HT 2008: Dresden und die unbekannten Toten

Ort
Dresden
Veranstalter
Landeshauptstadt Dresden, Kommission zur Ermittlung der Zahl der Todesopfer während der Luftangriffe vom 13. bis 15. Februar 1945; Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD)
Datum
30.09.2008 - 03.10.2008
Von
Holger Starke, Stadtmuseum Dresden, Museen der Stadt Dresden

Auf einem Historikertag eine Diskussion über „Dresden und die unbekannten Toten“ zu führen, erscheint auf den ersten Blick ungewöhnlich. Nicht nur wegen der Konzentration auf ein Teilproblem eines Ereignisses in einer Stadt, sondern auch, weil keines der neun Referate Bezug zum Motto „Ungleichheiten“ herstellte. Auf den zweiten Blick erscheint es jedoch durchaus gerechtfertigt, dass am Ort des Ereignisses auch der Bericht der „Kommission zur Ermittlung der Zahl der Todesopfer während der Luftangriffe vom 13. bis 15. Februar 1945“ zur Diskussion kam. Erstens steht die Erzählung von der Zerstörung Dresdens exemplarisch für Gleichheiten und Ungleichheiten der Erinnerungskultur in Ost und West. Zweitens offenbart sich hieran in prägnanter Weise ein der Zeitgeschichte inhärentes Problem: das der Ungleichheit und des Widerstreits von individueller Erinnerung und den Ergebnissen zeithistorischer Forschung. Wobei für die Dresdner Überlebenden der Gegensatz zur Geschichtserzählung der SED bestimmend war, denn freie wissenschaftliche Forschung über dieses Ereignis hat es in der DDR nie gegeben.

In geschichtspolitischer Hinsicht reicht die Bedeutung der Debatte über die Zerstörung Dresdens weit über die Stadtgrenzen hinaus. Bis zum heutigen Tag ist der Name der Stadt ein weltweit abrufbares Symbol für die Vernichtungskraft und die Schrecken des modernen (Luft-) Krieges. Die Geschichte von ihrer Zerstörung steht für den Wandel einer kollektiven Erzählung, für deren Lösung von den historischen Fakten und ihren Transport in einen für rationale Erklärungen kaum noch erreichbaren Erzählraum. Sie steht aber auch für den Prozess von Versöhnung und Vergebung, für den demokratischen Aufbruch in der DDR, die Einbindung der Opferperspektive und die Neuausmittelung der Positionen auf demokratischer Grundlage, wie sie im Diskurs über den Bombenkrieg in Dresden und innerhalb der bundesdeutschen Gesellschaft in den 1990er-Jahren erfolgte.[1]

Die Zweifel an der Zahl der Luftkriegsopfer waren damit jedoch nicht ausgeräumt; sie dienten in der Folgezeit rechtsextremen Kräften zur Relativierung der Kriegsschuld und des Holocaust. Daraufhin beauftragte der Dresdner Oberbürgermeister Ingolf Roßberg 2004 eine „Historikerkommission“ unter der wissenschaftlichen Leitung von Rolf-Dieter Müller (Militärgeschichtliches Forschungsamt der Bundeswehr) mit einer umfassenden Untersuchung. Interdisziplinäre Arbeitsweise, Methodenvielfalt und Forschungstransparenz zeigten sich in der Vielzahl von Professionen der in der Kommission vertretenen Fachleute (Historiker, Militärhistoriker, Publizisten, Museumsfachleute, Archivar, Archäologe, Ingenieur), in der methodischen Vielfalt der Teilprojekte bzw. bei der öffentlichen Diskussion der Methoden und ersten Forschungsergebnisse.[2] Im Januar 2007 präzisierte der Stadtrat Arbeitsschwerpunkte und Ziele und stellte die Finanzierung des Vorhabens auf eine sichere Grundlage.

Auf dem Historikertag 2008 wurde der vorläufige Abschlussbericht vorgestellt.[3] Vorbehaltlich noch ausstehender Teilergebnisse legte sich die Kommission auf die Zahl von maximal 25.000 Toten bei den Luftangriffen im Februar 1945 in Dresden fest. Die etwas überraschende Feststellung – war doch die Zahl von etwa 35.000 Toten noch lange Zeit nach 1990 weitgehend unbestritten geblieben – war Ausgangspunkt für das Referat von THOMAS WIDERA (Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung, Dresden). Er skizzierte, auf Grundlage der Pionierarbeiten von Matthias Neutzner, die Rezeptionsgeschichte des Ereignisses und die Genese der Opferzahlen. Die Zahl von ca. 35.000 Toten, wie sie bis zum Ende der DDR offiziell galt, war demnach bereits 1946 durch eine auf Veranlassung der sowjetischen Stadtkommandantur einberufene, vom späteren Oberbürgermeister Walter Weidauer (SED) geleitete Kommission festgestellt worden. Da Quellen und Methoden jedoch nicht völlig offen gelegt wurden und in der Öffentlichkeit bereits die von der NS-Propaganda lancierte, stark überhöhte Zahl kursierte, blieb Raum für Spekulationen. Genährt wurden diese durch widersprüchliche Angaben sowie Fälschungen in Sachbüchern und Erinnerungsberichten in der Folgezeit. Der Umstand, dass der freie Zugang zu den Dresdner Akten nicht gegeben war, verhinderte bis 1990 eine Überprüfung, zumal wichtige Bestände, wie THOMAS KÜBLER (Stadtarchiv Dresden) ergänzte, erst danach erschlossen wurden.

ROLF-DIETER MÜLLER (Militärgeschichtliches Forschungsamt der Bundeswehr, Potsdam), Leiter des Teilprojekts „Prüfung der relevanten dokumentarischen Überlieferung/Genesis der Totenzahl“, unterzog die in jüngerer Zeit publizierten Erinnerungsberichte früherer Wehrmachtsoffiziere, in denen sehr hohe Opferzahlen auftauchen, der Kritik und ordnete diese zu Recht der Rezeptionsgeschichte zu. Ausgehend von der militärischen Lage vor dem Luftangriff und den Aufgaben der Wehrmachtkommandantur wies er schlüssig nach, dass die Befehlshaber vor Ort nicht in der Lage waren, sich einen genauen Überblick über die Zahl der Toten zu verschaffen. Keine einzige Quelle militärischer Provenienz lässt zudem Schlüsse auf höhere Zahlen als auf jene Zahlen zu, die damals im Generalstab des Heeres kursierten (25.000 bis 35.000).

HELMUT SCHNATZ (Koblenz) bot eine quellenkritische Analyse des öffentlichen Diskurses am Beispiel der Berichte über Tieffliegerangriffe. In Anknüpfung an die 1977 erstmals von Götz Bergander (Berlin) hieran geäußerten Zweifel hatte Schnatz 2000 ein Buch zum Thema vorgelegt.[4] Seine Kernaussage, dass es im Elbtal zwar Luftkämpfe gegeben hat, jedoch keinen systematischen Bordwaffenbeschuss auf Zivilisten, erfuhr nunmehr durch eine Vor-Ort-Untersuchung einer Arbeitsgruppe des Militärhistorischen Museums unter Leitung des Militärhistorikers Wolfgang Fleischer (Dresden) Bestätigung. Gemeinsam mit dem Kampfmittelräumdienst Sachsen waren, auf der Basis von 103 kartierten Augenzeugenberichten, sechs Verdachtsflächen untersucht worden, ohne dass Bordwaffenmunition gefunden worden wäre. Anschließend stellte Schnatz seine bereits 2006 im Detail präsentierte, vergleichende Analyse der Wirksamkeit britischer Flächenangriffe vor. Die methodisch bestechende Studie stellte die in 245 Angriffen durch Flugzeuge der Royal Air Force (RAF) auf deutsche Städte abgeworfene Bombenlast in Beziehung zur Zahl der Todesopfer. Das Ergebnis dieses Vergleichs lässt nur den Schluss zu, dass die Opferzahl in Dresden nicht höher als bisher angenommen (35.000) gewesen sein kann.

Ein innovatives Vorhaben, die „Statistisch-Geografische Analyse“, stellte der Ingenieur, Historiker und Publizist MATTHIAS NEUTZNER (Dresden) vor. Mit seinem Forschungsansatz, Massendaten der „Einzelfallperspektive“ zu erfassen, zeitlich und geografisch zu verorten und sie zu aggregierten Daten der Verwaltung in Beziehung zu setzen und damit auch die Qualität der dokumentarischen Überlieferung zu prüfen, beschritt Neutzner methodisches Neuland. Als Zwischenergebnisse präsentierte er die partielle Korrektur, Neubewertung bzw. Bestätigung von Teilzahlen und die Rekonstruktion des Ablaufs von Bergung, Registrierung und Bestattung der Toten in Grundzügen. Fallstudien zu drei Straßenzügen zeigen das große Potenzial des Forschungsansatzes. Nach bisherigem Stand des Teilprojekts sind mehr als 18.000 Opfer nachgewiesen, wobei sich die Zahl auf maximal 25.000 erhöhen kann. Die Dimension des Vorhabens erfordert zwar einen langen Atem, lässt jedoch, nach Georeferenzierung und Verknüpfung der Personendaten mit anderen Daten wie denen der Infrastruktur, weit reichende Erkenntnisse über das ursprüngliche avisierte Ziel hinaus erwarten.

THOMAS WESTFALEN (Archäologisches Landesamt Sachsen, Dresden) berichtete über die mit dem Ziel der Altersbestimmung seit 1993 vorgenommene Untersuchung der Keller in der Altstadt. Nach Abschluss eines Fünftels der Arbeiten hat sich bestätigt, dass die Keller nach dem Krieg systematisch beräumt, enttrümmert und versiegelt worden sind. Die Rekonstruktion des Brandgeschehens hat ergeben, dass eine rückstandsfreie Verbrennung menschlicher Körper nicht stattgefunden hat und somit die Dunkelziffer von nicht in den Akten verzeichneter Toter für die Innenstadt vernachlässigbar ist.

RÜDIGER OVERMANS (Freiburg), Leiter des Teilprojekts „Statistiken im Vergleich“, machte die bislang weitgehend ignorierten Quellen der Vermisstenforschung aus den Bereichen Personenstandswesen und Suchdienste zur Grundlage seiner Studie. Die Gesamtzahl der beim Standesamt Dresden verzeichneten und außerhalb der Stadt angezeigten Opfer der Luftangriffe vom 13.-15.2.1945 führte er mit den auf der Grundlage repräsentativer Stichproben gewonnenen Zahlen aus den beim Kirchlichen Suchdienst geführten Heimatortskarteien für Schlesien und dem seit 1938 beim Standesamt Berlin I geführten „Buch für Todeserklärungen“ zusammen. Damit gelang ihm sowohl die Bestätigung der Zahl von ungefähr 20.000 Toten, wie sie durch Leichenfunde belegt ist, als auch der erste schlüssige Nachweis dafür, dass sich Flüchtlinge aus Schlesien nur vereinzelt unter den Todesopfern der Luftangriffe befunden haben. Die Gesamtzahl der in Berlin verzeichneten zivilen Todesopfer seit 1938 lässt zudem den Schluss zu, dass weit höhere Opferzahlen ausgeschlossen werden können.

Die Historikerin NICOLE SCHÖNHERR (Stadtarchiv Dresden) berichtete eingangs von der aufwändigen, jedoch kaum ertragreichen Befragung von Archiven und Meldeämtern in der Dresdner Umgebung. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit standen jedoch die Auswertung von ungefähr 1.500 lebensgeschichtlichen Berichten/Interviews und die Quantifizierung relevanter Angaben, wovon bisher ein Viertel abgeschlossen werden konnte. Neu angefertigt wurden, nach Erarbeitung eines Auswahl- und Fragenkatalogs, 40 Interviews. Nicht unproblematisch erscheint, dass sich die Zeugnisse (Eigenbericht, Telefoninterview, Interview) hinsichtlich Quellenwert und Entstehungszusammenhang unterscheiden und die Mehrzahl erst in den 1990er-Jahren entstanden ist. Es ist anzunehmen, dass die erfassten Daten nur „das Bild subjektiver Erinnerung verdichten“ (Rolf-Dieter Müller). ALEXANDER VON PLATO (Institut für Geschichte und Biografie, Hagen), Leiter des Teilprojekts „Oral History“, wies jedoch darauf hin, dass im Einzelfall auch weiterführende Erkenntnisse möglich sind. So haben präzise Nachfragen für einzelne Straßen, hochgerechnet auf die Stadt, die mit anderen Methoden festgestellte Höchstzahl von 25.000 Toten mit erstaunlicher Genauigkeit bestätigt.

Der für Veranstaltungen mit diesem Thema in Dresden ungewöhnlich sachliche Verlauf war nicht nur das Ergebnis zuvor getroffener Sicherheitsvorkehrungen und der rücksichtsvollen Ansprache der Zeitzeugen durch die Referenten. Offensichtlich honorierte das Publikum damit auch die überzeugenden Forschungsergebnisse.[5] Es wird nun an den Dresdnern liegen, wie sie sich der Ergebnisse des Abschlussberichts, der 2009 erscheinen soll, bedienen werden. Die geschichtspolitischen Differenzen sind damit nicht beigelegt, wie die Ankündigung eines Aufmarschs von Rechtsextremisten zum 13. Februar 2009 und der darüber in der Stadtgesellschaft ausgebrochene Streit über die „richtige“ Reaktion bzw. Äußerungen über das „richtige“ Gedenken zeigen.

Sektionsübersicht:

Rolf-Dieter Müller (Potsdam/Berlin): Dresden und die Rolle des Militärs

Thomas Widera (Dresden): Rezeptionsgeschichte und Genesis der Opferzahlen

Thomas Kübler (Dresden): Relevante Quellen für die Historikerkommission im Stadtarchiv Dresden

Thomas Westfalen (Dresden): Grabungsfunde im Zentrum von Dresden

Helmut Schnatz (Koblenz): Quellenkritische Überprüfung von öffentlichen Diskursen

Rüdiger Overmans (Freiburg): Statistische Erhebungen zu Kriegsflüchtlingen und –opfern

Matthias Neutzner (Dresden): Statistisch-geografische Analyse der Bergung, Bestattung und Registrierung von Luftkriegstoten nach den Luftangriffen auf Dresden vom 13. bis 15. Februar 1945

Alexander von Plato (Stade): Die Bombardierung Dresdens im Gedächtnis von Dresdnern

Nicole Schönherr (Dresden): Erfassung und Auswertung der subjektiven Erinnerungszeugnisse zum 13.-15. Februar 1945

Anmerkungen:
[1] Vgl. Matthias Neutzner, Vom Alltäglichen zum Exemplarischen. Dresden als Chiffre für den Luftkrieg der Alliierten, In: Das rote Leuchten. Dresden und der Bombenkrieg, Oliver Reinhard / Matthias Neutzner / Wolfgang Hesse (Hrsg.), Dresden 2005, S. 110-127; ders., Vom Anklagen zum Erinnern. Die Erzählung vom 13. Februar, in: ebd., S. 128-163.
[2] Tagungsbericht Quellen zum 13. Februar 1945. Arbeitsmethoden der Historiker. 26.04.2006, Dresden. In: H-Soz-u-Kult, 20.07.2006, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=1254>(19.01.2009).
[3] Vgl. Erklärung der Dresdner Historikerkommission zur Ermittlung der Opferzahlen der Luftangriffe auf die Stadt Dresden am 13./14. Februar 1945, hrsg. v. d. Landeshauptstadt Dresden. Die Oberbürgermeisterin, 1.10.2008, Download unter <http:// www.dresden.de/media/pdf/presseamt/
Erklaerung_Historikerkommission.pdf> (26.11.2008).
[4] Helmut Schnatz, Tiefflieger über Dresden? Legenden und Wirklichkeit, Köln 2000.
[5] Auf der öffentlichen Abendveranstaltung meldete sich noch Kommissionsmitglied und Luftkriegsexperte HORST BOOG (Stegen) mit einem Beitrag zur Bewertung der Luftkriegsführung unter rechtshistorischen und moralischen Aspekten zu Wort.

Zitation
Tagungsbericht: HT 2008: Dresden und die unbekannten Toten, 30.09.2008 – 03.10.2008 Dresden, in: H-Soz-Kult, 04.12.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2403>.
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Veröffentlicht am
04.12.2008
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