Bücher und wissenschaftliche Bibliotheken in den vom nationalsozialistischen Deutschland besetzten und annektierten Gebieten

Ort
Strasbourg
Veranstalter
Université Marc Bloch Strasbourg; Maison interuniversitaire des sciences de l’homme - Alsace
Datum
21.11.2008 - 22.11.2008
Von
Peter Borchardt, Zentral und Landesbibliothek Berlin

Lange Zeit stand in Frankreich die Geschichte der französischen Bibliotheken unter deutscher Besatzung nicht im Zentrum des bibliothekshistorischen Interesses. Das änderte sich spätestens mit dem Roman von Jonathan Littell („Die Wohlgesinnten“), und seit Ende Oktober 2008 liegt eine erste umfangreiche Untersuchung vor. [1]

Am 21. und 22.November.2008 veranstaltete die Université Marc Bloch Strasbourg gemeinsam mit der Maison interuniversitaire des sciences de l’homme - Alsace ein Kolloquium mit dem Titel: „Livres et bibliothèques scientifiques dans les territoires occupés et annexés par l’Allemagne nationale-socialiste“. Organisiert wurde die Tagung von Catherine Maurer von der Université Marc Bloch, die eine sorgfältige Auswahl an Referenten getroffen und dadurch für ein ungemein spannendes Programm gesorgt hat. Jeder Referent konnte in seiner Muttersprache reden, und es gab erstaunlich wenig Verständigungsschwierigkeiten – was vielleicht am Ort des Kolloquiums lag. Gleichwohl ist eine zweisprachige Fassung des Tagungsbandes vorgesehen.

Die Mehrzahl der Referenten kam aus Deutschland und Österreich, wo das Thema „Bibliotheken im 3. Reich und die Folgen“ ja spätestens seit Ende der 1970er-Jahre diskutiert wird, zuletzt ergänzt durch die Betrachtungen zur Raubgutproblematik, was jetzt in Strasbourg in den Vorträgen zusammengeführt wurde.

Wichtige Protagonisten, deren Namen in den Vorträgen immer wieder auftauchen sollten, wurden von SEM SUTTER (Chicago) und CORNELIA BRIEL (Berlin) vorgestellt: Hugo Andres Krüss, der letzte Generaldirektor der Preußischen Staatsbibliothek, und Hermann Fuchs, Mitarbeiter der Staatsbibliothek und von 1940 bis 1944 als Oberkriegsverwaltungsrat im Range eines Hauptmanns Leiter der Abteilung Bibliotheksschutz beim Militärbefehlshaber in Frankreich in Paris. Krüss war „Reichskommissar für die Sicherung der Bibliotheken und die Betreuung des Buchgutes im westlichen Operationsgebiet“ und sorgte zweifellos dafür, dass Fuchs nach Paris geschickt wurde. Die Legende will es, dass beide, der weltläufige Kosmopolit Krüss und der aufrechte Fuchs, ihre schützenden Hände über die Bibliotheken im besetzten Frankreich hielten. Doch dies ist nur eine Seite der Medaille. Fuchs und seine Mitarbeiter (u.a. Hans Wegener, Berlin, später Metz, Ludwig Klaiber, Freiburg, Ernst Wermke, Breslau) sorgten in der Tat dafür, dass die Bestände der staatlichen und städtischen Bibliotheken nicht angetastet wurden. Aber sie waren auch beauftragt, für die Staatsbibliothek und die Reichstauschstelle in Berlin Bücher zu beschaffen, wobei sie in Konkurrenz zu den Kunsträubern des Einsatzstabes Reichsleiter Rosenberg (ERR), zur Gestapo und zum Reichssicherheitshauptamt standen. Zudem erfassten die deutschen Bibliothekare Kulturgut, auf das das Deutsche Reich Anspruch erhob – zur Umsetzung nach einem Friedensschluss. Und nicht geschützt vom Bibliothekschutz wurden all die privaten Bibliotheken, z.T. in jüdischem Besitz, und die Bibliotheken der „Feinde des Reiches“, dazu kam die beschlagnahmte französische Buchproduktion. MARTINE POULAIN (Paris) berichtete, dass die Deutschen ganz genau wussten, was sie wollten, sie kamen mit fertigen Listen und begannen im Juni 1940 bereits einen Tag nach dem Einmarsch in Paris die Bibliotheken wichtiger Ministerien zu plündern. Poulain schätzt die Zahl der aus Frankreich verbrachten Bücher mit guten Argumenten auf mindestens 10 Millionen, wenn nicht gar 20 Millionen. Die Abteilung Bibliotheksschutz kaufte für fast eine Million Reichsmark für die Reichstauschstelle ein, aber spätestens seit Götz Alys Untersuchung[2] wissen wir, mithilfe welcher perfiden Instrumente Frankreich dabei finanziell ausgeblutet wurde: ein völlig unrealistischer und für Deutschland äußerst vorteilhafter Wechselkurs (1 RM = 20 Francs) und die Begleichung der enormen Summen aus den von Frankreich zu leistenden Besatzungskosten sprechen eine deutliche Sprache.

Zwei Themen durchzogen wie ein roter Faden fast alle Vorträge: Die Unsummen an Reichsmark, die für die Beschaffung von Büchern aus Frankreich ausgegeben wurden, und die Konkurrenz der deutschen Dienststellen untereinander, unklare Zuständigkeiten und Befugnisse. WERNER SCHROEDER (Oldenburg) hat das am Beispiel der Ausbeutung von Bibliotheks- und Verlagsgut im Elsass und in Lothringen herausgearbeitet, wo sich Reichssicherheitshauptamt, Zivilverwaltung und ERR heftig um katholische Ordensbibliotheken und auch jüdische wissenschaftliche Bibliotheken stritten.

Aus Österreich berichteten PETER MALINA (Wien) und KATHARINA BERGMANN (Graz) über die mühseligen Prozesse des Wiederauffindens unrechtmäßig erworbenen Bibliotheksgutes an den Universitätsbibliotheken Wien und Graz.

Über eine sehr seltsame Aktion berichtete ANDRZEJ MĘŻYŃSKI (Warschau): den Verkauf eines Chopin-Museums 1942 von Lyon nach Krakau. Chopin war als polnischer patriotischer Komponist verpönt, die Aufführung seiner Werke im ehemaligen Polen verboten. Und dann kauft ausgerechnet Hans Frank, Generalgouverneur des Generalgouvernements, über Gustav Abb, den damaligen deutschen Direktor der Jagellonischen Bibliothek Krakau, die Sammlung. Die Eröffnung erfolgt mit einem Chopin-Konzert in Anwesenheit des Generalgouverneurs, am Flügel eine bekannte jüdische Pianistin.

Der zweite Tag galt den Elsass-lothringischen Bibliotheken. Das Elsass und Lothringen wurden von Deutschland de facto annektiert und unterschiedlichen Gauen mit jeweils eigener Zivilverwaltung zugewiesen. Lothringen wurde mit dem Gau Saarpfalz zur Westmark zusammengeschlossen, Elsass mit Baden. WOLFGANG FREUND (Saarbrücken) beschrieb die Entwicklung der Stadtbibliothek Metz zur „Westraumbibliothek“, die der Frankreichforschung dienen sollte und nur Fachleuten zugänglich war. Sie speiste sich nicht zuletzt aus den ca. 800.000 Büchern, die in Lothringen beschlagnahmt worden waren.

Dem gegenüber stand die Universitäts- und Landesbibliothek Straßburg, deren Geschichte zwischen 1939 und 1945 von PETER BORCHARDT (Berlin) vorgestellt wurde. Hier ging es darum, einer Bibliothek, die im Kaiserreich die drittgrößte deutsche Bibliothek war, wieder zu ihrer alten Größe zu verhelfen und gemeinsam mit der 1941 gegründeten Reichsuniversität Straßburg zum „Bollwerk deutschen Geistes im Westen“ zu entwickeln mit dem Auftrag der „Entthronung der Sorbonne“. Doch zunächst mussten die bereits 1939 nach Clermont-Ferrand evakuierten Bestände (1,5 Mio. Bände) und Kataloge zurückgeführt werden. Kaum war dies abgeschlossen, wurde wegen der beginnenden Luftangriffe der wertvollste Teil erneut verpackt und unter anderem nach Göttingen verlagert. Es war offenbar nicht möglich, innerhalb kurzer Zeit eine geeignete Persönlichkeit für die Leitung zu finden, und so übernahm der Direktor der Universitätsbibliothek Göttingen Karl-Julius Hartmann unter Beibehaltung seiner Göttinger Funktionen 1941 die kommissarische Leitung. Ihm gelang es, eine vom Gauleiter gewünschte Aufteilung der Bibliothek in eine Universitätsbibliothek und eine „Oberrheinische Landesbibliothek“ (unter Einbeziehung der zerstörten Karlsruher Landesbibliothek) zu verhindern. Innerhalb von drei Jahren hat die Bibliothek die unvorstellbare Summe von 600.000 RM zur Bestandsergänzung ausgegeben.

Albert Schmitt, der Leiter der Stadtbibliothek Colmar, war als elsässischer Autor bekannter unter dem Namen Morand Claden. Er wurde im Juli 1940 vom Gauleiter und Chef der Zivilverwaltung im Elsass, Robert Wagner, zum Beauftragten für das gesamte wissenschaftliche Bibliothekswesen im Elsass ernannt. Er organisierte die Rückführung der nach Innerfrankreich evakuierten Bibliotheksbestände und rechnete sich wohl auch Chancen aus, Direktor der Universitäts- und Landesbibliothek Straßburg zu werden, was ihm nicht gelang. Er wurde dann Leiter des Straßburger Goethe-Hauses, war bekennender Nationalsozialist und SS-Untersturmführer. Über seine Rolle bei der Neuorientierung der elsässischen Bibliotheken berichtete MATTHIEU FUNTSCH (Strasbourg).

Die letzten Beiträge galten den Beständen verschiedener Institutsbibliotheken der Reichsuniversität Straßburg, die fast auf den Tag genau drei Jahre existierte (November 1941 bis November 1944). Auch hier wurde deutlich, mit welch hohem finanziellen Aufwand in kürzester Zeit versucht wurde, die Bestände zu ergänzen. NORBERT SCHAPPACHER (Strasbourg) zeigte dies am Beispiel der mathematischen Bibliothek der Reichsuniversität Straßburg, ECKHARD WIRBELAUER (Strasbourg) beschrieb den Bestandsaufbau im Großseminar für Frühgeschichte und Altertumskunde, und THOMAS MOHNIKE (Strasbourg) zeigte auf, inwieweit die Auseinandersetzung um das Germanische im Nationalsozialismus mit den verschiedenen Ansätzen und Theorien sich in der Bibliothek der „Abteilung Germanenkunde und Skandinavistik“ der Reichsuniversität spiegelte.

Alles in allem eine wichtige Konferenz, der zweifellos weitere Untersuchungen in Frankreich folgen werden und die zahllose Anregungen zu weiteren Recherchen gab.

Kurzübersicht:

Sem Sutter (University of Chicago Library), H. A. Krüss: National Socialist Kommissar and Compromised Internationalist

Martine Poulain (Institut national d’histoire de l’art, Paris), Surveiller et détruire. La domination nazie sur les bibliothèques françaises, une réalité polymorphe

Cornelia Briel (Staatsbibliothek zu Berlin et Max-Planck Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften, Göttingen), Hermann Fuchs’ Erwerbungen für die Preußische Staatsbibliothek und die Reichstauschstelle in Paris 1941 bis 1944

Werner Schroeder (Oldenbourg), « Dürfte die Überführung dieser Buchbestände keine Komplikationen mit der Rosenberg Dienststelle nach sich ziehen ». Das RSHA und der ERR im Kampf um die wissenschaftlichen Bibliotheken in Elsass-Lothringen und in Belgien zwischen 1940 und 1942

Peter Malina (Vienne), Keine « Insel der Glückseligkeit » : Erwerbungen aus der NS-Zeit an der Universitätsbibliothek Wien

Katharina Bergmann (Universität Graz), Universitätsbibliothek Graz 1938-1945: Bibliotheksgeschichte und Provenienzforschung. Ein Forschungsstandbericht

Andrzej Mężyński (université de Varsovie), Les collections du musée Frédéric Chopin de Lyon acquises par le Generalgouvernement de Pologne en 1942. Une surprenante transaction

Peter Borchardt (Zentral- und Landesbibliothek, Berlin), Die Universitäts- und Landesbibliothek Straßburg zwischen 1939 und 1945

Matthieu Funtsch (université Marc Bloch, Strasbourg), Albert Schmitt – Morand Claden - (1895-1965) et les bibliothèques scientifiques alsaciennes

Norbert Schappacher (université Louis Pasteur, Strasbourg), L'improbable enrichissement d'une bibliothèque scientifique à Strasbourg au milieu de la Seconde Guerre mondiale : le cas de la bibliothèque de mathématique

Anne Jacquemin et Eckhard Wirbelauer (université Marc Bloch, Strasbourg), Les fonds documentaires du Großseminar für Frühgeschichte und Altertumskunde de la Reichsuniversität de Strasbourg 1941–1944/45

Thomas Mohnike (université Marc Bloch, Strasbourg), Mutterkult und Männerbund. Die Bibliothek der « Abteilung Germanenkunde und Skandinavistik » der Reichsuniversität Strassburg (1941-44) und die Auseinandersetzung um das Germanische im Nationalsozialismus

Anmerkungen:
[1] Martine Poulain, Livres pillés, lectures surveillées. Les bibliothèques françaises sous l’occupation, Paris 2008.
[2] Götz Aly, Hitlers Volksstaat, Frankfurt am Main 2005.

Zitation
Tagungsbericht: Bücher und wissenschaftliche Bibliotheken in den vom nationalsozialistischen Deutschland besetzten und annektierten Gebieten, 21.11.2008 – 22.11.2008 Strasbourg, in: H-Soz-Kult, 24.01.2009, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2484>.