Zur Aufarbeitung der Akten der Sowjetischen Militäradministration im Russischen Staatsarchiv. Eine Zwischenbilanz

Ort
Potsdam
Veranstalter
Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF), das Staatsarchiv der Russischen Föderation (GARF) und die University of North Carolina at Chapel Hill (UNC), Potsdam, Potsdam
Datum
19.06.2003
Von
Lutz Prieß, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Am 19. Juni 2003 fand im Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) ein internationaler Workshop mit Gästen aus Russland, den USA, Österreich und Deutschland über die Aufarbeitung von SMAD-Akten statt. Die Teilnahme von mehr als vierzig Historikern und Archivaren zeugte von großem Interesse an diesem Arbeitstreffen (ebenso die zahlreichen Anfragen von KollegInnen aus dem In- und Ausland, die wegen anderer Termine an diesem Tag verhindert waren). Nach der Begrüßung der Teilnehmer durch den Direktor des ZZF, Chr. Kleßmann, hoben der Stellvertretende Leiter des Föderalen Archivdienstes der Russischen Föderation (Rosarchiv Moskau), V. P. Tarasov, der Direktor des Staatsarchivs der Russischen Föderation (GARF Moskau), S. V. Mironenko, und der Vertreter des Präsidenten des Bundesarchivs (BArch), H.-D. Kreikamp in kurzen Grußworten die Dringlichkeit eines gemeinsamen Gedankenaustausches zum Stand der Durchführung des russisch-deutschen Gemeinschaftsprogramms zur Erforschung, Auswertung und Verfilmung der SMAD-Akten hervor. K. H. Jarausch (Direktor ZZF) informierte darüber, dass das ZZF seit dem Jahr 2001, gefördert durch die VolkswagenStiftung, mit seinen Projektpartnern GARF und der Universität North Carolina-Chapel Hill (UNC-CH) in einem mehrjährigen Kooperationsvorhaben zur Erschließung der Befehlssammlungen der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) im GARF an der Realisierung des Programms beteiligt ist. Gegenstand des Projektes ist die Erschließung der Beschlüsse, Befehle, Anordnungen, Verfügungen und Direktiven der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland, Berlin-Karlshorst, und der regionalen Verwaltungen der Sowjetischen Militäradministration in Brandenburg, Mecklenburg, Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt (1945-1949). Diese Arbeit ist Teil des 1995 begonnenen umfassenden Gemeinschaftsprogramms zum Studium, zur Auswertung und zur Reproduktion der Akten der SMAD aus russischen Archiven. Auf deutscher Seite arbeiten daran von Anfang an das Bundesarchiv Koblenz/Berlin und das Institut für Zeitgeschichte München/Außenstelle Berlin mit.

V. P. Tarasov (Rosarchiv) und S. V. Mironenko (GARF) informierten über den Stand der Deklassifizierung der Bestände der SMAD, die in den staatlichen Archiven Russlands aufbewahrt werden. Die Ergebnisse der Arbeit der zuständigen Kommission der Russischen Staatlichen Archivverwaltung ermöglichten auch den Zugang zur Befehlsüberlieferung der "streng geheimen", "geheimen" und so genannten "offenen" Befehle der SMAD im GARF. In diesem Archiv sind mehr als neunzig Prozent der SMAD-Dokumente für die Forschung frei gegeben. Die elektronische Erfassung der Befehlsdokumente ist ein Arbeitsschwerpunkt von D. Pike (UNC-CH). Er demonstrierte in einer von ihm entwickelten Datenbank die wissenschaftlichen Möglichkeiten der elektronischen Erschließung. In der Datenbank sind die Angaben zu den einzelnen Befehlstiteln mit digitalisierten Abbildungen der entsprechenden Dokumente und mit leistungsfähigen Abfragemöglichkeiten verknüpft. Mitarbeiter des GARF haben bis Ende 2002 ca. 24.000 Befehlstitel in der Datenbank aufgenommen. Wie Pike betonte, handelt es sich gegenwärtig noch um vorläufige Arbeitsergebnisse. Die Digitalisierung der Dokumente, ihre Verknüpfung mit der Datenbank, in der diese Dokumente verzeichnet, indiziert und durch Suchen aufgrund verschiedener Kriterien abrufbar sind, ist noch nicht abgeschlossen und wird fortgesetzt. V. A. Kozlov (Stellv. Direktor GARF) und M. E. Kozlova, (Mitarbeiterin GARF) erläuterten in ihrem gemeinsamen Beitrag die Arbeiten zur Indizierung bzw. Verschlagwortung der Befehle der SMAD innerhalb der Datenbank. Im Zuge der Indizierung entsteht aus allen zentralen SMAD-Befehlsdokumenten ein spezifisches "Wörterbuch" mit Schlüsselworten, geographischem Register und Namenregister als Instrument für Abfragen innerhalb der Datenbank.

Neben der Weiterentwicklung der Datenbank verfolgen GARF-UNC-CH und ZZF eigenständige Forschungs- und Editionsprojekte. Sie bereiten eine kollektive Monografie zum Thema "Befehle und Anordnungen der SMAD als historische Quelle" sowie die Edition von Dokumenten der SMAD zu folgenden Themen vor: "Die Tätigkeit der SMAD zur Demilitarisierung der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands 1945-1949", "Die Tätigkeit der sowjetischen Militärkommandanturen zur Beseitigung der Folgen des Krieges und bei der Organisation des friedlichen Lebens in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands 1945-1949, Band 1": ‚Dokumente des zentralen Apparats der SMAD und der SMA der Länder' ", "Die SMAD und die Formierung der administrativen Organe in Ostdeutschland 1945-1948", "Die SMAD und das partei-politische System in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands 1945-1949" (alle Bde. in russ. Sprache). V. V. Zacharov (Mitarbeiter GARF) informierte detailliert über die für die Forschung zugänglichen SMAD-Bestände im GARF. Er stellte die Gliederung und den Inhalt des Dokumentenbandes "Demilitarisierung", der bereits in einem Umfang mit ca. eintausend Manuskriptseiten für den Druck vorliegt, vor.

Im Rahmen des Projektes von GARF-UNC-CH und ZZF besteht eine weitere Aufgabe darin, einen Überblick über die Überlieferung der Befehlsdokumente der SMAD und Länder-SMA's auf der deutschen Empfängerseite zu erlangen. L. Prieß (ZZF) stellte Zwischenergebnisse über die Recherche zur Überlieferung der Befehlsgebung der Verwaltung der Sowjetischen Militäradministration der Provinz/des Landes Brandenburg 1945-1949 (SMA Brandenburg) vor. Hierbei stehen jene Befehls- und Anordnungsschreiben der Verwaltung der Landes-SMA im Mittelpunkt, die nicht zu den drei bekannten Befehlsserien der "streng geheimen", "geheimen" und so genannten "offenen" Befehle gehören, und von denen bis jetzt rund fünftausend Dokumente im Brandenburgischen Landeshauptarchiv (BLHA Potsdam) nachgewiesen werden können.

Der Workshop im ZZF hat auch anderen Institutionen die Möglichkeit geboten, über den Stand eigener Projekte zur Aufarbeitung von SMAD-Akten und anderer Archivbestände in Russland zu berichten. K. von Jena (Bundesarchiv Koblenz) bilanzierte die bisherigen Ergebnisse von Bundesarchiv und GARF bei der Verwirklichung des deutsch-russischen Gemeinschaftsprogramms zum Studium, zur Auswertung und zur Reproduktion der Akten der SMAD. Dabei berichtete er auch über die Vor- und Nachteile der Schaffung eines "Elektronischen Archivs", unterschiedliche Standpunkte von deutschen und russischen Archivaren sowie der Suche nach gemeinsamen Lösungen. H.-D. Kreikamp (Bundesarchiv Koblenz) gab einen Einblick in die technischen bzw. technologischen Probleme und Perspektiven bei der Mikroverfilmung und Digitalisierung der Akten der SMAD. Frau B. Stelzl-Marx (Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung (BIK) Graz-Wien-Klagenfurt) informierte über das internationale Forschungsprojekt "Die Rote Armee in Österreich 1945-1955", K.-D. Müller und A. Haritonow (beide Stiftung Sächsische Gedenkstätten Dresden) gaben einen Überblick über das internationale Projekt "Sowjetische und Deutsche Kriegsgefangene und Internierte. Forschungen zur Kriegs- und Nachkriegszeit". J. Laufer (ZZF) stellte Erfahrungen und Ergebnisse des Kooperationsprojektes des ZZF und des IDD des MID der Russischen Föderation vor und präsentierte den dritten Band der Dokumentenedition "Die UdSSR und die deutsche Frage 1941-1949".

An der Diskussion beteiligten sich u.a. B. Bonwetsch, D. Brunner, P. Jahn, J. Laufer, A. v. Plato, T. Hartisch. Die meisten Fragen der Teilnehmer galten dem künftigen wissenschaftlichen Nutzen des Elektronischen Archivs der SMAD und dessen Nutzbarkeit. J. Laufer merkte unterschiedliche Erfahrungen in der Zusammenarbeit auf dem Gebiet von gemeinsamen deutsch-russischen Editions- und Forschungsvorhaben an. Er forderte mehr partnerschaftliche Zusammenarbeit. Es gab etliche Fragen zum Forschungsansatz über die Besatzungszeit der sowjetischen Armee in Österreich. B. Stelzl-Marx teilte mit, dass für Herbst 2003 eine Forschungstagung geplant sei, auf der diese und andere Sichtweisen diskutiert werden sollen. Viele Anfragen richteten sich an die Vertreter von Rosarchiv und GARF, insbesondere zum Fortgang der Deklassifizierung von Akten. In ihren Antworten erläuterten die russischen Kollegen die Gesetzeslage (u. a. Gesetz zum Schutz von Staatsgeheimnissen) und den Arbeitsprozess der Deklassifizierung.

Das umfangreiche Arbeitsprogramm, das mit seinen Beiträgen in hohem Maß neueste Informationen aus erster Hand bot, ließ zum Bedauern vieler Teilnehmer zu wenig Zeit für weiterreichende Debatten.

In der Abschlussdiskussion unterstrichen D. Pike, K. H. Jarausch, V. A. Kozlov, K. von Jena und K.-D. Kreikamp den Nutzen der neuen Technik (Datenbank und digitale Scans von Dokumenten) für Archivare und Wissenschaftler, wenn auch mit unterschiedlicher Nuancierung. Aus archivarischer Sicht bleibt die Arbeit am Original ebenso unverzichtbar wie für den quellenkritischen Forscher. Doch die Digitalisierung von Dokumenten und ihre Verknüpfung mit einer Datenbank erlauben dem künftigen Nutzer einen bisher nicht gekannten schnellen Zugang zu einem Großteil von Archivbeständen und Dokumenten. Das GARF ist auch weiterhin daran interessiert, dass durch die gemeinsamen Anstrengungen der Partner aus den USA, Deutschland und Russland die wissenschaftlichen Forschungen, praktischen Arbeiten zur Mikroverfilmung, zum Scannen, zur Verzeichnung und Indizierung von Dokumenten aus dem Archivbestand des GARF, der Bildung des Elektronischen Archivs der SMAD, der Organisation der Veröffentlichung von Dokumenten und ebenfalls der Überlassung der Ergebnisse der genannten Arbeit an seine Partner für wissenschaftliche Benutzungszwecke zügig realisiert werden. Das GARF, das Bundesarchiv, das Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam und die Universität North Carolina müssen nunmehr im Zusammenhang mit der Klärung juristischer Fragen auch die Frage der technischen Möglichkeit eines Zugangs zum Elektronischen Archiv der SMAD auf russischen und deutschen Servern durch künftige Nutzer prüfen. V. P. Tarasov hob hervor, dass die Ergebnisse der gemeinsamen Projekte die Arbeit zur Deklassifizierung von sowjetischen Dokumenten teilweise beschleunigt haben und kontinuierlich fortgesetzt werden. Doch die Überlieferung von SMAD-Materialien im Zentralarchiv des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation in Podolsk bei Moskau und im Zentralarchiv des Föderalen Dienstes für Sicherheit der Russischen Föderation bleiben für die SMAD-Forschung weiterhin unzugänglich. Der eintägige Workshop im ZZF hat der interessierten wissenschaftlichen Öffentlichkeit erstmals den Stand und die Perspektiven der weiteren Arbeit zur Realisierung des Programms zur Erforschung und Herausgabe der SMAD-Dokumente aufgezeigt. Die Entscheidung der Veranstalter, diesen Workshop öffentlich, und nicht wie ursprünglich geplant nur im Kreis der unmittelbar am Projekt beteiligten Partner durchzuführen, wurde von allen Teilnehmern positiv gewürdigt. Auch von den russischen Kollegen wurde der Workshop als ein wertvoller Beitrag zur Erörterung aktueller Fragen der Erforschung der Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bezeichnet. Die "Zwischenbilanz" hat die wechselhaften Rahmenbedingungen für gemeinsame wissenschaftliche Forschungs- und Editionsprojekte veranschaulicht, einen umfassenden Einblick in die Werkstatt der beteiligten Archivare und Historiker gegeben und den Umfang der noch zu leistenden Arbeit zur Erschließung und Erforschung der Akten der SMAD verdeutlicht.

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Zitation
Tagungsbericht: Zur Aufarbeitung der Akten der Sowjetischen Militäradministration im Russischen Staatsarchiv. Eine Zwischenbilanz, 19.06.2003 Potsdam, in: H-Soz-Kult, 30.06.2003, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-249>.
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Veröffentlicht am
30.06.2003
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