HT 2008: Kollektives Gedächtnis und Beziehungsgeschichte. Binationale Erinnerungsorte im deutsch-polnischen Verhältnis

Ort
Dresden
Veranstalter
Hans Henning Hahn, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg; Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD)
Datum
30.09.2008 - 03.10.2008
Von
Agnieszka Wierzcholska, Berlin

Die Ungleichheiten in der Erinnerung an die gemeinsame Vergangenheit Deutscher und Polen müssen für beide Seiten aushaltbar sein. Diesen Leitgedanken formulierte Hans Henning Hahn in seiner einleitenden Rede zur Sektion des 47. Historikertages 2008 in Dresden, die sich der Verflechtung von Erinnerungs- und Beziehungsgeschichte widmete.

Deutsche und Polen teilen eine 1000-jährige, bewegte Vergangenheit. Die Erinnerung an die gemeinsame Geschichte trennt vielmehr, als dass sie verbindet, aber dennoch gestaltet sie die Beziehung beider Länder. Wiederholt wird in jüngster Zeit die Geschichte dieser Nachbarschaft für die Durchsetzung von politischen Interessen instrumentalisiert, erwähnt sei hier nur der Streit um das Zentrum gegen Vertreibungen. Umso lohnenswerter erscheint sie als Untersuchungsfeld für Historiker, um Konstruktionen der Vergangenheit im Beziehungsgeflecht zweier Länder nachzuspüren. Hans Henning Hahn und Robert Traba riefen ein Forschungsprojekt ins Leben, dass sich der deutsch-polnischen Erinnerungsgeschichte widmet. Die methodologischen und inhaltlichen Implikationen eines solchen Unterfangens stellten sie in dieser Sektion vor.

Beide Historiker berufen sich in dem im Entstehen begriffenen Projekt auf die analytische Kategorie der von Pierre Nora eingeführten „Erinnerungsorte“ und verbinden sie mit dem Konzept Beziehungsgeschichte, wie es Klaus Zernack in den 1970er-Jahren entworfen hat. Dadurch wird die nationalgeschichtliche Perspektive, wie sie Nora forderte, erweitert und quasi aufgehoben. Was passiert jedoch mit dem Konzept und der identitätsstiftenden Funktion von Erinnerungsorten, wenn sie binational dekliniert werden? Können sich Nationen nur geschlossen erinnern oder auch zusammen, gegeneinander oder in Beziehung zueinander? Das große Verdienst der beiden Historiker besteht darin, dass sie in dem von ihnen vorgelegten Konzept die Rolle des „Anderen“ in der Konstruktion von nationalen Erinnerungen hervorheben und verstärkt nach Abgrenzungsmechanismen und Austauschprozessen fragen. Dass Identitätskonsolidierungen stark über das Wechselspiel von Zuschreibungen, Aneignungen und Abgrenzungen funktionieren, bekräftigte ÉTIENNE FRANÇOIS (Freie Universität Berlin), Herausgeber des dreibändigen Werks „Deutsche Erinnerungsorte“. Man beziehe sich immer, positiv oder negativ, auf den Nachbarn, er diene als Modell der Abschreckung oder der Identifikation, unterstrich François.

In der Untersuchung und Dekonstruktion solcher binationaler Erinnerungsorte sei jedoch Vorsicht geboten, betonte ROBERT TRABA (Freie Universität Berlin, Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften) . Denn Unterschiede zwischen der Ereignis- und Wahrnehmungsgeschichte würden all zu schnell verwischt. Vorstellungen, die eine Gemeinschaft von ihrer Vergangenheit bildet, haben sich oft von dem realen Ereignis abgekoppelt und erfüllen primär identitätsrelevante Funktionen in der Gegenwart. Die Aufgabe des Historikers sei es jedoch, jenen Prozess der Gestaltung der Erinnerung nachzuzeichnen, und auch nach dem Vergessenen zu fragen. Daher stellte Robert Traba zwei Grundsatzpostulate des Projekts vor. Traba und Hahn verzichten bewusst auf den von Nora favorisierten Begriff Metapher, da dieser sich zu sehr auf den Symbolgehalt der Erinnerungsorte beziehe. Vielmehr bevorzugt es Traba, von historischen Phänomenen zu sprechen, die sowohl in der Geschichte des ersten wie auch zweiten Grades verankert sind. Historische Phänomene definiert er als Ereignisse, Gestalten, Symbole Denkmäler und diskursive Ereignisse, die in ihrer Identitätsrelevanz für Kollektive wirkungsmächtig werden. Diese fänden, so das zweite Postulat, nicht im luftleeren Raum statt, sondern würden von Beziehungen bestimmt. Die Funktionsweisen dieser Bilateralität sollen in dem deutsch-polnischen Projekt herausgearbeitet werden.

Es ist eben diese Bilateralität, die eine Neuordnung der Begrifflichkeiten einfordert. HANS HENNING HAHN (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg) stellte drei Typen binationaler Erinnerungsorte vor: gemeinsame, geteilte und parallele Erinnerungsorte. Letztere beziehen sich auf unterschiedliche Objekte, erlangen aber in der Gegenwart vergleichbare oder parallele Bedeutungen. Geteilte Erinnerungsorte beziehen sich dagegen auf dasselbe Objekt, bedienen dabei jedoch unterschiedliche Identitätshaushalte. Ein Beispiel dafür sei Auschwitz, dessen binationale Dimension ZOFIA WÓYCICKA (Universität Warschau) vorstellte. Unter dem Titel „Auschwitz/Oświęcim – ein Ort vielerlei Erinnerungen“ präsentierte die Warschauer Historikerin die unterschiedlichen Bedeutungen des Ortes in der Bundesrepublik und in Polen. Während Auschwitz als Symbol für die Shoah und die industrielle Ermordung von sechs Millionen Juden in der Bundesrepublik galt, fungierte er in Polen lange Zeit als Gedenkstätte des nationalen Martyriums. Wóycicka schälte sorgfältig zeitliche Phasen heraus, in denen unterschiedlich, gemeinsam oder gegeneinander erinnert wurde. Dabei verdeutlichte diese Entwicklung den geschichtspolitischen und gesellschaftlichen Wandel in beiden Ländern.

Ein Beispiel für parallele Erinnerungsorte bot der Historiker HANS-JÜRGEN BÖMELBURG (Justus-Liebig-Universität Gießen) mit der Gegenüberstellung von Reich und Rzeczpospolita. Bömelburg zeigte verschiedene Phasen auf, in denen die Erinnerung an das Reich beziehungsweise an die Rzeczpospolita jeweils die Vorstellungen von der Nation prägte: Deutsche und Polen definierten sich als Sprach- und Kulturnation mit Reichsvergangenheit. Reich wie Rzeczpospolita erfuhren in der Romantik eine Aufladung mit religiösen Motiven, die das Bild von der Größe der Nation verstärkten. In diesem Sinne erfüllten beide eine vergleichbare Funktion für Deutsche und Polen in der Konstruktion des Bildes von der eigenen nationalen Vergangenheit.

Das Projekt bilateraler Erinnerungsorte überzeugte in dieser Sektion von dem Vorhaben, das kollektive Gedächtnis und die Beziehungsgeschichte zu verflechten. Doch gerade die politische Aufladung der deutsch-polnischen Beziehungen birgt die Gefahr, dass Historiker selbst zu Konstrukteuren von Erinnerungsorten werden. Historiker müssen sich davor bewahren, zu Instrumenten der Geschichtspolitik gemacht zu werden, die zur Versöhnungsrhetorik beitragen sollen. Traba und Hahn sind sich dieser Gefahr bewusst, daher widmeten sie in dieser Sektion den methodologischen Überlegungen viel Raum. Sie wollen einen wissenschaftlichen Beitrag leisten, um die Mechanismen des kollektiven Gedächtnisses in Deutschland und Polen sowohl mit ihren Ungleichheiten als auch Parallelen zu untersuchen.

Sektionsübersicht:

Étienne François (Berlin): Erinnerungsorte im binationalen und transnationalen Kontext

Robert Traba (Berlin): Historisches Bewusstsein und kollektives Gedächtnis. Eine polnische und deutsche Debatte

Zofia Wóycicka (Warschau): Auschwitz/Oświęcim – ein gemeinsamer oder geteilter Erinnerungsort?

Hans-Jürgen Bömelburg (Giessen): Zwei parallele Erinnerungsorte: Das Alte Reich und die erste Rzeczpospolita

Andreas Lawaty: Kommentar

Zitation
Tagungsbericht: HT 2008: Kollektives Gedächtnis und Beziehungsgeschichte. Binationale Erinnerungsorte im deutsch-polnischen Verhältnis, 30.09.2008 – 03.10.2008 Dresden, in: H-Soz-Kult, 20.11.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2378>.