumente. Seit einem guten Jahrzehnt dagegen fordert die Mediävistik verstärkt die Einbeziehung eben jener östlichen Räume des Kontinents, die vormals ausgeklammert wurden. Dies führte beinahe gleichzeitig zur grundlegenden Frage "Europa - aber was ist es?", zur Forderung nach einer wahrhaft europäischen Geschichtswissenschaft über die Addition blosser Nationalgeschichten hinaus und zum Blick auf bislang vernachlässigte Räume und Kulturen. Der Bogen der vielmals vergleichend angelegten Arbeiten konnte dabei Byzanz als gleichsam "anderes Europa" einbeziehen oder gänzlich Kulturen der islamisch geprägten Räume Afrikas und Asiens berühren.

Die Konzentration der internationalen Tagung "Europa im späten Mittelalter. Politik - Gesellschaft - Kulturen", die vom 23.-27. April 2003 vom Historischen Institut der Universität Bern (Prof. Dr. Rainer C. Schwinges und PD Dr. Christian Hesse, in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Dr. h.c. Peter Moraw, Universität Giessen) in Bern ausgerichtet wurde, auf ein "lateinisch-papstchristliches Europa", trägt daher den Charakter einer Grundsatzentscheidung. In den lateinisch geprägten Räumen des Kontinents, so der Ausgangsgedanke, trafen insbesondere entlang des Rheins zwei kulturelle Sphären aufeinander, die zu langfristigen Differenzen und Transferbewegungen zwischen einem älteren und einem jüngerem Europa (Peter Moraw) führten. Die südlichen und westlichen Gebiete des angesprochenen Raumes konnten dabei während des gesamten Mittelalters von ihrem römisch-antikem Erbe zehren und wiesen noch im späten Mittelalter als "älteres Europa" scheinbar paradoxerweise einen Vorsprung an Innovationsleistung und Modernisierungsbewegungen auf. Jene Grundspannung wurde zudem ergänzt durch die Frage nach der Wechselwirkung von Zentrum und Peripherie, die in sämtlichen Prozessen kulturellen Transfers differenziert zu betrachten ist.

In der Einteilung nach Politik, Gesellschaft und Kulturen, nach der sich die drei Tagungsblöcke gliederten, sollten daher in vergleichender Weise Unterschiede und Prozesse von Transfer und Wandlung betrachtet werden. Die Anlage der Einzelthemen vereinigte hierzu vorwiegend räumlich abgegrenzte Themen mit quer dazu stehenden Beiträgen, die übergreifende Phänomene in ihrer räumlich-zeitlichen Ausdifferenzierung in den Blick nahmen. Um die überwältigende Vielfalt der Aspekte nochmals konzise zu bündeln, wurde für jede der Sektionen eine abschliessende Zusammenfassung vorgesehen. Peter Moraw (Giessen) hob bereits in seinem einleitenden Vortrag "Europa im späten Mittelalter - einige Grundlagen und Grundfragen" die breite Streuung der Themenbereiche hervor, die neben dem materiellen Vergleich stets auch zur Reflektion über die historiographischen Bedingungen und Grundlagen der gewählten Abgrenzungen auffordere.

Sektion I: Politik (Politische Geographie, Monarchien, Alternativen)

Philippe Contamine (Paris) fokussierte in seinem Beitrag "La royauté française au XIVe et XVe siècle: modèles et circonstances de gouvernement" den Gegensatz zwischen dem propagierten Machtanspruch und der tatsächlichen Macht der Könige des Hauses Valois, im speziellen von Karl V. und Karl VII. Die durch die Betonung der Unteilbarkeit und Dauer Frankreichs ein Nationalbewußtsein grundlegenden politischen Traktate des frühen 15. Jahrhunderts mahnten den König zum Handeln, da Untätigkeit oder Erfolglosigkeit bei der Friedenssicherung die königliche Autorität untergrabe.

Im Kontrast dazu stand die Entwicklung im Reich, wie Eberhard Isenmann (Köln) in seinem Vortrag "Ist der römisch-deutsche Kaiser ein Monarch? Das Vexierbild der Reichsverfassung in der Zeit der Reichsreform des 15. Jahrhunderts" darlegte. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts wurde die Frage erörtert, in wie weit dem Kaiser eine plenitudo potestatis im Reich zukomme. Von den kaiserlichen Juristen wurde Friedrich III. als unus princeps bezeichnet und die kaiserlichen Rescripte verwendeten entsprechende Formulierungen, während von Seiten der Kurfürsten eine deutliches Mitgestaltungsrecht gefordert wurde. Erst durch die Wahlkapitulation Karls V. des Jahres 1519 wurde die nicht-monarchische Stellung des Kaisers im Reich festgeschrieben.

Miri Rubins (London) Beitrag "Religious Symbols and Political Culture in Late Medieval England" zeigte auf, wie im späten Mittelalter die Märtyrerverehrung wieder auflebte: Es wurden zahlreiche Handschriften kopiert, die überlieferten Märtyrerberichte des 12. Jahrhunderts erweitert und neue Märtyrer, zumeist vorgeblich von Juden ermordete Knaben, erfunden. Der Lebens- und Leidensweg der Märtyrer sollte weiten Teilen der Bevölkerung Vorbild sein und helfen, die zunehmend das Privatleben einschränkende herrscherliche Machtausübung hinzunehmen. Begünstigt wurde diese Entwicklung durch die enge gegenseitige Durchdringung von Frömmigkeit und Rechtssprache.

Der Beitrag von Klaus Herbers (Erlangen) mit dem Titel "Peripherie oder Zentrum? Spanien zwischen Europa und Afrika" setzte sich durch Gegenüberstellung der christlichen und islamischen Reiche intensiv mit der Definition von Grenzen auseinander, deren Position vom betrachteten Gegenstand abhängt; entsprechend fiel auch der Vergleich mit dem übrigen Europa je nach Meßwert, etwa der Christianisierung, der Etablierung von Monarchien oder der Universitätslandschaft verschieden aus.

Giorgio Chittolini (Mailand) fokussierte in seinem Beitrag "Villes-états en Italie" die Stadtstaaten Ober- und Mittelitaliens, die sich von den Städten nördlich der Alpen grundlegend unterschieden, da sie nicht wie diese von auf dem Land herrschenden Adligen umgeben waren und das jeweilige Recht selbst setzten. Von der Intensität der wirtschaftlichen Durchdringung liess sich die oberitalienische Städtelandschaft am besten mit der Flanderns vergleichen und auch die Entwicklung des 15. Jahrhunderts, der Verlust der Selbständigkeit, fand am Niederrhein eine Parallele (vgl. Beitrag R. Stein).

Die Königreiche Skandinaviens zeichneten sich durch eine im übrigen Europa des 14. und 15. Jahrhunderts nicht beobachtete Besonderheit aus, wie Thomas Riis (Kiel) in seinem Betrag "Die Monarchien und die halbe Republik. Die politischen Systeme im spätmittelalterlichen Skandinavien" darlegte: Obwohl die drei Reiche keine gemeinsamen Institutionen besassen, in Norwegen die Erbmonarchie Praxis und das Gewicht etwa des Reichsrates oder der Stände sehr unterschiedlich war, hatten sie zeitweilig einen gemeinsamen König.

Rainer C. Schwinges (Bern) stellte in seinem Vortrag "Bern, die Eidgenossen und Europa", der zugleich dem Jubiläum der 650jährigen Zugehörigkeit Berns zur Eidgenossenschaft (1353-2003) gewidmet war, die herrschaftliche Entwicklung im westlichen Alpenraum in den gesamteuropäischen Rahmen. Weniger die politischen Mittel zur Erlangung und Behauptung einer unabhängigen Stellung dürfen als Besonderheit eingestuft werden, als vielmehr das Pate stehende Modell dieser Unabhängigkeit von Landesfürsten, welches, wie G. Chittolini zeigte, in Italien im 15. Jahrhundert bereits der Vergangenheit angehörte.

Dem "Kirchenstaat im späten Mittelalter" widmete sich Bernhard Schimmelpfennig (Augsburg), der provokant demonstrierte, wie religiöse Argumente zur Durchsetzung der päpstlichen Territorialpolitik dienten. Ursprünglich mit dem Gedanken verteidigt, die geistliche Autonomie des Papsttums gewährleisten zu sollen, habe die weltliche Herrschaft wohl eher Kräfte gebunden und gewissermassen eine Regionalisierung des römischen Papsttums ausgelöst. Wenn die Päpste des 15. Jahrhunderts als Förderer von Humanismus und Renaissance auftraten, taten sie dies als Landesherren und nicht als Oberhaupt der Kirche.

Die Unterschiedlichkeit der Verhältnisse in den geographisch weit gestreuten Gebieten stand folglich auch im Zentrum der Zusammenfassung, die Reinhard Härtel (Graz) zu diesem ersten Themenblock vortrug. Auf der Suche nach Mustern struktureller Art sei bestenfalls ein Flexibilitätsvorsprung der republikanisch verfassten Gemeinwesen festzustellen, die auf traditionalen Wurzeln behutsam politische Neuerungen einfassten. Als Indikator könne hierfür die Praxisferne der politischen Reflexion in theoretischen Texten dienen: die grundlegende Frage der Teilung staatlicher Einheiten, die doch zum politischen Tagesgeschäft gehörte, wurde etwa kaum je bedacht. Die Theorie habe stets hinter den Fragen der Praxis gestanden und nie vermocht, eine wahre "Leitidee" der Staatlichkeit zu entwickeln.

Sektion II: Gesellschaft (Stände, Eliten, Gruppen)

Der Blick auf "Stände und Staat in den Niederlanden", präsentiert von Robert Stein (Leiden), leitete über in den Themenbereich "Gesellschaft". Die burgundische Staatsbildung werde meist, so Stein, als Ergebnis fürstlicher Initiative verhandelt, das sekundär die Basis für die spätere Entwicklung der belgischen und niederländischen Identität gelegt habe. Tatsächlich sei aber der Einfluss der Stände etwa im Herzogtum Brabant bei der Frage des Erbgangs an Burgund entscheidend gewesen, da sich der regionale Adel ebenso wie die Städte ökonomische Vorteile von der Nähe zum fürstlichen Hof und zum Modell Flandern versprechen konnten, die an französischen Vorbildern orientiert waren.

Für denselben Zeitraum zeichnete Slavomir Gawlas (Warschau) das Bild von "Polen - eine Ständegesellschaft an der Peripherie des lateinischen Europa", wo westeuropäische Strukturen in einem langgestreckten Prozess rezipiert wurden. Landesherrschaft als Produkt der "mutation féodale" sei ohne den Anteil des Lehnswesens als Prinzip übernommen worden, woraufhin das 14. Jahrhundert im Verein mit der territorialen Expansion des Königreichs Züge einer korporativen Verfassung aufscheinen sah. In deren Zentrum stand die Figur des Königs, der von den Gruppen der seinem Reich zugehörigen Länder umgeben wurde. Der Adel konnte sich im 15. Jahrhundert vor allem im Königsdienst etablieren, formte sich damit aber als oligarchische Machtelite aus.

Die "Elitenbildung in den fürstlichen Territorien des spätmittelalterlichen Reiches" untersuchte Christian Hesse (Bern), wobei er zwischen Macht-, Funktions- und Bildungselite unterschied. Im Überblick zeigte sich dabei, dass die dem höheren Adel angehörige Machtelite sich erfolgreich gegen die neuen städtischen Konkurrenten auch im Fürstendienst durchsetzen konnte. In der Funktionselite verschmolzen dagegen teilweise der niedere Adel und die städtische Oberschicht ab dem 14. Jahrhundert, was auch in der Ausprägung ähnlicher Strategien deutlich wurde, die unter anderem den Aufstieg über akademische Bildung umfassten. Sie formierten sich daher als territoriale Elite, während die hochadlige Stellung eher jene einer "Elite im Territorium" war.

Olivier Richard (Strassburg) wandte sich dann den "städtischen Führungsgruppen in Frankreich" zu, die bislang im Vergleich mit ihrem deutschen Pendant nur in geringem Mass die Aufmerksamkeit der Forschung auf sich ziehen konnten. Traditionell stehe die Gruppe der finanziell Führenden im Mittelpunkt, während Fragen des Politischen und der sozialen Repräsentation erst langsam erörtert würden. Mit konzisen Fallbeispielen zeigte der Referent dann einen Bruch in der Mitte des 14. Jahrhunderts auf, der den Wandel von einer Patriziatsherrschaft zu einer neuen Elite von Juristen, Officiers und Kaufleuten brachte, deren Status sich nicht mehr über Grundbesitz definierte.

Die innere Differenzierung des Phänomens Stadt betonte Felicitas Schmieder (Frankfurt a.M.) in ihrem Beitrag "Alte Gruppen - neue Gruppen. Städte im mittelalterlichen Reich als Ort und Abbild gesellschaftlichen Wandels". In einem dynamischen Prozess steter Neukonsolidierung und Abgrenzung formierten sich demzufolge rechtlich, politisch und funktional orientierte Zusammenschlüsse im Gesamtrahmen der Stadt, die durch strukturell unterschiedliche Soziabilitätsformen gekennzeichnet seien. Über dem landsmannschaftlichen Zusammenhalt, Familien und beruflichen Gruppen konnte die Stadt aber integrativ wirken und etablierte sich daher durch ihre Flexibilität als Erfolgsmodell. Diese Wandelbarkeit betonte damit Kontinuitäten gegenüber markanten zeitlichen Einschnitten.

Detailreich analysierte Hans-Jörg Gilomen (Zürich) die Entwicklung der "wirtschaftlichen Eliten im spätmittelalterlichen Reich". Kritisch zeigte er an Einzelfragen den geringen Entwicklungsstand der gebräuchlichen Finanztechniken auf - Wechsel waren im Reich nördlich der Alpen noch im 15. Jahrhundert nicht gebräuchlich. Die Herausbildung wirtschaftlicher Eliten wurde als vorwiegend städtisches Phänomen charakterisiert, bei dem einzelne Handelsgeschlechter ab dem 13. Jahrhundert den Kreis der Ministerialen ergänzen konnten. Etwaige politische Verwerfungen seien in der Folge unter anderem durch das Verschwinden aristokratische Familien abgemildert worden.

Zusammenfassend betonte Alfred Haverkamp (Trier) die Entwicklungsunterschiede innerhalb des papstchristlichen Europa und in den zugehörigen historischen Grosslandschaften, die eine feingliedrige Differenzierung verlangten, zumal häufig das gewohnte Raster des Süd-Nord-, bzw. West-Ost-Gefälles nicht zutreffe. Daher sei etwa stärker als bisher ein mediterranes von einem kontinentalen Alteuropa zu unterscheiden. Probleme des Vergleichs machte er unter anderem in den nur schwer abzugrenzenden Kategorien der gesellschaftlichen Ordnung fest. Diesen hätten die Referenten durch die Auffassung des Standes im Sinne landständischer Verfassung Rechnung getragen und eine Charakterisierung als abgeschlossene Personengruppe oder Vorstellungsordnung vermieden. Insgesamt seien aber die Beiträge stark auf Eliten ausgerichtet gewesen, denen die Erforschung anderer Gruppen an die Seite gestellt werden müsse, zumal gerade unter dem Aspekt der Modernisierung der Frage nach der sog. "zweiten Leibeigenschaft" oder auch der "Renaissance der Sklaverei" im mediterranen Europa eine besondere Bedeutung zukomme.

Sektion III: Europäische Kulturen (Sprachen, Mobilität, Kunst- und Bildungstransfer)

"Gab es eine einheitliche Adelskultur Europas im späten Mittelalter?" Werner Paravicini (Paris) konnte zur Beantwortung auf ein weit verbreites Ensemble von Werten, Zeichen und Handlungsweisen verweisen, von denen nicht zuletzt das Privileg der Hinrichtung mit dem Schwert eine Gemeinsamkeit im europäischen Rahmen darstellte. Die Differenzen in regional unterschiedlichen Formierungen der höfischen und ritterlichen Kultur liessen trotz aller Gegensätze die Wahrnehmung einer gemeinsamen Lebenswelt zu, die etwa an der universellen Scheidung von Herr und Knecht ebenso zu erkennen sei wie an der Ordnung der Adligen im Deutschordensland als homogene Gruppe, die nur der Sprache nach gegliedert wurde. Problematisch stellte sich die Antwort auf die Frage nach Zentrum und Peripherie in einzelnen Neuerungstendenzen dar, da etwa die Gründung von Ritterorden von den Rändern Europas ausging, während zumeist der nordfranzösisch-niederrheinische Raum besondere Innovationsfähigkeit zeigte.

Unter dem Titel "Europa heiratet. Königs- und Fürstenheiraten im Spätmittelalter" verglich Karl-Heinz Spiess (Greifswald) die Wahl königlicher Ehepartnerinnen mit den Strukturen des hohen Adels. Eheschlüsse über weite Distanz bildeten letztlich eher die Ausnahme und erforderten ein differenziertes System der Vorbereitung von der Informationsbeschaffung und Vorverhandlungen bis zum Abschluss einer Bindung. Die Aspekte des kulturellen Transfers erstreckten sich bei erfolgreichen Eheprojekten vom Austausch materieller Güter bis zu Personen. Nur selten kam es dabei allerdings zu so intensiven Formen, wie sie die Verbindung von Matthias Corvinus mit Beatrix von Aragon augenscheinlich nach sich zog - wobei hier bereits frühere Entwicklungen wirksam werden konnten.

Die Grundlagen der Kommunikation nahm daraufhin Gerhard Fouquet (Kiel) in seinem Beitrag "Auf Reisen - sprachliche Verständigung im Europa des 14. und 15. Jahrhunderts" am Beispiel des Fremdsprachenerwerbs vor allem kaufmännischer Schichten in den Blick. Die Fähigkeit in mehreren Sprachen zu kommunizieren stellte augenscheinlich eine Schlüsselqualifikation eines Fernhändlers dar und der Lernprozess wurde schon frühzeitig professionalisiert, wengleich er auf pragmatische Aspekte beschränkt blieb. Zudem zogen Auslandsaufenthalte nur selten effektive Akkulturationsprozesse nach sich, da man sich auch hier häufig in landsmannschaftlichen Gruppen bewegte.

Der manifeste Transfer von Kultur bildete dagegen den Gegenstand von Peter Kurmann (Freiburg i. Üe.), der fragte: "Wie kam die internationale Gotik nach Bern? " Stararchitekten " des 14. und 15. Jahrhunderts im europäischen Kontext." Die Weiterentwicklung der französischen Modelle gotischer Architektur durch die Familie der Parler beeinflusste ab der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts vom Prager Kathedralbau ausgehend einen Raum, der sich von Kroatien bis nach Strassburg erstreckte. Auch das Berner Münster zeugt von der Durchsetzung des neuen Formenschatzes, der aber nicht nur durch Angehörige der Parler verbreitet wurde, da weitere Dynastien von "Stararchitekten" ihn übernahmen, wie etwa der in Bern tätige Matthäus von Ensingen belege.

"Innovation und Mobilität im Spiegel der materiellen Kultur des späten Mittelalters" zeigte Armand Baeriswyl (Bern) auf, der sich auf die Beispiele der Verbreitung des Kachelofens und seiner Entwicklung sowie der Warmluftheizung von Wohnräumen konzentrierte. Praktische Aspekte und das Bedürfnis nach symbolischer Repräsentation spiegelten sich in der Entscheidung für eines der beiden Systeme und der äusseren Ausgestaltung wieder. Die räumliche Verbreitung von Schmuckelementen zeige zudem bestehende Kulturkontakte, die aber nicht mit der Bewegung von Personen zu erklären seien, sondern vielmehr Handelskontakte wiederspiegle. Wenn im frühen 16. Jahrhundert im Berner Raum die Technik der Fayence für den Schmuck eines Kachelofens verwendet wurde, so lasse dies die europäische Einbettung der kleinräumig geprägten spätmittelalterlichen Wirtschaft erkennen.

Die strukturellen Voraussetzungen der Mobilität von Personen und Waren umriss Oliver Landolt (Schwyz) mit seinem Beitrag "" in iglicher stauden ist schir ein zoll ". Mobilität und Verkehr im europäischen Spätmittelalter". Nicht nur die technischen Fragen von Strassenzustand und Wertabschöpfung durch das ausufernde Zollwesen dürfen seiner Auffassung zufolge Gegenstand einer umfassenden Darstellung sein, sondern diese müsse auch die Phänomene unfreiwilliger Mobilität (etwa durch Exil und Flucht vor dem Krieg) und deren soziale Folgen in den Blick nehmen. So zeige das Beispiel der Juden auch negative Konsequenzen überregionaler Kontakte auf, denen im Umfeld mit Misstrauen begegnet wurde. Insgesamt sei aber das spätere Mittelalter von der verstärkten Sorge der Obrigkeiten um infrastrukturelle Aspekte geprägt.

Jacques Verger (Paris) warnte mit seiner Frage " Les études, facteur de mobilité sociale en Europe à la fin du Moyen-Age? " vor einer simplifizierenden Betrachtung. Studium beschränke sich nicht alleine auf den Besuch einer Bildungsinstitution oder den Erwerb eines Diploms, sondern schaffe vor allem soziale Bindungen. Folglich sei eine umfassende Prosopographie wünschenswert, die aber aufgrund der damit verbundenen, überwältigenden Materialmenge durch ein typologisierendes Herangehen ersetzt werden müsste. Besondere Bedeutung käme in diesem Rahmen der Aufarbeitung der zeitgenössischen Wahrnehmung des Studiums zu.

Guy Marchal (Luzern) hob in seiner Zusammenfassung der dritten Sektion die Bedeutung des Modells vom Kulturtransfer und der Mobilität hervor, das vor allem für Grenzräume und entfernte "Inseln", die miteinander in Kontakt standen, fruchtbar gemacht werden könne. Besonderes Augenmerk müsse dabei dem Austausch von Personen(gruppen) einerseits und dem Transfer von Objekten andererseits zukommen. Das Beispiel der gotischen Architektur verdeutliche etwa eine dominierende Transferrichtung vom älteren in das jüngere Europa, die durch die parlerische Innovation punktuell aufgehoben wurde. Die aufgezeigten Bewegungen der einzelnen Beiträge legten es nahe, in verstärktem Ausmass vernetzt zu werden, um nähere Erkenntnisse zu den übergreifenden Zusammenhängen von Richtungen und Konjunkturen von Transfers zu gewinnen. Der häufig nicht durchführbare allgemein-europäische Überblick sei dabei durch exemplarische Untersuchungen zu den Transferprozessen in gut umrissenen Grenzräumen wie der Region Bern an einer Sprach- und Kulturgrenze zu ergänzen, die als "Laboratorium" zur Untersuchung der grossräumen Prozesse genutzt werden könnten.

Verbindende Perspektiven

Die zeitliche Einbettung der betrachteten Epoche leisteten abschliessend Rudolf Schieffer (München), der die "Wachstumsphasen des lateinischen Europa 800-1200" darstellte, und Heinz Duchhardt (Mainz), dessen Ausführungen "Das Vermächtnis des Spätmittelalters an die Vormoderne" in den Blick nahmen. Der geographische Rahmen Lateineuropas, so Schieffer, habe seit dem 12. Jahrhundert nach langen Formierungsprozessen festgestanden. Um 1200 waren flächendeckend christlich fundierte Königreiche anzutreffen und die kirchlichen Grenzen sollten, soweit dies möglich war, mit den politischen in Einklang gebracht werden. Als weiteres Kriterium der Einheit zog er auch die Produktion lateinischer Literatur heran, deren Beginn allerdings regional deutliche Unterschiede aufwies. Aus den drei angesprochenen Kriterien folgerte er schliesslich eine Differenzierung in die drei kulturellen Grossräume des römisch-antiken Raumes, des Frankenreichs und einer nördlichen und östlichen Peripherie.

Im Ausblick auf die Neuzeit betonte Duchhardt Kontinuitäten des Völkerrechts und des öffentlichen Rechts, da die "res publica christiana" bis in das 17. Jahrhundert hinein legitimitätsstiftend geblieben sei. Die grosse Leistung des Spätmittelalters sah er in der Herausbildung einer bipolaren Herrschaftsform, die trotz aller "Gottunmittelbarkeit" der Herrschaft im ganzen lateineuropäischen Kulturraum ein Mitwirkungsrecht der Stände etablierte. Wie die Spannung dieses Rechts zu vereinbaren ist mit der Form internationaler Vertragsschlüsse, die den Herrscher bis zum Ende des Ancien Régime als Person und nicht als Mandatar des Staates banden, musste freilich offen bleiben.

Im Überblick zeigten die Beiträge vor allem die Notwendigkeit der Differenzierung innerhalb des europäischen Rahmens auf. Gemeinsamkeiten scheinen insbesondere in der Teilnahme an einem Gesamtrahmen von Transferbewegungen zu liegen, in dem sich kaum einmal eine übergreifende Einheitlichkeit ausbilden konnte, der aber von der Offenheit für Austauschprozesse geprägt war. Eine absolute Abgrenzung gegenüber nicht-europäischen Einflüssen und Ausrichtungen ist damit freilich weder zu erreichen noch wünschenswert, wie besonders die Orientierung der spanischen Königreiche nach Afrika oder auch die Bedeutung Jerusalems für eine Gruppe christlich geprägter Kulturen deutlich machen. Wenn in vielen Bereichen das etablierte Bild vom Entwicklungsvorsprung der Räume des antik geprägten, alten Europa bestätigt wurde, so waren doch gewichtige punktuelle Umkehrungen des Bildes vom Süd-Nord- oder West-Ost-Gefälle zu beobachten. Inwiefern dabei die Kulturkontakte in Grenzräumen oder die Befruchtung durch Transferprozesse eine Rolle spielten, bleibt im Einzelnen noch näher zu untersuchen. Deutlich ist aber jetzt bereits, dass die Positionierung von Zentren und Peripherien eine komplexe Beweglichkeit aufweist, die für zukünftige Forschungen zu einer europäischen Geschiche des Mittelalters in Anschlag zu bringen und fruchtbar zu machen sind.

Die Publikation der Beiträge als Beiheft der Historischen Zeitschrift ist für 2004 vorgesehen.

Kontakt

Kontakt:
Universität Bern
Historisches Institut
Abt. für mittelalterliche Geschichte
Unitobler
Länggassstr. 49
CH - 3000 Bern 9

Zitation
Tagungsbericht: Europa im späten Mittelalter. Politik - Gesellschaft - Kulturen, 23.04.2003 – 27.04.2003 Bern, in: H-Soz-Kult, 09.06.2003, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-235>.