Zweiter Weltkrieg und Zwangsumsiedlungen in Westpommern

Ort
Kulice
Veranstalter
Europäische Akademie Kulice-Külz; Universität zu Szczecin (Stettin)
Datum
09.10.2008 - 12.10.2008
Von
Pierre-Frédéric Weber, Paris/Szczecin

Die Vorbereitungen für diese Veranstaltung waren bereits 2007 von Prof. Jan M. Piskorski (Szczecin) und der Leiterin der Europäischen Akademie Kulice-Külz[1], Lisaweta von Zitzewitz, getroffen worden und ermöglichten das Zustandekommen dieser dreitägigen Konferenz für polnische, deutsche und amerikanische Studenten bzw. Nachwuchswissenschaftler. Gefördert wurde das Projekt vom Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, von der Robert-Bosch-Stiftung, von der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, von der Dorothee-Wilms-Stiftung sowie vom Verein zur Förderung der deutsch-polnischen Kooperation.

Jan M. Piskorski gelang es, mehrere seiner Stettiner Student/innen dazu zu bewegen, sich mit der Geschichte und der Erinnerung an Flucht, Vertreibung und Zwangsumsiedlung auf Mikroebene anhand von Lokalstudien in Westpommern zu befassen. Diese Tagung sollte den Absolventen unter anderem die Gelegenheit bieten, die Ergebnisse ihrer Recherchen vorzutragen; außerdem gab ihnen die Teilnahme deutscher Studenten und Doktoranden die Möglichkeit einer fruchtbaren Diskussion. Die Konferenz verlief auf polnisch und auf deutsch (mit jeweiliger Simultanübersetzung).

Im wesentlichen ging es in den Präsentationen darum, die zeitweise Kohabitation von polnischen Ansiedlern und bisherigen, deutschen Einwohnern verschiedener repräsentativer, westpommerscher Ortschaften zu schildern. Ab 1945 mussten sich die Einen ihrer neuen Umgebung anpassen, nachdem sie aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten ausgesiedelt worden waren, während die Anderen in Erwartung ihrer baldigen Ausweisung aus den nunmehr polnischen Westgebieten die neuen Ansiedler bei sich einquartieren mussten. Dass dabei aus verständlichen Gründen oft noch eine dritte Bevölkerungsgruppe, und zwar die Russen, eine wesentliche Rolle im Neben- und Miteinanderleben spielte, zeigte unter anderem KATARZYNA MARCISZEWSKA sehr deutlich.

Anhand mehrerer Fallstudien vermochten es die Teilnehmer auch, den soziologischen Prozess nachzuzeichnen, durch den es in Westpommern (wie in den sogenannten „wiedergewonnenen Gebieten“ allgemein) zu einem fast integralen Bevölkerungsaustausch kam. ADAM KARPOWICZ wählte Wangerin, das nach dem Krieg in Węgorzyno umbenannt wurde, wobei er nicht nur die unmittelbare Nachkriegszeit in Betracht zog, sondern auch die Kriegsjahre, in denen sich durch Zwangsarbeit am Bau der Reichsautobahn Berlin-Königsberg bereits zahlreiche nichtdeutsche Bewohner in der Ortschaft angesiedelt hatten. Weitere einschlägige Beispiele stellten KRZYSZTOF CZAPELSKI (Berlinchen/Barlinek), MONIKA KOWALSKA (Wugarten/Ogardy), ŁUKASZ MODZELEWSKI (Dölitz/Dolice) und BERNADETTA MOCKAŁO (Bahn/Banie) vor.

Einen besonderen Einblick gab PIOTR BŁAŻEWICZ, der das Los der ukrainischen Ausgesiedelten in ihrer neuen westpolnischen Heimat unter die Lupe nahm. Als Randgruppe hatten sie nicht selten Schwierigkeiten im Umgang mit den neuentstandenen polnischen Lokalbehörden, so beispielsweise in Trzebiatów nad Regą (ehemals Treptow an der Rega).

Sehr interessant gestaltete sich auch der Vortrag von PIOTR RETECKI über den Bevölkerungswechsel in den niederschlesischen Kohlengruben. Bemerkenswert war die Einsicht, dass die Warschauer Regierung nicht nur ostpolnische Umsiedler hier ansiedelte, sondern sich auch bemühte, in Nord-Frankreich ansässige polnische, spezialisierte Bergarbeiter nach Schlesien zu locken, um dem durch die in Gang gesetzte Aussiedlung der Deutschen entstandenen Mangel an Facharbeitern entgegenzuwirken.

Zur Erweiterung der geografischen Perspektive diente unter anderem der Vortrag von BEATA HALICKA. Sie ging den Ereignissen des Jahres 1945 im gesamten mittleren Oderraum anhand von deutschen und polnischen Erinnerungen nach. Dabei stellte sich auch gleich die Frage nach dem Erkenntniswert der schriftlichen wie auch mündlichen Überlieferungen. Ebenso wichtig erschien dies in den Arbeiten von JANINE WHITE und MARTA LAMENTA. Die anschließenden Diskussionen konzentrierten sich vor allem auf die Schwierigkeiten, die dem Historiker auf der Suche nach authentischen Aussagen widerfahren. Dabei müssten unter anderem Entstehungsprozess, -Kontext und -Moment des Erinnerungsmaterial stark berücksichtigt werden.

Als weiterer Strang zog sich die Frage der Integration der Zwangsausgesiedelten durch die gesamte Konferenz. Auf deutscher Seite wurde die Rolle der Vertriebenenverbände von MATTHIAS STICKLER treffend analysiert. Dabei wurde ebenfalls die wichtige Position der Kirchen hervorgehoben. IRIS THÖRES behandelte die Erfahrungen der vertriebenen Donauschwaben nach ihrer Ankunft in der Bundesrepublik Deutschland, während sich ACHIM WÖRN auf die Situation der Flüchtlinge und Vertriebenen in Bayern konzentrierte.

Auch von polnischen Teilnehmer/innen wurde das Problem der Integration angesprochen. Bei der Ansiedlung in den ehemals deutschen Gebieten an Oder und Neisse stellte sich allerdings auch die Frage der Legitimation. Dabei spielten sowohl die Presse als auch die Historiker eine wesentliche Rolle. ADELINA BULAK zeigte, wie der Diskurs der lokalen Zeitungen in Szczecin unmittelbar nach 1945 versuchte, auf die neue Bevölkerung gesellschaftlich stabilisierend einzuwirken. ERYK KRASUCKI erklärte, wie sich polnische Historiker durch die Geschichtsschreibung damals bemühten, die sogenannte „Rückkehr“ Polens an die Oder durch Beispiele von slawischer Präsenz im Mittelalter zu legitimieren. Ein späterer, dritter Beitrag, diesmal über die politische Benutzung des polnischen Soldatenfriedhofs in Siekierki nad Odra (Zäckerick) als symbolische „Grenzwacht“ im Westen (PAWEŁ MIGDALSKI), verdeutlichte noch einmal die Bedeutung der geschichts- und gedächtnispolitischen Inszenierung für die Integration der polnischen Westgebiete.

Als unumgänglich erwies sich schließlich ein Blick auf die aktuellen Debatten und Diskussionen in bezug auf das Thema Zwangsmigrationen im 20. Jahrhundert. CORINNA FELSCH stellte ihr Dissertationsprojekt vor, in dem sie versuchen möchte, den Einfluss der gesellschaftlichen Kontakte zwischen Deutsche und Polen in den siebziger und achtziger Jahren auf die gegenseitige Wahrnehmung, insbesondere aber auf das Verständnis von Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg zu zeigen. Als eine besondere Form der Kontaktaufnahme bieten sich seit 2005 zum Beispiel die „Heimatreisen“ – ein studentisches Projekt der Viadrina (Frankfurt an der Oder), das von MATTHIAS DIEFENBACH dargestellt wurde. Diese Reisen mit Begleitung und historisch fachkundiger Betreuung sollen es deutschen Vertriebenen bzw. Nachfahren von solchen ermöglichen, die Gebiete jenseits von Oder und Neisse (neu) zu entdecken.

An die bereits am Anfang der Konferenz erwähnten Debatten in Deutschland seit 1989 (MATTHIAS FINSTER) knüpfte schließlich KARL SCHLÖGEL in seinem Vortrag an, der eine klare Zusammenfassung der wichtigsten Fragestellungen bezüglich des Dreiecks Geschichte – Erinnerung – Identität darstellte. Obwohl er sich grundsätzlich für die Errichtung eines dem tragischen, europäischen Phänomen der Zwangsumsiedlungen im 20. Jahrhundert gewidmeten Museums in Berlin aussprach, kritisierte er jedoch die Haltung der Vorsitzenden des Bunds der Vertriebenen, Erika Steinbach, aufs schärfste. Sie habe es versäumt, diesbezüglich einen konstruktiven Dialog mit den Nachbarländern aufzubauen. Jan M. Piskorski zeigte sich in Hinblick auf das Projekt eines sichtbaren Zeichens als Erinnerung an Vertreibungen etwas skeptischer, da beim gegenwärtig noch niedrigen Stand der Kenntnisse über Mittel- und Osteuropa in der deutschen Gesellschaft ein solches Projekt eher das Risiko berge, Stereotypen zu vertiefen.

Zum Schluss verwies Karl Schlögel darauf, dass man nicht nur die Risiken und Verluste sondern auch die Chancen und Erfolge in Betracht ziehen müsse, die mit Flucht und Aussiedlung verbunden waren. Er erklärte, Flüchtlinge und Vertriebene hätten in West-Deutschland durch ihre Spezifizität oft zur gesellschaftlichen Erneuerung und zum Teil Modernisierung beigetragen. So sei Schlögel mit Andreas Kossert[2] diesbezüglich nicht einer Meinung: Treffender gestalte sich die Integration der deutschen Vertriebenen – trotz allen Leides – seiner Ansicht nach im Rückblick eher als Erfolgsgeschichte.

Die Konferenz, an der sich auch deutsche und polnische Zeitzeugen beteiligten, zeigte zunächst, dass die junge polnische und deutsche Forschergeneration in bezug auf Zwangsumsiedlungen über solide Kenntnisse verfügt. Außerdem zeugte das lokale Interesse von Presse und Rundfunk davon[3], dass nicht nur Tagungen mit ausschließlich ausgewiesenen Spezialisten imstande sind, eine positive mediale Resonanz zu erreichen. Nicht zuletzt leisteten die Teilnehmer einen nicht unbedeutenden Beitrag zum besseren gegenseitigen Verständnis. Auf polnischer Seite war aber vor allem der entspannte, um Objektivität bemühte Umgang mit der deutschen Vergangenheit dieses nunmehr westlichen Teils Polens bemerkenswert; dies ist der eindeutige Beweis für einen bereits weit fortgeschrittenen Prozess der historischen und historiografischen Verdauung der dramatischen Zeitgeschichte dieser Region – ungeachtet der Wellen, die in den vergangenen Jahren die Politik in bezug auf die deutsch-polnischen zwischenstaatlichen Beziehungen geschlagen hat.

Konferenzübersicht:

1. Session

Jan M. Piskorski (Szczecin): Zwangsumsiedlungen im Zuge des Zweiten Weltkriegs. Einführende Bemerkungen.

Katarzyna Marciszewska (Szczecin): Polen, Deutsche und Russen im Stettiner Viertel Augustwalde (später Wielgowo) während des Zweiten Weltkriegs und kurz danach.

Adam Karpowicz (Szczecin): Von Wangerin zu Węgorzyno 1939-1949.

Matthias Finster (Würzburg): Deutsche Debatten zum Thema Vertreibung nach 1989.

Janine White (Osnabrück): Stories of integration: vierte Generation. Erinnerungen an Aussiedlung unter Emigranten in den USA.

2. Session

Achim Wörn (Würzburg): Flüchtlinge und Vertriebene in Bayern.

Iris Thöres (Würzburg): Aussiedlung der Donauschwaben und ihre Aufnahme in der Bundesrepublik Deutschland.

Adelina Bulak (Dublin, zuvor Szczecin): Die Rolle der Presse in der Integration der Stettiner nach 1945.

Krzysztof Czapelski (Poznań, zuvor Szczecin): Polen und Deutsche in Berlinchen/Barlinek 1945 und danach.

Eryk Krasucki (Szczecin): Das posthume Leben des Jaxa von Köpenick.

Abendveranstaltung: Kraj mojej matki [Das Land meiner Mutter], ein Film von Michał Majerski (Berlin / Szczecin).

3. Session

Beata Halicka (Frankfurt an der Oder): Die Ereignisse des Jahres 1945 im mittleren Oderraum in den Erinnerungen von Polen und Deutschen.

Monika Kowalska (Gorzów Wielkopolski, zuvor Szczecin): Von Wugarten zu Ogardy.

Corinna Felsch (Marburg): Über Geschichte reden? Bedeutung, Auswirkungen und Veränderungen von Geschichtsbildern in Begegnungen zwischen Polen und Deutschen aus Ost und West in den 1970er und frühen 1980er Jahren. Ein Dissertationsprojekt.

Matthias Diefenbach (Frankfurt an der Oder): Das Projekt „Heimatreisen“. Eine besondere Art der (Wieder-)Entdeckung der ehemals deutschen Ostgebiete.

4. Session

Matthias Stickler (Würzburg): Adaptationsprozesse im Nachkriegs-Deutschland und die Rolle der Vertriebenenverbände.

Piotr Retecki (Wrocław): Die Aussiedlung der Deutschen aus dem Kreis Waldenburg / Wałbrzych (Schlesien).

Łukasz Modzelewski (Szczecin): Von Dölitz zu Dolice.

Bernadetta Mockało (Banie, zuvor Szczecin): Von Bahn zu Banie.

Marta Lamenta (Szczecin): Polnische Pioniere in Stettin und ihre Meinung über Deutsche.

Piotr Błażewicz (Szczecin): Ukrainische Flüchtlinge der „Aktion Weichsel“ in Trzebiatów nad Regą.

5. Session

Paweł Migdalski (Szczecin): Der Soldatenfriedhof der 1. Polnischen Armee in Siekierki nad Odrą (ehemals Zäckerick).

Karl Schlögel (Frankfurt an der Oder): Geschichte, Erinnerung und Identität im Kontext der Zwangsaussiedlungen in Europa im 20. Jahrhundert.

Anmerkungen:
[1] Siehe <http://www.kulice.pl/spip.php?article9> (23.11.2008).
[2] Andreas Kossert, Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945, München 2008.
[3] So zum Beispiel am 9.10.2008 in einem Artikel von Bogdan Twardochleb (Kurier Szczeciński) oder in einer Rundfunksendung von Zbigniew Plesner (Polskie Radio Szczecin 3).

Zitation
Tagungsbericht: Zweiter Weltkrieg und Zwangsumsiedlungen in Westpommern, 09.10.2008 – 12.10.2008 Kulice, in: H-Soz-Kult, 19.12.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2429>.