Toleranz – Koexistenz – Antagonismus. Wahrnehmungen religiöser Vielfalt in Siebenbürgen zwischen Reformation und Aufklärung

Ort
Stuttgart
Veranstalter
Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde e.V., Heidelberg; Historisches Institut der Universität Stuttgart; Babeş-Bolyai-Universität Klausenburg/Cluj-Napoca, Rumänien
Datum
18.09.2008 - 20.09.2008
Von
Annemarie Weber, Siebenbürgen-Institut Heidelberg

Siebenbürgen erweist sich für eine vergleichende Religionsgeschichte in mehrfacher Hinsicht als ergiebiges Forschungsfeld. Besondere Aufmerksamkeit wurde dabei gerade in den letzten zwei Jahrzehnten dem Faktor der religiösen bzw. konfessionellen Pluralität gewidmet. Historiographisch ergibt sich dabei freilich die Gefahr, entsprechende Befunde religiöser Homogenität bzw. Vielfalt zu sehr aus den Bedürfnissen und Legitimationsinteressen der jeweiligen Gegenwart heraus zu deuten. So lässt sich problemlos aufzeigen, unter welchen politisch-gesellschaftlichen Rahmenbedingungen das Neben- und Miteinander unterschiedlicher religiöser Gruppen einmal als Positivum, als staatsstabilisierend und kulturfördernd, einmal als Negativum mit entgegengesetzten Wertungen aufgefasst wird. Siebenbürgen war zwar ein idealer Kommunikationsraum diverser religiös verankerter Kulturen und Wertesysteme, doch auch ein Ort gelebter interreligiöser Konkurrenz.

Dieser Vielschichtigkeit in der Wahrnehmung religiöser Vielfalt in Siebenbürgen in der Frühen Neuzeit ging die internationale Fachtagung nach, die der Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde e.V. Heidelberg, der Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit am Historischen Institut der Universität Stuttgart und die Babeş-Bolyai-Universität Klausenburg/Cluj-Napoca (Rumänien) zwischen dem 18. und 20. September 2008 in Stuttgart durchführten. Gastgeber war das Stuttgarter Institut für Auslandsbeziehungen. Der pointierte Tagungstitel „Toleranz – Koexistenz – Antagonismus“ diente dazu, das Deutungsspektrum zwischen Affirmation und Destruktionen für eine Vielfalt von Nuancen zu öffnen.

Die modernen Nationalmythen, sei es jener von der beispielhaften religiösen (und ethnischen) Toleranz oder dessen Steigerung von der Einzigartigkeit der Region dank ihres gelebten Miteinander, wurden von der Wissenschaft längst als solche erkannt. Der kritische Blick auf die europäischen Zusammenhänge jener Zeit zeigt vielmehr, dass Siebenbürgen im ostmitteleuropäischen Raum keinesfalls ein Sonderfall war und dass Toleranz „kein zwingender Begriff“ für die Beschreibung der siebenbürgischen Verhältnisse jener Zeit ist, die vielmehr mit den Begriffen Koexistenz und Konkurrenz auf den Punkt gebracht werden könnten: „Siebenbürgen mag wie Polen ein Land ohne Scheiterhaufen gewesen sein, es war aber nicht ein Land des Segens, ein Land der Friedfertigen. Die Konkurrenz bestimmte das Zusammenleben, unterschiedliche Interessen wurden ausgehandelt. Siebenbürgen war auch nicht die singuläre Region, die nur Unvergleichliches geliefert hätte“, so JOACHIM BAHLCKE (Stuttgart) in seinem einführenden Referat.

Im Falle Siebenbürgens bestimmte der außenpolitische und völkerrechtliche Rahmen maßgeblich die Religionspolitik des Landes. Das Fürstentum Siebenbürgen konnte etwa eineinhalb Jahrhunderte lang, wie GERALD VOLKMER (Heidelberg) darlegte, seine konfessionelle Vielfalt dank einer relativ erfolgreichen Schaukelpolitik zwischen der osmanischen und der habsburgischen Großmacht behaupten. Insbesondere die Oberhoheit des Osmanischen Reiches über das Fürstentum Siebenbürgen habe vom frühen 16. bis ins späte 17. Jahrhundert die Versuche der Habsburger, das Land ihrem Herrschaftsverband dauerhaft einzuverleiben und Rekatholisierungsmaßnahmen nachhaltig durchzusetzen, zunichte gemacht. Auch in Siebenbürgen habe der alte Ausspruch „Der Türk ist der Lutherischen Glück“ seine Berechtigung gehabt. Die Habsburger mussten als spätere Landesherren diese religiöse Vielfalt akzeptieren.

Eine höhere Staatsräson gebot die Duldung der unterschiedlichen Religionsgemeinschaften. Joseph II., der der Naturrechtslehre Pufendorfs anhing („der Fürst kann niemanden dazu zwingen, mit seinem Herzen zu glauben“), beurteilte die religiösen Rivalitäten, von denen er auf seinen zahlreichen Reisen durch das Reich seiner Dynastie erfuhr, als kontraproduktiv für die Ziele des Staates. In den Tagebuchaufzeichnungen des aufgeklärten Monarchen während seiner Siebenbürgenreise 1773 erkannte die Historikerin MÁRTA FATA (Tübingen) eine rein populationistische Ideologie: Alle Völkerschaften und Religionsgemeinschaften seien dem Monarchen gleichermaßen willkommen gewesen, solange sie dem Staat und seinen Interessen dienten. Die Konkurrenz zwischen den Konfessionen sollte dementsprechend vermieden werden. Für die von seiner Mutter Maria Theresia betriebene sogenannte Transmigration Evangelischer an den Ostrand des Reiches habe Joseph keine Entschuldigung gefunden.

Obwohl die Zwangsumsiedlung dieser Untergrundprotestanten gerade kein Akt der Toleranz war, sollten die Lehrer und Pfarrer späterer Jahrhunderte daraus einen positiven Gründungsmythos für die gemischten Dorfgemeinschaften der Deutschen in Siebenbürgen entwickeln. Im 19. Jahrhundert wurde der gemeinsame evangelische Glaube als verbindendes Element zwischen den eingesessenen Sachsen und den angesiedelten österreichischen „Landlern“ zelebriert, in den 1920er-Jahren schätzte man am meisten den von den Zuwanderern geleisteten Zuwachs an „evangelisch deutschen Menschen“. Wie aber beurteilten sich die beiden Bevölkerungsgruppen zum Zeitpunkt der Zuwanderung gegenseitig? Die Ethnologin IRMGARD SEDLER (Kornwestheim) untersuchte Verhörprotokolle und einschlägige Beamtenberichte und sprach über demütigende Religionsverhöre, denen die „odiösen Transmigranten“ (sächsischer Behördenjargon) bei ihrer Ankunft in Siebenbürgen unterzogen wurden. Die ungewollten Zuzügler wurden auch als „Rädelsführer“ und „Bettler“ beargwöhnt, was bei diesen zum Misstrauen gegenüber den „Saksen, die saksisch predigen und sonderlich fluchen in ihrer abscheilichen Sprach“ führte. Erst das 19. Jahrhundert harmonisierte die anfänglichen Feindseligkeiten zur friedlichen Koexistenz, wobei die Gruppen in zahlreichen symbolischen Handlungen sowie Elementen der Tracht bis in die Gegenwart miteinander konkurrieren.

So differenziert nahmen die zahlreichen Reisenden, die Siebenbürgen im 17. und 18. Jahrhundert besuchten, die einzelnen Bevölkerungsgruppen meistens nicht wahr. Viele Klischees wurden geprägt und von Autor zu Autor weitergegeben, wie die umfangreiche Reiseliteratur jener Zeit dokumentiert. Ihr widmeten sich MIHAELA GRANCEA (Sibiu), DETLEF HABERLAND (Oldenburg) und IOAN VASILE LEB (Cluj). KONRAD GÜNDISCH (Oldenburg) nahm die an Einträgen über Siebenbürgen reiche deutsche Lexikon-Literatur sowie einige deutsche Zeitschriften aus dem 18. Jahrhundert in Augenschein, ROBERT BORN (Leipzig) zeigte anhand von Trachtenbüchern und Stadtveduten, wie sich der „fremde“ Blick im Laufe der frühen Neuzeit zum „ethnographischen Blick“ auf die Bewohner Siebenbürgens wandelte.

Drei Wissenschaftlerinnen der Universität Klausenburg/Cluj beschäftigten sich mit Einzelaspekten der durch ethnische Unterschiede potenzierten religiösen Vielfalt in Siebenbürgen. EDIT SZEGEDI wertete drei Tagebücher Klausenburger Persönlichkeiten des 17. Jahrhunderts aus, um die wechselnden Toleranzverhältnisse zwischen Unitariern und Reformierten in der damals auch sächsischen Stadt aufzuzeigen; ENIKŐ RÜSZ-FOGARASI richtete ihr Augenmerk auf Gesetzestexte der siebenbürgischen Landtage und stellte unterschiedliche Toleranzstufen im Rechtsgebrauch der Frühneuzeit in Siebenbürgen fest. GRETA MIRON ging auf das Bild der griechisch-orthodoxen Rumänen in der Wahrnehmung der in Siebenbürgen wirkenden Jesuiten ein. Das Bild der (fremden) Orthodoxen in nicht-orthodoxen Quellen war auch Thema des Referats von ANDREAS MÜLLER (Minden). Über die Kolonie der Sachsen in der Walachei, die spät zur lutherischen Reformation übergingen, sich im Kirchenritus den Orthodoxen anpassten und bald auch die rumänische Sprache annahmen, sprach ALEXANDRU CIOCÎLTAN (Bukarest).

Gleitende Übergänge und Toleranz statt konfliktreicher gegenseitiger Profilierung konnte es nur dort geben, wo konkurrierende Gruppen fehlten. Zu diesem Schluss kam HARALD ROTH (Regensburg), der anhand zahlreicher historischer Details aufzeigte, wie sich die lutherische Kirche der Siebenbürger Sachsen noch lange ihrer römisch-katholischen Tradition in Ritus und Kirchentracht bediente, ohne sich dessen gewahr zu werden, dass sie damit gleichsam ‚katholisch’ handelte. Da beinahe alle Sachsen die Reformation annahmen, musste man sich nicht durch äußere Symbole gegen die Katholiken abgrenzen. Auch die Ikonographie der katholischen Zeit wurde, wie CHRISTOPH MACHAT (Brauweiler) veranschaulichte, in den lutherischen Kirchen Siebenbürgens entgegen der Bildersturm-Mentalität der Reformation noch lange bewahrt. Heiligenbilder wurden nicht bzw. erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts übermalt, z.B. in der Schäßburger Bergkirche, auch Plastiken wurden nicht verstümmelt: „Einen Bildersturm hat es in den siebenbürgisch-sächsischen Kirchen nicht gegeben“, stellte Machat fest. Alte Bildsymbole wurden durch Details dem neuen Geist vielmehr angepasst, wie MARIA CRĂCIUN (Cluj) anhand von sächsischen Altären aus nachreformatorischer Zeit feststellen konnte.

Den pragmatischen Umgang auch mit innerkonfessionellen Strömungen, etwa dem Pietismus, dokumentierten die Beiträge von TAMÁS SZŐCZ (Gronau), der die siebenbürgisch-sächsischen Gesangbücher untersuchte, sowie STEFAN SIENERTH (München), der pietistischen Spuren in der siebenbürgisch-deutschen Literatur des 18. Jahrhunderts nachging. Auch die zahlreichen Diskussionsbeiträge konnten den Mythos von der siebenbürgischen Toleranz nicht erhärten, wenn auch nicht völlig entkräften. Bei aller Differenziertheit der vertretenen Ansichten gewann man dennoch den Eindruck, dass das historische Siebenbürgen auch in der Wahrnehmung der heutigen Wissenschaft eine eher von Toleranz und politischem Pragmatismus als von kriegerischen Konflikten geprägte Region war. In der von Joachim Bahlcke moderierten Abschlussdiskussion wurden die unterschiedlichen Zugänge zum Forschungsthema hervorgehoben und die Hoffnung geäußert, den interdisziplinären Diskurs bei der Untersuchung der Geschichte und Kultur Siebenbürgens fortzuführen. Dabei falle dem Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde als einem ausgewiesenen wissenschaftlichen Brückenbauer zwischen Deutschland, Ungarn und Rumänien eine besondere Rolle zu. Die Beiträge der vom Bundesbeauftragten für Kultur und Medien geförderten Tagung werden demnächst in einem Sammelband der Reihe „Siebenbürgisches Archiv“ veröffentlicht.

Konferenzübersicht:

Joachim Bahlcke, Stuttgart – Konrad Gündisch, Oldenburg
Einführung

Religionsgeschichte Siebenbürgens im ostmitteleuropäischen Kontext
(Moderation: Ulrich Andreas Wien)

Joachim Bahlcke, Stuttgart
Religiöse Vielfalt in Ostmittel- und Südosteuropa in der Frühen Neuzeit. Ursachen – Wirkungen – Wahrnehmungen

Gerald Volkmer, Gundelsheim/Neckar
Politische Voraussetzungen und rechtliche Rahmenbedingungen religiöser Vielfalt in Siebenbürgen zwischen Reformation und Aufklärung

Detlef Haberland, Oldenburg
Frühneuzeitliche Texte über Siebenbürgen: Gattungs- und rezeptionsgeschichtliche Implikationen für Darstellung und Reflexion über Religion und Kirche

Reformation und Gegenreformation (Moderation: Konrad Gündisch)

Edit Szegedi, Klausenburg/Cluj-Napoca
Religion und Politik in Klausenburger Tagebüchern des 17. Jahrhunderts

Enikö Rüsz-Fogarasi, Klausenburg/Cluj-Napoca
Hinweise auf Multikonfessionalität in den Gesetzbüchern des Fürstentums Siebenbürgen

Maria Crăciun, Klausenburg/Cluj-Napoca
Sakrale Kunst als historische Quelle und als Indikator konfessioneller Vielfalt Siebenbürgens im 17. Jahrhundert

Alexandru Ciocîltan, Bukarest/Bucureşti
Ausstrahlung der siebenbürgischen Reformation in die vorwiegend orthodoxe Walachei im Lichte in- und auswärtiger Quellen des 16.-17. Jahrhunderts

Tamás Szőcs, Gronau
Geistliche Strömungen in siebenbürgisch-deutschen Gesangbüchern

Robert Born, Leipzig
Das Nebeneinander der Konfessionen und Ethnien in Siebenbürgen in Trachtenbüchern und Stadtveduten des 16.-18. Jahrhunderts

Andreas Müller, Minden
Wahrnehmung des Fremden: Die Orthodoxen Siebenbürgens in nichtorthodoxen Quellen des 16.-18. Jahrhunderts

Kirchenunion und Aufklärung (Moderation: Joachim Bahlcke)

Mihaela Grancea, Hermannstadt/Sibiu
Identität und Alterität. Interethnische und interkonfessionelle Beziehungen in Siebenbürgen zwischen 1683 und 1789 im Spiegel von Reiseberichten

Konrad Gündisch, Oldenburg
Wahrnehmung und Deutung religiöser Vielfalt in Siebenbürgen in Nachschlagewerken und Zeitschriften des Heiligen Römischen Reiches (17.-18. Jahrhundert)

Harald Roth, Regensburg
Die Wahrnehmung römisch-katholischer Traditionen in evangelischen Städten Siebenbürgens im 17.-18. Jahrhundert

Christoph Machat, Brauweiler
Die Tätigkeit der Jesuiten und die Übertünchung mittelalterlicher Wandgemälde in den siebenbürgischen evangelischen Stadtpfarrkirchen

Ioan Vasile Leb, Klausenburg/Cluj-Napoca
Die Orthodoxen in Siebenbürgen im Lichte von Reisebeschreibungen des 17.-18. Jahrhunderts

Lajos Bende, Klausenburg/Cluj-Napoca
Die Juden in erzählenden Quellen des 17.-18. Jahrhunderts

Kirchenunion und Aufklärung (Moderation: Ioan Vasile Leb)
Greta Miron, Klausenburg/Cluj-Napoca
Die griechisch-katholische Kirche Siebenbürgens im Spiegel von Quellen aus dem 18. Jahrhundert

Stefan Sienerth, München
Pietistische Spuren in der siebenbürgisch-deutschen Literatur des 18. Jahrhunderts

Irmgard Sedler, Kornwestheim
Luthertum und Anabaptismus im Lichte von Selbstzeugnissen der Landler in Siebenbürgen

Márta Fata, Tübingen
Religiöse Vielfalt aus Sicht des Wiener Hofes. Die Reiserelationen Josephs II. in Siebenbürgen und im Banat

Abschlussdiskussion, Zusammenfassung der Tagungsergebnisse (Joachim Bahlcke, Konrad Gündisch)

Zitation
Tagungsbericht: Toleranz – Koexistenz – Antagonismus. Wahrnehmungen religiöser Vielfalt in Siebenbürgen zwischen Reformation und Aufklärung, 18.09.2008 – 20.09.2008 Stuttgart, in: H-Soz-Kult, 05.01.2009, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2443>.