Geschichte und Ideologie. Ostmitteleuropäische Erfahrungen vor und nach der Wende 1989

Ort
Neuhardenberg
Veranstalter
Stiftung Schloss Neuhardenberg in Zusammenarbeit mit der Stiftung Ettersberg zur vergleichenden Erforschung europäischer Diktaturen und ihrer Überwindung, Weimar; Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften
Datum
11.10.2008
Von
Kornelia Kończal, Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften

Die Unmöglichkeit, eine absolute Beschreibung der Vergangenheit zu liefern und somit die Notwendigkeit, aus dem reichhaltigen Sammelsurium des Vergangenen bestimmte Fakten zu wählen sowie sie zu beschreiben, lässt das Gebot der wissenschaftlichen Neutralität des Historikers eher als einen frommen Wunsch denn als ein in die Praxis umsetzbares Prinzip bezeichnen. Auch die Kontextgebundenheit des Forschenden steht außer Zweifel. Schließlich ist das Erzählen von Geschichte ohne Interpretation kaum zu denken; sonst wäre die Geschichtsschreibung eine langweilige Addition von Daten. In Extremfällen kann jedoch der interpretatorische Eifer dazu führen, dass Geschichtswissenschaft zum Instrument der (Geschichts-)Politik oder Ideologie wird.

Das Problem der Ideologisierung der Geschichtswissenschaft stand im Mittelpunkt der Konferenz „Geschichte und Ideologie. Ostmitteleuropäische Erfahrungen vor und nach der Wende 1989“, die von der Stiftung Schloss Neuhardenberg in Zusammenarbeit mit der Weimarer Stiftung Ettersberg zur vergleichenden Erforschung europäischer Diktaturen und ihrer Überwindung sowie dem Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften veranstaltet wurde. In der ersten Sektion setzen sich polnische, tschechische, ost- und westdeutsche Historiker mit der Periode vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis 1989 auseinander. Die zweite Sektion war der Zeit seit dem Ende des Kalten Krieges gewidmet.

Zur Eröffnung der Konferenz legte MACIEJ GÓRNY (Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften) in einer vergleichenden Perspektive die Ideologieabhängigkeit der Geschichtswissenschaften in der Volksrepublik Polen, der DDR und der Tschechoslowakei dar. Anhand polnischer, ostdeutscher und tschechoslowakischer Meistererzählungen von 1945 bis Ende der 1960er Jahre wies Górny auf Hauptcharakteristika der drei marxistischen Historiographien hin. Der polnische Historiker kontextualisierte seine Erörterungen, indem er die Bedingungen des Wiederaufbaus der wissenschaftlichen Einrichtungen nach 1945 in den kommunistischen Ländern, die Zentralisierung der Wissenschaften, die Proletarisierung der Hochschulen (insbesondere in Polen und Ostdeutschland) sowie verschiedene Formen der Annäherungen zwischen Historikern und den Regierungsparteien darstellte. Maciej Górny versuchte ebenfalls eine Dynamik in dieser Entwicklung aufzuzeigen und exemplifizierte mit Hilfe einiger prägnanter Beispiele das Spannungsverhältnis zwischen dem Nationalismus und dem Kommunismus.
Die anschließende von BASIL KERSKI (Deutsch-polnisches Magazin DIALOG) moderierte Podiumsdiskussion mit WŁODZIMIERZ BORODZIEJ (Warschauer Universität), ILKO-SASCHA KOWALCZUK (wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen) und MIROSLAV HROCH (Universität Prag) gab die Möglichkeit, Górnys Vortrag mit den scharfsinnigen Einblicken der Zeitzeugen und zugleich Historiker zu konfrontieren. Drei etablierte Wissenschaftler berichteten über das Selbstverständnis der Historiker vor 1989 wie auch verschiedenartige Legitimierungsstrategien der Geschichtswissenschaften in den kommunistischen Ländern. Włodzimierz Borodziej betonte die beinahe magische Anziehungskraft der Geschichte an den polnischen Universitäten der 1970er-Jahre, die er auf die enorme wissenschaftliche Kreativität der damaligen Historiker sowie eine gewisse Kontinuität bestimmter Standards aus der bürgerlichen Vorkriegsgesellschaft zurückführte. Die formelle Anpassung polnischer Historiker bei gleichzeitiger innerer Unabhängigkeit sehr vieler von ihnen habe damals die Attraktivität des Geschichtsstudiums erhöht.

Kontrastiv und mit Blick auf die ostdeutsche Historiographie betonte Ilko-Sascha Kowalczuk, dass 90% der Historiker in der DDR bekennende SED-Mitglieder waren und wies – in Ergänzung zum Eröffnungsvortrag – darauf hin, dass sich die ostdeutsche Geschichtsschreibung als Gegenprodukt zur Historiographie der BRD entwickelt habe. Außerdem unterstrich der Berliner Historiker das geringe Sozialprestige der DDR-Geschichtswissenschaftler. Miroslav Hroch sprach unter anderem über die Herausforderung für die tschechoslowakische Geschichtsschreibung, die mit der Notwendigkeit verbunden war, angesichts der engen Verknüpfung der slowakischen Vergangenheit mit Ungarn eine tschechoslowakische Staatlichkeit zu legitimieren.

Kerski diskutierte mit seinen Gesprächpartnern ebenfalls über die Qualität der nach 1945 entstandenen historischen Arbeiten sowie über das intellektuelle und politische Erbe dieser Historiographien. Kowalczuks Beurteilung war diesbezüglich eindeutig negativ: Laut des Berliner Historikers zeichnete die überwältigende Mehrheit der DDR-Geschichtswissenschaftler ein tief gehender Entprofessionalisierungsprozess durch die starke Politisierung einerseits und die weitgehende Entkoppelung von Lehre (Universitäten) und Forschung aus. Folglich könne kaum von Produkten der DDR-Geschichtswissenschaft die Rede sein, weil es sie nicht mehr gäbe.

Den zweiten Teil der Konferenz eröffnete ein Vortrag von STEFAN TROEBST (Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas an der Universität Leipzig), über Geschichtswissenschaften im postkommunistischen Ostmitteleuropa im Spannungsverhältnis zwischen Vergangenheitspolitik und Erinnerungskultur. An Beispielen aus der Ukraine und Polen schilderte der Leipziger Historiker die innerfachliche Pluralisierung (Mehrstimmigkeit und das Auftreten neuer Akteure) sowie eine neue Institutionalisierung der Historikerzunft nach 1989, betonte jedoch dass das Jahr 1989 in dieser Hinsicht für Bulgarien keine Zäsur gewesen sei. Mit Hinweisen auf einige kontroverse Geschichtsdebatten in den drei Ländern zeigte Troebst auf, dass die Geschichte in Ostmitteleuropa nach 1989 ihre ideologischen Fesseln zwar durchschnitten habe, dafür aber mit neuen Begrenzungen konfrontiert worden sei: Sie habe nach der Wende abgenommen, sei schlechter gekleidet und ihr fehle manchmal das Rückgrat.

In der zweiten Podiumsdiskussion hat die tschechische Historikerin aus Oldenburg EVA HAHN mit STEFAN WOLLE (Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin und DDR-Museum Berlin), MACIEJ JANOWSKI (Institut für Geschichte der Polnischen Akademie der Wissenschaften, Warschau) und dem tschechischen Historiker JAN PAUER (Forschungsstelle Osteuropa der Universität Bremen) über die polnische, tschechische und (ost)deutsche Historiographie nach 1989 gesprochen. Während Stefan Wolle das emanzipatorische und aufklärerische Potenzial der Wendejahre 1989/90 unterstrich, betonte Maciej Janowski die Bedeutung des Jahres 1980, das seiner Meinung nach für die polnische Geschichtswissenschaft ein wichtigerer Wendepunkt als 1989 gewesen sei. Der Warschauer Historiker wies außerdem auf einige Charakteristika der polnischen Geschichtsschreibung der letzten 20 Jahre hin: faktographische und atheoretische Tendenzen (im Gegensatz zu früheren Blütezeiten der polnischen Methodologie), steigendes Interesse an Minderheiten sowie die angesichts der Revolte der Generation der 30-jährigen Historiker vom Institut für Nationales Gedenken zweifelhafte Bedeutung der Bezeichnung des „Fachhistorikers“.

Mit Blick auf die Situation in der Tschechischen Republik betonte Jan Pauer die doppelte Herausforderung für die tschechische Historiographie nach 1989. Sie hing erstens mit der Entstehung von zwei Republiken zusammen und somit der Notwendigkeit, die Nationalgeschichte neu zu schreiben, und zweitens mit der großen personellen Kontinuität. Stefan Wolle wies diesbezüglich auf den größten Unterschied zwischen den drei Ländern hin: Während es in der Volksrepublik Polen und in der Tschechoslowakei eine große Kontinuität in personeller Hinsicht gegeben habe, sah die Situation in der DDR völlig anders aus, weil es in den neuen Bundesländern nach 1989 zu einem tief greifenden Austausch der Hochschuleliten gekommen sei.

Leider wurde in der zweiten Diskussionsrunde viel zu lange über den Umgang mit den Akten der Staatssicherheitsdienste in den drei Ländern debattiert, ohne dass dabei wirklich Neues zutage gefördert wurde. Aufschlussreicher war dafür der Diskussionsstrang, in dem die Rolle der Historiker in den heutigen Gesellschaften thematisiert und der Bedeutungsverlust der Historiker zugunsten verschiedenartiger Vergangenheitsagenturen und Medien konstatiert wurde. Stefan Wolle plädierte im Hinblick auf den Autoritätsverlust der Historikerzunft für ein ausgewogenes Verhältnis zwischen der Arbeit in Archiven und der Öffentlichkeitsarbeit.

Die Tagung rundete eine Lesung des deutsch-polnischen Schriftstellers aus Warschau PETER PIOTR LACHMANN ab, dessen Reflexionen über Erinnerung und Zukunft auf den Kampf zwischen Erinnerungswahn und urbaner Zukunftsfokussierung in der Metropole/Nekropole Warschau fokussiert waren.

Die Stärken der Neuhardenberger Konferenz „Geschichte und Ideologie“ waren sicherlich der komparative Ansatz, der es ermöglicht, Simplifizierungen durch Konfrontation kritisch zu hinterfragen, sowie die Teilnahme von hochkarätigen Historiker/innen, die das Symposium mit ihren eigenen Lebenserfahrungen sowie kritischen Kommentaren bereicherten. Allerdings kam der grenzüberschreitende und nicht rein national-komparative Blick zu kurz, was möglicherweise darauf zurückzuführen ist, dass sich – wie Maciej Janowski in der zweiten Podiumsdiskussion zutreffend feststellte – nach 1989 kaum eine auf ostmitteleuropäische Fragestellungen fokussierte Geschichtswissenschaft etablierte. Es wäre auch wünschenswert gewesen ausführlicher auf die Frage der Integration der im Exil lebenden Wissenschaftler/innen in heimische Geschichtsdebatten einzugehen. Insgesamt kann der erste Teil der Konferenz als aufschlussreicher und informativer als der zweite bezeichnet werden, wobei die zweite, der neusten Zeitgeschichte gewidmete Podiumsdiskussion lebhafter und emotionaler als die erste war.

Da auch nach 1989 stets neue Belege für die riskante Nähe zwischen Geschichtswissenschaft und der nicht selten ideologisch gefärbten Geschichtspolitik geliefert werden, wird die Auseinandersetzung mit der ideologiebelasteten Forschung sicherlich weiter und mit steigender zeitlicher Distanz sachlicher wenn auch nicht ganz ohne Leidenschaft geführt.

Konferenzübersicht:

BERND KAUFMANN: Einführung

MACIEJ GÓRNY: Die Geschichtswissenschaften in der Volksrepublik Polen, der DDR und der Tschechoslowakei im Vergleich. Eine Einführung

Podiumsdiskussion mit: WŁODZIMIERZ BORODZIEJ, ILKO-SASCHA KOWALCZUK, MIROSLAV HROCH
Moderation: BASIL KERSKI

STEFAN TROEBST: Zwischen Vergangenheitspolitik und Erinnerungskultur:
Geschichtswissenschaft im postkommunistischen Ostmitteleuropa

Podiumsdiskussion mit: JAN PAUER, STEFAN WOLLE und MACIEJ JANOWSKI Moderation: EVA HAHN

Lesung: Erinnerung und Zukunft. Reflexionen eines deutsch-polnischen Schriftstellers PETER P. LACHMANN

Zitation
Tagungsbericht: Geschichte und Ideologie. Ostmitteleuropäische Erfahrungen vor und nach der Wende 1989, 11.10.2008 Neuhardenberg, in: H-Soz-Kult, 16.12.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2424>.