Verwandlungen des Stauferreichs. Innovationsregionen im mittelalterlichen Europa

Ort
Mannheim
Veranstalter
Curt Engelhorn Stiftung für die Reiss-Engelhorn Museen Mannheim; Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz; Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Datum
30.10.2008 - 01.11.2008
Von
Stefan Burkhardt, Historisches Seminar, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg; Brunhilde Leenen, Historisches Institut, Otto-Friedrich-Universität Bamberg;

„Verwandlungen des Stauferreichs – Innovationsregionen im mittelalterlichen Europa“: Unter diesem Titel fand vom 30. Oktober bis zum 01. November 2008 im Zeughaus der Reiß-Engelhorn-Museen in Mannheim eine internationale wissenschaftliche Tagung statt, die der Vorbereitung der großen Stauferausstellung in Mannheim und Palermo im Jahr 2010 diente. Dazu eingeladen hatten die Curt Engelhorn-Stiftung Mannheim, vertreten durch Prof. Dr. Alfried Wieczorek, die Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, vertreten durch Generaldirektor Thomas Metz, sowie das Institut für Fränkisch-Pfälzische Geschichte und Landeskunde der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, vertreten durch Prof. Dr. Bernd Schneidmüller und Prof. Dr. Stefan Weinfurter.
Einleitend definierte STEFAN WEINFURTER (Heidelberg) die Handlungsmöglichkeiten staufischer Könige und Kaiser, Wechselwirkungen zwischen imperialer Herrschaftsautorität und den Ordnungskonfigurationen des Reiches und die Frage nach den Kernregionen staufischer Herrschaft. Als solche benannte er drei Landschaften, deren Ausnahmestellung bereits Chronisten des 12. Jahrhunderts herausstellten. In modernen geografischen Vorstellungen wiedergegeben waren dies der Rhein-Main-Neckar-Raum sowie Oberitalien und Süditalien, die thesenartig als Innovationsregionen charakterisiert wurden.

Wer waren die Staufer? Welche Bilder zeichnet die Überlieferung von ihnen? Diesen Fragen näherten sich unter der Sektionsüberschrift „Bilder der Staufer und ihre Gegenbilder“ drei Vorträge, die mit verschiedenen Quellentypen operierten. Staufische Grablegen und ihre Bedeutung als Erinnerungsorte nahm OLAF RADER (Berlin) in den Blick und zeichnete dabei staufische Protagonisten als Bedeutungsträger, die bis in moderne Zeiten wirken. Bei seiner Klassifizierung in sechs Hauptkategorien kam Rader zu dem Ergebnis, dass nur Speyer und Palermo als Grablegen der Staufer mit überregionaler Bedeutung Erinnerungsorte waren, die sich in späterer Zeit zu nationalen Bezugsgrößen entwickelten. Gleichwohl kommt auch den ‚imaginären’ Erinnerungsorten ein besonderer Stellenwert zu. Diese Bedeutung liegt in einer Mythisierung von Herrschergestalten wie Friedrich Barbarossa begründet und ist mit der Frage verknüpft, ob in diesen Fällen die Gebeine oder der Ort der Bestattung Bedeutungsträger waren.
Bei seiner Antwort auf die Frage „Federiciano o no?“ räumte VALENTINO PACE (Udine) in seinem Beitrag gründlich mit manchen Vorstellungen auf. Die ältere Forschung hatte eine Reihe von Büsten und Bildnissen mit diesem Prädikat versehen und sie als Darstellung Friedrichs II. ausgegeben. Pace billigte diese Charakterisierung für eine Reihe von Bildern, darunter für jene auf den Augustalen oder für die Büste von Barletta. Für die Mehrzahl der als friederizianisch postulierten Plastiken, beispielsweise die Köpfe aus Berlin oder Acerenza, lehnte er sie jedoch kategorisch ab und entlarvte sie teilweise als Imitationen oder Fälschungen. Gerade in der Diskussion trat dabei deutlich die Definitionsproblematik des Begriffs ‚federiciano’ hervor.
Mit den Bildern der staufischen Herrscher in der Historiographie befasste sich HEINZ KRIEG (Freiburg). Besonders unter Friedrich I. stellte er einen Wandel der Werte und Leitbilder, eine Änderung des Herrscherideals fest, das neben christlichen Tugenden auch ritterliche Ideale betonte. Als innovativ kennzeichnete Krieg dabei das wache Interesse Ottos von Freising an der frühnationalen Bewegung seiner Zeit. Unter Heinrich VI. fehlen historiographische Darstellungen aus dem direkten Umfeld des Hofes fast vollständig. Dies trägt zu einer signifikanten ‚Verdunkelung’ des Herrscherbildes bei, wenn der Quellenmangel auch nicht als ausschließliche Ursache zu sehen ist. Das 13. Jahrhundert zeigt eine zunehmende Tendenz der Entwicklung von einer universal geprägten Heilsgeschichtsschreibung zu einer kleinteiligeren Historiographie des Reiches, der Territorien und der Städte, in welcher der Kaiser zu einer Randfigur mutiert.

In der zweiten Sektion „Eine Region wird eine Region“ widmete sich zunächst NICOLANGELO D’ACUNTO (Brescia) „Oberitalien: Politik, Kommunen, Wirtschaft“. Diese geografisch eher schwer zu fassende Region stellte sich im 12. und 13. Jahrhundert als enges Netz bedeutender Städte mit kirchlichen und weltlichen Zentralfunktionen dar, die durch die Angehörigen der bedeutenden feudalen Familien untereinander und mit ihrem jeweiligen comitatus verknüpft wurden. Die in das Umland ausgreifenden Territorialisierungsprozesse der Kommunen standen in enger Wechselwirkung mit der Differenzierung ihrer internen Organisationsstruktur und ihrer Identitätsfindung im Kampf gegen Friedrich Barbarossa – Entwicklungen, die sich insbesondere an den in antike Formen gekleideten kommunalen Freiheits- und Friedensidealen auskristallisierten. Die Genese raumübergreifender politischer Institutionen blieb in der Lombardei zwar aus, jedoch führte die Zirkulation der Führungsschicht im Podestà-Amt zur Verbreitung von Erfahrungswissen und einer gewissen strukturellen Konvergenz.
WOLFGANG STÜRNER (Stuttgart) wählte „Süditalien: Herrschaftsorganisation nach zentralistischem Muster“ als Vortragsthema. Als zeitübergreifende Aufgabenstellung an die Könige dieser Region kann man, so Stürner, die Überwindung der strukturellen Trennung von Insel und Festland ansehen. Bekanntermaßen intensivierten sich insbesondere unter Friedrich II. diese Bemühungen in rechtlicher, wirtschaftlicher und verwaltungstechnischer Hinsicht in beispielloser Weise, wobei jedoch immer auch eine gewisse Spannung zu den weiterhin starken gewohnheitsrechtlichen Traditionsgeflechten bestand. Die vereinheitlichende Zuordnung des Königreiches auf den Herrscher erwies sich allerdings vor allem dann als problematisch, wenn mit dem Königtum auch die staatliche Organisation zerfiel.
GEROLD BÖNNEN (Worms) skizzierte in seinem Vortrag „Rhein-Main-Neckar-Region: Herrschaftsorganisation nach konsensualem Muster“ die Eigenarten dieser durch den Rhein geprägten „offenen Landschaft“, die sich vor allem in der dichten Verschränkung von Städtelandschaft und Königsherrschaft zeigten. Verbindendes Charakteristikum der „Leistungsträger“ dieser Region, der Bischofsstädte, war ihre stark konsensual orientierte interne Herrschaftsorganisation. Ein besonderes Innovationspotential entstand hier durch die Kombination unterschiedlicher Faktoren, unter denen insbesondere auch die überörtliche Vernetzung der jüdischen Gemeinden, die Erweiterung des städtischen Handlungsspielraums durch Städtebünde und die Orientierung des kollektiven Handelns an einer wirkmächtigen Friedensidee zu nennen sind.

Mit Netzwerken und Verkehr befassten sich zwei Vorträge, die Verbindungen, Kommunikation und Austausch zwischen Nord und Süd in den Blick nahmen. PETER THORAU (Saarbrücken) konzentrierte sich dabei auf die Frage der Durchsetzung von Herrschaft und der politischen und militärischen Präsenz der Staufer in Italien. Die Heerfahrten sowie der Warenaustausch mit den oberitalienischen Städten zeigten sich dabei als wesentliches Element des Transfers. Die Präsenz der Staufer in Italien war von unterschiedlichem Erfolg geprägt, wobei der Höhepunkt zweifelsohne in der Zeit Barbarossas lag. Als innovativ ist dabei sicher der Versuch der Herrschaftsgestaltung durch den Einsatz und die Promotion von Ministerialen zu werten, die über die Stauferzeit hinaus aber kaum Spuren hinterließ.
HUBERT HOUBEN (Lecce) zeigte die Vielfalt der Transferebenen von Süd nach Nord auf: das päpstliche Gesandtschaftswesen, das Pilgerwesen, das Mönchtum, den Hof. Eine signifikante Steigerung erfuhr der Austausch seit der Angliederung des Königreichs Sizilien an das Imperium. Besonders der multiethnische Impuls, der vom Hof Friedrichs II. ausging, ist hier hervorzuheben. Über das Netzwerk der Zisterzienser diffundierten die Ideen Joachims von Fiore in den nordalpinen Raum. Für den Süd-Nord-Transfer durch die Bettelorden und hier besonders durch die Dominikaner ist das Wirken Albertus’ Magnus ein wichtiger Indikator.
In seinem Kommentar analysierte RAINER CHRISTOPH SCHWINGES (Bern) die Transferelemente zwischen den drei als Innovationsregionen gekennzeichneten Räumen. Er konstatierte ein kulturelles Gefälle von Süden nach Norden, das im Anschluss vor allem auch in Bezug auf Vermittlungsmöglichkeiten in der Ausstellung intensiv diskutiert wurde.

Die vierte Sektion stellte Konflikte in das Zentrum ihrer Betrachtung. STEFFEN PATZOLD (Tübingen) behandelte „Konflikte im Reich“. Anhand der Analyse dreier Konflikte – der Auseinandersetzung zwischen Konrad III. und Heinrich dem Stolzen, der Tübinger Fehde und dem Sturz Heinrichs des Löwen – warf er die Frage auf, inwieweit in der Stauferzeit Wandlungen im Konfliktaustrag feststellbar sind. Als problematisch sah Patzold vor allem die Forschungsstrategie, aus isolierten, den Gesamtkontext nicht berücksichtigenden Quellenstellen gleichsam eine eigene, „dritte“ Geschichte zu konstruieren und hieraus – unter Rückgriff auf ethnologisch geprägte Erklärungsmodelle – auf bestimmte Entwicklungsprozesse zu schließen. Da die Motivauswahl zur Deutung der Konflikte letztlich Sache des einzelnen Autors war, sollte man die jeweiligen Werke auch eher als „Überreste von Überzeugungen“ betrachten.
CHRISTOPH DARTMANN (Münster) zentrierte seinen Beitrag auf die „Konflikte in Oberitalien“. Gegenüber den lange Zeit dominierenden, auf Kommunen oder Kaiser fokussierten Geschichtsbildern und Forschungsansätzen betonte Dartmann die Bedeutung, die der Untersuchung der symbolischen Kommunikation und der Herrschaftspraxis auf der lokalen Ebene zukommt. Anhand des Beispiels Volterra betrachtete er Konfliktebenen, Konfliktkonstellationen sowie Wege der Konfliktregulierung und konnte so die geradezu konzeptionslose Kontingenz und das instabile Gleichgewicht der lokalen Verhältnisse klar nachzeichnen, innerhalb derer etwa dem Kaisertum eine höchstens punktuell wirksame, periphere Rolle geringer Reichweite zukam.
Für den verhinderten Theo Broekmann (Kassel) behandelte GEORG VOGELER (München/Lecce) in seinem Beitrag „Konflikte in Süditalien“, die den Eindruck einer langen Kette erweckten, jedoch in unterschiedlichen Dimensionen und Kontexten (etwa Konflikte zwischen Adel und „Zentrale“, Konflikte zwischen Angehörigen mächtiger Familien sowie Konflikte um städtische Freiheiten und religiös-ethnische Konflikte) standen. Anhand von sechs Beispielen zeigte Vogeler, dass die brisantesten Konflikte auf der lokalen Ebene kaum durch die „Großkonflikte“ zwischen Papst und Kaiser ausgelöst wurden, sondern häufig eine persönliche Komponente hatten, längere Zeit schwelten und erst durch die Einbeziehung externer Mächte in lokale Auseinandersetzungen eskalierten.
Unter sehr verschiedenartiger Schwerpunktsetzung wurden die Themen der Spiritualität und der Wissenszentren in den Blick genommen. MATTHIAS UNTERMANN (Heidelberg) stellte die Frage nach der Innovationskraft der Zisterzienserbaukunst. Das zisterziensische Bauideal hatte nur in Burgund und England eine nachhaltige Wirkung entfaltet. In Süddeutschland, Ober- und Unteritalien fand Untermann hingegen lediglich eine eingeschränkte Umsetzung in Abstufungen, die sich beispielsweise im Zitieren zisterziensischer Bauformen als Ausdruck der heilswirksamen uniformitas äußerte. Die Neuartigkeit der Ordensbaukunst sah Untermann eher im Festhalten an traditionellen Formen begründet, die gleichzeitig eine Durchsetzung von Neuerungen verhinderte.
Über die neuen Formen der Frömmigkeit und die Armutsbewegung am Ende des 12. und im 13. Jahrhundert referierte CRISTINA ANDENNA (Matera/Dresden). Sie zeigte die Wechselwirkungen der von der vita apostolica geprägten, sehr vielschichtigen Bewegung mit den durch neue Wirtschaftsformen bedingten gesellschaftlichen Veränderungen. Ein wesentlicher Aspekt war dabei die starke laikale Beteiligung an karitativen Werken. Die Ausbreitung dieser Ideen verdankte sich der Integration unterschiedlicher Strömungen in das System der mittelalterlichen Kirche, da sie allein vor dem Verdacht der Häresie schützte. Sie erhielt vor allem durch die Franziskaner neuen Auftrieb, die mit dem Ideal der Weltflucht brachen und sich in erster Linie der Seelsorge in den Städten widmeten. Die Minderbrüder wurden so zu bedeutenden Kommunikatoren auf der politischen Bühne der ausgehenden Stauferzeit und zu Multiplikatoren in der Verbreitung politischer Modelle und Ideen.

In einem detailreichen Vortrag referierte GUNDULA GREBNER (Frankfurt/Main) über Wissenszentren und Wissensvermittlung im stauferzeitlichen Reich. Besonders der Hof als Zentrum der Wissensdistribution, das wesentlich durch die Interessen des Herrschers und die personelle Struktur bestimmt war, stand dabei im Mittelpunkt. Mit Bezug darauf stellte sie die wissenschaftlichen Texte, die am Hof Friedrichs II. in Sizilien entstanden, dem Alexanderroman Rudolfs von Ems gegenüber – eine Vorgehensweise, die intensiv diskutiert wurde.

Die sechste Sektion stand unter dem Motto „Der Griff nach der Antike“. INGRID S. WEBER (München) eröffnete die Reihe mit dem Vortragsthema „Staufische Gemmen? Forschungsgeschichte, Quellen, Material, Technik und Ikonographie“, in der sie die von Wentzel und Kahsnitz vertretene These einer im süditalienischen Umfeld Friedrichs II. zu verortenden, Kameen produzierenden Werkstatt einer kritischen Überprüfung unterzog. Anhand der Untersuchung und stilistischen Einordnung der herausragenden Stücke der sogenannten „Staatskameen“ Friedrichs II. kam sie zum dem Schluss, dass die Hersteller dieser Kunstobjekte wahrscheinlich eher in und um Venedig oder Paris als in Süditalien zu suchen sind.
LIESELOTTE E. SAURMA-JELTSCH (Heidelberg) widmete sich in ihrem Beitrag „Rom und Aachen in der staufischen Reichsimagination“ Auftraggebern, Rezeptionssituationen und Wandlungen der Imaginationen „multihybrider“ Objekte, die in engen Bezug zu den Staufern gesetzt werden, wie etwa dem sogenannten Cappenberger Barbarossakopf, dem Radleuchter in Aachen oder dem Armreliquiar Karls des Großen. Deren verbindendes Charakteristikum ist nicht nur die enge Verbindung zur kirchlich-sakralen Sphäre, sondern vielmehr gerade die Multifunktionalität von Bildern und Programmen, deren Interpretation und Sinnmontagen strikt gruppenbezogen zu erfolgen hat.
CHRISTOPH H. F. MEYER (München) blickte hingegen auf „Römische Rechtsvorstellungen in staufischer Zeit“. Meyer konstatiert um 1050 einen grundsätzlichen Wandel des Umgangs mit dem Recht, der sich in institutionalisierten Rechtsschulen, dem Niederschlag der Lehrtätigkeit in legistischer Literatur und der zunehmenden Interpretation des Rechts aus sich selbst heraus zeigte. Die Interaktion des staufischen Kaisertums mit den Legisten ist zwar zunächst eher mit „Legitimität“ anstatt „Legalität“ zu charakterisieren, stellte dessen ungeachtet jedoch eine wichtige Station bei der zunehmenden Wiederaneignung und Nutzbarmachung des antiken Rechtswissens dar, was sich insbesondere an der Rechtsfigur des Majestätsverbrechens zeigt.

Der „Differenzierung von Lebenswelten“ widmeten sich in der vorletzten Sektion zwei Vorträge. BERND FUHRMANN (Siegen) betrachtete diesen Aspekt aus wirtschaftsgeschichtlicher Sicht. Zunächst stellte er treffend fest, dass Innovationen häufig erst aus der Rückschau als solche erkannt werden. Die Quellen überliefern nur Veränderungen, die er nachfolgend an den Beispielen des Finanzwesens und des Handels aufzeigte. Als Reaktion auf eine fortwährende Bargeldknappheit wurden in den oberitalienischen Städten zunächst höherwertige Münzen geprägt, die vor allem im Großhandel zum Einsatz kamen, ehe sich die Finanzierung über Wechsel durchsetzte, der als Kreditgeschäft eine Erhöhung des Handelsvolumens ermöglichte. Im nordalpinen Reich dagegen wurde mit der Einführung des minderwertigeren Hellers eher auf den Kleinhandel gesetzt. Ebenso fand der Wechsel als Überbrückung von Finanzengpässen vor dem 14. Jahrhundert keine weitere Verbreitung. Als Neuerungen im Handelswesen wies Furhmann besonders auf die Messen hin, die von Italien aus über die Champagne und das Rheinland als Teil der staufischen Reichslandpolitik auch in den deutschen Süden und Südwesten vermittelt wurden. Zur vollen Entfaltung gelangte diese Innovation im Wirtschaftssektor aber erst nach der Stauferzeit.
In seinem Vortrag „Burgen zwischen praktischer Funktion und Symbolik“ kam THOMAS BILLER (Berlin) zunächst zu dem Schluss, dass es zwischen dem Burgenbau in Italien, besonders in Sizilien, und im Reich kaum Ähnlichkeiten gibt. Die hauptsächlich symbolische Funktion der staufischen Kastelle in Süditalien sowie ihre schwache Befestigung zeigt eine Tendenz zum Schloss hin und muss als Indikator für einen gewissen Friedenszustand interpretiert werden. Adlige Burgen spielen hier im Gegensatz zum Reich nördlich der Alpen kaum eine Rolle. Im Elsass und in der Pfalz zeigt sich ein einheitlicher Bautyp, der keinen Schluss auf den Rang des Burgherrn in der adligen Gesellschaft zulässt. Gleichwohl sind die Burgen der Staufer aufgrund ihrer baulichen Besonderheiten als Spitzengruppe hervorzuheben, während archäologische Fundkomplexe aufgrund einer ihr eigenen Quellenproblematik dagegen keine soziale Differenzierung aufzeigen. Die Neuerungen der Gotik wurden im Burgenbau nicht aufgenommen, doch stellte Biller einen monumentalen Stil als neue Qualität der Architektur fest. Der quantitative Höhepunkt des Burgenbaus in der späten Stauferzeit muss wohl als Schwäche der Zentralgewalt interpretiert werden. Analog dazu könnte sich auch die modern anmutende Organisation des Königreichs Sizilien in der Hand Friedrichs II. auf den Burgenbau niedergeschlagen haben.

Die achte und letzte Sektion thematisierte die „Außenbeziehungen“. ELENI TOUNTA (Thessaloniki) behandelte „Süditalien als Konflikt- und Kontaktzone zwischen Staufern und Byzanz“. Der Kontakt zu Byzanz, so Tounta, schärfte in allen Phasen staufischer Herrschaft die Identität des westlichen Reiches. War dieser Kontakt unter Friedrich Barbarossa noch von der Konkurrenz um kaiserliche Universalitätsansprüche geprägt, so vermehrten sich unter dessen Enkel Friedrich II. die Hinweise auf die Übernahme byzantinischer Vorbilder hinsichtlich Herrschaftslegitimierung und Herrschaftsorganisation, was sich auf das Bild der „Allmacht des Kaisers in einem auf ihn zugeordneten Staat“ verdichten lässt.
CLAUS-PETER HAASE (Berlin) betrachtete die „Rezeption des Orients im staufischen Süditalien“. Haase zufolge entwickelte Sizilien in der Kunstproduktion durchaus eine eigene Qualität; so sind unter den hier produzierten Objekten eine Reihe von Motiven und Motivkombinationen nachweisbar, die sich so weder im lateinischen Westen noch im Orient nachweisen lassen. Das romantisierende Bild vom friedlich-fruchtbaren Zusammenleben dreier Kulturen ist jedoch, so wurde erneut deutlich, zu relativieren: Statt eines tieferen Verständnisses für Inhalte und Konzepte kam es eben doch eher zu einer pragmatischen Zusammenarbeit und bloßen Zitation, was jedoch eine Voraussetzung für den interkulturellen Transfer der betrachteten Objekte ist.
Im letzten Vortrag widmete sich KLAUS VAN EICKELS (Bamberg) „Europäisierung und Kreuzzugsidee“. Er skizzierte einleitend die Ungleichgewichte des wechselseitigen Interesses der englischen und französischen Herrscher am Reich gegenüber dem schwächer ausgeprägten Interesse der Staufer am „Westen“, um sodann die eigentliche Frage nach dem gesamteuropäischen Charakter der Kreuzzugsbewegung zu behandeln. Die Kreuzzüge blieben nach seiner Aussage vor allem französisch und italienisch dominierte Unternehmen, denen sich nur zeitweise und in regional höchst unterschiedlich ausgeprägter Intensität Kontingente aus dem Reich anschlossen. Somit entfaltete sich die europäisierende Kraft der Kreuzzüge wohl auch eher in der Abgrenzung nach außen gegenüber Muslimen und Byzantinern denn als Integration und der damit verbundenen Schaffung eines gemeinsamen europäischen Raumes.
BERND SCHNEIDMÜLLER (Heidelberg) skizzierte in seinen Schlussworten die Entstehung eines Europas der Regionen im Spannungsfeld von staufischer Meistererzählung und „Implosion des imperialen Ordnungsmodells“ und warf in diesem Zusammenhang auch die Frage auf, ob die Weltherrschaft erst dann ernsthaft diskutiert wurde, als sie nicht mehr zu realisieren war.
Das Kolloquium bot ein sehr breites und facettenreiches Spektrum an Fragen und Perspektiven zur Zeit der Staufer. Die Veröffentlichung der Beiträge wird für die weitere interdisziplinäre Forschung eine exzellente Grundlage bieten.

Konferenzübersicht:

Alfried Wieczorek (Mannheim), Thomas Metz (Mainz): Begrüßung
Stefan Weinfurter (Heidelberg): Einführung

Sektion 1: Bilder der Staufer und ihre Gegenbilder
Olaf Rader (Berlin): Erinnerungsorte der Staufer: ihre Grablegen
Valentino Pace (Udine): Bildnisse der Staufer
Heinz Krieg (Freiburg): Die Staufer in historiographischen Quellen
Jürgen Krüger (Karlsruhe): Kommentar

Sektion 2: Eine Region wird eine Region
Nicolangelo D’Acunto (Brescia): Oberitalien: Politik, Kommunen, Wirtschaft
Wolfgang Stürner (Stuttgart): Süditalien: Herrschaftsorganisation nach zentralistischem Muster
Gerold Bönnen (Worms): Rhein-Main-Neckar-Region: Herrschaftsorganisation nach konsensualem Muster
Ernst-Dieter Hehl (Mainz): Kommentar

Sektion 3: Netzwerke und Transfer
Peter Thorau (Saarbrücken): Verbindungen, Kommunikation und Austausch von Nord nach Süd
Hubert Houben (Lecce): Verbindungen, Kommunikation und Austausch von Süd nach Nord
Rainer C. Schwinges (Bern): Kommentar

Sektion 4: Konflikte
Steffen Patzold (Tübingen): Konflikte im Reich
Christoph Dartmann (Münster): Konflikte in Oberitalien
Georg Vogeler (Kassel): Konflikte in Süditalien
Knut Görich (München): Kommentar

Sektion 5: Wissenszentren und Spiritualität
Gundula Grebner (Frankfurt): Wissenszentren und Wissensvermittlung im Vergleich
Matthias Untermann (Heidelberg): Reformorden am Beispiel der Zisterzienser
Cristina Andenna (Matera/Dresden): Neue Formen der Frömmigkeit und Armutsbewegung
Annette Kehnel (Mannheim): Kommentar

Sektion 6: Der Griff nach der Antike
Ingrid S. Weber: Staufische Gemmen? Forschungsgeschichte, Quellen, Material, Technik und Ikonographie
Lieselotte E. Saurma-Jeltsch (Heidelberg): Rom und Aachen in der staufischen Reichsimagination
Christoph H. F. Meyer (München): Römische Rechtsvorstellungen in staufischer Zeit
Charles T. Little (New York): Kommentar

Peter Cornelius Claussen (Zürich): Stauferbilder – Bildnisse der Staufer (öffentlicher Abendvortrag)

Sektion 7: Differenzierung von Lebenswelten
Bernd Fuhrmann (Siegen): Wirtschaftlicher Ertrag der einzelnen Regionen – Monetarisierung Europas: Rohstoffe, Handel, Messen
Thomas Biller (Berlin): Burgen: Zeichen sozialer Differenzierung und praktischer Lebensform
Michael Matheus (Rom): Kommentar

Sektion 8: Außenbeziehungen
Eleni Tounta (Thessaloniki): Der Blick nach Byzanz zwischen Freund- und Feindschaft
Claus-Peter Haase (Berlin): Rezeption des Orients im staufischen Süditalien
Klaus van Eickels (Bamberg): Europäisierung und Kreuzzugsidee
Michael Borgolte (Berlin): Kommentar

Bernd Schneidmüller (Heidelberg): Schlusswort

Zitation
Tagungsbericht: Verwandlungen des Stauferreichs. Innovationsregionen im mittelalterlichen Europa, 30.10.2008 – 01.11.2008 Mannheim, in: H-Soz-Kult, 06.12.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2405>.