In Search of the Postfordist City: Concepts and the Meaning of Urban Space and Society

Ort
New York
Veranstalter
Transatlantisches Graduiertenkolleg Berlin – New York, in Verbindung mit der Fordham University New York
Datum
25.09.2008 - 27.09.2008
Von
Jan Kemper, Transatlantisches Graduiertenkolleg Berlin – New York,

Das „Transatlantische Graduiertenkolleg Berlin-New York“ (TGK), das am „Center for Metropolitan Studies“ (CMS) der Technischen Universität Berlin angesiedelt ist, konzipiert und organisiert seit 2004 Konferenzen zu den verschiedenen Bereichen der Stadt- und Metropolenforschung. Diese jährlich stattfindenden Konferenzen werden im Wechsel in Berlin und New York veranstaltet und haben eine doppelte Aufgabe. Zum einen ermöglicht eine enge Kooperation der Partneruniversitäten des CMS in Berlin und New York City zusammen mit der Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft einen lebhaften transatlantischen Austausch, der interdisziplinär ausgerichtet ist und die moderne Metropole in ihren verschiedenen Facetten zum Thema hat. Zum anderen sollen auf den jährlichen Konferenzen Nachwuchswissenschaftler/innen thematische und institutionelle Wege in die internationale Stadt- und Metropolenforschung aufzeigt und vermittelt werden.[1]

Die diesjährige, vierte Jahreskonferenz des Kollegs fand vom 25.-27. September 2008 an der New Yorker Fordham University statt. Sie hatte sich zur übergeordneten Aufgabe gestellt, die Tragfähigkeit von „Postfordismus“ als analytischem Konzept und Zeitdiagnose für das Feld der Stadt- und Metropolenforschung auszuloten.

Die Unterscheidung der Entwicklungsgeschichte westlicher Industriegesellschaften des kurzen 20. Jahrhunderts in eine fordistische und eine daran anschließende post-fordistische Phase ist von der französischen Regulationstheorie aus in geistes- und sozialwissenschaftliche Denk- und Arbeitszusammenhänge eingegangen. Diese Unterscheidung betont einen in der ersten Hälfte der 1970er-Jahre anhebenden Wandel in den zentralen Dimensionen von Ökonomie, Politik und Kultur. Er lässt sich grob zusammengefasst als ein Prozess der Deindustrialisierung, der Deregulation sozialstaatlicher Hilfen und Zuständigkeiten und der Flexibilisierung individueller Lebensvollzüge schildern. Die internationale Stadt- und Metropolenforschung hatte ab den späten 1980er-Jahren begonnen, sich diese Unterscheidung zueigen zu machen. Die Generalisierung der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart der Städte in der westlichen, industrialisierten Welt zur „Postfordist City“ kann deshalb einerseits schon als eine feststehende Perspektive auf Stadtentwicklungsprozesse angesehen werden. Andererseits stehen eine Reflexion der Konzeptionalisierung dieser Perspektive und eine Evaluierung der mit ihr produzierten Ergebnisse im Feld der Stadt- und Metropolenforschung noch aus.

An dieser Stelle setzte die Konferenz an. Mit ihr wurde erstens das andauernde Grundproblem der zunehmend fächerübergreifend organisierten und transnational orientierten Stadt- und Metropolenforschung aufgegriffen, sowohl die Vielfältigkeit ihrer Forschungsgegenstände und -interessen aufrecht erhalten als auch untereinander gesprächsfähig bleiben zu müssen. In diesem Sinne konnte die Aufforderung zur Suche nach der „postfordistischen Stadt“ als Einladung zu einer Diskussion über die Möglichkeiten und Grenzen eines gemeinsamen Untersuchungsrahmens verstanden werden. Zweitens bot das Konferenzthema die Chance, die empirische Validität der auf einen postfordistischen Bruch hin orientierten Stadt- und Gesellschaftsbeschreibungen zu überprüfen. Schließlich war mit der Themenstellung drittens die Möglichkeit für einen selbstreflexiven Umgang mit den Analyseinstrumenten der Stadt- und Metropolenforschung gegeben. Die sozialwissenschaftliche Debatte um eine Ablösung fordistischer durch postfordistische Sozialverhältnisse ist schließlich nicht neu. Eine anstehende Historisierung von Fordismus und Postfordismus, so deuteten bereits die einführenden Worte von VOLKER BERGHAHN (Columbia University) an, könnte deshalb auch Aufschlüsse über Forschungsprozesse in der Stadt- und Metropolenforschung selbst geben.

Einen kritischen Blick auf die Erklärungskraft der Unterscheidung von Stadtentwicklungsprozessen in eine fordistische und eine postfordistische Phase hatte zuvor schon DAVID HARVEY (CUNY Graduate Center) vermittelt. Sein engagierter Eröffnungsvortrag stand ganz unter dem Zeichen der jüngsten Finanz- und Kreditkrise und der Diskussion um staatliche Eingriffe zur Krisenbewältigung. Sie gaben Harvey die Vorlage für eine tour de force durch 200 Jahre Stadtgeschichte unter dem vereinheitlichenden Vorzeichen kapitalistischer Verwertungs- und Krisendynamik. Dieser Prozess habe nun nur einen weiteren Höhepunkt erreicht, der sowohl „socialism for the rich“ als auch „neoliberalism by authoritarian means“ bedeute. Von Postfordismus mochte Harvey in diesem Zusammenhang auch auf Nachfrage nicht sprechen. Zwar nehme er die damit angedeuteten Phänomene durchaus wahr, ihnen komme aber keine eigenständige, erklärungsmächtige Rolle in der Analyse moderner Urbanisierungsprozesse zu.

Ähnlich skeptisch, aber auf ein ganz anderes Ergebnis hin thematisierte am nächsten Morgen die erste Gruppe von Referenten die Scheidung einer postfordistischen von einer fordistischen Phase der Stadtentwicklung. WILIAM SITES (University of Chicago) zeigte, dass die regulationstheoretisch informierte Periodisierung die Sozialgeschichte der black community in den Großstädten der USA schlecht einfangen kann. Eine von RALPH BLESSING und MARY ROCCO (Hunter/CUNY) unternommene Analyse des Stadtplanungscurriculums am Hunter College veranschaulichte Verschiebungen von „rationalen“ zu „community-orientierten“ Planungsansätzen, machte aber auch deutlich, dass dieser Wandel sich nicht als unmittelbare Reaktion auf einen Bruch im sozialen Gefüge der Städte hin zu postforditischen Konstellationen in den 1970er-Jahren darstellen lässt. STEFAN HÖHNE (TGK) gelang es zum einen, mit aus allen Bereichen der Geistes- und Sozialwissenschaften zusammengetragenen Zitaten auf die inzwischen bis zu ihrer Unkenntlichkeit pluralisierte Verwendungsweise der Charakterisierung „postfordistisch“ aufmerksam zu machen. Zum anderen betonte er entlang seines eigenen Forschungsgegenstands, der Metro in New York City, die Kontinuität fordistischer Praktiken der Standardisierung und Massenführung in vermeintlich postfordistischen Zeiten. Den Ausführungen von LUKASZ STANEK (Delft University) über die Arbeit des Soziologen Henri Lefebvre und seiner Mitarbeiter am Pariser „Institut de Sociologie Urbaine“ schließlich ließ sich entnehmen, dass in der Sozialkritik der französischen Stadtforschung der beginnenden 1960er-Jahre sehr viel mehr thematisch vorweg genommen wurde als die Fokussierung auf einen Wandel von materialistischen zu post-materialistischen Themen und Orientierungen in den 1970er-Jahren suggeriert.

Weniger auf den konzeptionellen Status und die historische Gültigkeit der Unterscheidung von Fordismus und Postfordismus, mehr auf die Bestimmung postfordistischer Konturen der Gegenwart ausgerichtet waren die Vorträge der folgenden Sektionen. Den Problemhorizont für Panel 2 gaben die sozialräumlichen Prozesse der Peripherisierung und Suburbanisierung. ANDREW NEEDHAM (New York University) analysierte, wie soziale Ungleichheiten in eine räumliche Dimension übersetzt werden und damit die Unterscheidung zwischen benachteiligender Metropole und benachteiligtem Hinterland wieder Geltung bekommt. Der Vortrag von MEREDITH TENHOOR (Princeton University) behandelte den Abriss des Pariser Marktes Les Halles und dessen Wiederaufbau als Einkaufszentrum und Umsteigebahnhof an alter Stelle wie auch den Bau eines neuen, hoch technisierten Marktkomplexes in der Pariser Peripherie. So wurde deutlich, dass, wenn es Kennzeichen einer postfordistischen Raumstruktur ist, wichtige urbane Impulsgeber in das städtische Umland auszulagern, die Stadt- und Regionalplanung Wege und Möglichkeiten für eine erneute Verflechtung von Zentrum und Peripherie finden sollte. Dieser Gedanke leitete auch die Ausführungen von JOHANNA SCHLAAK (TGK) über Konzeptionen und Modelle der „Flughafenstadt“ an. Ihr Urteil: Nur solche Strategien, die von der gegebenen Situation aus auf eine enge Interaktion zwischen Zentrum und Peripherie zielen, können in Zukunft eine erfolgreiche Zusammenführung des metropolitanen Gefüges gewährleisten. Der Vortrag von WOLFRAM HOEFER (Rutgers University) behandelte stadtplanerische Überlegungen zur Neugestaltung der vom Prozess der Deindustrialisierung geprägten Stadträume. Er berichtete von kreativen, mit Stadtbewohnern gemeinsam angegangenen Bemühungen, neue Raumnutzungen für das durch Industriebrachen (brown fields) gekennzeichnete New Jersey zu entwickeln.

Die kulturelle Dimension postfordistischer Vergesellschaftung und ihr Verhältnis zu Politik und Ökonomie war Gegenstand von Panel 3. Hier erläuterte MIRIAM GREENBERG (University of California Santa Cruz) die Krisenbewältigungsstrategie der Stadt New York in den 1970er-Jahren als die einer gelungenen Symbiose aus ökonomischer Restrukturierung und Image-Produktion im Bereich Stadtmarketing. MICHAEL RALPH (New York University), KRISTINA GRAAFF (TGK) und INGO BADER (TGK) sprachen über Literatur (Graaff) bzw. Musik (Ralph und Bader) unter den Bedingungen der ökonomischen und sozialräumlichen Exklusion der schwarzen Ghettobevölkerung in den USA (Graaff und Ralph) bzw. der intensivierten Vermarktung von musikalischen Subkulturen (Bader).

PETER MARCUSE (Columbia University) und ASHLEY DAWSON (CUNY), die Vortragenden des vierten Panels, machten beide Unsicherheit und die (Wieder-)Herstellung von Sicherheit zum Thema, allerdings in sehr unterschiedlicher Art und Weise. Während Marcuse die Gelegenheit nutzte, abweichend von seinem eigentlichen Vortragsthema auf das Ausmaß und die absehbaren Konsequenzen der anbrechenden Finanz- und Kreditkrise einzugehen, konzentrierte sich Dawson auf einen Überblick über die Wiederentdeckung der Städte als Terrain der Kriegsführung in den aktuellen militärischen Strategien und Praktiken. Beide Vorträge gaben im Anschluss Anlass für eine angeregte Diskussion über die internationalen Machtverhältnisse im 21. Jahrhundert, deren Anbindung an die Aufgabenstellungen der Konferenz aber allenfalls als locker bezeichnet werden kann.

Stärker auf das Konferenzthema konzentriert wiederum verlief das letzte Panel des ersten Konferenztages. Unter der Fragestellung „New Paradigms of Urban Interaction: What is Postfordist Social Inequality?“ fächerte MARGIT MAYER (Freie Universität Berlin) die im Kontext der Auflösung des fordistisch geprägten Wohlfahrtsstaates einerseits, der Aufforderung zu verstärktem zivilgesellschaftlichen Engagement andererseits zu sehenden, veränderten Gelegenheitsstrukturen für soziale Protestbewegungen auf. Dass diese unter postfordistischen Bedingungen an Organisations- und Konfliktfähigkeit verloren haben, war den Ausführungen von NOA HA (TGK) zu entnehmen. Ihr Vortrag behandelte Straßenhandel im öffentlichen Raum der Städte am Beispiel Berlins. Konfrontiert mit eingeschränkten Arbeitsmöglichkeiten im Niedriglohnbereich des industriellen Sektors stelle dieser zunehmend eine, wenn auch prekäre, Überlebensstrategie gerade für Bevölkerungsgruppen mit Migrationshintergrund dar. Er wurde durch behördliche Verordnungen in den 1990er-Jahren formalisiert und seither als informelle Praxis polizeilich verfolgt. Diese Form politisch-administrativer Exklusion erschwere zugleich die vorsichtigen Ansätze zu einer Organisierung der so Marginalisierten. STEFAN WELLGRAF (TGK) ging auf die Lebenschancen der von den Veränderungen in den Arbeits- und Berufsstrukturen besonders betroffenen, gering qualifizierten Jugendlichen ein. Er orientierte sich für eine Analyse der geringen Möglichkeiten und Chancen sowie der Einstellungsmuster und Wertehaltungen sozial benachteiligter Jugendlicher in Berlin an einem multidimensionalen Ansatz der Betrachtung sozialer Ungleichheit.

Der nächste Konferenztag begann mit einem Panel, das nach der materiellen Realität des Postfordismus in der Stadt fragte und so besonders die Architektur und Stadtplanung in den Blick nahm. In diesem Zusammenhang konnte TRACY NEUMANN (NYU) deutlich aufzeigen, dass die immer wieder als postfordistisch verstandene Umgestaltung (schwer-)industrieller Kernregionen zum Teil eigenen lokalen Chronologien unterworfen ist. Am Beispiel des amerikanischen steelbelts um die ehemaligen Stahl-Städte Pittsburgh und Hamilton konnte sie aufzeigen, dass dort planerische Veränderungen, die letztlich zu Umnutzungen alter Industrielandschaften in Malls und Vergnügungseinrichtungen führten, bereits zu Beginn der 1960er-Jahre begonnen wurden. Zeitlich mehr in der Gegenwart angesiedelt waren die Vorträge von ALESSANDRO BUSÁ (TGK) und CORDELIA POLINNA (TGK). Busá verfolgte am Beispiel New Yorks, wie tief stadtplanerische Umgestaltungen in die Stadt und ihre soziale Struktur eingreifen, gerade wenn sie scheinbar nur auf die Verschönerung von Stadtteilen zielen. Postfordistische Stadtgestaltung, so betonte Busá, ist in New York zu einem Teil von investmentorientiertem Stadtmarketing geworden. Ganz ähnlich argumentierte Polinna in Bezug auf die urban renaissance in London, mit der die Stadt zwar für einige Gruppen attraktiver gemacht worden sei, zugleich aber soziale Exklusion zugenommen habe. HARALD BODENSCHATZ (TU Berlin) hingegen versuchte in seinem (in Vertretung von Dorothee Brantz (TU Berlin) gehaltenen) Vortrag der postfordistischen Stadt auch positive Aspekte abzugewinnen. Er legte die Entwicklung zu einem „dritten urbanen Zentrum“ dar und zeigte so, dass neueste, mit dem postfordistischen Umbruch assoziierte Entwicklungen der Kommunikationstechnologie gerade nicht zu einer Entwertung der Stadt führen.

Wie stark die Veränderungen der 1970er-Jahre das Leben der Menschen in der Stadt und vor allem in ihrem Wohnumfeld beeinflussten, war die Leitfrage eines Panels, das sich vor allem mit sozialem Wohnungsbau beschäftigte. Hier stellte MARIEKE VAN ROOY (TU Eindhoven) in ihrem Vortrag klar, dass klassische Chronologien von Fordismus/Postfordismus in den Niederlanden nur schwer Anwendung finden. Die öffentliche Hand finanzierte hier schon immer umfangreich Wohnprojekte und wandte sich bereits in den frühen 1960er-Jahren auch individualisierten Wohnformen zu, um auch diese zu unterstützen. Damit konnten die massive Kritik an den riesigen fordistischen public housing projects der USA, die zu Beginn der 1970er-Jahre aufkam, vermieden werden. Wie diese Kritik und die Probleme, die sie ansprach, jedoch zu deuten sind, ob sie gar im Zusammenhang mit einem postfordistischen Paradigmenwechsel stehen, sollte nach den Vorträgen von SABINE HORLITZ (TGK) und ARI SAMMARTINO (Oberlin College) noch einmal überdacht werden. Beide zeigten für bekannte große Sozialbau-Komplexe (Pruitt Igoe in St. Louis und Co-op City in der New Yorker Bronx) auf, dass deren Bewohner durchaus eine positive Identifikation mit ihren Häusern entwickelten und sich zur Durchsetzung der eigenen Rechte zusammen schlossen – mithin keine postfordistische Individualisierung vollzogen. Dass Pruitt Igoe, im Gegensatz zu Co-op City, nichts desto trotz nach nur kurzer Zeit abgerissen wurde hat, so Horlitz, politische Gründe und lässt sich nicht allein mit dem Scheitern des „fordistischen Modells“ des sozialen Wohnungsbaus erklären. Was jedoch passieren kann, wenn überhaupt kein Wohnraum zur Verfügung steht, verdeutlichte NICHOLAS ANASTASAKOS (Brown University) in seinem Vortrag zur homelessness in New York. Auch er betonte dabei die verstärkten gemeinschaftlichen Bemühungen und politischen Aktionen gerade der 1970er-Jahre, die sich auch gegen eine postfordistische Umgestaltung der (im Falle New Yorks: bankrotten) Stadt richteten.

Dass städtische Umgestaltungen einerseits auch in neuester Zeit durchaus erfolgreich sein können und andererseits historisch betrachtet oftmals ganz eigenen Chronologien folgen, legte SEAMUS O’HANLON (Monash University) am Beispiel eines kleinindustriell geprägten Viertels von Melbourne dar. An diesem Beispiel zeigt sich deutlich, dass auch in industrialisierten Gesellschaften die 1970er-Jahre nicht zwangsläufig der Einschnitt sein müssen, nach dem es kein produzierendes Gewerbe mehr gibt. Viel mehr kann man am Melbourner Beispiel einen recht sanften Übergang erkennen, der von einer rein gewerblichen Nutzung über eine Mischnutzung hin zur heute vorherrschenden Loftwohnung reicht. ANNE VOGELPOHL (TGK) untersucht gerade diese (potentiellen) Loftbewohner, wenn sie nach den Verwischungen zwischen Arbeit und Freizeit fragt und als Beispiel Musiker in Hamburg und New York anführt. An diesen zeige sich, so Vogelpohl, ein durchaus postfordistisch zu nennender Lebensentwurf: sie würden sich flexibilisieren, zu neuen Zeiten an neuen Orten der Stadt auftauchen und so kreative Netzwerke knüpfen, die wiederum dazu führten, dass Freizeit und Arbeit nicht mehr trennbar sind. Dieses könne man als postfordistisches Alltags-Leben bezeichnen. Bis zu welchem Grad solche Analysen immer auch einen Konstruktcharakter mit sich tragen, machte RIZA BARIS ÜLKER (TGK) in seinem Vortrag über ethnische Unternehmer deutlich. Die ihn in seiner Untersuchung türkischer Mittelstandsunternehmen in Berlin leitende Frage ist, ob ein spezifisches ethnisches Unternehmertum zuerst ein empirischer Befund oder doch viel mehr eine Zuschreibung ist. Diese wäre dann eine deutliche Reflexion postfordistischer Annahmen, führte Ülker aus. In der Diskussion zu diesem Panel zeigte sich, dass gerade Mikrountersuchungen neue Einsichten und Fragen zu einer generalisierenden Annahme, wie der eines postfordistischen Abschnitts der Stadtentwicklung, ergeben und daher nicht vernachlässigt werden dürfen.

Zum Abschluss wurde versucht, die sozialkritischen Befunde der Konferenz, die sich auf eine zunehmende Ökonomisierung politischer und kultureller Aspekte der Stadtentwicklung und auf eine zunehmende soziale und sozialräumliche Exklusion von benachteiligten Bevölkerungsgruppen konzentrierten, mit dem politisch-praktischem Engagement zu einer „gerechten Stadt“ zu verbinden. Um die Präsentation zweier Bücher herum, die wissenschaftliche Analysen der Stadt- und Metropolenforschung mit den Erfahrungen stadtpolitischer Initiativen zusammenführen[2], sowie an einem abschließenden „Runden Tisch“ mit Vertreterinnen und Vertretern der „Right to the City Alliance“ wurden Mittel und Wege zu einer sozial gerechten Stadtpolitik diskutiert. In Hinblick auf die Rolle der Stadt- und Metropolenforschung selbst schienen sich alle Beteiligten darin einig, dass sie sich als eine sozial engagierte Wissenschaft positionieren solle, die mit ihrer Forschung über Ungleichheitsverhältnisse in der Stadt aufklärt und auf deren Behebung drängt.

Rückblickend verdeutlichte die Konferenz zwei Umgangsweisen der gegenwärtigen Stadt- und Metropolenforschung mit der Scheidung einer fordistischen und einer postfordistischen Phase in der Stadtentwicklung. Der eine Weg führte über die Akzeptanz dieser Unterscheidung und nahm sie als Ausgangspunkt für eine Beschreibung gegenwärtiger Stadtentwicklungsprozesse. So konnten entscheidende Entwicklungen der jüngsten Vergangenheit, Deindustrialisierung, Deregulierung und Flexibilisierung, in den Blick genommen und reichhaltige Einsichten in das aktuelle Stadtgeschehen und die es formende Stadtpolitik gewonnen werden. Die Perspektive, dass Stadtentwicklungsprozesse heute den Trend hin zu einer „postfordistischen Stadt“ erkennen lassen, fungierte hier erfolgreich als eine forschungsleitende Klammer, die einerseits offen genug für die Vielfalt des Forschungsgegenstands Stadt und andererseits fokussiert genug für gemeinsame Aussagen der Stadt- und Metropolenforschung über Stadtentwicklungsprozesse heute war. Eine Grenze dieser Vorgehensweise allerdings lag ganz offensichtlich an den Stellen, die nicht aus einer vorangegangenen fordistischen Phase gesellschaftlicher Entwicklung heraus entwickelt werden konnten. Deutlich wurde, dass das Konzept „Postfordismus“ gegenwärtig sinnvoll nur für westliche Industriestaaten und deren Städte Anwendung finden kann, also stark eurozentristisch ist. Die Stadtentwicklungsprozesse in den Megacities des global south beispielsweise fallen somit völlig aus der Betrachtung.

Der andere Weg war die Gegenerzählung. Die Unterscheidung einer fordistischen und einer postfordistischen Phase der Stadtentwicklung gab hier einen Idealtyp der Stadt- und Gesellschaftsentwicklung der letzten Jahrzehnte, gegen den erkenntnisfördernd eine Realentwicklung der anderen Brüche und Kontinuitäten in der Stadtgeschichte gestellt wurde. „Postfordismus“ ist für diesen Ansatz weniger erkenntnisleitendes Konzept, denn als ein zu kritisierendes Konstrukt gewesen.

Indem diese beiden Herangehensweisen an den Übergang von Fordismus zu Postfordismus in den 1970er-Jahren und an die Perspektive „postfordistische Stadt“ auf der Konferenz vertreten waren, zeigte sich ein komplexes Bild der Stadtforschung. Einen funktionierenden und fruchtbaren Dialog über diese verschiedenen Sichtweisen angeregt und zugleich eine gemeinsame Diskussionsbasis über die neueste Geschichte der westlichen, postindustriellen Stadt bereitgestellt zu haben, kann als das Verdienst der Konferenz begriffen werden.

Konferenzübersicht:

Keynote Lecture: David Harvey (New York): “The Right to the City”

PANEL 1: Historicizing Postfordism: Was There Really a Break in the 1970s?; Chairs: Mary Nolan (New York), Oliver Schmidt (Berlin)
William Sites (Chicago): So When, Exactly, Was Black Fordism? Race, History and Urban Theory
Ralph Blessing and Mary Rocco (Hunter/CUNY): Postfordist Urbanism and the Changes in Academic Planning
Stefan Höhne (Berlin): Efficiency in Movement. Fordist Ideologies in Contemporary Urban Transit
Lukasz Stanek (Delft): The Emergence of Urban Society? The Research of the Institut de Sociologie Urbaine (1962–1974)

PANEL 2: Changing Spatial Patterns: From Center to Periphery and vice versa?; Chairs: Allison L. C. de Cerreño (New York), Doreen Jakob (Griffith University)
Andrew Needham (New York): Power Plants, Landfills, and Vacation Homes: Hinterland Social Inequality and the Modern Metropolis
Meredith Ten Hoor (Princeton): Building a Postfordist Market? Architecture, Food, and Information in the Transfer from Les Halles to Rungis
Johanna Schlaack (Berlin): Airport City versus Airport Suburbia: Emerging Forms of Postfordist Urban Growth
Wolfram Hoefer (Rutgers): ‘The Oranges in New Jersey’ - Searching for the Postfordist City in the Design Studio

PANEL 3: Producing and Consuming Culture: The Fordist Versus the Postfordist City?; Chairs: Sharon Zukin (CUNY), Mark Naison (Fordham)
Miriam Greenberg (Santa Cruz): Urban Branding and the Postfordist City: The Case of New York City in the 1970s
Michael Ralph (New York): The Hip Hop Generation’s Postindustrial Politics
Kristina Graaff (Berlin): Testimony, Self-Commodification, and Entrepreneurialism: Street Literature as Product and Producer of the Postfordist Condition
Ingo Bader (Berlin): Is the Music Industry a Prototype for the Postfordist Economy?

PANEL 4: Security and Urban Warfare: A New Dimension of Postfordism?; Chair: Dorothee Brantz (Berlin)
Peter Marcuse (Columbia): Controlling the City: The Criminal Justice System Today
Ashley Dawson (CUNY): Adjusted Cities and the Urban War Machine

PANEL 5: New Paradigms of Urban Interaction: What is Postfordist Social Inequality?; Chairs: John Mollenkopf (CUNY), Ayala Fader (Fordham)
Margit Mayer (Berlin): From Fordist Inequality to Postfordist Exclusion and Inclusion
Noa Ha (Berlin): Public Space as Space of Labor, Street Vending in the Postfordist City
Stefan Wellgraf (Berlin): Conceptualizing Postfordist Social Inequality: Lessons from Ethnographic Research of Marginalized Urban Youth in Berlin"

PANEL 6: Architecture and the Spatiality of Late 20th-Century Urbanism: How has the Appearance of Cities Changed Since the 1970s?; Chairs: Christine Boyer (Princeton), Peter Marcuse (Columbia)
Tracy Neumann (New York): 'Goodbye, Steeltown'?: Postindustrial Urban Landscapes in the Great Lakes Region
Alessandro Busá (Berlin): Urbanity Sells, and Comes from Above: Rezoning, Rebranding and Auctioning Harlem’s Main Street
Cordelia Polinna (Berlin): Urban Renaissance London: A New Urban Design Paradigm for the City Center
Harald Bodenschatz (Berlin): Contours of a ‘Third Center’ in the European Metropolis

PANEL 7: Social Housing – No Future in the Post-Fordist City?; Chairs: Owen Gutfreund (Columbia), Nicholas Bloom (New York)
Marieke van Rooy (Eindhoven): Public Housing at a Turning Point: The Netherlands, 1960-1980
Ari Sammartino (Oberlin): Co-op City, Crisis and Community, 1965-1975
Sabine Horlitz (Berlin): The Construction of a Blast: No Random Crisis. The 1972 Demolition of the Pruitt-Igoe Public Housing Project.
Nicholas Anastasakos (Brown): Reconstituting the Fringe: The Political Culture of Homelessness in Manhattan, 1972-1979

PANEL 8: The City as a Place of Work and Leisure: How Did Postfordism Affect Urban Practices?; Chairs: Wolfgang Kaschuba (Berlin), Hasia Diner (New York)
Seamus O’Hanlon and Tony Dingle (Monash): From Manufacturing Zone to Crisis Zone to Lifestyle Precinct: Economic Restructuring and Social Change in Inner Melbourne, 1971-2001
Anne Vogelpohl (Berlin): Blurring Spheres of Life: Challenges for Work and Play in the Postfordist City
Riza Baris Ülker (Berlin): Ethnic Entrepreneurship as a Postfordist Reflection
Clara E. Rodriguez (Fordham): Latinos on TV and in Film in Pre and Post Fordist NYC

PANEL 9: Searching for the Just City, Fighting for a Right to the City

Book Presentations and Roundtable Discussion

Notes:
[1] Das Transatlantische Graduiertenkolleg wird von der Humboldt-Universität zu Berlin, der Freien Universität Berlin und der Technischen Universität Berlin getragen. Kooperationspartner in New York City sind die Columbia University, die City University New York, die Fordham University und die New York University. Einen Überblick über Kolleg und Konferenz gibt der Internetauftritt des CMS (<http://www.metropolitanstudies.de> (01.11.2008)).
[2] Peter Marcuse / James Connolly / Johannes Novy / Ingrid Olivio / James Potter / Justin Steil (Hrsg.), Searching for the Just City. Debates in Urban Theory and Practice, London u.a., Routledge 2009; Tom Angotti, New York for Sale. Community Planning Confronts Global Real Estate, Cambridge, MA, The MIT Press, 2008.

Zitation
Tagungsbericht: In Search of the Postfordist City: Concepts and the Meaning of Urban Space and Society, 25.09.2008 – 27.09.2008 New York, in: H-Soz-Kult, 29.11.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2380>.