Krieg und Gewalt ausstellen

Ort
Potsdam
Veranstalter
Projektverbund Zeitgeschichte Berlin-Brandenburg am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF)
Datum
15.12.2008
Von
Anja Tack, Potsdam

2009 jährt sich zum siebzigsten Mal der Beginn des Zweiten Weltkriegs. In dem bevorstehenden vielgestaltigen Gedenkjahr 2009 wird neben den Ereignissen von 1949 und 1989 auch an den Krieg erinnert. Dies ist auch ein möglicher Zeitpunkt, die bisherigen Erinnerungs- und Ausstellungsformen zu überdenken und neue Ideen und Konzepte im Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg zu entwickeln.

Einen ersten Schritt in diese Richtung unternahm der Projektverbund Zeitgeschichte Berlin-Brandenburg. Die Koordinationsstelle des Projektverbundes veranstaltete im Dezember 2008 unter der Federführung von IRMGARD ZÜNDORF (Potsdam) einen Workshop zu dem Thema: „Krieg und Gewalt ausstellen“.

Wie die Veranstalterin in ihren einführenden Worten darlegte, entstanden die ersten Überlegungen zu diesem Workshop auf dem Historikertag 2008 in Dresden. Das dort vorgestellte neue Ausstellungskonzept des Militärhistorischen Museums Dresden verfolgt neben anderen Aspekten auch einen kulturhistorischen Ansatz. Die Dresdner Militärhistoriker gehen diesbezüglich der Frage nach der Gewalt als anthropologischer Konstante des Menschen nach. Der Mensch als Gewalt ausführender und am Krieg leidender Akteur rückt damit in den Mittelpunkt der Betrachtung. Darüber hinaus wird davon ausgegangen, dass Gewalt keinen Ausnahmezustand beschreibt, sondern alltägliches Phänomen ist. Diese veränderte Sichtweise birgt die Möglichkeit in sich, die Genese von Gewalt und Krieg besser zu verstehen und zugleich den Ausstellungs- und Gedenkstättenbesucher für die latente Gefahr von erneuten Gewaltausbrüchen und neuen Kriegen zu sensibilisieren.

Folgende Leitfragen strukturierten den Workshop und die sich anschließende Diskussion:

Wie weit kann, darf, muss ein Museum/ eine Gedenkstätte in der Darstellung von Gewalt gehen?
Mit welchen Objekten lässt sich die Geschichte von Krieg und Gewalt darstellen?
Wie können Waffen nicht nur als Werkzeuge des Kriegs und der Gewalt, sondern auch als Verursacher von Leid, Schmerz und Tod dargestellt werden?

Welche Möglichkeiten bzw. zu weilen auch Unmöglichkeiten sich dem Ausstellungsmacher bei der Darstellung von Krieg und Gewalt stellen, offerierte THOMAS THIEMEYER (Heidelberg) in seinem Referat. In seinen Ausführungen nahm er Bezug auf die Ergebnisse seiner Dissertation[1], in der er elf überregionale Dauerausstellungen und ihren jeweiligen Umgang mit dem Ersten respektive Zweiten Weltkrieg untersucht hat. Der Vergleich der verschiedenen nationalen Ausstellungen zeigte, dass der Umgang mit den Themen Krieg und Gewalt national sehr unterschiedlich gehandhabt wird. In diesem Sinne sprach MARC HANSEN (Flensburg) beispielsweise von einem Eventcharakter, der die Ausstellung im Imperial War Museum in London prägt und in Deutschland nicht zu finden ist. Die Gründe dieser Unterschiede sind vielfältiger Natur. Erinnerungskulturelle Narrative tragen einen guten Teil dazu bei. Doch sind gerade Museen Akteure der nationalen Erinnerungskulturen und gestalten diese aktiv mit.

Als ein Problem in den Kriegsausstellungen betonte Thiemeyer die Diskrepanz zwischen Gewalt und Moderneverständnis. Das Selbstbild einer demokratischen und modernen Gesellschaft ist durch eine Delegitimierung von Gewalt geprägt. Die Thematisierung der Massengewalt des 20. Jahrhunderts als ein modernes Phänomen hingegen zerstört dieses Wunschbild und macht die Darstellung von Gewalt und Krieg so schwierig. Als ein weiteres Problem beschrieb Thiemeyer, dass sich Gewalt einer gewissen Formgebung entziehe. So ist es laut Thiemeyer der Schmerz, der sich nicht darstellen lässt, da dieser nur erlebt werden kann. Das hieße, dass man dem Betrachter nur dann den vergangenen Schmerz vermitteln kann, wenn er ihn selbst spürt. An diesen Punkt knüpft zugleich die ebenfalls von Thiemeyer aufgeworfene Frage nach den ethischen Leitlinien von Kriegs- und Gewaltausstellungen. Wie weit muss und wie weit darf der Betrachter die dargestellte Gewalt spüren, sie nachempfinden, um sie zu verstehen? Eine endgültige Antwort vermochte Thiemeyer hier nicht zu geben. Vielmehr plädierte er für ein Taktgefühl der Ausstellungsmacher, um es dem Betrachter zu ermöglichen, die Gewalt zu verstehen, ohne überwältigt zu werden.

In ihrem sehr allgemein gehaltenen Vortrag, in dem die Historikerin und Ausstellungsmacherin KRISTIANE JANEKE (Berlin) einen „Werkzeugkasten“ zum musealen Umgang mit dem Thema „Leiden am Krieg“ vorstellte, plädierte sie für einen szenographischen Zugang. Sie sprach sich gegen eine Dokumentation und damit gegen einen sachlichen Zugang zur Thematik aus. Vielmehr favorisierte sie, den Betrachter persönlich anzusprechen und emotional einzubinden. Sie betonte diesbezüglich einen bedingungslosen objektbezogenen Zugang. STEFANIE ENDLICH (Berlin) stellte diese Objektkonzentration in Frage und führte als Negativbeispiel die Dauerausstellung im Zeughaus des Deutschen Historischen Museums an. Endlich berichtete von den Überlegungen zum geplanten NS-Dokumentationszentrum München. Auch hier stünde man vor der Frage, ob man einen objektbezogenen, szenographischen oder einen nüchternen, dokumentarischen Zugang wählen soll. Diskutiert werden Alternativen zu den Objekten, wobei Endlich einen dringenden Diskussionsbedarf attestierte.

In der Diskussion um die von ANDREAS WEIGELT (Lieberose) vorgestellte Neukonzeptionierung der Gedenkstätte/ des Museums Seelower Höhen kristallisierte sich insbesondere die Frage heraus, wie mit Waffen als Exponaten umgegangen werden soll. Auf dem Vorplatz der Gedenkstätte befindet sich ausrangierte Militärtechnik aus dem Zweiten Weltkrieg. Wie kann und muss ein Museum oder eine Gedenkstätte damit umgehen, dass etliche Besucher aufgrund der Faszination der Waffen und Militärtechnik angezogen werden? Wie kann die Waffe „enterotisiert“ werden? JÜRGEN DANYEL (Potsdam) warf diesbezüglich die Idee auf, Waffen – als eine der wohl wichtigsten Objektkategorien in militärhistorischen Ausstellungen – alternativ darzustellen. Er plädierte dafür, die Macht der Waffen künstlerisch zu brechen. Nicht die gesäuberten und intakten Waffen, sondern die gebrauchten und zerstörten sollten dem Betrachter vorgeführt werden. Dagegen warf PETER JAHN (Berlin) ein, dass das Museum eine Informationspflicht zu erfüllen habe. Eine vollkommene Entfremdung der Waffen stünde dieser Aufgabe entgegen. Die Zerstörung einer unzweifelhaft gegebenen Ästhetik von Waffen müsste mit einer sachlichen Darstellung originaler Waffenexponate korrespondieren.

Orte, die sich mit Krieg und Gewalt auseinandersetzen, sind Anziehungspunkte für ein Krieg und Gewalt verherrlichendes Publikum. Dieser Tatsache müssen sich die Ausstellungsmacher stellen. Auf dem Waldfriedhof Halbe sind es keine Waffen, sondern zahlreiche anonyme Grabplatten – die nur symbolisch für die dort beerdigten circa 23.000 Toten stehen können –, die Grundlage plakativer Geschichtsklitterungen insbesondere durch die rechtsextreme Szene sind. Anlass für das Einsetzen einer Expertenkommission im Jahr 2006 waren nicht zuletzt die rechtsextremen Aufmärsche und das „Heldengedenken“ in Halbe. Danyel plädierte in seinem Vortrag dafür, „die historischen Schichten des Ortes zu entschlüsseln“, um der entdifferenzierenden Betrachtung durch die Rechtsextremen entgegen wirken zu können. In einer geplanten Dauerausstellung in Halbe sollen daher die Kriegshandlungen und die Toten in den jeweiligen Kontext gestellt werden. Die Darstellung des Verlaufs und der Zielstellung des Kriegs soll die nationalsozialistische Vernichtungsstrategie verdeutlichen. Die Darstellung von Einzelschicksalen soll die anonyme Gräberwiese individualisieren. Allen Opfergruppen, zu denen unter anderem Wehrmachtssoldaten, Zivilisten, aber auch Zwangsarbeiter und Opfer des Speziallagers in Ketschendorf gehören, sollte gleichberechtigt gedacht werden. Der heroisierende Opfermythos von der „Kesselschlacht von Halbe“ kann nur durch diesen wissenschaftlich fundierten Zugriff auf die Deutungen in und um Halbe zerstört werden.[1]

Der Workshop in Potsdam verstand sich als ein Impulsworkshop für eine geplante Tagung zum Thema „Der Zweite Weltkrieg im Museum“ im Gedenkjahr 2009. Zugleich war er aber auch ein Versuch, all diejenigen zusammen zu führen, die sich in ihrer Arbeit mit dem Thema Krieg und Gewalt auseinandersetzen. Zündorf hatte insbesondere die Vernetzung von Ausstellungsmachern in Museen, von Gedenkstättenmitarbeitern und der wissenschaftlichen Forschung im Sinn, um deren zukünftige Arbeit und den Austausch untereinander zu fördern. Zugleich musste Zündorf zur Kenntnis nehmen, wie schwierig es ist, Ausstellungsmacher für eine Darstellung ihrer Arbeit und Ideen zu gewinnen, da dies nicht die Kernaufgabe von Museums- und Gedenkstättenmitarbeitern ist. Dennoch will sie, so Zündorf abschließend, im Hinblick auf die Tagung nicht von ihrem Gedanken der Vernetzung absehen und hofft auf weitere fruchtbare Diskussionen.

Kurzübersicht:

Irmgard Zündorf: Einführung

Sektion I: Gewalt und Leid als Themen in einer Ausstellung

Sibylle Kussmaul: Moderation
Thomas Thiemeyer: Musealisierte Gewalt: Begriff – Ästhetik – Ethik
Kristiane Janeke: Leiden am Krieg – Ein Konzept

Sektion II: Ausstellungskonzepte zum Zweiten Weltkrieg

Irmgard Zündorf: Moderation
Andreas Weigelt: Ein Konzept für die Gedenkstätte Seelower Höhen
Jürgen Danyel: Halbe – Eine neues Ausstellungskonzept

Abschlussdiskussion

Anmerkung:
[1] Vgl. „Mittel- und langfristige Perspektiven für den Waldfriedhof Halbe“. Abschlussbericht der Expertenkommission, Potsdam 2008.

Zitation
Tagungsbericht: Krieg und Gewalt ausstellen, 15.12.2008 Potsdam, in: H-Soz-Kult, 23.01.2009, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2492>.